Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Abseits des Pfades

von Monama
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Klekih-Petra Nscho-Tschi OC (Own Character) Old Shatterhand Sam Hawkens Winnetou
04.07.2020
02.03.2021
25
87.464
8
Alle Kapitel
169 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
23.02.2021 2.279
 
3 Monate später, Ende März

„Mein Bruder will zu Besuch kommen!!“ Der Schreck über diese Nachricht stand Matthew überdeutlich ins Gesicht geschrieben, als er mit weit aufgerissenen Augen von Winnetou zu Old Shatterhand blickte und dann wieder fassungslos auf den Brief zurück, den er noch in der Hand hielt.
Old Shatterhand zog die Augenbrauen hoch: „Ceiron?!“
„Oh Gott, nein“, entfuhr es Matthew, um aber gleich darauf wieder recht unglücklich dreinzuschauen: „Nein, Hallam...“
„Na, dann begleitet er Mary und die Kinder hierher, das ist doch wiederum gut…“, setzte Old Shatterhand an, wurde aber sofort unterbrochen.

„Von denen steht hier gar nichts!!“, rief Matthew beinahe panisch, „hier steht nur, dass ER kommt. Er hat geschäftlich in San Francisco zu tun, und wenn er sowieso schon mal hier ist, kann er mich auch besuchen kommen. BESUCHEN!! Als ob DER mich besuchen will. Was will der hier?? Außer sich einmal umzugucken und einen abfälligen Spruch zu machen?! Dafür kann er sich die Anreise doch sparen.“ Es folgte ein aufgeregter Redeschwall, der sich zunehmend in Wut verwandelte und den Old Shatterhand zu unterbinden versuchte, indem er begütigend auf den Freund einredete. Winnetou stand neben den beiden, mochte nach außen hin unbeteiligt wirken, doch wer ihn kannte, wusste, dass das nicht stimmte. Nicht nur dass diese Nachricht seinen guten weißen Bruder derart in Aufregung versetzte, es war auch nicht das, was er Matthew und sich selbst gewünscht hatte. Beide hatten gedacht, dass Mary und die Kinder anreisen würden.

„Vielleicht kündigt Mary ihren Besuch ja separat an“, versuchte Old Shatterhand es weiter, und dies immerhin schien Matthew etwas zu beruhigen: „Ja, gut, das könnte sein. So egozentrisch wie Hallam ist, schreibt er vielleicht wirklich nur von sich selbst… Aber der Brief kommt aus Indien, und dann vermute ich, dass er direkt über Kalkutta anreist. Mary und die Kinder sind ja in England…“
„Was bedrückt meinen weißen Bruder? Warum ist Hallams Besuch solch eine Belastung?“, fragte Winnetou entgegen seiner sonstigen Gewohnheit doch sehr direkt, damit sie zu dem Kern des Problems vordrangen. Matthew sah seinen Freund daraufhin geradezu entgeistert an, als ob diese Frage völlig überflüssig sei, überlegte dann aber, wie er Winnetou das erklären konnte. Auf die Schnelle fiel ihm nichts ein, also beschränkte er sich auf das Pragmatische: „Wo soll ich den denn unterbringen?? Den kann ich doch nicht in eins der Kinderbetten legen… Und Bhupi kommt ja auch mit, wo soll der schlafen. Im Stall?? Und wer weiß, was Hallam sonst noch für eine Entourage hat…“

Winnetou hatte eine Idee, von der er aber noch nichts verlauten ließ, er wollte zunächst erst einmal mit seinem Blutsbruder darüber sprechen. Um das Thema weg von Hallams Besuch wieder auf Mary und in sicheres Fahrwasser zu bringen, fragte Old Shatterhand: „Wie geht es denn Mary und deinen Neffen eigentlich, was hat Mary im letzten Brief geschrieben?“

Das erinnerte Matthew an etwas und er fuhr aus dem Sessel hoch: „Winnetou, für dich ist ja ein Brief aus England eingetroffen, den habe ich ganz vergessen!! Der kam nicht über Mary zu dir, sondern ist mit in meinem Päckchen gelandet, aber als ich das gemerkt hatte, warst du schon weg.“
Beide Blutsbrüder schauten ihn interessiert an, Old Shatterhand nicht minder. Matthew schmunzelte: „Ich glaube fast, den hat Henry an seiner Mutter vorbeigeschmuggelt, denn der geht doch sonst mit Marys Post immer direkt an dich, Winnetou!"

Matthew öffnete eine Schublade, wühlte etwas darin herum und kam dann mit einem Papier zu Winnetou zurück. Der Häuptling nahm es an sich, ohne dass sich ein Gesichtsmuskel regte, und doch spürte Old Shatterhand, dass dieser Brief seinem Blutsbruder viel bedeutete.
Winnetou sprach nie darüber, was in den Briefen stand – oder wie viele er bekommen hatte–, doch Old Shatterhand nahm an, dass es mindestens schon zwei oder drei waren, was ja nicht wenig war, wenn man bedachte, dass es sich um ein kleines Kind handelte und dass der Postweg mindestens drei Wochen schon per Schifftransport brauchte, und dann noch überland mit der Eisenbahn, bis die Post von New Orleans bis Santa Fé gereist war. Ob Mary wohl auch etwas schrieb, oder nur der Kleine? Die Konventionen sahen ja eigentlich nicht vor, dass unverheiratete oder verwitwete junge Frauen mit Männern, mit denen sie nicht verwandt waren, eine Briefkorrespondenz unterhielten. Andererseits war Mary aber auch keine konventionelle Frau und hatte ihren eigenen Kopf. Sehr zu seiner Enttäuschung war Old Shatterhand hier aber auf seine eigenen Spekulationen angewiesen.

Den ersten Brief hatte Winnetou jedenfalls schon erhalten, als sie nach der Unternehmung Melton/Vogel zurück nach Santa Fé geritten waren, wo Winnetou in dem Store etwas einkaufen wollte, was nach Old Shatterhands Meinung nicht unbedingt nötig gewesen wäre, aber er hatte natürlich nichts gesagt, nur in sich hineingeschmunzelt und Winnetou beigepflichtet, dass es sicherlich nicht schaden konnte, noch zusätzliche Munition hier einzukaufen. Und da hatte der erste Brief schon bereit gelegen. Ob Winnetou das gehofft hatte, oder war das seiner ureigenen Intuition geschuldet, dass er es einfach gespürt hatte? Der Häuptling hatte darüber natürlich kein Wort verloren, auch nichts zum Inhalt – darüber schon gar nicht – und Old Shatterhand hatte noch nicht einmal gesehen, dass Winnetou den Brief überhaupt gelesen hatte. Und doch war er sich sicher, dass der Apache dazu die erste sich ihm bietende Möglichkeit der Privatsphäre genutzt hatte.

Privatsphäre? Es war selten, dass die Blutsbrüder nicht alles teilten, doch Herzensangelegenheiten besprach Winnetou auch mit ihm nicht; nie sprach er über die Menschen, die er geliebt und verloren hatte. So hatte Old Shatterhand seinerzeit auch nur durch Zufall von Ribanna erfahren, und nur über Nscho-tschi von der verstorbenen Mutter, und auch die Namen von Nscho-tschi und Intschu tschuna hatte Winnetou nach deren Tod kaum mehr erwähnt.
Old Shatterhand beschloss, Winnetou seine Freiheit zu lassen und fragte Matthew: „Wollen wir nicht mal nach draußen gehen und schauen, wie Chaska mit dem Tomahawk zurechtkommt?“ Kaum hatten die beiden Männer die Hütte verlassen, faltete Winnetou den Brief auseinander und erschrak.



                                                                                   ****


2 Monate früher,
Norton Green im Januar

Henry hatte doch beim letzten Mal genau zugeguckt, wo Mama die Adresse von Winnetou aufbewahrte, in ihrem Sekretär nämlich. Henry wusste auch, wo der Schlüssel dazu war. Als Mama sich noch bei Großmutter aufhielt, um ihr Gesellschaft zu leisten und meinte, Henry würde schon schlafen, hatte er sich auf leisen Sohlen aus seinem Zimmer geschlichen, um seinen Brief an Winnetou, den er heimlich geschrieben hatte und den Mama nicht lesen sollte, mit der richtigen Adresse zu versehen.

Winnetou musste ihnen helfen, damit sie hier herauskamen. Er sollte Mama und ihn zu sich holen, Mama wollte doch sowieso Onkel Matthew besuchen! Warum dann nicht gleich jetzt? Bis Arthur aus dem Internat kam, war doch noch so viel Zeit, da wären sie längst wieder zurück. Außerdem hatte Onkel Hallam ihnen verboten, zu Winnetou zu reisen oder weitere Briefe zu schicken, darum wollte Henry schnell zu Winnetou fahren, solange Hallam noch in Indien war! Wer weiß, was passierte, wenn der wiederkam. Vielleicht zog er auch noch in Norton Green ein und würde sie bewachen? Henry hatte Angst, dass es die Reise nicht mehr geben würde, er hatte sogar letzte Nacht davon geträumt, dass sie gerade aufs Schiff gehen wollten und dann war Onkel Hallam am Hafen aufgetaucht und hatte sie weggezerrt, so dass das Schiff ohne sie ausgelaufen war! Henry war bitterlich weinend aufgewacht und hatte darum jetzt beschlossen, sich selbst um die Reise zu kümmern. Darum hatte er Winnetou heute geschrieben und sein Leid geklagt. Sicherlich würde Winnetou ihnen helfen, damit sie schnell aus England wegkamen.


Lieber Winnetou,

bitte komm uns holen! Oder mach dass wir endlich zu dir fahrn dürfen!
Großmutter is sehr krank ich glaube sie wird bald sterben. Papa is hier auch gestorben! Mama is auch krank hat immer Migrene das sind so Kopfschmerzen und sie übergibt sich dann immer.
Sol is auch krank! Ich habe Angst dass Sol auch stirbt! Dann bin ich ganz alleine Arthur is ja fast immer in der blöden Schule. Bei dir sind doch bestimmt noch andere Kinder da mit denen ich spielen kann. Und da sind auch meine beiden Kusängs die Söhne vom Onkel. Ich will dass wir zu dir fahren damit wir hier nich sterben. Mama sagt aber das ist Unsinn wir sterben hier nicht aber vielleicht Großmutter weil sie schon alt is. Wir sind nur so viel krank weil es hier immer regnet. Regnet es bei dir auch so viel? Onkel Hallam ist wieder abgereist dem is hier auch zu viel Regen aber das ist nicht schlimm den vermise ich nich. Aber dich vermise ich! Vermist du mich auch?
Ich hoffe wir könn bald kommen

Tschüss Henry


Henry faltete den Brief sorgfältig zusammen und nahm sich einen der Umschläge. Dort legte er ihn hinein und schrieb ganz vorsichtig mit großen Buchstaben Winnetous Namen darauf. Er wollte so schreiben wie Mama, aber das schaffte er nicht ganz, seine Schrift sah leider nicht so schön aus.
Aber was war jetzt mit der Adresse? Frustriert überlegte Henry sich mehrere Möglichkeiten, die er aber alle wieder verwerfen musste, bis er sich daran erinnerte, dass Mama an den nächsten Tagen ein Päckchen mit Geschenken an Onkel Matthew und die Cousins schicken wollte. Da musste Henry den Brief reinschmuggeln. Onkel Matthew würde ihn dann ganz bestimmt an Winnetou weitergeben, denn Winnetous Name stand ja darauf.



                                                                                             ****



Erschrocken las Winnetou nun zwei Monate später diesen Brief. Was war da los? Es dauerte glücklicherweise nicht lange, bis Matthew wieder das Haus betrat. Er sah die Besorgnis in des Häuptlings Gesicht und fragte: „Alles in Ordnung?“ Winnetou reichte ihm wortlos den Brief.
Matthew seufzte und erklärte: „Ja, das passt zu dem, was Mary auch schon schrieb. Die fühlen sich auf Norton Green nicht wohl. Mary hat geschrieben, dass Hallam das Haus wohl inzwischen renoviert haben will, aber wirklich gemütlich ist es da immer noch nicht. Der Schwiegermutter geht es gesundheitlich sowieso nicht gut, vorher schon nicht, und Henry schlafwandelt, seit sie da sind. Er vermisst Onkel Robert und Tante Elli, er ist ja sowieso ein sensibles Kind... Mal ganz davon abgesehen, dass Hallam sich an Weihnachten unmöglich aufgeführt hat. Hat Mary dir davon geschrieben, dass sie die Geschenke vertauscht haben?“ Also doch, dachte Winnetou und schüttelte stumm den Kopf.

Matthew erklärte: „Die Liebesgedichte, die ich bekommen habe, waren für Tante Elli gedacht. Das Buch, das du erhalten hast, war für mich, und das Buch, das Henry für dich so liebevoll ausgesucht hatte – eine Kriegergeschichte aus den Highlands – hat Tante Elli bekommen.“ Matthew grinste: „Darüber hat sich dann zumindest Onkel Robert gefreut. Henry war dann aber so enttäuscht, dass er verraten hat, dass die Geschenke vertauscht wurden, und frag mich nicht, was das Problem war, aber Hallam hat ein Riesentheater gemacht… Er dachte wohl, jetzt habest du die Liebesbriefe bekommen, und er war dann so ungehalten – ist ja unschicklich und so – dass er Mary und Henry gleich jegliche Korrespondenz verboten hat.“

Als er sah, wie ein Muskel in Winnetous Gesicht zuckte, sagte Matthew schnell: „Daran halten sie sich sowieso nicht, das kann er ja auch gar nicht nachprüfen. Außerdem ist er jetzt schon in Indien, also alles gut. Mich würde nur nicht wundern, wenn er nicht zuletzt deshalb dagegen ist, dass Mary mit den Jungen kommt. Dabei wäre Hallam ja selbst mit vor Ort und könnte sogar alles überwachen. Na ja, aber den zu verstehen, würde wohl bedeuten, man wäre selber so verrückt, also was soll es. Jedenfalls hat Hallam seinerseits großartige Geschenke gemacht: Arthur muss jetzt noch mehr reiten, kriegt das Pferd in die Schule geliefert und hat jetzt gar keine freien Tage mehr. Mary, Henry und die Schwiegermutter mussten zurück nach Norton Green und frieren da ordentlich, die gemütliche Zeit mit Tante Elli und Onkel Robert ist auch vorbei. Da hat unser lieber Herr Graf jedenfalls nichts ausgelassen, sondern ist wie ein Fuchs durch den Hühnerstall getobt, wie er das ja so liebt, und nachdem er alle eingenordet hat, ist er wieder abgereist.“ So wie Matthew daraufhin den Blick durch sein Wohnzimmer schweifen ließ, dachte Winnetou, ging Matthew in Gedanken wohl auch schon durch, wie Hallam demnächst wohl wie ein Fuchs auch durch diesen Hühnerstall toben würde.

„Ach“, fiel Matthew noch ein, „Mary schrieb noch, dass sie Hallam dann erzählt hat, dass du ja Othello gerettet hast, also solle er sich mal nicht so aufregen. Falls ihr euch hier begegnen solltet, spricht er dich da bestimmt drauf an, das Pferd ist ihm ja wichtiger als die ganze Familie zusammen.“ Matthew schnaubte, und Winnetou richtete sich steif auf: „Gerettet wurde Othello von Chandra, der ihm das Pulver gegeben hat!“ Matthew winkte ab: „Ach, ist doch egal. Bei Hallam zählt sowieso nur das Endergebnis. Dann wird er dich zumindest freundlich behandeln, glaub mir, das ist was wert. Nicht dass du das nötig hättest, aber dann ist er ein bisschen besser zu ertragen.“ Winnetou saß immer noch wie zur Salzsäule erstarrt, als sich Matthew nun ans Klavier setzte. Er spielte nach alter Gewohnheit ein paar Lieder, während Old Shatterhand sich draußen immer noch mit Chaska beschäftigte, aber Winnetou merkte sehr wohl, dass Matthew nicht bei der Sache war.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast