Der rachsüchtige Prinz (Mondschattengewächse)

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
05.07.2020
17.10.2020
21
45.064
9
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
05.07.2020 2.913
 
Hallo ihr Lieben!
Und herzlich willkommen in der Welt von Zimt & Lars. Es ist so weit und ich kann es selbst kaum erwarten, die überarbeitete Geschichte mit euch zu teilen. Neue Charaktere, neue Szenen, ganze neue Kapitel. Diejenigen unter euch die bereits Mondschattengewächse in der alten Version gelesen haben werden vieles wiedererkennen. Tut mir leid, aber um die Geschichte weiterzuspinnen, und einige Fortsetzungsbücher zuschreiben (Grins!), musste ich neue Erzählstränge einflechten.
Vor einigen Jahren, ich glaube es war 2017, sollte Mondschattengewächse lediglich eine zwanzigtausend Wort starke Erzählung werden. Eine Schreibübung zu meiner eigenen Unterhaltung. Inzwischen sind es über hundertzwanzigtausend Wörter geworden und täglich kommen neue hinzu.
Da ich die Zeit meiner Mitmenschen schätze und ungern in Abenteuer starte, die nie ein Ende finden, war es mir wichtig erst dann wieder hochzuladen, wenn ich auch in Zukunft regelmäßig neues Lesefutter liefern kann.
Nun, wir leben in einer verrückten Welt und es gibt keine Garantien im Leben, also werde ich hier nichts versprechen. Aber ich habe ein gutes Gefühl und soooo große Lust endlich wieder samstags, bevor ich in mein Schokocroissant beiße, mich auf Fanfiktion einzuloggen und das nächste Kapitel hochzuladen.

Jetzt bin ich aufgeregt und frage mich, ob ich neue Leser finden werde und ob vielleicht ein paar der alten Leser mir treu geblieben sind.

Ich freue mich auf eure Rückmeldungen.

Hugs,
Barb


Hilfreich zu wissen:
Da ich in Seattle (USA) wohne und die meisten von euch auf der anderen Seite des Planeten, ist es bei euch bereits abends, wenn ich mein morgendliches Croissant esse und Kapitel hochlade.
Mondschattengewächse wird wohl der Übertitel für die gesamte Buchreihe sein. Das erste Buch heißt: „Der rachsüchtige Prinz“.

Formelles:
-     Das support Team hat mir die Neuüberarbeitung der Geschichte genehmigt.
-     Link zur alten Variante: https://www.fanfiktion.de/s/58c5e2320005ae158856e16/1/Mondschattengewaechse

Und nun genug von mir. Viel Spaß beim Lesen.
_______________________________________________________________________________________________________________

„Kein Kuscheln?“, fragte sie, während ich meine Hose hochzog.
Fast hätte ich gelacht. „Nein.“
Ich griff nach ihrer Bluse und warf sie ihr zu. An dem Stoff hing der gleiche süßliche Duft, wie an ihrem ganzen restlichen Körper. Angewidert verzog ich das Gesicht. Zu viel Parfum -- selbst für einen Menschen.
„Ehrlich?“ Sie verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund und rekelte sich auf dem Bett, was sie vermutlich für sehr verführerisch hielt. Ich gab mir Mühe nicht die Augen zu verdrehen. Ich kuschelte nicht. Grundsätzlich. Und mit dieser Frau, die Duftstoffe in Mengen benutzte, die selbst einem Normalsterblichen die Tränen in die Augen trieben, ganz sicher nicht.
Ich zog den Lederriemen an meinem Hosenbund stramm.
Weshalb landete ich überhaupt mit der Köchin im Bett?
Sie setzte sich auf, ihre braunen Korkenzieherlocken wippten gemeinsam mit ihren Brüsten auf- und ab. Große, pralle Brüste, die kurz davor waren aus ihrem BH zu springen. Richtig, das waren meine Gründe gewesen.
„Ich muss jetzt gehen.“ Ich deutete auf die Tür. „Und du übrigens auch.“
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Oh, doch.“
Definitiv.  Brüste oder nicht, ich kann diese Frau keine weitere Minute ertragen.
„Du wolltest nur eine kurze Nummer schieben?“
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und prüfte es nach verpassten Nachrichten. „Ich habe nichts anderes behauptet.“
Zwei Textnachrichten waren eingegangen, eine dringende und eine weniger dringende. Ich beantwortete die dringende sofort. Als ich wieder aufblickte, saß die Köchin immer noch auf dem Bett und starrte mich an, als fehlte ihr das Blaukraut zu ihrem Sauerbraten.
„Du hattest doch auch deinen Spaß.“ Ich zuckte mit den Achseln und schob das Handy zurück in meine Hosentasche.
Sie schnaubte verächtlich. „Glaube bloß nicht, ich würde noch einen Tag länger hier arbeiten.“
Der Bettrahmen quietschte, wie sie aufstand. „Die Jobvermittlerin versuchte mich zu warnen.”
Sie kletterte in ihre Jeans. „Sie sagte egal was ich tue, ich solle mein Höschen anbehalten!“
Ich wollte gerade mein Hemd überstülpen, doch nun hielt ich inne und musterte die Frau. Das waren keine guten Nachrichten. Selbst mit ihren mittelmäßigen Kochkünsten war es schwer genug gewesen diese Köchin zu bekommen.
Sie schnaubte wieder und knöpfte ihre Bluse zu. „Ich dachte noch, das sei ein schlechter Witz.“ Sie stieg in ihre Stiefel, schnappte ihre Handtasche und hastete zur Tür.
„Aber der einzig schlechte Witz hier sind Sie – Herr Prinz!“ Sie zischte das letzte Wort, wie ein wütend gewordenes Eichhörnchen, das sein Revier verteidigt. Dann schlug sie die Tür hinter sich zu.
„Lars“, murmelte ich. „Einfach nur Lars.“
Statt das Hemd anzuziehen pfefferte ich es in die Ecke. „Verdammt!“
Verdammt. Verdammt.
Ich ging zum Fenster und öffnete es. Dezemberluft strömte herein und streifte über meinen nackten Oberkörper, wie ein kalter Waschlappen.
Für das kleine Schäferstündchen mit der Köchin hatte ich eines der besten Gästezimmer des Wolfsternschen Anwesen gewählt. Eigenes Bad und Blick über die weitläufige Parkanlage inklusive. Trotz Jahreszeit und Dunkelheit steckte jede Menge Leben in den  Büschen, Sträuchern und Bäumen unter mir. Eine Wühlmaus raschelte in dem Efeu, das die Burg zu überwuchern versuchte. Durch den Wind losgerissen schlug, ohne jeglichen Rhythmus, ein Fensterladen gegen das alte Mauerwerk.
Tief durch meine Nasenflügel atmend sog ich die Winterluft in mich hinein, als könne sie mich von all meinen Sünden reinwaschen. Sie roch nach Schnee, das tat sie schon seit Tagen. Aber nun tat sie es so sehr, dass ich überrascht den Blick zum Himmel wandte. Wolken, die aussahen wie dreckige Papiertaschentücher, zogen am Mond vorbei und verschwanden spurlos in der Nacht.
Kein Schnee.
Nur der Mond.
Der Erdtrabant, der seit der Stunde meiner Geburt mein Leben bestimmt.
Das Aufheulen eines Wagens lenkte meinen Blick wieder nach unten. Noch vor wenigen Stunden warteten hier, um den leeren Springbrunnen herum, zahlreiche Luxuslimousinen auf ihre Besitzer. Heute, am ersten Adventssonntag, lud meine Großmutter, wie jedes Jahr, die Mächtigen Europas zum Brunch ein. Nun kurvte ein kleiner Fiat Panda über den leeren Platz und raste, trotz seiner wenigen PS, die mit Fackeln beleuchtete Einfahrt hinunter. Das Geräusch, der auf den Kieseln knirschenden Reifen, erschreckte die Wühlmaus im Efeu, sodass auch sie in ihrer Geschäftigkeit innehielt und lauschte. In dem Fiat saß die Köchin und presste den Fuß aufs Gaspedal. Der kleine rote Wagen floh in die Nacht hinein, wie ein Fuchs auf der Treibjagd in seinen Bau. Sie war nicht die erste Frau, in der Geschichte dieser Burg, die vor ihrem Dienstherrn davonlief. Und vermutlich auch nicht die letzte.
Ein kalter Tropfen auf meiner Nase ließ mich wieder aufblicken. Schnee. Nun fing es also doch an zu Schneien.

***

Eine halbe Stunde später trat ich in die Burgbibliothek. Kaum, dass ich die schallgedämpfte Tür öffnete drang mir der leicht modrige Duft alter Bücher entgegen.
„Du bist noch hier?“
Charlotte von Wolfstern, meine Großmutter, saß in einem der ledernen Ohrensessel vor dem Kamin. Sie liebte diesen Raum, hauptsächlich aufgrund der Familienporträts.
Von den Wänden, die nicht mit deckenhohen Bücherregalen vollstanden, blickten längst verstorbene Vorfahren aus ihren Bilderrähmen auf uns herab. Alle acht Generationen, der männlichen Blutslinie, waren vorhanden. Alle bis auf einen.
„Ich dachte, du seist bereits vor Stunden abgereist“, meinte ich und ließ mich auf den Sessel ihr gegenüber plumpsen.
Charlotte sagte nichts. Sie rückte nur ihre Lesebrille zurecht und fuhr unbeirrt mit ihrer Strickarbeit fort. Die Nadeln klapperten aneinander.
Mit der Wolldecke über ihrem Schoss und dem dicken Knoten in ihren weißen Haaren sah Charlotte aus, wie die gutmütige Großmutter aus einem Märchenbuch. Der Eindruck täuschte. An Charlotte hatten sich schon einige Wölfe vergeblich die Zähne ausgebissen.
„Was strickst du denn da Schönes?“, neckte ich und endlich blickte Charlotte von ihren Stricksachen hoch und über den Rand ihrer Brille.
Das Klappern der Stricknadeln verstummte.
„Komm mir nicht so, Lars. Ich bin kein kleines Kind.“ Sie griff nach einem halbleeren Sherryglas, das auf dem Beistelltisch neben ihr stand.
„Entschuldige.“ Ich erhob mich. Zum Einen, um mein Schmunzeln zu verbergen, und zum Anderen, um zu einem Servierwagen zu gehen.
Jemand vom Personal hatte, umsichtiger Weise, Sherry, Eiskühler und Gläser bereitgestellt. Sherry wäre zwar nicht meine erste Getränkewahl gewesen und sicher auch nicht meine zweite, aber es war besser als nichts und ein Gespräch mit Charlotte konnte schnell haarig werden.
„Darf ich fragen“, setzte ich an, während ich mir das Glas vollschenkte, „weshalb du auf mich gewartet hast?“
„Ich habe ein paar der alten Familienrezepte nachgeschlagen, zur Planung der nächsten Adventssonntage.“ Sie nahm ihre Strickarbeit auf und sagte sonst nichts weiter.
Ich täuschte mich also nicht, es würde eines dieser Gespräche werden. Probehalber nahm ich einen Schluck von dem Sherry – nicht stark genug, nicht einmal ansatzweise.
Ich schlenderte zurück zu dem Sessel. Und obwohl ich Charlotte nun aufmerksam bei ihrer Handarbeit beobachtete, kam es ihr offenbar nicht in den Sinn ihre Erklärung weiter auszuführen.
Die Minuten vergingen. Das Feuer im Kamin prasselte und die Stricknadeln schlugen in schöner Regelmäßigkeit aneinander. Ich hätte genauso gut die Wand anstarren und die Sekunden zählen können.
Schließlich – und Charlotte wartete sicher nur darauf – riss mir der Geduldsfaden.
„Weshalb!? Liebste Charlotte. Weshalb bist du noch hier?“
Das Klappern der Nadeln verstummte.
„Deine Besprechung mit der Köchin“, sagte sie, wobei sie das Wort Besprechung verächtlich über ihre Zunge rollen ließ. „Die hat nämlich etwas länger gedauert. Inzwischen hat es angefangen zu schneien, der Wind tobt und ich würde bei diesem Wetter nicht einmal einen Hund vor das Burgtor jagen.“
„Soll das heißen, du hast dich zum Bleiben entschieden?“
„In der Tat.“
„Soll ich Hilarius Bescheid geben, dass dein Zimmer hergerichtet wird?“
Ich machte Anstalten mich zu erheben, um die Glocke nach dem Butler zu läuten, aber Charlotte hob abwehrend die Hand.
„Nicht nötig, das habe ich bereits selbst in die Wege geleitet. Immerhin ist dies hier mein Besitz. Und das Personal wird von meinen Konten bezahlt. Wie du übrigens auch.“
„Ich weiß.” Ich leerte das Sherryglas in einem Zug. Die Flüssigkeit floss mir kalt die Kehle hinunter und hinterließ ein angenehmes Brennen. „Du lässt ja keine Gelegenheit verstreichen, um mich daran zu erinnern.“
„Vielleicht war es ein Fehler hier auszuziehen“, sagte Charlotte so leise, als spräche sie mit sich selbst statt mit mir.
Dabei wusste sie, dass meine Ohren jedes Wort hören würden.
Sie begann wieder zu Stricken und murmelt in der selben Lautstärke vor sich hin:
„Dachte die Verantwortung für die Burg würde ihn auf andere Gedanken bringen. Muss mich wohl geirrt haben. Er ist zu unerfahren... Zu egoistisch...“
„Ich bitte dich!“, mir platzte der Kragen. „Rede nicht über mich, als sei ich nicht anwesend.“
Nur mit Mühe widerstand ich dem Drang aufzuspringen und wie ein kleiner Junge aus dem Zimmer zu stürmen. So war das mit Charlotte, in ihrer Anwesenheit fühlte ich mich wie ein Kind.
Mit ihren 83 Jahren entschloß sich Charlotte vor wenigen Monaten dazu, die Verwaltung des Familiensitzes probehalber ihrem einzigen Enkel anzuvertrauen. Mir. Sie zog, sammt Gefolge, zu ihrer Schwester Olga an den Starnberger See. Dabei machte sie von Anfang an keinen Heel daraus, was sie mit dieser Probe bezweckte.
Sollte ich mich innerhalb der Frist eines Jahres als angemessener Vertreter der Familie von Wolfstern erweisen, wollte sie mir noch zu Lebzeiten sämtliche Ländereien, Immobilien und Geschäftskonten überschreiben.
Sollte ich allerdings nicht ihren Ansprüchen genügen, dann würde sie in ihrem Testament eine Klausel aufnehmen lassen, der zufolge bis zu meinem fünfunddreißigsten Geburtstag, ein Verwalter die Geschäfte der Familie übernahm.
Ein Anstandswauwau für zehn Jahre. Und eine öffentliche Demütigung.
All diese Vorsichtsmaßnahmen waren völlig überflüssig, denn auch Charlotte wusste, dass ich einen hervorragenden Großgrundbesitzer abgab. Ich studierte aus eigenem Antrieb Wirtschaftswissenschaften und legte in einem weiteren Studiengang meinen Doktortitel in Agrarwissenschaften ab. Alles in Rekordzeit.
Ich liebte den Familiensitz, die Burg und die dazugehörigen Wälder, Felder, Wiesen und Seen. Doch darum ging es im Eigentlichen gar nicht, denn das war nur der materielle Teil meines Erbes. Und selbst diesen wollte sie mir nicht einfach so übertragen.
Es war nicht meine fachliche Kompetenz, die ihrem Maßstab nicht genügte. Nein, der eigentliche Dorn in Charlottes königlichem Auge war mein Lebensstil. Diesen Lebensstil bezeichnete sie an guten Tagen, als ,unkonventionell‘ und an schlechten Tagen… Nun an schlechten Tagen war wohl ,Rumhurerei‘ noch das harmloseste Wort, das ihr dazu über die Lippen kam.
Der Reichtum, der mit dem Namen von Wolfstern einherkam, würde sich notfalls auch mit ein paar Unterschriften regeln lassen. Doch der Name bezeichnete nicht nur ein altes Adelsgeschlecht. Nein, meine Blutslinie repräsentierte Macht und Einfluss wie keine andere. Und Charlotte von Wolfstern, geborene Freifrau von Rabau, hielt nun schon seit Jahren all diese Macht in ihren Händen. Sie war die alleinige Anführerin einer Welt, die den Menschen verborgen blieb. Sie war die Alpha des deutschen Rudels und die All-Alpha Europas.
„Er kann es einfach nicht lassen“, murmelte sie, schüttelte den Kopf und zog an ihrem Strickgarn. Der Wollknäuel zu ihren Füßen tanzte im Kreis.
„Er kann nichts dafür, die Gene sind schuld.“ Sie nickte, als wolle sie sich selbst zustimmen und zählte die Maschen, ehe sie weiter sprach. „Alle männlichen Wolfsterns waren so. Und er ist nun einmal ein männlicher Wolfstern.“
Ich knallte mein leeres Glas auf den Beistelltisch -- ein Wunder, dass es nicht zerbrach -- und fuhr in die Höhe.
„Wie!?“, presste ich zwischen meinen Zahnreihen hervor und kam ihr mit einem Satz so nahe, dass ich den Duft von Schaf, der an ihrer Strickwolle haftete, einatmen konnte.
„Wie sind sie, die männlichen Wolfsterns!?“
Charlotte legte, sichtlich unbeeindruckt, die Stricknadeln in ihren Schoss und fixierte mich über den Rand ihrer Brille hinweg.
„Straßenköter, mein lieber Lars. Straßenköter, denen eine läufige Hündin begegnet. Dein Großvater bildete da keine Ausnahme. Und dein Vater - .
„Rede nicht - !“, fuhr ich sie an, aber Charlotte schnitt mir bereits das Wort ab.
„Keine Angst. Ich werde nicht von deinem Vater sprechen.“
Ich spürte eine Vene an meiner Schläfe pulsieren.
„Aber willst du etwa behaupten“, ihre blauen Augen leuchteten kurz verdächtig auf, „dass du mit der Köchin den neuen Speiseplan durchgegangen bist?“
Und einfach so, mit einem Schlag, hatte Charlotte mich in diesem Gespräch genau da, wo sie mich hatte haben wollen.
Deshalb hast du auf mich gewartet.
Meine größte Schwäche serviert, wie auf einem Silbertablett und ich mit der Nase voran hineingetoßen. Geradeso, wie man einen Welpen stubenrein bekommt in dem man seine Schnauze in seinen eigenen Hundehaufen drückt.
„Nein.“ Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Siegelring an meinem Finger drückte sich in mein Fleisch. „Nein, ich bin mit der Köchin nicht den Speiseplan durchgegangen.“
„Wenn du so weiter machst wirst du nie eine geeignete Partnerin finden.“
„Ich habe nicht vor mich in all zu naher Zukunft zu binden.“
„Die Wahl eines Alphas ist auch immer die Wahl der Gattin an seiner Seite. Zuviele Mächte haben bereits ihre Fühler bei mir ausgestreckt. Luigi Lumbardi beispielsweise, um nur einen zu nennen.“
„Wenn du mich öfters als deinen Beta in der Öffentlichkeit präsentieren würdest, dann -!“
Sie unterbrach mich mit dem was ihrer Meinung nach die Antwort auf alles war: „Justus non derelinquetur.“
Sie winkte ab. „Diese Diskussion haben wir schon zu oft geführt.“
Ich schluckte. Sie hatte recht, auch ich war dieses Gespräch überdrüssig.
Sie nahm erneut ihre Stricknadeln auf und lächelte, als habe sie gerade einem Kleinkind erklärt, dass der Klapperstorch die Babies bringt. Dann fuhr sie fort:
„Auf dem Schreibtisch liegen einige Rezepte, die ich mir gut für die kommenden Sonntage vorstellen kann.“
Ich nickte und versuchte ebenso zufrieden zu lächeln wie sie es tat. Ich bin mir sicher, dass es mir gründlich misslang.
„Und wie viele Gäste sind es nächsten Sonntag?“
Ich ließ mich zurück in den Sessel fallen.
Charlotte zählte ihre Strickmaschen. „Fünfzehn.“
„Fünfzehn was?“ Ich streckte meine Füße dem Kaminfeuer entgegenstreckte. „Gäste oder Strickmaschen?“
„Gäste natürlich. Und dreiunddreißig Strickmaschen, falls es dich interessiert.“
Ich schmunzelte ihr zu, aber Charlotte ging in ihrer abgeklärten Art einfach darüber hinweg.  
„Unter den Rezepten ist ein Hirschbraten.“ Sie zählte erneut die Maschen.
„Ja?“
„Es war das Lieblingsgericht deines Urgroßonkels Herzog Ferdinand von Bayern.“
Sie deutete mit dem Kinn auf ein Portrait über der Tür. „Der stattliche Mann in Uniform dort oben. Dieses Jahr ist sein hundertster Geburtstag und ich würde ihn gerne ehren, in dem wir am nächsten Adventssonntag Hirschbraten servieren.“
Sie blickte kurz von ihren Maschen auf und ich nickte zustimmend. Es war mir relativ schnurz, was es an den kommenden Sonntagen zum Essen gab. Alles, nur keinen Fisch.
„Tragischerweise“, fuhr Charlotte fort, „starb er an den tödlichen Verletzungen, die er sich bei einem Unfall während der Hirschjagd zuzog.“
„Wirklich?“
„Er ging am Morgen auf die Jagd und sein Pferd kam gegen Mittag reiterlos zurück. Du solltest öfters einmal einen Blick in die Geschichtsbücher der Burg werfen. Es geschah nämlich hier, während der Sommersaison.“
„Und du willst ihn ehren in dem wir den Braten essen zu dem er selbst nicht mehr gekommen ist?“
„Ich bin mir sicher, Onkel Ferdinand hätte das zu schätzen gewusst.“
Zugegeben, ich musste kurz lächeln, so war Charlotte eben, ein echter Haudegen mit trockenem Humor. Vielleicht lag das an dem Teil englischen Blutes in ihren Adern. Aber was das Essen am kommenden Adventssonntag anging, steckte ich in Schwierigkeiten. Denn auch in diesem Punkt behielt der alte Drachen recht: Die Köchin von heute, war nicht die Erste gewesen, die ich vernascht hatte. Sie und eine lange Reihe weiterer Damen aus der Lebensmittelbranche würde am kommenden Wochenende alles mögliche tun, nur nicht für mich kochen. Ich erhob mich und zückte mein Handy.
Vielleicht weiß Jeff Rat.
Schon allein dieser Gedanke zeigte den Grad meiner Verzweiflung.
„Du entschuldigst mich Großmama. Ich muss einen wichtigen Anruf tätigen.“
Charlotte nickte und hielt mir ihre Wange hin ohne den Blick von ihren Strickmaschen zu lösen. Ich drückte ihr einen Kuss auf die Haut. Sie fühlte sich dünn und zerbrechlich an, wie Pergamentpapier.
Dann zog ich mich für den Abend zurück.
Review schreiben