Eine (heile) Welt

von freexbird
GeschichteDrama, Romanze / P16
Draco Malfoy Hermine Granger
05.07.2020
02.08.2020
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22.258
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~*~

„Ha ha, Malfoy. Ja schaffe ich.“, entschlossen richtete sie sich auf und stieg die Stufen empor, an ihm vorbei, nicht ohne ihre Hand anzuheben und ihm gegen sein Ohr zu schnipsen.

„Au! Wofür war das?“, er legte eine Hand auf sein schmerzendes Ohr und drehte sich zu der Brünetten um, die ihn aus ihrer erhabenen Position anlächelte.

„Dafür, dass du ein Idiot bist.“, ohne, dass sie erneut von seinen Worten aufgehalten wurde, setzte sie ihren Weg fort, wünschte ihren Freunden eine gute Nacht, nahm die Tropfen und konnte endlich in einen erholsamen Schlaf driften, der sie traumlos schweben ließ.

~*~

Hermine und Draco kehrten nach diesem Gespräch zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Dieser bestand darin, nicht übermäßig zu kommunizieren, sich aber gleichfalls keine unterkühlten Blicke zuzuwerfen. Hin und wieder nickten sie einander zu, es gab die üblichen kleinen Auseinandersetzungen zwischen Harry und ihm, aber das war es auch schon. Bisher hatten sie sich nicht wieder in der Bibliothek getroffen, um die Hausaufgaben für alte Runen zu machen, dennoch würde sie ihn demnächst danach fragen, weil die Interpretationen und Übersetzungen zunehmend aufwendiger und verworrener wurden.

Zaubertränke war es, als sie ihren hellgrünen Pusteltrank blubbern ließ und Malfoy im Vorbeigehen einen Zettel auf den Tisch warf. Dieser wirkte erst verwirrt, steckte ihn jedoch sofort ein. Hermine konnte sehen, wie Pansy ihn grinsend in die Seite stieß, worauf er sie wütend ansah, mit einem Hauch von rosa auf den Wangen.

„Ihr schreibt euch also doch Liebesbriefe, ich hab‘s gewusst!“, flüsterte Ron ihr über den Tisch zu. Harry, der zwischen ihnen stand, versuchte sich ein Grinsen zu verkneifen.

„Das sind keine Liebesbriefe!“, rechtfertigte sie sich hitzig. Das waren sie wirklich nicht. Alles was Hermine auf den Brief geschrieben hatte, war die heutige Uhrzeit, zu der sie die Hausaufgaben mit ihm lösen wollte. Ob ihre Kooperationen dieses Mal von langer Dauer sein würden, würde sich wohl herausstellen. Sie hatte zumindest nicht vor, erneut zu viel Zeit mit ihm zu verschwenden, um dann erneut enttäuscht zu werden.

„Als ob! Er ist total rot geworden.“, Ron war nicht davon abzubringen, also sagte sie ihm die Wahrheit, damit er sie in Frieden leben ließ.

„Ron, wir machen unsere Hausaufgaben für alte Runen zusammen, ich habe ihm nur die Uhrzeit aufgeschrieben.“

„Oh.“, sie sah, wie seine Vorstellung in sich zusammenstürzte. „Trotzdem. Wer weiß, was ihr wirklich macht.“

„Ron!“, Hitze stieg in ihre Wangen und strafte ihre Worte lügen. Ja, sie trafen sich zum Lernen. Aber ihr Vorhaben hinter seine Fassade zu blicken hatte sie längst nicht begraben. Auch wenn sie ihm vorgeworfen hatte, dass er eindimensional war, seine Bemerkung, dass er seine Geheimnisse erst mit engen Freunden teilte, machte sie selbstverständlich neugierig. Sie nahm die Herausforderung an und würde sich mit ihm anfreunden. Auch wenn es vermutlich schwierig werden würde, blockte er doch jeden ihrer Versuche der Annäherung oder Informationssammlung ab.

„Pass bloß auf bei dem. Er mag ganz gut aussehen, aber er ist ein mieses Frettchen.“, knurrte der Rothaarige.

„Frettchen?“, sie grinste, hob eine Augenbraue an.

„Seitdem du ihn in eins verwandelt hast, wird er häufig damit aufgezogen.“, erklärte er darauf.

Harry fügte an: „Nicht, dass er das nicht verdient hätte. Er sitzt auf einem viel zu hohen Hippogreif. Du solltest also aufpassen, dass du ihn nicht zu sehr anhimmelst. Sonst landest du noch mit seinen Groupies in einer Kategorie.“

„Was für Groupies denn?“, sie konnte sich bei bestem Willen nicht vorstellen, wovon er sprach. Missmutig verzog sich ihr Mund.

„Na, die Mädchen die ihn alle anhimmeln. Ist dir das noch nicht aufgefallen?“, murmelte er ihr zu.

„N-nein.“, entgeistert sah sie sich um. Auch wenn Pansy ihn vorhin angestoßen hatte, so tuschelte sie dennoch mit ihm und zwirbelte eine ihrer Strähnen um ihren Finger. Eine Ravenclaw, die sich in der Reihe dahinter befand, musterte seinen Hintern ziemlich verträumt, bis sie sich aus Versehen in den Finger schnitt und ihn hastig in ihren Mund nahm, damit sie ihre Kräuter nicht vollblutete.

Allein diese beiden Beobachtungen reichten ihr aus, damit sie ihnen Recht gab. Sie wollte keiner der Groupies sein. Und da ihr Ziel in einer Freundschaft zu ihm bestand, würde das auch kein all zu großes Problem werden, dachte sie.

Grübelnd sah sie in ihren Kessel, dessen Inhalt ihr dieses Mal ganz und gar nicht gefiel, aber sie hatte noch genug Zeit, um das auszubügeln.

(…)

Am Abend betrat Hermine die Bibliothek in Begleitung ihrer schweren Schultasche. Aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit war es in diesem Bereich der Schule besonders gemütlich, möglicherweise auch aufgrund des momentanen Regenwetters. Sie fand den Slytherin in der üblichen Abteilung. Konzentriert suchte er das Bücherregal ab, eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, eine Hand war an seiner Hüfte abgestützt, die andere kratzte sein Kinn. Sie kam nicht umhin die anderen Mädchen nachvollziehen zu können, leider.

Etwas zögerlich ging sie auf ihn zu und ließ ihre Tasche neben seine fallen. Als er sie sah hellte sich seine Miene für einen Moment auf, dann verschloss er seine Emotionen wieder vor ihr. Aber sie sah auch, dass er, wie in den Tagen zuvor, sehr übernächtigt wirkte.

„Alles klar bei dir?“, flüsterte sie und lehnte sich neben ihm gegen das Regal. Höhnisch grinste er sie an.

„Warum sollte es das nicht?“

„Du siehst müde aus.“, darauf verblasste das Grinsen und er nickte ihr zu.

„Bin ich auch. Aber uns allen macht der Stress zu schaffen, nicht wahr?“, achselzuckend nahm er eines der Bücher und setzte sich an den Schreibtisch. Sie griff sich ebenfalls das notwendige Buch und nahm neben ihm Platz.

„Hmm.“, summte sie und musterte ihn noch einen Moment. Natürlich war sie auch gestresst, aber dennoch sah sie nicht so müde aus. Selbst wenn es einen anderen Grund hatte, sie hatte vor allem gelernt, dass er nicht mit ihr darüber reden würde. Zumindest noch nicht. „Ron glaubt, wir schreiben uns Liebesbriefe.“, sagte sie stattdessen und konnte ein kurzes Lachen nicht unterdrücken. Sein Blick war schockiert.

„Wie kommt der Volltrottel denn darauf?“, aufgeregt wanderte seine Stimme ein paar Oktaven in die Höhe, genauso wie seine Augenbrauen.

„Vielleicht weil er gesehen hat, wie ich deinen Zettel bekommen habe und wie ich dir letztens einen zusteckte?“, erläuterte sie schlüssig. Sein Gesichtsausdruck war, milde gesagt, noch immer leicht empört. Daher entschied sie, dass sie ihn noch ein wenig mehr ärgern wollte: „Willst du, dass ich dir Liebesbriefe schreibe?“

Der Schock wandelte sich in Arroganz: „Ach Granger.“, er schnalzte mit seiner Zunge, „Ich bekomme schon genug Liebesbriefe. Deine würden darin nur untergehen.“

„Na hör mal. Mit wie vielen von den Mädchen hast du überhaupt engeren Kontakt? Ich finde dann könnten meine schon etwas Besonderes sein.“, gespielt enttäuscht verschränkte sie dir Arme vor ihrer Brust.

Seine Stimme troff vor Spott, als er antwortete: „Auch wieder wahr. Dann wärst du zumindest neben Daphne und Pansy etwas Besonderes.“

Dann schlug er eines seiner Bücher auf und begann an der Hausaufgabe zu arbeiten. Hermine dagegen nahm sich vor, ihm jetzt regelmäßig einen Brief zuzustecken, einfach um ihn zu ärgern.

Die Zeit verging, in der die beiden hin und wieder ein paar Sätze wegen der Aufgaben tauschten. Hermine versuchte sich nicht von ihm ablenken zu lassen, schielte dennoch ab und zu zu ihm. Er jedenfalls ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und schrieb seine Gedanken konzentriert nieder.

Die Stille wurde jäh gestört, als sich eine dritte Person zu ihnen gesellte.

„Draco! Was macht ihr denn hier?“, überrascht trat Greengrass näher an den Schreibtisch, den sie zu zweit besetzten. Der Slytherin runzelte seine Stirn und sah die Blondine an, die wieder einmal hinreißend lächelte. Hermine runzelte ebenfalls ihre Stirn, sie war sehr gespannt darauf, ob er die Wahrheit sagen würde. Obwohl selbst die nicht besonders aufregend war.

„Wonach sieht es aus? Hausaufgaben.“, antwortete er tatsächlich und hing seinen linken Arm über die Stuhllehne. Halb zu ihr gewandt wechselte sein Blick zwischen ihr und Hermine.

„Die anderen vermissen dich schon. Jeden Abend hängst du in der Bibliothek rum. Heute sehe ich das erste Mal mit Granger.“, vielsagend erhob sich ihre perfekt gezupfte Augenbraue. Mit kreisendem Zeigefinger strich sie über den Einband des Buches, das sie an ihre Brust drückte.

„Was soll das heißen?“, knurrte er. Ja, das fragte sie sich auch. Wollte Greengrass von ihm hören, dass er wegen ihr die Bibliothek aufsuchte? Das hielt sie für sehr unwahrscheinlich…

„Ach, nichts.“, sagte sie nur, das Lächeln in ihrem Gesicht gefror ein wenig. „Du solltest nicht immer so viel lernen.“, fügte sie sanft an, ging auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Oberarm. Mit seiner freien Hand schlug er ihre beiseite und entfernte den Arm von der Stuhllehne.

„Gute Noten kommen nicht von ungefähr, Daphne.“, aufgrund ihrer Berührung schien er ein wenig verstimmt zu sein und es löste in ihr ein erheitertes Gefühl aus. War sie froh darüber, dass er sie ablehnte? Vielleicht ein bisschen.

„Daphne, wir sind fast fertig, aber die Bibliothek schließt in zwanzig Minuten.“, grätschte sie in das unangenehme Gespräch, worauf Malfoy ein wenig erleichtert einatmete. Die blauen Augen der Schönheit richteten sich stechend auf sie.

„Na gut.“, sie seufzte theatralisch. „Komm nicht zu spät zurück.“, fügte sie an Malfoy gewandt an, zwinkerte ihm zu und verließ die Abteilung mit wiegenden Hüften.

„Was ist denn mit der?“, fragte sie ihn schließlich, musste ein Lachen unterdrücken. Er rollte mit seinen Augen und führte die Aufzeichnungen fort, beginnend mit 6. Interpretation.

„Seitdem ich sie auf das Auswahlspiel vorbereitet habe, ihr dann geholfen habe und sie mich zum Krankenflügel begleitet hat, bildet sie sich etwas darauf ein.“, brummte er beinahe unverständlich.

Hermine lehnte sich etwas nach vorn und versuchte seinen Blick einzufangen, kurz zuckten seine Pupillen zu ihren, ehe er wieder auf das Papier starrte. „Sie steht auf dich.“

Schneidend sog er die Luft ein und richtete sich auf: „Ja Granger, das war es, was ich dir damit sagen wollte.“

„Man, ich verstehe was Harry und Ron gemeint haben, als sie meinten, du würdest Groupies haben.“, gluckste sie kichernd. Die Brünette schüttelte leicht ihren Kopf und tunkte den Federkiel in die Tinte.

„Groupies?“, mit gerunzelter Stirn beobachtete er sie. Einen Moment sah sie auf seine Lippen, die er mit seiner Zunge benetzte, was einen kleinen Schauer über ihren Rücken jagte.

„Fans. Mädchen, die dich anhimmeln.“, erklärte sie. Seine Miene wandelte sich von verwirrt in überheblich. Natürlich streichelte sie damit nur sein Ego, was auch sonst.

„Hättest du etwas anderes erwartet? Ich hoffe du hast deine Dauerkarte bereits erstanden.“, säuselte er und wackelte mit seinen Augenbrauen. Kurz war sie perplex, weil sie eine solche Reaktion niemals von ihm erwartet hätte. Allenfalls wäre es ein ‚So ein quatsch‘ oder ‚Granger, du siehst Gespenster‘ womit sie rechnete.

„Wo kann ich die denn erhalten? In deiner Hose?“, witzelte die Brünette, in der Hoffnung er würde den Wink verstehen.

„Falls du denkst, ich würde mit jeder meiner Verehrerinnen etwas anfangen: da hast du verdammt recht.“, lachte der Scheißkerl.

Unwillkürlich verzog sich ihr Mund bei der Vorstellung, er würde in der Nische, wo sie sich mit ihm unterhielt ein anderes Mädchen befummeln. „Du bist ekelhaft.“

Er deutete mit seiner Feder in ihre Richtung: „Sag das mal meinen Groupies, die wären schwer enttäuscht.“

„Und ich dachte tatsächlich, du hättest Daphne geholfen. Aber anscheinend in anderen Belangen, als ich annahm.“, abweisend schüttelte sie ihre Hände, damit er bloß nicht weitersprach. Er tat es dennoch.

„Ich habe ihr sehr wohl bei der Technik geholfen. Alles darüber hinaus bleibt wohl eher bei mir. Ein Gentleman genießt und schweigt, Granger.“, das Lächeln auf seinen Lippen blieb, dieses Spiel schien ihm Spaß zu bereiten.

Hermine seufzte, zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tage: „Wärst du doch nur ein Gentleman, dann würde ich dir glauben.“

Tatsächlich rechnete sie damit, dass er und seine Freunde sich regelmäßig im Schlafzimmer von ihren Eroberungen erzählten und sich dafür auf die Schulter klopften. Prüfend sah sie in seine Augen, die amüsiert funkelten. War sie das? Die zweite Ebene unter seiner Ignoranz? Vielleicht sollte sie Buch darüber führen und versuchen herauszufinden, warum er so war, wie er war. Aber das wäre wohl eine Lebensaufgabe, dachte sie zynisch. Denn bisher erschien er ihr als äußerst komplex, selbst wenn sie vor wenigen Tagen das Gegenteil behauptet hatte. Sie hatte es aus Trotz gesagt, weil er sich ihr gegenüber so verhielt. Auch wenn er sich im ersten Moment für sie öffnete, so stieß er sie beiseite, wenn sie versuchte nachzuhaken und das war ihr zunächst als Aufwand erschienen. Wenn er jedoch so mit seinen Freunden redete, dann würde sie nicht aufgeben und versuchen diese Seite von ihm zu einem Dauerzustand in ihrer Gegenwart zu machen.

„Ich kann ein Gentleman sein, wenn sich meine Begleitung wie eine Dame verhält.“, wisperte er und widmete sich wieder seiner Hausaufgabe, die noch immer unbeendet vor ihm lag. Sie hatten erneut wertvolle Zeit verschwendet.

„Ich habe mich dir gegenüber nie gegenteilig verhalten.“, rutschte es aus ihrem Mund, auf den sie zögerlich ihre Hand legte. Ihre Augen weiteten sich und sie fragte sich, was sie der Welt getan hatte, dass sie ihr ein derart loses Mundwerk verpasst hatte. Verblüfft wandte er sich zu ihr, dann bildete sich ein verschwörerisches Lächeln auf seinen Lippen.

„War das eine Aufforderung?“

„Nein! Vergiss es!“, stieß sie aus, packte ungeachtet ihrer unbeendeten Hausaufgaben ihre Tasche, stellte die Bücher ins Regal und verschwand aus der Bibliothek, ohne dass er erneut das Wort an sie richtete. Einzig sein wissender Blick hatte ihren überstürzten Aufbruch observiert. Sie hoffte nur, dass er nicht bemerkte, dass sie wahrscheinlich bald eine Dauerkarte für seinen Fanclub ergattern würde, auch wenn sie sich dagegen wehrte.

(…)

Da die Kopfschmerzen nicht wiederkehrten, dachte sie, es hätte sich zumindest vorerst erledigt. Daher verbrachte sie den Abend bei ihren Freunden im Gemeinschaftsraum, sie musste erst am nächsten Abend ihren Kontrollgang antreten. Entspannt blätterte sie in ihrem Buch für alte Runen, um den letzten Satz der Hausaufgabe zu interpretieren.

„Hermine?“, Harry lehnte sich zu ihr, sie spürte seine Schulter an ihrer, worauf sie ihn fragend ansah. „Ron und ich müssen dir was erzählen.“

Sie nickte und dachte, es würde sich vielleicht um einen albernen Zauberspruch oder ähnliches handeln. Verwundert folgte sie den Jungen zu ihrem Schlafsaal, dabei entging ihr das verstohlene Umsehen und die Geheimnistuerei der beiden keineswegs. Gemeinsam betraten sie den Raum und scheuchten Neville in den Gemeinschaftsraum, damit sie allein waren. Anschließend setzten sie sich auf Harrys Bett, Ron nahm vor den Beiden auf dem Boden Platz.

„Was ist passiert?“, fragte sie interessiert und beugte sich weiter nach vorn. Harry griff an die Schublade zu seiner Linken und öffnete sie, seine Hand verschwand im Inneren und zog einen Gegenstand hervor.

„Das ist von mir, ich hab‘s in meinem Koffer gefunden und keine Ahnung, woher ich es habe.“, erklärte Ron und zeigte auf den kleinen Gegenstand, der wie ein Feuerzeug wirkte. Es besaß einen runden, aber zwölfeckigen Griff, der grün marmoriert war. Ein Knopf befand sich an der Seite, eine Halbkugel verschloss es an einem der Enden.

Prüfend nahm sie es ihrem Freund aus der Hand und drehte den Gegenstand, um ihn von allen Seiten zu betrachten: „Habt ihr schon draufgedrückt?“, sie zeigte mit ihrem Finger auf den Knopf.

„Ja, aber es passiert nichts.“, sagte Harry. Die Brünette presste ihre Fingerkuppe darauf, worauf die Halbkugel zurückschnappte und genau das geschah, das er angekündigt hatte: nichts. Ihre Stirn runzelte sich. „Vielleicht sollten wir mal in der Bibliothek nach Informationen suchen.“, etwas in ihrem Inneren wollte ihr mitteilen, dass sie diesen Gegenstand bereits kannte, aber ihr wurde nicht klar, woher. Der marmorierte Griff fühlte sich kühl und glatt unter ihren Fingerspitzen an, als sie darüberstrich.

„Wenn’s sein muss.“, murmelte Ron und nahm es ihr aus der Hand. Er drehte es ebenfalls hin und her, ein Klicken ertönte, als er den Knopf drückte.

„Komisch, ich habe das Gefühl, dass ich dieses Ding kenne, aber ich habe keine Ahnung.“, grübelte der Lockenkopf weiter, massierte ihre Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger. „Kommt… euch irgendetwas komisch vor?“, sprach sie schließlich das aus, das ihr seit ihrer Rückkehr in die Schule im Kopf herumspuckte, wie ein verdammtes Schreckgespenst.

„Was meinst du?“, richtete der Bebrillte sein Wort an sie. Unschlüssig kaute sie auf ihrer Lippe herum.

Harry war es nicht entgangen, dass sie sich seltsam verhielt und immer häufiger wirkte, als wäre sie abwesend. Auch er verspürte ein seltsames Ziehen in seinem Inneren, aber es reichte nicht aus, um ihn misstrauisch zu stimmen. Ebenso erging es Ron, der lediglich verwundert darüber war, einen derart seltsamen Gegenstand in seinem Besitz entdeckt zu haben, ohne zu wissen, worum es sich handelte. Aber sie beschlossen vorerst im Stillen, dass er ungefährlich war.

„Es ist… als würde mir etwas fehlen, in meinen Gedanken. Ich dachte erst, dass es an mir liegt und ich einfach ein bisschen krank bin oder sowas.“, sie wedelte mit ihrer Hand in einer undefinierbaren Geste, „Aber immer, wenn ich versuche an verschiedene Dinge zu denken oder mich zu erinnern, verschwimmt es in meinem Gehirn und ich kann nicht-“, unschlüssig seufzte sie. Die Jungen tauschten erst einen Blick, sahen sie danach jedoch an, zweifelnd.

Harry hob eine Augenbraue: „Zum Beispiel?“

Sie versuchte sich an den letzten unbeendeten Gedanken zu erinnern: „Ron, du wurdest doch vor zwei Jahren vergiftet, oder?“

„Ich…was?“, verwirrt richtete er sich auf. Dann lachte er nervös: „Ich wurde doch nicht vergiftet. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass es passiert sein soll. Wie kommst du darauf?“

„Als wir nach Hogwarts gefahren sind dachte ich an deine Trennung von Lavender und wie es dazu kam. Es geschah als du im Krankenflügel lagst und… dich im Schlaf von ihr getrennt hattest. Und du warst doch da, weil du vergiftet warst.“, erklärte sie ausführlicher, er musste sich erinnern. Er musste einfach, vielleicht musste sie es nur genauer-

„Quatsch. Ich war doch nicht vergiftet. Ich lag da, weil ich beim Quidditch vom Besen gefallen bin. Beim Training, weißt du nicht mehr? Mein Bein war gebrochen und ich habe eine Menge Tränke schlucken müssen, die mich benebelt haben.“

Hermine blinzelte. Beinbruch. Quidditch. Etwas klingelte leise in ihrem Hinterkopf, aber nicht laut genug, um ihre bisherige Annahme verstummen zu lassen. Plötzlich kehrte der Schmerz wieder, stärker als beim letzten Mal jagte er durch ihre Schläfe. Aufgrund der Heftigkeit zuckte sie zusammen, legte die Hände an ihren Kopf und stieß ein schmerzerfülltes Zischen aus.

„Alles okay? Hast du wieder Kopfschmerzen?“, besorgt lagen die Augen des Weasleys auf ihrer vornübergebeugten Gestalt. Überflüssigerweise nickte sie, der Schmerz verhinderte jeden spitzen Kommentar, denn sie ihm hätte entgegenwerfen können, denn dass es Kopfschmerzen waren, war unübersehbar.

„Wir können dich in den Krankenflügel begleiten.“, murmelte Harry und legte eine warme Hand auf ihre Schulter. Der Schmerz besetzte jede ihrer Zellen, pochte unter ihrer Schädeldecke und schien sich auszudehnen, wanderte in ihr Genick. Harry und Ron versuchten ihr aufzuhelfen, aber sie konnte nicht einmal ihre Augen öffnen, sofort raste ein Stechen durch ihre Lider, wenn sie es versuchte. Und obwohl sie von den beiden flankiert und gestützt wurde, drehte sich alles in ihrem Inneren, sie schwankte. Nur dumpf drangen die Stimmen der Gryffindors an ihr Hörzentrum, als sie die Treppe zurückgelegt hatten, ihre Beine jedoch ihren Dienst versagten. Ein letztes lautes Pfeifen, das ihr Gehör malträtierte, ihren Kopf scheinbar platzen ließ und ihre Sinne überreizte, übergab sie letztendlich der befreienden Ohnmacht, die ihren Schmerz betäubte und sie in eine wohltuende Schwärze katapultierte.

(…)

Als sie sich gegen die schwere Decke stemmte, die sie in den Abgrund drängte, fühlte sie in weiter Entfernung eine leichte Wärme, an die sie sich zu klammern versuchte. Es glich einer Wattwanderung durch zähen Schlamm. Dem Rennen, während ein Gummiband, das sich um ihre Taille schlang, sie zurückhielt. Oder dem Strampeln unter der Wasseroberfläche, die sich stets entfernte, wenn sie versuchte sie zu erreichen.

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, in der sie kämpfte. Darum, dass sie wieder frei atmen und gehen konnte. Sie wollte ihr Bewusstsein zurückerlangen und das mit allen Mitteln, aber immer, wenn sie dachte, sie hätte es fast geschafft, wurde sie zurückgedrängt. Hart stießen sie diese anderen Kältewellen zurück in die Tiefe, ohne dass es half, dass sie sich wehrte und um sich schlug.

Und nachdem sie beinahe aufgab, durchbrach sie die Oberfläche, schlug ihre Augen auf und atmete so tief ein, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Hektisch hob und senkte sich ihr Brustkorb aufgrund ihrer Atmung.

„Miss Granger! Schön, dass sie wach sind.“, begrüßte sie Madame Pomfrey, die mit ihrem Zauberstab in der Hand über sie gebeugt dastand. Irritiert sah sie sie an. „Wie fühlen sie sich?“

Hermine musste sich räuspern, ehe ihre Stimmbänder einen sinnvollen Ton erzeugen wollten: „Es geht. Seit wann bin ich hier? Was ist passiert?“

Die Heilerin lächelte und legte der jungen Hexe eine Hand auf die Schulter: „Offenbar waren die letzten Wochen etwas zu viel für sie.“, wovon sprach sie? War es stressig gewesen? „Sie haben zwei Tage lang durchgeschlafen. Vermutlich hat ihr Körper das gebraucht.“, erklärte sie tadelnd. „Trinken sie das, das wird sie stärken. Aber bleiben sie liegen, sie müssen noch bis morgen bleiben. Immerhin können sie dann noch nach Hogsmeade gehen.“, sie reichte ihr einen kleinen Becher, der eine rote Flüssigkeit beinhaltete und nickte ihr zu, bevor sie sich abwandte und durch eine Seitentür in ihr Büro verschwand.

Seufzend roch Hermine an dem Trank und schluckte ihn schließlich in einem Zug herunter. Ein säuerlicher, aber fruchtiger Geschmack breitete sich erst in ihrer Mundhöhle aus, danach durchflutete sie ein angenehm erfrischtes und positives Gefühl, das sie an einen lauen Wind erinnerte.

Was war passiert, bevor sie in den Krankenflügel gebracht wurde? Sie konnte sich nicht erinnern. Ihr Gehirn fühlte sich angenehm benebelt und leicht an, als könnte es kein Wässerchen trüben. Also wanderten ihre Gedanken zu Malfoy und in diesem Zuge fühlte es sich normal und gut an, wenn sie an ihn dachte. Oder eher neutral? Sie kannte ihn nun ein bisschen besser, das konnte sie behaupten. Röte stieg in ihre Wangen, als sie an das unangenehme Gespräch dachte, das sie bei ihrem letzten Zusammentreffen geführt hatten.

Aber ihre peinlichen Gedanken zerstreuten sich, als sich die Tür öffnete und Harry und Ron den Krankenflügel betraten. Ein paar Bücher unter den Armen und einen erleichterten Gesichtsausdruck zur Schau stellend, da sie feststellten, dass ihre beste Freundin wieder bei Bewusstsein war.

~*~

A.N.: Schönen Sonntag! (Ich klopfe mir noch immer selbst auf die Schulter, weil das Wortspiel für den Titel so gelungen ist, haha)

Tja, es gibt anscheinend ein paar Ungereimtheiten! Was denkt ihr, werden sie noch mehr Hinweise auf den vergessenen Krieg finden? Meint ihr, sie werden sich irgendwann erinnern?