Nebelzeit

KurzgeschichteHumor, Fantasy / P16
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05.07.2020
11.08.2020
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01.08.2020 1.419
 
Thon Aesum, 10 Jahre nach der Revolution

Die hölzerne Lehne des Schreibtischstuhls drückte in ihren Rücken. Draußen hörte sie die Geräusche der Nacht. Tavernentüren wurden zugedonnert, ein neuer Schichtbeginn wurde vom Marsch lederner Stiefel begleitet. Jemand sang besoffen eine unerkennliche Melodie. Irgendwo schrie ein Kind. Eine normale Nacht in Thon Aesum.

Mewe spielte mit ihrem Dolch. Ihre Frau hatte ihn ihr damals geschenkt, lange vor der Revolution. Er war praktisch, aber schön. Am Griff eingestanzt lagen, ineinander verschlungen, die Initialen der Beiden: M für Mewe, und L für Lian.
Das Haus klang so unheimlich leer und alleine. Klar, draußen klang es nach Leben, aber hier, in diesem ihrem Zimmer, echoten nur die Rattenkrallen auf steinernem Boden und ihr regelmäßiges Seufzen.

Die Situation wäre so viel einfacher, wenn Lian hier wäre. Sie hätten sich zusammen gesetzt, über den Mann in ihrem Hinterzimmer gesprochen. Lian hätte vielleicht genickt und ihr dann ganz logisch und sachlich erklärt, wie man von hier aus jetzt zu handeln habe.
Aber Lian war nicht hier. Sie reiste irgendwo entlang der Ostküste und debattierte Preise für die neuen Edelsteine aus, die sie gefunden hatten. Eine neue Ader, eine neue Verhandlung.
Verdammt. Sie rammte den Dolch in den Schreibtisch.
Was für eine beschissene Situation.

Jeden Tag seit seiner Ankunft lief Mewe mit gezücktem Dolch in der Hand in das Zimmer um ihn abzustechen.
Bei den Göttern, er hatte es verdient.
Und jeden Tag legte sie ihn zur Seite und brachte ihm stattdessen einfach seine Medizin.
Nicht, weil er Magie auf sie anwandte. Gnome waren immun gegen die meisten gedanklichen Elfentricks.
Aber sie konnte keinen Mann abstechen, der praktisch in seinem eigenen Dreck lag, hochfiebrig und fast verblutet. Sie konnte keinen Mann abstechen, der sie mit glasigen Augen anstarrte und sie je nach Tag entweder für seine Mutter, seinen Vater oder irgendeinen „Senael“ hielt. Sie konnte keinen Mann abstechen, der ihr direkt in die Augen starrte und auf elfisch irgendwas stammelte, was sie nicht verstand. Aber es klang wie das Lament einer gebrochenen Seele. Verängstigt, verzweifelt, und wie sie: Allein.

Manchmal nahm er ihre Hand und hielt ihren Handrücken an seine viel zu heiße Stirn. Dann sagte er irgendwas, begann zu weinen und drehte sich unruhig in seinem Bett hin und her.
Sie hatte keine Ahnung, was es bedeutete.
Mewe konnte nur raten, und sie ging stark davon aus, dass es nicht „Ich bin ein grausamer Mörder und ich verdiene es zu sterben“ hieß.
Meistens schlief er aber. Sabberte dabei wie ein Kleinkind und sah auch irgendwie so aus. Wäre da nicht das Symbol des Mordes auf seinem Kopf gestochen, sie hätte den Mann für unschuldig gehalten. Aber es prangte nunmal in all seiner Glorie auf seinem rasierten Kopf. Eine schwarze Erinnerung an die tausenden von Leben, die unter seinem Kommando zu Leichen wurden.
Sie sagte sich selbst, dass es etwas mit Würde zu tun hatte. Das man einen verletzten Gegner nicht aus dem Hinterhalt absticht, dass die Göttin des Krieges Alabaster sie peinigen würde.
Aber tief drinnen kannte sie längst die Wahrheit.
Es war Mitleid.
Obwohl er es nicht verdiente. Sie sollte ihn einfach abstechen, ohne nachzudenken, ohne Reue. Aber wie viel besser war sie dann?
Und warum hier eine Ausnahme machen? Natürlich, sie war nur Feldarzt gewesen. Aber sie hatte als Feldarzt genauso getötet, wie jeder andere Soldat.
Im Namen der Freiheit natürlich, zum Schutz ihrer eigenen Leute.
Aber das Blut an ihren Händen konnte… nein, durfte sie gar nicht mit ihm vergleichen.
Und doch. Es musste einen Grund für sein Verhalten geben.
Etwas hatte sie angetrieben, damals.
Etwas musste auch sein Antrieb sein.
Sie wälzte solche Gedanken wochenlang hin und her. Hoffte, das Lian bald vor der Tür stand und ihr diese Entscheidung abnahm. Voller Angst, dass ihr zögern in einem weiteren Desaster enden würde, aber unfähig, etwas dagegen zu tun.

Die Tage zogen an ihr vorbei, wie die Schwalben auf dem Weg in wärmere Gefilde. Ihrem „Gast“ ging es nach und nach immer besser. Hauptsächlich lag das wohl an den Kobolden, denn Naga brachte fast jeden Tag einen neuen Trank, eine neue Tinktur oder irgendwelche seltsame Pasten. Dann fragte er wie es ihm ging und was er für Symptome hatte, warf einen kurzen Blick ins Zimmer und verschwand wieder. Nur um am nächsten Tag mit dem entsprechenden Mittel wiederzukehren.
Sie verstand ihn nicht. Wollten die Kobolde ihn nicht ursprünglich aufspießen?
Aber beschweren würde sie sich auch nicht. Medizin war Medizin und sie schien zu wirken.
Und wer war sie schon, die Motive eines Helfenden zu hinterfragen.

In der fünften Woche betrat sie das Zimmer, der Dolch lag vorsichtshalber auf dem Tablett. Es war ungewöhnlich ruhig.
Sein Atem durchbrach regelmäßig die Stille, in der sie sich leise zum Bett begab.
Der Kopf lag in Richtung Tür, ganz ruhig.
Er schaute sie an, zum ersten Mal mit klaren Augen. Zum ersten Mal so, als würde er sie wirklich sehen. Sie schaute zurück. Niemand sagte etwas. Sie starrten sich beide einfach nur an. Er, mit seinen mandelförmigen Elfenaugen und sie, mit ihren runden Gnomenaugen. Er, ein Verbrecher, gesucht von der Justiz, und sie, eine Bürgermeisterin unter eben jener.
Sie reichte ihm kommentarlos die Medizin.
Er trank zum ersten Mal selbstständig. Keiner drehte sich weg. Als er fertig war, ging sie wieder.
Die Tür schlug gerade so hinter ihr ins Schloss und ihr Herz sprang ihr fast aus der Brust. Hatte sie sichr richtig verhalten? Was würde jetzt passieren? Kam es zum Kampf, zum Duell, zur Erlösung?

Doch in den folgenden Tagen war er wieder schwächer und genauso fiebrig wie zuvor. Sie sollte kein Mitleid mit ihm haben. Er verdiente es nicht. Nur ein schneller, gerader Zug über die Kehle. Sie würde ihm sogar helfen sein Leid zu beenden, zusammen mit seiner widerwärtigen Entschuldigung eines Leben. Aber sie wollte ihm nicht helfen. Wenn, dann sollte er sie anschauen, während er sein Leben aushauchte, sollte ihren Hass spüren.
Was für eine beschissene Situation.

An einem Mittwoch hörte sie einen dumpfen Schlag aus dem Hinterzimmer. Sie nahm ihren Dolch in die eine Hand und ein Kurzschwert in die andere und schlich sich zur Tür. Heute war der Tag gekommen. Er war endlich wach.

Da stand er, im Türrahmen, nur mit einem langen Leinenhemd bekleidet, barfüßig und immer noch voller Bandagen. Sein Kopf und seine Schulter lehnten am Rahmen, seine Hände krallten sich verzweifelt an der Tür fest. Erst jetzt fiel ihr auf, wie dünn er geworden war.
Ganz am Anfang hatte man schon ein paar Knochen gesehen, aber nun spannte sich seine Haut wie bleiches Papier über die Knochen. Seine Augen lagen tief eingefallen in den Höhlen. Der Atem, der über die Wochen langsam besser geworden war, klang nun, im Stehen und nach der Bewegung, verzweifelt, schnaufend und falsch. Er bewegte seinen Mund immer wieder, als wolle er etwas sagen. Aber es kam nichts. Stattdessen klappte er nach dem zweiten oder dritten Versuch zu sprechen einfach zusammen, saß dann im Türrahmen am Boden und wimmerte.
Sie kam einen Schritt auf ihn zu. Er wich zurück und hob seine knochigen Arme vor sein Gesicht, als letztes Schutzschild.
Es war ein Trick. Es musste ein Trick sein.
Sie legte das Schwert trotzdem weg und half ihm auf. Er war doppelt so groß wie sie, doch wog weniger. Mit ihr als linke Stütze und der Wand als rechte schleppte sie ihn zum Esstisch und schob ihm etwas Brot hin.
Was würde Lian sagen? Du bist einfach zu weich, Mewe? Zu gutherzig, mit zu viel Glauben an die Hoffnung?

Er konnte selbst essen, wenn auch wenig und langsam. Eigentlich hatte sie Handelsdokumente zu kontrollieren, aber sie ließ ihn nicht aus den Augen.
Wieder lag eine schwere Stille zwischen ihnen, unausgesprochene Fragen und Antworten, Wahrheiten und Lügen, die sie allein durch den Blick austauschten.
Sie würde das Schweigen nicht brechen, sie wie war stark und fähig und überha…
„Danke.“
Seine Stimme war trocken und kratzig, gebrochen und verstümmelt, aber klar. Und so ehrlich, wie die Wahrheiten der schwarzen Steine am Berg. Kalt, aber unbeweglich. Sein Blick müde, ausgehungert und teilweise weit weg. Doch er schaute sie direkt an.
Augen wie flüssiges Gold, mit braunen Tropfen, gleich der Farbe von Baumrinde.

Dann begann er leise zu weinen. Das Schluchzen hallte in dem großen Haus wider, als würde das Gemäuer selbst auf seiner Seite stehen. Er versuchte sein Zucken zu verstecken, aber seine Tränen fielen laut platschend zu Boden, während er weiter wie ein ausgehungerter Wolf das Brot in sich hineinschlang.
Mewe legte auch den Dolch zur Seite. Es hatte keinen Sinn.
Sie konnte es nicht.
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