Eine (heile) Welt

von freexbird
GeschichteDrama, Romanze / P16
Draco Malfoy Hermine Granger
05.07.2020
19.10.2020
19
68.560
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19.07.2020 3.688
 
„Irgendwelche nützlichen Aufgaben müssen die Vertrauensschüler ja erfüllen.“, kicherte Ginny.

„Du meinst außer der Planung von Schulveranstaltungen, Hilfestellung und Begleitung für Erstklässler und-“

„Schon okay, das war nur ein Witz.“, Ginny rollte mit ihren Augen. Großartig, damit hatte Hermine einmal mehr bewiesen, dass ihr Humor nicht wirklich ausgeprägt vorhanden war.

~*~

Samstag, der Tag des ersten Quidditchspiels des Schuljahres war gekommen. Slytherin trat gegen Hufflepuff an und würde wahrscheinlich siegen, außer Daphne Greengrass würde die gesamte Leistung des Teams derartig bremsen, dass das Gegenteil der Fall war. Entgegen aller Erwartung hatte nämlich sie den zweiten Posten als Treiberin erhalten und musste nun gemeinsam mit Goyle dafür sorgen, dass die anderen Teammitglieder nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Gemeinsam mit Harry, Ron und Ginny machte sich Hermine auf den Weg zum Stadion. Zur Abwechslung regnete es auch nicht, dafür herrschte ein starker Wind, der Himmel war bewölkt und daher grau.

„Ich bin wirklich gespannt wie sich die Greengrass heute schlagen wird. Das Auswahlspiel prophezeite Schlimmes.“, sagte Harry. Seine Stimme drang gedämpft durch den dicken Schal, der um seinen Hals gewickelt war.

„Wenn sie sich genauso schlägt können wir ihr direkt einen Sarg besorgen.“, witzelte Ron, worauf Hermine ihn nur böse ansehen konnte.

„Sei bloß still! Eine ernsthafte Verletzung ist furchtbar! Weißt du noch, als Harrys Arm gebrochen war?“, zischte seine Schwester ihm zu, ganz und gar nicht über dessen zynische Bemerkung erfreut.

„Das war schrecklich. Ich bin ständig aufgewacht, weil ich solche Schmerzen hatte und…“, dann wirkte er verwirrt. Er zögerte vor seinem nächsten Schritt, blinzelte und fuhr darauf fort. „Auf jeden Fall war es nicht angenehm. Ich hoffe die anderen nehmen wenigstens etwas Rücksicht.“

Im Stadion angekommen setzten sie sich auf freie Plätze an der Brüstung und sahen zu den beiden Teams, die bereits in voller Montur auf dem Rasen standen und auf den Anpfiff warteten. Luna sollte zum heutigen Spiel kommentieren und befand sich dementsprechend auf dem Turm der Lehrkräfte am Mikrofon.

„Alle auf Position!“, klang Madame Hoochs Stimme laut durch die Luft, wenn auch etwas vom Wind abgetrieben.

Die Spieler sortierten sich, stiegen auf ihre Besen. Hermine beobachtete Malfoy gespannt, der in diesem Tag noch müder als nach dem abendlichen Lernmarathon mit ihr wirkte. Dennoch hochkonzentriert, schossen er und die anderen in die Luft, als der Pfiff erklang. Sowohl Malfoy als auch Summerby schweben über dem Trubel der Jäger, Treiber und Bälle, damit sie sich einen Überblick verschaffen konnten.

Der Schnatz war lange unauffindbar, während Greengrass, alle fünf Minuten, beinahe von ihrem Besen geknockt wurde. Immerhin konnte sie sich inzwischen einigermaßen selbst schützen, ihr Handgelenk schien wieder intakt zu sein. Die Technik, die sie zum Schutz ihrer Mannschaftskollegen benötigte, war jedoch noch immer mangelhaft. Normalerweise sollten diese es schaffen ohne Zwischenfälle den Quaffel zum Tor zu transportieren, aber in diesem Spiel mussten die Slytherins Urquhart und Vaisey permanent ausweichen, weil sie sonst von einem Klatscher getroffen wurden. Goyle schaffte es nämlich keineswegs, jeden von ihnen fernzuhalten, da Greengrass eher eine Behinderung als eine Hilfe abgab.

Hermine dachte, dass vermutlich sowieso das ganze Team darauf hoffte, dass Draco den Schnatz bald finden würde, damit dieses Elend endlich ein Ende finden konnte.

Aufgrund der schlechten Treibersituation der Slytherins gelang es den Hufflepuffs eine Menge Tore zu schießen und den Stand nach vierzig Minuten auf 120 zu erhöhen, während die Grünen bei 60 Punkten verharrten.

Nach weiteren zweiundfünfzig Minuten funkelte etwas Goldenes hinter den Torringen der Hufflepuffs, das Summerby als erster der beiden Sucher bemerkte. Ohne zu zögern brauste Malfoy ihm hinterher, holte ihn schnell ein, weil er im Gegensatz zu Summerby den neuesten Nimbus besaß. In halsbrecherischem Tempo jagten sie den Schnatz durch das gesamte Stadion, über den Köpfen der Ravenclaws, später knapp über dem Boden. Es vergingen unglaublich spannende und gleichzeitig gefährliche Momente, bis Malfoy und Summerby Schulter an Schulter den kleinen Ball verfolgten, entlang der unteren Kante der Tribünen. Manchmal streifte Malfoys Fußspitze ein paar Grashalme.

In der Zwischenzeit rettete Goyle Vaisey vor einem der Klatscher, er traf ihn mit dem Schläger, der Ball rauschte nach Süden. Da flog jedoch Greengrass, die sich inzwischen verkrampft an ihren Besenstiel klammerte und aussah, als hätte sie genug. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie den Klatscher kommen sah.

„Greengrass!“, schrie Urquhart quer über das Spielfeld, worauf sie den Arm mit dem Schläger anhob, ausholte und den Ball dieses Mal mit voller Kraft traf. „Gut gemacht!“, gratulierte er ihr, fing den Quaffel von Vaisey auf und stürmte davon.

Der Weg, den der Ball einschlug, war jedoch alles andere als günstig. Die beiden Sucher, die knapp über dem Rasen flogen und versuchten den Schnatz einzufangen, konzentrierten sich, ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Hermine sah das Unheil kommen, voller Inbrunst stürzte sie nach vorn und lehnte sich über das Geländer. Sie holte tief Luft und rief aus voller Kehle: „MALFOY ACHTUNG!“

Er schien seinen Namen gehört zu haben, irritiert sahen er und der andere Sucher sich um, erkannten den Klatscher, der von der Seite auf sie zuraste, konnten jedoch nicht ausweichen.

Der schwarze Eisenball traf Summerby knapp unter seinen Rippen, er strauchelte, damit auch Malfoy, der direkt neben ihm flog. Beide verloren das Gleichgewicht, drifteten nach links ab und brachen schließlich durch den Stoff der Stadionwand, verschwanden vor den Augen der anderen im Inneren des Holzgerüsts. Hermine, die Gryffindors und das gesamte Stadion stießen Geräusche des Schmerzes aus.

„Oh! Unsere Sucher wurden von einem der Klatscher außer Gefecht gesetzt. Wird das Spiel jetzt beendet?“, fragte Lunas verträumte Stimme. Madame Hooch pfiff lautstark und pausierte damit alles weitere, bis die beiden Sucher geborgen wurden.

Hämisch anmutend verblieb der Schnatz an Ort und Stelle, neben dem Loch, dass die beiden in die rot-gelbe Verkleidung gerissen hatten, ehe er im Zickzack in die Höhe verschwand.

Trubel brach aus, als mehrere Lehrkräfte und Madame Pomfrey auf den Rasen zur Einschlagstelle eilten und sorgenvoll in die Dunkelheit spähten. Hermine knetete angespannt ihre Finger, sah wie Professor McGonagall hinabstieg und hinter dem Stoff abtauchte. Bald darauf wurden die Sucher schwebend ans Tageslicht befördert, beide schienen bei Bewusstsein zu sein und das allein war ausreichend, um Hermines Herz leichter werden zu lassen.

„Oh mein Gott.“, hauchte Harry, „Der Unterschenkel von Summerby sieht nicht gut aus.“

Sie schärfte ihren Blick und sah es: Ein offener Bruch, genau in der Mitte. Mit ihren Händen bedeckte sie ihren Mund, in ihr kam das Gefühl auf, sich übergeben zu müssen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und Schreie drangen durch die Stille zu den tuschelnden Tribünen. Malfoy saß inzwischen angelehnt an einem der Pfosten, neben der zerrissenen Verkleidung, die Beine angewinkelt und offensichtlich unter Schock. Sollte sie zu ihm gehen? Nein, dafür kannte sie ihn nicht gut genug.

„Der wird nie wieder auf einen Besen steigen.“, grummelte Ginny, worauf Ron nur beklommen nickte.

Madame Hoochs Pfeife hallte erneut an den Tribünen wider: „Das Spiel wird abgebrochen! Hufflepuff gewinnt, nach dem aktuellen Punktestand mit 120 zu 60!“

Im Angesicht der Geschehnisse fielen die Jubelschreie eher gemäßigt aus, wenn sie denn überhaupt vorhanden waren. Die Mannschaftsmitglieder begaben sich unterdessen zu den Verletzten. Draco wurde von Bletchley auf die Füße gezogen, Greengrass legte tröstend eine Hand auf seine Schulter. Auch die anderen redeten auf ihn ein und begleiteten ihn gemeinsam zurück ins Schloss.

Nachdem auch Summerby abtransportiert war, machten sich die Schüler auf den Weg zurück.

(…)

Hermine saß mit den anderen im Gemeinschaftsraum und dachte darüber nach, ob sie nach Malfoy sehen sollte. Aber selbst wenn, sie wüsste nicht, wo sie nach ihm suchen müsste. Harry, Ron, Ginny, Dean und Seamus diskutierten noch immer über den Unfall.

„Greengrass ist eine Niete, sie hätte einfach ausweichen sollen.“, Ron winkte ab.

„Sie hat nur getan, wofür sie im Team ist. Es ist nun einmal blöd gelaufen, dass sie den Ball genau dahin manövrierte, wo Malfoy und Summerby waren.“, verteidigte Ginny das blonde Mädchen.

„Aber sie muss doch beim Training dabei gewesen sein. Er kann sie nicht spielen lassen, wenn sie sogar eine Gefahr darstellt. Mal davon abgesehen, dass sie damit sogar den gegnerischen Sucher angegriffen hat, was einen Regelverstoß darstellt.“, grübelte Harry laut und kratzte sein Kinn. Seamus lachte trocken auf.

„Es war ein Fehler sie überhaupt aufzunehmen.“

„Wenigstens war nur einer der beiden verletzt, es hätte schlimmer kommen können.“, Dean war es, der einlenkte und die anderen zu einem einstimmigen Nicken bewegte. „Es ist sowieso zu spät, von daher.“

Hermine seufzte, das Bonbon auf ihrer Zunge war beinahe aufgelöst. Krachend zerkaute sie es. Diese unendlichen Diskussionen waren zermürbend. Vielleicht sollte sie einfach einen Spaziergang durch das Schloss machen und wenn sie Glück hatte, würde sie Malfoy über den Weg laufen. Und wenn nicht, dann nicht.

Sie teilte ihr Vorhaben den anderen mit, die es verstanden und am Feuer blieben. Hermine zog sich noch eine Sweatjacke über ihren Pullover und machte sich auf den Weg.

Zuerst führte sie der Spaziergang zur Bibliothek, die beinahe leergefegt war. Nur einzelne, von Quidditch Unbegeisterte, lungerten hier herum und lasen. Am letzten Regal machte Hermine kehrt, stieg weitere Treppen nach unten und schlug die Richtung zum Krankenflügel ein. Es war durchaus möglich, dass Malfoy eine Gehirnerschütterung hatte und deshalb zur Beobachtung bei Madame Pomfrey bleiben musste. Ihre Schritte wurden mit der Nähe zum Krankenflügel immer schneller, bis sie abrupt vor der Flügeltür stoppte und sie öffnen wollte. Jemand anderer verließ anscheinend den Krankensaal, da ihr die Tür vor der Nase geöffnet wurde. Beinahe stieß sie mit Malfoy zusammen, aber als sie ihn vor sich stehend erkannte und sie sich in die Augen sahen, sprang eine der Sicherungen in ihrem Kopf heraus und sie warf sich in seine Arme.

„Bei Merlin, ich hab mir Sorgen gemacht.“, flüsterte sie in sein Ohr. Zaghaft legte er seine Arme um ihre Taille, vermutlich war er über diese plötzliche Nähe verwirrt. „Ist alles okay?“

Sie spürte sein Nicken auf ihrer Schulter, dann löste sie die Umarmung auf und blieb bei ihm stehen. Ein rosa Schimmer lag auf seinen Wangen, worauf ihr bewusst wurde, was sie gerade getan hatte. Unbehagliche Stille breitete sich aus und Hermine machte einen Schritt zurück, damit etwas mehr Abstand zwischen ihnen herrschte.

„Was machst du hier?“, krächzte er. Nach der ganzen Aufregung musste sein Hals staubtrocken sein. Mit gerunzelter Stirn sah sie ihm entgegen.

Obwohl seine Frage eindeutig war, wollte sie ihm die wahre Wahrheit nicht direkt sagen: „Ich war nach dem Sturz auch ein bisschen durch den Wind und bin durch das Schloss spaziert. Bei der Gelegenheit wollte ich Summerby einen Besuch abstatten.“

Skeptisch wurde sie von ihm gemustert. Er glaubte ihr nicht, nickte es trotzdem ab: „Er schläft, du musst also nicht zu ihm gehen. Madame Pomfrey hat sein Bein gerichtet und ihn komplett zugedröhnt.“

„Oh.“, machte sie, wenig geistreich. Dann strich sie sich eine Strähne hinter ihr Ohr. „Dann…gehe ich jetzt wieder.“

„Willst du… kurz bleiben?“, fragte er sie und versuchte zwanghaft unbeteiligt zu wirken, das konnte sie genau sehen. Seine Mimik war angespannt, also schien er auf ihre Antwort zu brennen.

„Warum?“

„Ich würde gern… reden. Nur reden.“, offenbarte er schließlich und kaute auf seiner Unterlippe.

Hermine legte ihren Kopf schief. Das war etwas ganz Neues von ihm und es überraschte sie über allem Maße: „Und wo?“

„Es gibt in den oberen Stockwerken eine Nische mit Sitzbänken und großen Fenstern.“, erklärte er. Ein Lächeln schlich sich auf ihren Mund, dann nickte sie und folgte ihm.

Es mutete surreal an, als sie hinter ihm her die Stufen erklomm, während er seine Hände in seine Taschen steckte und auf den Boden sah. War er schon immer so nachdenklich und verschlossen? Sie konnte diese Frage nicht beantworten.

Die besagte Nische erschien recht düster, als sie beide im schwachen Licht des Halbmondes davorstanden. Etwas unsicher schielte sie zu Malfoy, der sich seinerseits ohne zu zögern in den abgeschiedenen, runden Raum begab und seine Sporttasche neben sich ablegte. Er trug seine Freizeitkleidung, hatte seine Quidditchuniform ausgetauscht. Hermine sah sich interessiert um und kam ihm langsam näher, setzte sich zu ihm auf die gepolsterte Bank. In ihrem Rücken war ein hohes Fenster, durch das man auf den verbotenen Wald sehen konnte. Schwach schimmerte das Licht in Hagrids Fenstern am Waldrand.

„Worüber willst du reden?“, fragte sie schließlich, zog ihre Beine auf die Sitzfläche und umschloss sie mit ihren Armen. Zwischen ihnen war ungefähr ein halber Meter Platz, wobei sie sein Gesicht nur vage ausmachen konnte.

„Irgendwas. Ist mir egal.“, sie blinzelte, er war es doch, der reden wollte, nicht sie. Nicht, dass sie etwas gegen seine Gesellschaft hätte, aber normalerweise würde sie jetzt wieder bei den anderen am Feuer sitzen.

„Malfoy-“, sie rieb mit einer Hand über ihre schweren Lider, der Tag war verdammt anstrengend und aufregend gewesen. Dann dachte sie an seinen Sturz und wie anstrengend und aufregend der Tag wohl für ihn gewesen sein musste: „Geht es dir denn gut? Also… tut dir was weh, wegen des Klatschers?“

„Ist nicht weiter tragisch. Ich hab mir den Kopf an einem Querbalken gestoßen, das ist alles.“, murmelte er. Seine hellen Finger spielten mit dem Stoff seines Umhangs. „Muss von der Tribüne aus schlimmer ausgesehen haben.“

Flackernd erschien die Erinnerung in ihrem Bewusstsein, begleitet von dem unglaublichen Herzklopfen, welches sie in ihrer Panik ereilte. „Der Klatscher hat euch nur wackeln lassen, aber der Kontakt zur Stadionwand hat euch den Rest gegeben.“

„Ja.“, er schwieg, als würde er nachdenken. Könnte sie doch nur in seinen Kopf sehen, dachte sie. Aber es war unmöglich, niemand konnte in Malfoys Kopf sehen. Oder? „Auf jeden Fall-“, er räusperte sich, „-danke.“

„Danke?“, nur dieses kleine Wort ließ sie sich kerzengerade hinsetzen. „Wofür?“

„Dass du mich gerufen hast. Im Endeffekt haben wir es zwar nicht geschafft auszuweichen, aber das lasse ich jetzt mal außenvor.“, begründete er, leichter Spott schwang in seiner Stimme mit.

„Greengrass hat den Ball in eure Richtung katapultiert.“, fügte sie plötzlich hinzu.

Ein Schnaufen. „Ja, hat sie. Mal sehen ob Urquhart sie im Team behält. Eigentlich hat er keine Wahl, seit Crabbe…“

Ja, seit Crabbe, was? Er war nicht mehr da. Sie wusste nicht weshalb, wollte Malfoy aber auch nicht darüber ausquetschen. Schließlich waren sie lang gute Freunde gewesen und sie nahm an, dass er ihm immerhin so viel bedeutete, dass es ihn bedrückte.

„Ich habe heute noch eine Frage offen.“, wechselte sie das Thema, worauf sie ein trockenes Lachen von ihm hörte. Verwirrt runzelte sie ihre Stirn. „Was ist so lustig?“

„Ein Klatscher hat das erste Spiel der Saison mit einem Unfall beendet, ich habe eine leichte Gehirnerschütterung, bin auch noch schuld an unserer Niederlage, aber deine blöden Fragen musst du mir trotzdem stellen? Ich glaube wir haben ausgemacht, dass ich dir eine pro Woche beantworte.“, langsam rückte der Mond gen Himmel, wobei ein Lichtschein über sein Gesicht fiel und seine geraden Zähne zeigte. Zähne. Makellose Zähne waren… Er seufzte. „Ok, frag halt. Wenn wir schon einmal hier sind, ich werde mein Bestes geben.“

„Erzähl mir von deiner Mutter. Wie ist sie so?“, hauchte sie ehrfürchtig. Am Bahnhof Kings Cross wirkte sie ebenso kalt und unnahbar, wie er es tat. Vielleicht lag es einfach in seiner Familie, dass sozialer Kontakt durch bloße Erscheinung unterbunden werden musste.

„Mhm.“, mit einer Hand fuhr er durch sein Haar, dann lehnte er seinen Kopf gegen die Steinwand. „Sie ist nett, denke ich. Sie versucht immer mich zu unterstützen, seit mein Vater… weg ist.“

„Wo ist dein Vater?“

Er stieß ein Zischen aus: „Eine Frage, Granger.“

Angespannt atmete sie aus. Sein Vater war also ein verbotenes Thema, sie würde es sich merken. Für eventuelle zukünftige Gespräche.

„Wie ist deine Mutter?“, warf er die Frage schließlich zurück, worauf sie nachdachte. Auf ihrer Unterlippe kauend senkte sie angestrengt ihre Augenbrauen, knibbelte an ihren Fingernägeln. Ihre Gedanken rasten, verfingen sich, lösten sich auf, aber da war nichts.

„Ich weiß es nicht.“, entgegnete sie schließlich. Niedergeschlagener, als sie wollte.

Seine Stimme war neutral, wertfrei, als er fragte: „Kennst du sie nicht?“

Sie bettete ihren Kopf in ihren Händen, massierte ihre Schläfen, so sehr, dass es schmerzhaft wurde. Dann sprang sie auf, raufte ihr Haar. So weit es ihr kleines Versteck erlaubte, ging sie im Kreis, während sich Tränen und Anspannung an die Oberfläche kämpften und eine vorher nie dagewesene Verzweiflung auflodern ließen. „Ich weiß es nicht!“, keuchte sie.

„Ist okay, Granger. Du musst nicht antworten.“, ein wenig scherzhaft hatte er seine Worte an sie gerichtet, aber sie erstarrte, sah ihn an und stellte fest, dass sein ironisches Lächeln sich langsam in Luft auflöste. „Scheiße, du meinst das Ernst. Oder?“

„Selbstverständlich meine ich das Ernst! Ich bin nicht wie du und mache Tag ein, Tag aus Scherze, damit ich mich der Wahrheit nicht stellen muss.“, spottete sie ruppig. Ihr wahr bewusst, dass diese Spitze gegen ihn schärfer war, als es notwendig gewesen wäre. Sein Mund verzog sich säuerlich.

„Tut mir ja leid, dass du offensichtlich den Verstand verlierst und sich deine Erinnerungen in Luft aufgelöst haben. Ich dagegen kann mich sehr gut erinnern!“, gab er zurück. Sie kam nicht umhin eine gewisse Unsicherheit in seiner Haltung zu vernehmen.

„Wo ist dein Vater?“, wiederholte sie ihre Frage und näherte sich ihm. Noch immer stand sie, also musste er zu ihr aufsehen, aber da sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, sah sie seine sprunghafte Miene. Verwirrung, Grübeln, etwas ähnliches wie Wut, aber nicht ganz ausgereift.

„Das werde ich dir garantiert nicht sagen.“, das war die Antwort, für die er sich entschied. „Als du meintest, du würdest etwas über mich wissen wollen, dachte ich irrwitziger Weise, dass es dir wirklich um mich geht. Aber da habe ich mich wohl getäuscht, was?“, zischte er, stand auf und war nun selbst derjenige, zu dem sie aufsehen musste.

„Deine Familie gehört zu dir.“, murmelte sie geschlagen. War er tatsächlich davon ausgegangen, dass sie sich für ihn interessierte? Warum sollte ihm das wichtig sein? Zumindest ließ sein Verhalten das vermuten. Sie wollte es nicht zugeben, aber diese Aussage bewegte sie auf eine wahnwitzige Art.

Ein kopfschüttelndes Lachen entwich ihm: „Sagt die, die sich nicht einmal an den Verbleib ihrer Mutter erinnern kann. Geschweige denn ob sie sie überhaupt kennt.“

„Malfoy, ich dachte wir könnten uns verstehen. Nun versuchen wir einmal nicht über den Schulstoff zu reden und streiten uns. Das war keine gute Idee.“, das wars. Sie gab klein bei. Sie hatte es versucht, sich ihm auf persönlicher Ebene zu nähern und war kläglich gescheitert.

„Der Fehler liegt an der Stelle, an der du dachtest, wir könnten uns verstehen. Gryffindor und Slytherin, das ist seit dem Mittelalter zum Scheitern verurteilt.“

„Du musst es doch ebenfalls gedacht haben, als du mich fragtest, ob wir reden. Oder nicht?“, entgeistert blinzelte sie. Hier waren sie nun, standen sich in einem Ort gegenüber, an dem sich Paare zum Kuscheln und Knutschen trafen und sie starrten sich mit unterkühlten Blicken entgegen.

„Vielleicht habe ich es in Erwägung gezogen.“, schnarrte er. „Aber es hat sich ja, wie ich eben schon sagte, herausgestellt, dass es dir nur um dich, deine Sensationslust und Neugierde geht. Ich hätte es vorher wissen können, aber woher, wenn ich dich beinahe gar nicht kenne?“

„Doch, ich wollte dich kennenlernen.“, begann sie zögerlich. Sie schluckte und drängte die alarmierenden Gefühle zurück, die sie davon abhalten wollten, ihm die Wahrheit zu sagen und sich verletzlich zu präsentieren. „Als du mich in London angerempelt hast dachte ich: Wer ist Malfoy eigentlich? Ich konnte mir die Frage nach so langer Zeit nicht selbst beantworten. Aus irgendwelchen Gründen laufen wir uns in diesem Schuljahr häufig über den Weg, also dachte ich, ich könnte versuchen mich mit dir zu verstehen. Wer weiß? Vielleicht interessiert er sich genauso sehr für den Unterrichtsstoff? Überlegte ich mir, um eine mögliche Gemeinsamkeit zu finden. Ich dachte, vielleicht gäbe es einen Menschen hinter deiner Erscheinung, der lustig ist und … ach ich weiß nicht, was ich dachte, okay?“, stieß sie atemlos aus und machte einen Schritt zurück. Sie musste sich von ihm entfernen. „Jedenfalls… ich durfte ja heute erneut feststellen, dass hinter deinem Auftreten nichts steckt. Du bist einfach nur du. Und du bist arrogant, verschlossen, zynisch und hältst dich trotzdem für uninteressant, damit niemand auf die Idee kommt, sich mit dir anfreunden zu wollen. Aber ich habe hier die erlösende Nachricht für dich: Du hattest recht. Du bist tatsächlich total langweilig, denn du bist simpel und einschichtig.“

Sie endete ihre Rede atemlos, mit zusammengepressten Lippen musterte er sie abschätzig. Dass er diese Worte nicht hören wollte war ihr bewusst, bestätigten sie doch nur seine vorher angekündigte Vermutung. Nämlich dass sie ihn genau so sehen würde.

„Fein.“, knurrte der Blonde, stieß sie im Vorbeigehen mit seiner Schulter an, da sie den Ausweg blockierte. Für eine letzte Bemerkung drehte er sich jedoch noch einmal zu ihr um: „Ich will ja nicht sagen, dass ich es dir gesagt habe, aber: Ich habe es dir gesagt. Komm nicht auf die Idee, mich noch einmal um Hilfe zu bitten. Deine Art mich mit deinen Fragen löchern zu wollen nervt. Denn ich bin nicht so jemand, der permanent mit seinen ach so tollen Geheimnissen, Interessen und Neigungen hausieren geht. Zumindest nicht vor Menschen, die ich seit gerade mal einer Sekunde kenne.“

„Dann verschwinde doch endlich, wenn ich so furchtbar bin!“, lamentiert sie und stützt ihre Hände auf ihrer Hüfte ab.

„Musst du immer das letzte Wort haben?“, meckernd kam er auf sie zu. Sie fühlte sich, als währen sie zwei gleiche Ladungen, die sich abstießen, aber nur, wenn zu wenig Platz zwischen ihnen war. Nur um kurz darauf zurückzukommen und sich erneut abzustoßen.

„Ich bin Hermine Granger. Ich habe immer das letzte Wort.“

„Du-“, brauste Malfoy auf, hielt inne, machte eine undefinierbare Geste mit seinen Händen, die genervt, verzweifelt und unschlüssig wirkte. Darauffolgend machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte davon: „Lass mich bloß in Ruhe!“

Innerlich lachte sie bösartig, aber ihr Gesichtsausdruck war sauer, als sie ihm hinterherrief: „Lass du mich in Ruhe!“

Ein zorniger Mittelfinger seinerseits war das Letzte, das sie von ihm sehen sollte, ehe er die Ecke am Ende des Korridors umrundete. Mit noch immer aufgeregt schlagendem Herzen überkreuzte sie ihre Arme vor der Brust. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass das nicht ihre letzte Konfrontation bleiben würde.



~*~

A.N.: Tja, Hermine und Draco zoffen sich auch in dieser Realität. Unverbesserlich, die beiden.  Schönen Sonntag an alle!