Fallout

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Jesse Pinkman Skyler White
05.07.2020
05.07.2020
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Erst nach Stunden konnte Jesse einen klare Gedanken fassen. Davor war er einfach nur gefahren, unfähig seinen Gefühlen einen Namen zu geben. Immer wieder ging ihm ein Satz durch den Kopf:
Walter White ist tot.
Jesse hatte es geahnt, seit Walter ihn vor den Kugeln der automatisierten Waffe gerettet hatte und er war sich sicher gewesen als er seine Wunde gesehen hatte.
Walter White ist tot.
Es gab nichts was dieses Gefühl beschreiben könnte.
Erleichterung. Seit er diesen Mann getroffen hatte, wurden seine Schmerzen vom ihm verursacht. Es gab kaum ein Ereignis, dass nicht von Walter White verursacht und gelenkt wurde.
Doch auch eine hinterhältige Angst hatte sich in ihm eingenistet. Vielleicht war es gut gewesen.
Vielleicht war es ein Segen für einen Nichtsnutz wie ihn, die Ehre erwiesen zu bekommen von jemanden wie Walter White, begabter Wissenschaftler und Drogenmanufakteur, benutzt zu werden.

Erst als die Sonne langsam aufging fing Jesse an, die Realität wieder wahrzunehmen. Für eine Ewigkeit war er nur mit den an ihm vorbeirasenden Lichtern und seinen Gedanken alleine gewesen.
Er hatte geschrien und geweint und jetzt war er leer.
Alle Gefühle waren von ihm abgefallen und er wollte sich übergeben um einen Zustand der absoluten Leere zu erreichen.

Jesse war überrascht als er bemerkte, dass er sein Auto verlangsamt hatte.
Um ihn herum lag die Wüste New Mexicos.
Er streckte seinen Arm aus und nahm eine Zigarette aus dem ihm dafür bereits bekannten Platz.
Das Feuerzeug machte ihm Angst, denn wenn er es hielt, sah er Todd Alquists Hand, die mörderische Hand, die Hand der Person, die in eingesperrt gehalten hatte und die Hand die verzweifelt nach ihrer Kehle gegriffen hatte, als sie ein Knacken von sich gab.
Jesse zuckte zusammen. Vielleicht wegen der nächtlichen Kälte der Wüste.
Er warf das Feuerzeug in einer ruckartigen Bewegung auf die Beifahrerseite, wo es laut gegen die Verkleidung knallte.

Eine Tarantel krabbelte über den sandigen Boden.
Völlig erschöpft legte er seine Hände über seine Augen. Er bemerkte, wie schwer er atmete.
Eine durchdringende Unzufriedenheit breitete sich in ihm aus, da er bemerkte, dass er überhaupt nicht mehr erleichtert war.

Jesse wurde bewusst wie groß seine Probleme wirklich waren, denn Walter White, Todd Alquist oder sonst irgendwelche Toten waren die kleinsten seiner Sorgen.
Zitternd fanden seine Hände, sie brauchten länger als je zuvor, wie es schien, das Radio.
Er schaltete es ein und drehte sofort die Lautstärke so leise wie möglich. Zunächst kam Musik, eine Person sang über verlorene Liebe und wurde schon bald in ihrem Klagen unterbrochen als ein alarmierendes Geräusch ertönte und eine wichtige Nachricht angekündigt wurde.
Jesse lauschte dem Bericht, seine Hand bereits auf dem Zündschlüssel.
„Vor wenigen Stunden kam es zu einem schrecklichen Ereignis, dass mehrere Menschenleben forderte. Alarmiert von dem Geräusch von tausenden Schüssen, riefen Nachbarn sofort die Polizei. Als diese ankamen fanden sie neun Tote vor, viele davon mehrmals angeschossen. Selbst erfahrene Polizisten sind schockiert von diesem Gemetzel. Anscheinend wurde für die Tötungen ein ferngesteuertes Maschinengewehr benutzt. Die Polizei fordert jeden mit möglichen Informationen auf, sich sofort zu melden.“, sagte die besorgte Nachrichtenstimme.
Jesse schaltete das Radio aus und atmete aus. Wenn die Polizei ihn gesehen hätte, als er Jacks Grundstück verlassen und geflüchtet war, wäre im Radio erwähnt worden, dass sie nach jemandem suchen. Wahrscheinlich.
Jesse Pinkman war tot. Alle die ihn zweifelsfrei mit der Schießerei in Verbindung bringen könnten waren tot. Absolut niemand würde nach ihm suchen. Zumindest für einige Zeit.
Er überlegte und suchte nach irgendeinem Menschen, der von seiner Partnerschaft mit Walter White wusste.
Inmitten von Toten konnte er nur drei verschiedene Menschen finden.
Skinny und Badger, die ihn niemals verraten würden und Saul Goodman, der, wenn er überhaupt noch lebte, wahrscheinlich selbst damit beschäftigt war nicht mit Heisenberg assoziiert zu werden.
Jesse startete das Auto, als er bemerkte, dass es vier Personen gab.
Da war noch eine weitere Person.
Eine Person die Motivation haben würde Jesses Identität an die Polizei weiterzugeben.
Denn er hatte ihr Unrecht getan.

*

Es war schon spät am Morgen als Skyler White ein Läuten an der Tür hörte.
Sie ärgerte sich, dass jemand so früh klingelte, wobei es eigentlich egal war, sie war sowieso schon seit Stunden wach.
Skyler drückte ihre Zigarette aus und ging zur Tür.

Als sie einen Polizisten sah, war sie keineswegs überrascht, es war normal, dass sie regelmäßig von ihnen besucht wurde seit Hanks und Steves Tod.
Schon lange übte der Anblick eines Polizisten keine Autorität mehr auf sie aus.
„Warum sind sie hier?“, sie erwartete keine deutliche Antwort auf diese Frage und hatte sie eigentlich nur gestellt um dem Polizisten zu vermitteln, dass sie nicht jederzeit zur Verfügung stand, um seine Fragen und die seiner Kollegen anzunehmen.
„Ich würde gerne reinkommen und das Ganze drinnen klären, wenn das für sie okay ist, Mrs. White.“
„Nennen Sie mich bitte nicht so.“, sagte Skyler und zog die Kette zurück um die Tür vollständig zu öffnen.

Sie leitete den Polizisten zu ihrem kleinen Esstisch in der Küche und nahm selbst wieder neben der im Aschenbecher noch rauchenden Zigarette Platz.
„Es geht um Ihren...um Walter White.“
Skyler blickte den Polizisten resigniert in die Augen.
„Er ist heute morgen ums Leben gekommen, Mrs. White.“
Hören Sie auf mich so zu nennen , dachte sie.
„Wie ist er gestorben?“
„Er ist an Schusswunden gestorben, die nach unserer Auffassung aus einer ferngesteuerten Waffe gefeuert wurden.“
Skyler nickte.

„Okay.“, sagte sie.
Der Polizist war ratlos was er tun sollte und war verwirrt von der ihm entgegengebrachten Reaktion. War es Schock? Sollte er jemand rufen, der sich um sie kümmern sollte?
Aber vielleicht wäre dieses Verhalten unangebracht für eine Situation wie diese.
Er fühlte sich plötzlich wieder so als wäre er am Beginn seiner Karriere, unerfahren und tollpatschig.
„Mein Beileid.“, murmelte er und wartete auf eine Reaktion.
Doch es geschah nichts, es war einfach nur unglaublich still, bis der Polizist das Geräusch eines Feuerzeugs hörte und schon bald der Rauch einer Zigarette in seine Nase zog.
„Brauchen Sie noch etwas?“ fragte er unsicher.
„Nein danke.“, sagte die Frau vor ihm deutlich.
Er fühlte sich dumm, als er aufstand, um das Haus zu verlassen.


*

Jesse saß im Auto und beobachtete das Haus an dessen Straßenrand er geparkt hatte. Der Himmel zeigte eine wunderschöne Farbpalette aus Orange und Gelb und man konnte sehen, dass der beginnende Tag warm werden würde. Er hörte Vögel zwitschern, die schon gesungen hatten als es noch dunkel war, vor einigen Stunden. Vor einigen Stunden als Jesse Todd erstickt hatte. Vor einigen Stunden als Walter White gestorben war.
Er wartete noch einige Minuten, bis er das Auto verließ und sich vorsichtig dem Haus näherte.
Es schien Stunden zu dauern bis er vor der Eingangstür ankam, doch als er es schließlich tat, wollte er lieber sofort wieder gehen. Er wusste absolut nicht was seine Absichten waren und er hatte keinen Plan, er fühlte nur, dass er etwas zu Ende bringen musste.

Ein letztes Mal blickte er sich um und klopfte dann an die Tür.

*

Verwundert drehte sie ihren Kopf als sie ein Klopfen hörte, doch schließlich legte sie die Küchenutensilien ab und ging zur Tür.

Ihr war bewusst, dass es gefährlich war die Tür zu öffnen, ohne zumindest aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen wer dort stand, doch sie ignorierte den Gedanken und öffnete die Tür komplett.

Zunächst sah sie jemand Fremden. Sie sah die schmutzigen Klamotten und den ungepflegten Bart und erwartete, dass diese Person hier war, um nach ihrer Hilfe zu fragen.
Doch dann schien es als würde sich sein Gesicht verändern. Sie erkannte seine Gesichtszüge, dann die Art wie er da stand und die Art wie er sie ansah.

„Jesse?“, sagte ungläubig sie zu ihrem Sohn, ihre Stimme war voll von Emotionen. Sie bemerkte wie sehr sie ihn vermisst hatte und wollte seinen Namen am liebsten noch einmal sagen.

„Hi Mom.“

Seine Stimme war schwach und brüchig und plötzlich erinnerte sie sich an alles was passiert war. Für einen kurzen Moment hatte sie vergessen, wieso sie ihn so lange nicht gesehen hatte.

Unfähig etwas zu sagen, trat Diane Pinkman zur Seite um ihren Sohn hineinzulassen.

*

Schon oft wurde Skyler gefragt, wer Walts Partner gewesen war.
Sie hatte gesagt, sie habe ihn nie getroffen und sie wüsste nicht ob er überhaupt noch lebt.
Der zweite Teil war wahr, doch der erste war gelogen, denn sie wusste wer der Partner war.
Immer wieder hatte sie jedoch vermieden etwas zu sagen. Skyler wollte einfach nur versuchen dieses Kapitel abzuschließen. Sie wollte sich und ihre Familie so weit wie möglich von Walter und seinen Taten distanzieren, so gut es ging.

Sie kannte Jesse schon lange, eigentlich schon so seit dem Beginn von Walts Diagnose und damit seines seltsamen Verhaltens. Manchmal hatte Walt von seinem Partner gesprochen und sie hatte ihn selbst auch zwei Mal getroffen.

Sie erinnerte sich daran zurück, als sie ihn aufgesucht hatte um ihm zu sagen, dass er aufhören soll ihrem Mann Drogen zu verkaufen. Die Situation wirkte fast schon lustig auf sie, im Nachhinein.
Beim zweiten Mal hatte sie gewusst wer er war. Es hinterließ bei ihr ein negatives Gefühl an das Abendessen zu denken.
Es war still gewesen, aber nur fast denn immer wieder hatte Jesse die Stille mit einem sinnlosen Kommentar durchbrochen, um die Stimmung zu lockern.

Es war gewesen wie das Abendessen einer Familie, nur war sie dysfunktional. Denn Skyler hatte nichts gegenüber Walter gespürt außer Abscheu und Wut, gerade dann als sie sah wie Walter sich gegenüber Jesse verhalten hatte. Es war so gewesen als wäre Jesse sein Sohn. Ein Sohn, den er aufgenommen hatte, um mit ihm Meth herzustellen und dabei seine eigentlichen Kinder zu vernachlässigen.

Sie wusste, dass Jesse mehr oder weniger so war wie sie.
Er war, so wie sie, nichts weiter als eine Spielfigur gewesen, in Walters Plan.
Doch er hatte auch, genau wie sie, eine Entscheidung gehabt.
Er hätte aufhören können, viel früher.

*

Wortlos hatte seine Mutter, Jesse das Bad gezeigt und ihm frische Klamotten gegeben.
Als Diane das Bad verlassen hatte, hatte Jesse die Tür nur angelehnt.
Sie konnte spüren, wie viele Schmerzen er gerade verspürte und obwohl sie nicht genau wusste was mit ihm passiert war, konnte sie erahnen, dass ihm jemand weh getan hatte, noch mehr als das jemand hatte ihn gequält.

Diane seufzte fast auf vor Schmerz als sie darüber nachdachte, was ihrem Sohn angetan wurde.
Aber sie war auch erleichtert, denn er war am Leben.
Lange Zeit, seit sie zum letzten Mal von Jesse gehört hatte, hatte sie im Unterbewusstsein immer gewusst, dass es eine Möglichkeit gab, dass er tot ist.
Doch sie hatte es nie bewusst in Betracht gezogen, da sie nicht absolut sicher sein konnte.

Jesses Mutter hatte sich bereits an den Esstisch gesetzt, als er die Küche betrat. Er hatte sich rasiert und sein Gesicht wirkte noch vertrauter als vorher.

„Frühstück“, sagte er und blickte auf die Küchenablage auf der seine Mutter gerade eine Schale gestellt hatte, als er an der Tür geklopft hatte.
Er versuchte glücklich zu klingen. Er versuchte so zu klingen wie früher, in diesen seltenen Momenten in denen er sich zu Hause wohlgefühlt hatte.
Seinen Hunger hatte er bis jetzt nicht bemerkt und er wollte seine Mutter auch  überhaupt nicht dazu auffordern, doch trotzdem stand sie wie selbstverständlich auf und nahm eine zweite Schale aus dem Schrank.

Diane blickte ihn an um ihn zu fragen was er essen wollte, doch stockte als sie sein Gesicht erneut betrachtete.
Sie hatte die Narben vorher nicht gesehen.
Es war schrecklich für sie ihn so zu sehen und sie verstand nicht wie die Welt so grausam sein konnte.
Ihr Sohn war ihr manchmal wie ein Kind vorgekommen, auch als er erwachsen war. Er war leichtsinnig und launisch und hatte sein Leben nicht unter Kontrolle.
Doch sie wusste, dass er auch anders sein konnte. Er konnte mutig sein und erwachsen und sie hatte es oft gesehen. Ihr war es immer schwer gefallen es ihm zu zeigen, doch sie war oft stolz auf ihn gewesen. Und auch jetzt sah sie ihren Sohn für die Person, die er war.

Nach einer kurzen Pause fand sie ihre Stimme wieder.
„Was willst du essen?“

„Was auch immer du isst.“

Sie setzten sich an den Tisch und aßen für einige Zeit. Jesse versuchte sich zurückzuhalten, obwohl er, wie er merkte,  größeren Hunger als erwartet hatte.

„Sind das Dad's Klamotten?“, fragte Jesse nachdem er, noch immer hungrig, zwei Schalen mit Müsli gegessen hatte.
„Ja. Sie sehen gut an dir aus.“
Auch wenn er bis jetzt extrem glücklich gewesen war und sich wohl gefühlt hatte, spürte er nun wieder das bekannte Gefühl, dass er so oft in seiner Kindheit verspürt hatte.
Wieso wollte seine Mutter immer, dass er sich veränderte? Sie konnte ihn nie akzeptieren wie er war.
Die Kleidung seines Vaters passte nicht zu ihm. Sie war zu...ordentlich.

„Wo ist er?“
„Wir hatten einige Probleme. Er ist ausgezogen. Wir sehen uns eigentlich nur noch alle zwei Wochen um Jake zu übergeben. Er ist gerade bei deinem Vater.“
Es machte Jesse wütend zu hören, dass sein Bruder, die Trennung seiner Eltern erleben musste.
Jake war immer der bessere Sohn von ihnen gewesen.
Bekommen sie es nicht hin, wenigstens ihm eine gute Kindheit zu geben?

„Jesse.“, fing Diane an zu sprechen.
„Du kannst uns nicht die ganze Schuld dafür geben. Als du verschwunden warst, haben wir fast immer nur über dich geredet. Und dein Vater...“, sie sah wieder auf seine Narben und überlegte, ob sie weitersprechen  sollte.
„Er wollte, aufhören über dich zu reden. Er wollte dich vergessen und ich konnte, dass nicht ertragen, obwohl er vielleicht Recht damit hatte.“

Er war selbst überrascht, als er ruhig blieb. Er verstand seine Mutter sogar. Wenn er mit dieser Situation noch vor einigen Jahren konfrontiert gewesen wäre, wäre er wütend geworden und hätte einen Streit mit ihr angefangen. Vielleicht war sein Körper und sein Geist zu geschwächt dafür oder vielleicht hatte er sich tatsächlich verändert, so wie seine Mutter es immer wollte.

„Es tut mir Leid, dass dein Leben so geworden ist, wegen mir“, sagt er.

Und er bemerkte etwas. Er war nicht befreit, er konnte nicht neu beginnen.
Aber es war jetzt sein Schmerz und seine Schuld.
Diese Entscheidung traf Jesse in diesem Moment und er tat es nicht für oder gegen jemand anderen, sondern nur für sich selbst.

*
*
*

Skyler hob den Telefonhörer ab.

„Alburquerque Polizeiwache, wie kann ich ihnen helfen?“

Für einen Moment überlegte Skyler wieder aufzulegen.

„Hier ist Skyler White.
Ich habe mich an etwas erinnert. Es geht um Walter Whites Partner.
Ich weiß wer er ist.“
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