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Mit anderen Augen

von Merle M
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Albus Dumbledore Harry Potter Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Minerva McGonagall Severus Snape
03.07.2020
20.01.2022
62
411.936
96
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
03.07.2020 5.889
 
Disclaimer

Einordnung: Beginnt Anfang des 5. Schuljahres. Alle Ereignisse bis dahin werden berücksichtigt. Ich werde im Verlauf der Geschichte stärker vom Canon abweichen.

Hauptcharaktere: Severus Snape, Harry Potter, Albus Dumbledore, Dr. Emanuel Timothy (Heiler, OC)

Mentor-Beziehung: Albus x Severus; Severus x Harry. Slow burn! Am Anfang mögen sich die "Pairings" nicht besonders ;-). Kein Slash.

Warnungen: torture, abuse, rape, domestic violence, self harm, eating disorder



Prolog

„Harry! Harry wach auf, es ist nur ein Traum!“, Ron stand über seinen Freund gebeugt und schüttelte ihn an beiden Schultern, „Harry, wach auf!“

Doch der Schwarzhaarige blieb im Schlaf gefangen. Er warf sich unter Rons Händen hin und her, zitterte. Schweißperlen glänzten auf seinem Gesicht.

„Harry, jetzt komm schon, wach auf!“, Ron klatschte ihm kurzentschlossen mit der flachen Hand gegen die gerötete Wange. Harrys Lider flogen mit einem Schmerzensschrei auf, zeigten glasiges Grün.

„Sorry, Mann, aber du wolltest nicht aufwachen …“, murmelte der Rothaarige entschuldigend. Doch es war nicht die Ohrfeige, die seinem Freund Schmerzen bereitete. Harry presste eine Hand gegen seine Narbe, verzog das Gesicht.

„Hast du wieder eine Vision?“, Ron beobachtete seinen Freund kritisch.

„Muss … muss zu Professor Dumbledore“, brachte Harry hervor und schälte sich aus den Laken.

„Zu Dumbledore?“, wiederholte Ron und half dem Schwarzhaarigen, das verschwitzte Pyjama-Oberteil gegen einen Gryffindorpulli einzutauschen. Harry schien unter den Schmerzen der Narbe immer noch halb blind und fahrig. Ron zog seinen Freund vom Bett hoch und legte sich einen seiner Arme um die Schulter. So stolperten sie langsam hinunter in den Gemeinschaftsraum. Die Scheite im Kamin waren längst heruntergebrannt und glühten nur noch.

„Hermine“, stieß Ron überrascht aus und dirigierte Harry in die Richtung der Sessel vor dem Kamin, „Hermine, wach auf.“

Die Gryffindor war mit einem Buch im Schoß eingeschlafen. Nun schlug sie die Augen auf, schreckte kurz orientierungslos hoch, dann fand sie die Augen des Rotschopfes. „Ron! Was ist los?“, ihr Blick fiel auf Harry, der seine freie Hand noch immer gegen seine Stirn presste, „Was ist mit Harry? Wieder eine Vision?“

„Snape!“, brachte Harry mit geschlossenen Augen hervor.

„Mine, du siehst doch, wie schlimm es wieder ist“, sagte Ron mit einem besorgten Seitblick auf Harry, der mittlerweile sehr blass geworden war. Hermine stand mittlerweile vor den beiden Jungen.

„Muss mit … Dumbledore sprechen …“, Harry zwang seine Augen auf, die wild vor Kopfschmerz waren. Der Schmerz wurde so heftig, dass er sich vor Hermines Füße erbrach. „Sorry, Mine …“, murmelte er erschöpft.

„Nicht schlimm“, wiegelte sie sogleich ab und ließ das Erbrochene mit einem Schwenk ihres Zauberstabes verschwinden, dann löste sie Harrys Hand sanft von seiner Stirn und legte sich seinen Arm um ihre Schulter, sodass der Schwarzhaarige nun zwischen seinen Freunden hing. So schleppten sie sich Richtung Schulleiterbüro.

„Ms. Granger, Mr. Weasley – was ist mit Mr. Potter?“, eine nächtlich patrouillierende McGonagall stieß auf die drei Gryffindors. Sie beleuchtete die Schüler mit ihrem Zauberstab.

„Professor McGonagall“, setzte Hermine schnell an, „Harry geht es nicht gut. Er muss zum Schulleiter“, erklärte sie.

„Zum Schulleiter? Der Krankenflügel erscheint mir die bessere Wahl“, entschied die Hauslehrerin mit einem Blick in das blasse, verschwitzte Gesicht des Schwarzhaarigen.

„Nein!“, stieß Harry energisch aus, „Ich muss mit Professor Dumbledore sprechen.“

„Ich werde den Schulleiter in den Krankenflügel holen“, erwiderte McGonagall unnachgiebig und bedachte dann die beiden Vertrauensschüler mit einem eingehenden Blick, „Bringen Sie Mr. Potter zum Krankenflügel. Ich komme mit dem Schulleiter nach.“

Als die beiden Professoren den Krankenflügel betraten, hatte Madame Pomfrey den Patienten bereits einen frischen Pyjama anziehen lassen und in eines der Betten verfrachtet. Harry umklammerte noch immer leicht zittrig ein Glas Wasser und nippte vorsichtig daran. Auf dem Nachtisch stand ein leere Phiole Kopfschmerztrank.

„Besser?“, fragte Hermine voller Sorge.

Harry nickte. Sein Blick war bereits viel klarer.

„Harry“, Dumbledore trat an das Bett, „Du hast deinen Freuden und Professor McGonagall einen kleinen Schrecken eingejagt. Wie ich sehe, konnte Poppy dir schon helfen?“, die saphirblauen Augen betrachteten den Schüler gewohnt gütig, doch ebenso wachsam.

„Ich muss mit Ihnen sprechen, Professor Dumbledore!“, brauste Harry sogleich auf.

„Die Station ist ansonsten leer“, mischte sich Madame Pomfrey ein, „Ich bin in meinem Schwesternzimmer.“

„Danke, Poppy“, sagte Dumbledore mit einem leisen Lächeln und wandte sich wieder zu Harry, als die Krankenschwester verschwunden war, „Ich nehme an, du hattest wieder eine Vision?“

„Snape ist ein Todesser!“, schrie Harry sogleich.

„Harry“, unterbrach ihn der Schulleiter, „Es heißt Professor Snape und wie du sehr wohl weißt, bin ich mir seiner Vergangenheit sehr wohl bewusst-“

„Er ist ein aktiver Todesser“, fuhr der Gryffindor dem alten Zauberer ins Wort, „Ich habe ihn gesehen! Ich habe ihn mit Voldemort gesehen! Er dient ihm.“

Dumbledore fuhr sich durch den silbernen Bart. Bevor er etwas erwidern konnte, erhob Hermine die Stimme: „Harry, ich denke, das ist der Grund, weshalb Professor Snape im Orden ist“, sagte sie leise, was ihr die überraschten Blicke aller Anwesenden einbrachte.

„Weshalb sollte-“, wollte sich Harry sogleich ereifern.

„Denk nach, Harry“, stoppte Hermine ihren Freund, „Professor Snape trägt das Dunkle Mal und dennoch vertraut Professor Dumbledore ihm. Ein Todesser in Hogwarts. Er spioniert für den Orden“, schloss sie mit einem fragenden Blick in Richtung des Schulleiters.

„Ms. Granger beweist erneut Ihren außergewöhnlichen Verstand“, bestätigte Dumbledore das soeben gesagte. Einen kurzen Moment herrschte Schweigen.

„Woher wollen Sie wissen, dass Snape nicht doch für Voldemort spioniert?“, fragte Harry - wie immer misstrauisch, wenn es um den Tränkemeister ging.

Dumbledore atmete langsam aus. „Weil ich Professor Snape vertraue, Harry. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen.“

„Weiß der Orden davon?“, fragte Harry, noch immer stoisch.

„Selbstverständlich weiß der Orden von Professor Snapes Position. Seine Informationen sind für unsere Arbeit unerlässlich“, antwortete Dumbledore ruhig.

„Wieso hat uns niemand etwas erzählt?“, brauste der Schwarzhaarige auf.

„Weil ihr noch keine Mitglieder im Orden seid“, sagte der Schulleiter entschieden, „Und dieses Wissen sehr sensibel ist. Es ist für Professor Snapes Schutz unerlässlich, dass niemand außerhalb des Ordens von seiner Position erfährt“, er bedachte die Schüler mit einem durchleuchtenden Blick, „Ich muss euch daher dazu anhalten, dieses Wissen mit niemandem außerhalb des Ordens zu teilen.“

Die drei Gryffindors nickten. Für Harry war das Thema noch nicht abgeschlossen: „Aber wie können Sie wirklich sicher sein, dass Snape auf unserer Seite steht?“

„Harry“, Dumbledores Stimme gewann an gütiger Strenge, „Dies ist eine Sache, die nur mich und Professor Snape etwas angeht.“

Hermine legte Harry eine Hand auf den Unterarm, um ihn zu beschwichtigen.

„Aber wie können Sie sicher sein, dass Snape keine Informationen an Voldemort verrät?“, ließ er nicht locker.

„Ich bespreche mit Professor Snape, mit welchen Informationen er Voldemort zufriedenstellt. Diese weiterzuleiten und gleichzeitig entscheidende Informationen zurückzuhalten, ist eine Aufgabe, dich ich nur ihm zutraue“, erwiderte Dumbledore noch immer geduldig mit dem misstrauischen Gryffindor.

„Aber wie können Sie sich wirklich sicher sein, Sir? Ich meine, wie können Sie garantieren, dass Professor Snape unter keinen Umständen den Orden verrät?“, drängte der Jugendliche von seinem Bett aus. Dumbledore hatte bisher am Fußende des Bettes gestanden, doch nun löste er sich aus dieser Position und setzte sich auf die Bettkante. Sein Blick war eindringlich. „Was hast du gesehen, Harry?“, Dumbledores Stimme machte deutlich, dass er ohne diese Information keine weiteren Anschuldigungen würde zulassen.

Harry senkte den Blick. „Er war wütend, unzufrieden. Er hat ihn gefoltert“, antwortete er leise.

„Voldemort hat Professor Snape gefoltert?“, wiederholte Dumbledore.

„Er hat ihn bestraft“, bestätigte Harry mit weiterhin gesenkter Stimme, bevor er Dumbledores Blick suchte, „Wie können Sie sicher sein, dass er selbst dann nichts sagt, Sir?“

„Professor Snape hat seinen Geist sehr gut unter Kontrolle. Ich würde mir keine Sorgen machen, dass er etwas verraten hat, das nicht für Voldemorts Ohren bestimmt war. Zudem sind das Schloss sowie das Geheimquartier gut geschützt, Voldemort könnte keinen Schaden anrichten“, sagte Dumbledore entschieden, „Vor allem ist es nicht eure Aufgabe, euch darüber Gedanken zu machen“, fügte er mit Nachdruck an und erhob sich dann von der Bettkante, „Minerva, wärst du so freundlich und holst Poppy? Ich denke, Harry kann einen Trank für einen traumlosen Schlaf gebrauchen.“

McGonagall nickte und verschwand dann, um Madame Pomfrey zu holen.

„Sie sollten in Ihre Betten zurückkehren“, wandte sich der Schulleiter an die beiden Vertrauensschüler, „Auch wenn Ms. Granger so aussieht, als habe Sie noch gar nicht geschlafen“, er zwinkerte angesichts der Schülerin, die mitten in der Nacht noch ihre Schulkleidung trug. Die beiden verabschiedeten sich von Harry und versprachen, ihn morgen zum Frühstück abzuholen.

*

Professor McGonagall betrat das Schulleiterbüro. Sie fand den Schulleiter an einem Fenster stehend, den Rücken ihr zugewandt.

„Mr. Potter schläft nun traumlos“, informierte sie, „Poppy meldet sich, sollte er wider Erwarten eine weitere Vision haben.“

„Danke, Minerva“, Dumbledore drehte sich langsam zu ihr.

„Er ist noch nicht wiedergekehrt?“, fragte sie.

Der Schulleiter schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht ungewöhnlich spät“, erklärte er mit einem Blick auf die Uhr, welche halb zwei morgens zeigte, „Spät, doch noch im Rahmen“, fügte er an, und es klang, als müsse er sich selbst beruhigen.

Die Verwandlungslehrerin trat näher an ihn heran. Wie die meisten aus dem Orden wusste selbstverständlich auch sie von Severus Funktion als Spion. Doch abgesehen von den kurzen Berichten, die der Tränkemeister in den Sommerferien bei den Ordenstreffen abgegeben hatte, hatte sie sich mit seiner Tätigkeit nicht weiter auseinandergesetzt. Snape besprach sich in erster Linie mit Dumbledore.

„Ich frage mich, was geschehen ist, dass Tom Severus foltert“, sagte Dumbledore, mehr zu sich selbst.

„Ist es … das erste Mal?“, fragte Minerva zögerlich.

Der Schulleiter sah sie schmerzlich an. „Meines Wissens nach, ja.“

„Albus“, sie trat näher an ihn heran und berührte ihn in einer Trost spendenden Geste am Oberarm, „Er wird schon zurückkehren.“

Dumbledore nickte. „Als Severus nach Voldemorts Rückkehr zu ihm zurückging, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Wir konnten nicht wissen, wie Tom reagierte und ob er ihn wieder aufnehmen würde. Doch ich habe mir nie Sorgen um Severus‘ Unversehrtheit gemacht – mehr darum, ob er seine wichtige Position als Spion wieder würde einnehmen und halten können. Seitdem … ist es wieder so selbstverständlich geworden, dass er gerufen wird und zurückkehrt, um mir Bericht zu erstatten. Severus ist immer sehr zurückhaltend mit allen Informationen, die nicht entscheidend sind für den Krieg – mit allem, was zum Todesser-Dasein noch dazugehört. Bisher waren es immer die anderen, die bestraft wurden.“

„Auf was müssen wir uns einstellen?“, fragte McGonagall mit Grauen in der Stimme.

„Ich weiß es nicht“, gab Dumbledore resigniert zu, „Voldemort verwendet gern den Cruciatus. Vielleicht war es nicht mehr als ein kurzer Fluch …“

Sie verfielen in Schweigen. Dumbledore bereitete einen Tee zu und starrte dann, die Tasse umklammernd, wieder aus dem Fenster. Beinahe eine Stunde warteten sie still. Dann klopfte es. Dumbledore eilte zu der Türe und riss sie auf.

„Severus!“, stieß er aus und musterte seinen Spion.

Snape zog eine Augenbraue hoch. „Schulleiter“, sagte er ungerührt, „Wenn Sie Ihre Musterung abgeschlossen haben, darf ich eintreten?“

Dumbledore machte einen Schritt zur Seite und ließ den Tränkemeister in das Büro.

„Minerva“, grüßte dieser knapp die Verwandlungslehrerin, „Ist was mit Potter oder wozu das nächtliche Aufgebot?“, fragte er dann harsch. McGonagall tauschte einen schnellen Blick mit Albus. Snape war offensichtlich zurückgekehrt, also war es für sie nun an der Zeit, sich zurückzuziehen. „Ich wünsche eine angenehme Nacht“, sagte sie, bevor sie sich aus dem Schulleiterbüro entfernte.

„Harry hatte erneut eine Vision“, klärte Dumbledore den Slytherin auf. Dieser stieß die Luft aus. „Die Verbindung zum Geist des Dunklen Lords scheint sich weiter zu verfestigen. Das könnte eine potentielle Gefahr sein, insofern der Dunkle Lord sich irgendwann dieser Verbindung bewusst werden sollte“, sagte Snape.

„Das haben wir besprochen, ich weiß, Severus. Ich werde das weiter beobachten“, erwiderte der alte Zauberer, während er weiterhin die Erscheinung seines Spions betrachtete. Snape trug seine üblichen schwarzen Roben und hatte den Todesserumhang bereits gegen seinen normalen eingetauscht. Seine Züge waren hart, die Augen ruhige Tunnel. Das schwarze Haar war ein wenig unordentlich, wie meistens, wenn er appariert war. Er sah aus, wie immer – körperlich unversehrt.

„Der Dunkle Lord bereitet Gesandte darauf vor, zu den Riesen und Werwölfen Kontakt aufzunehmen“, begann Snape ungerührt seinen Bericht, „Gleichzeitig hält weiterhin an seinem Plan der größtmöglichen Geheimhaltung seiner Rückkehr fest. Ich habe keine Informationen zu möglichen Überfällen auf Hexen oder Zauberer und halte diese momentan für unwahrscheinlich. Ich denke, der Dunkle Lord beabsichtigt in Zukunft, das Ministerium weiter zu infiltrieren. Wir sollten uns dazu absprechen, welche Positionen ich dem Dunklen Lord als vulnerabel vorschlagen kann. Dann wissen wir im besten Falle zweifelsfrei, wer unter einem Imperius-Fluch stehen wird und wer ein Sympathisant des Dunklen Lords ist.“

Dumbledore nickte. „Gut, ich werde mir dazu Gedanken machen“, sagte der Anführer des Phönixordens, „Sonst noch etwas, Severus? Sie waren lange weg.“

„Es war ein langes Treffen“, bestätigte Snape, „Ich musste mir die bedeutungslosen Anliegen der anderen Todesser anhören, bevor ich dem Dunklen Lord meinen Bericht erstattete.“

„War er zufrieden mit Ihrem Bericht, Severus?“

„Ich nehme es an“, erwiderte Snape, „Wenn Sie kein weiteres Anliegen haben, Schulleiter …“, er wandte sich zum Gehen.

„In der Tat habe ich noch ein weiteres Anliegen, Severus“, hielt Dumbledore ihn auf. Snape zog eine Augenbraue hoch. Dumbledores saphirblaue Augen bohrten sich in die Schwarzen. „Verheimlichen Sie etwas vor mir, Severus?“

„Ich verheimliche nichts vor Ihnen, Schulleiter“, antwortete der Schwarzhaarige, „Sie wissen, dass ich Ihnen die relevanten Informationen berichte und nicht jedes Detail der Treffen. Wenn Sie wünschen, berichte ich Ihnen in Zukunft ausführlicher, insofern es Ihre und meine Zeit zulässt“, er warf einen Blick auf die Wanduhr, „Ich habe morgen Unterricht, wenn Sie mich also entschuldigen“, erneut steuerte er auf die Türe zu, und erneut hielt Dumbledore ihn zurück: „Tatsächlich gibt es ein Detail, das mich diese Nacht ausführlicher interessiert, Severus.“

„Welches sollte das sein, Schulleiter?“, er hatte eine Augenbraue hochgezogen.

„Setzen wir uns doch, Severus“, Dumbledore wies auf den Dreisitzer, der an der Wand hinter seinem Schreibtisch stand.

„Es erscheint mir nicht die passende Zeit für einen gemütlichen Plausch“, entgegnete Snape kritisch, „Ich möchte mich noch ein paar Stunden hinlegen, bevor mein Unterricht beginnt. Also kommen Sie wenn möglich direkt zum Punkt“, sagte er hart.

Dumbledore schaute seinen Spion traurig an. „Hat Voldemort Sie heute gefoltert, Severus?“

Die schwarzen Augen waren unergründlich, als er ruhig antwortete: „Ja.“

Der Magen des Schulleiters krampfte sich zusammen. „Wieso haben Sie nichts gesagt?“

„Es erschien mir nicht von Belang. Er war unzufrieden und wütend, jedoch nicht in einem außergewöhnlichen Ausmaß. Meine Stellung ist weiterhin gesichert, es ändert nichts“, antwortete Snape.

„Es ändert nichts“, wiederholte Dumbledore hohl, „Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„War es das, was Potter in seiner Vision gesehen hat?“

Dumbledore nickte bestätigend. Über Snapes Gesicht huschte Wut – musste Potter ihn am Boden vor dem Dunklen Lord sehen?

„Ich nehme an, Sie mussten Potter einweihen, dass ich für den Orden spioniere?“, fragte er kalt, um dann gleich weiter zu reden, „Er wird sowieso weiterhin daran festhalten, dass ich Sie als Todesser hintergehe. Umso besser für meine Tarnung.“

„Harry hat es akzeptiert“, sagte Dumbledore.

„Gut. Bin ich dann für heute entlassen, Schulleiter?“

Nun war Dumbledores Blick unergründlich. „Geht es Ihnen gut, Severus?“

„Es ginge mir besser, wenn ich endlich in meinen Räumen wäre!“, spie er nun ungehalten aus. Dumbledore registrierte, dass Snape kaum merklich begonnen hatte, zu zittern.

„War es heute das erste Mal, dass Tom Sie gefoltert hat?“

„Dumbledore, was sollen diese Fragen? Sie wissen, dass der Dunkle Lord seine Anhänger foltert, weshalb sollte ich eine Ausnahme sein? Er hat reichlich Gelegenheiten, mit mir unzufrieden zu sein. Und Sie wissen, dass er mir nicht gänzlich vertraut – nicht vertrauen kann, solange ich den Großteil meiner Zeit im Schloss mit Ihnen als Schulleiter verbringe. Das bringt meine Position als Doppelspion nun Mal mit sich“, antwortete er ungehalten.

„Und Sie haben die ganze Zeit angenommen, dass mich diese Information nicht interessiert? Dass sie nicht relevant ist?“, Dumbledores Blick war ungläubig.

„Sie ist für den Verlauf des Krieges irrelevant“, sagte Snape ungehalten, „Sie wissen, dass der Dunkle Lord foltert – zu glauben, ich sei eine Ausnahme, war naiv.“

„Sie verändert das Risiko, in das Sie sich begeben“, widersprach Dumbledore.

„Mein größtes Risiko ist, getötet zu werden, bevor es an der Zeit ist“, entgegnete der Spion hart, „Gelegentliche Bestrafungen ändern daran nichts.“

„Severus“, der alte Zauberer schüttelte traurig den Kopf, „Ich hatte keine Ahnung.“

„Doch, die hatten Sie, Schulleiter. Die hätten Sie haben können. Es ist nur so viel leichter, mich meine Arbeit machen zu lassen, wenn man verdrängt, was diese Aufgabe mit sich bringt“, Snapes Stimme war weiterhin fest, doch der schwere Stoff seines Umhangs konnte sein Zittern nicht mehr weiter verbergen. Dumbledore konnte nun deutlich erkennen, wie der schmale Körper bebte.

„Sie hätten es mir sagen müssen, Severus“, Dumbledore trat dicht auf seinen Lehrer zu, suchte den schwarzen Blick, „Vor mir müssen Sie nicht andauernd alles verstecken, sich kontrollieren, Ihre Schilde hochfahren. Ich bin nicht Voldemort. Ich dringe nicht in Ihre Gedanken ein und suche nach Verrat“, seine Stimme war sanft geworden.

„Ich kann es nicht einfach nach Belieben abschalten, Dumbledore“, brachte Snape abweisend hervor, „Ich kann mir vor dem Dunklen Lord keine Schwäche, keine Fehler erlauben, das wissen Sie. Meine Maske muss immer perfekt sein, ich kann sie nicht einfach abnehmen, wenn ich das Schloss betrete. Ich könnte sie nicht wieder lückenlos aufsetzen.“

Dumbledore schaute den Meister der Zaubertränke an. Das war mehr Offenheit gewesen, als er von ihm erwartet hatte. Snape löste den Blickkontakt zu Dumbledore. Der Schulleiter bemerkte, dass der Jüngere Schweißperlen auf der Stirn hatte. Die Haut war noch blasser als sonst. Das Zittern wurde stärker. Kurz erinnerte er ihn an Harry auf der Krankenstation.

„Severus, geht es Ihnen gut?“, Dumbledore verfolgte den Blick des Schwarzhaarigen, und verstand. „Gehen Sie“, sprach der Schulleiter den Lehrer frei. Snape verschwand hinter der Türe, die zu dem Badezimmer des Schulleiterbüros führte. Dumbledore war sich sicher, dass der Tränkemeister einen Zauber über sich gelegt hatte, denn er konnte keinerlei Geräusche aus dem Bad vernehmen. Er wartete; und widerstand dem Drang, an die Türe zu klopfen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Es dauerte lange, bis Snape wieder in dem Büro auftauchte. Sein Haar hatte weiter an Akkurarität eingebüßt, es war noch mehr Farbe aus seinem Gesicht verschwunden und gleichzeitig glühten seine Wangen rot. Einige schwarze Strähnen klebten an seiner Stirn. Dumbledore ging auf den Jüngeren zu und berührte ihn an der Schulter – ursprünglich hatte er ihn zu dem Sofa dirigieren wollen – doch Snape schreckte vor der Berührung verbrannt zurück.

„Severus …“, flüsterte der Schulleiter; der Tränkemeister war nie gern berührt worden und wahrte zu jedem Distanz, doch so zurückgeschreckt war er in Dumbledores Erinnerungen nur als Schüler. Er schaute den Lehrer an – und hatte das Gefühl, ihn seit Voldemorts Rückkehr das erste Mal wirklich zu sehen.

„Komm, setzen Sie sich“, wies Dumbledore sanft und gleichzeitig bestimmt an. Snapes Schritte waren unsicher, als er auf das Sofa zuging und sich ungelenk hinsetzte. Er beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel, um sein Gesicht in den Händen zu bergen. Das Zittern schüttelte den schmalen Körper. Auch wenn Snape es wollte – mittlerweile konnte er die Spuren der Folter nicht mehr verstecken, konnte die Reaktionen seines Körpers nicht mehr unterdrücken. Normalerweise hielt er nach Treffen mit Folter seine Berichterstattung beim Schulleiter so kurz, dass er sich kontrollieren konnte und es sich erst in seinen Räumen erlaubte, nachzugeben. Doch heute hatte ihn der Schulleiter zu lange aufgehalten. Er spürte, wie Dumbledore ihm die Haare im Nacken teilte, ohne seine Haut zu berühren, um ihm einen kühlen Lappen auf die heiße Haut zu legen. Sein Körper verkrampfte sich schmerzhaft und er biss sich in seinen rechten Handballen.

„Severus, sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann“, sagte Dumbledore leise.

„Es ist nur Schmerz“, sprach er in seine Hände, „Es geht vorüber.“

„Voldemort muss sehr wütend gewesen sein, wenn Harry eine Vision hatte. Er sieht immer nur bei starker Wut oder Freude durch Voldemorts Augen“, der Schulleiter sah Snape besorgt an, „Der Cruciatus muss sehr intensiv gewesen sein.“

Der Tränkemeister erwiderte nichts, biss sich nur in einer weiteren Schmerzenswelle die Handinnenfläche tiefer wund.

„Hat er Sie noch anders bestraft als mit dem Folterfluch, Severus?“

„Es ist nicht von Belang …“

„Hat er Sie noch anders bestraft?“

Snape schaffte es nicht, zu antworten. Die Erinnerung ließ erneut unbändigen Ekel in ihm hochsteigen und vermischte sich mit dem Schmerz zu einer Übelkeit, die er nicht unterdrücken konnte. Dieses Mal schaffte er es nicht, die Türe zu verschließen, geschweige denn einen Stille-Zauber über sich zu legen. Dumbledore stürzte hinter seinem Spion her. Snape kniete auf dem Boden und umklammerte die Toilette, während er heftig hustete und trocken würgte. Dumbledore hockte sich neben ihn und hielt ihm die Haare im Nacken zurück. Er wartete geduldig, bis das schmerzhafte Würgen nachließ. Er entließ die schwarzen Haare aus seinem Griff und streifte den schweren Umhang von den schmalen Schultern; Snape schüttelte den weiten Stoff von seinen Armen und atmete erleichtert auf, als Dumbledore den Umhang von seinem Körper zog. Ihm war entsetzlich heiß. Dumbledore legte eine alte Hand in einer beruhigenden Geste auf Snapes Rücken. Dabei spürte er sein Zittern deutlich – und dass der Stoff des Gehrocks feucht war. Misstrauisch fuhr er Snapes Rücken entlang, doch dieser entzog sich der Bewegung, indem er sich aus der Position vor der Toilette löste und wankend aufstand, um seinen Mund durchzuspülen.

Dumbledore erhob sich ebenso. „Blut oder Schweiß?“, fragte er den Tränkemeister und dessen Zögern genügte ihm als Antwort.

„Ich werde mich nicht vor Ihnen ausziehen“, warnte Snape entschieden, während er sich schwer auf der Waschschale abstützte.

„Zunächst sollten Sie sich wieder hinsetzen“, entschied Dumbledore und bugsierte Snape zurück zu dem Sofa. „Ich kann Poppy rufen, wenn Sie nicht möchten, dass ich mir Ihren Rücken ansehe.“

„Mein Rücken wird von allein heilen“, sagte Snape matt.

„Weshalb war Tom so wütend auf Sie?“, fragte Dumbledore traurig.

„Er war nicht nur wütend auf mich, doch an mir hat er es am Ende ausgelassen. Er möchte zwar weiterhin im Verborgenen agieren, gleichzeitig ist er ungehalten und frustriert, weil er der Welt noch nicht seine Macht zeigen kann“, erklärte der Todesser leise, „Dazu kam … dass er sich als Ablenkung darauf gefreut hat, meinen Trank zu testen … doch ich konnte ihn heute nicht abliefern.“

„Sie meinen den Foltertrank? Den flüssigen Cruciatus?“

Snape nickte. „Kein Trank, keine neuen Informationen. Nur Wut und Misstrauen.“

„Wie viel Zeit benötigen Sie noch für den Trank, Severus?“

„Ich habe den Trank seit zwei Wochen fertig. Ich halte den Dunklen Lord damit hin, dass er noch reifen muss, dass einige Zutaten schwer zu bekommen sind … ich habe den Gegentrank noch nicht herstellen können. Und auf Ihre Anweisung hin liefere ich keine schädlichen Tränke beim Dunklen Lord ab, wenn ich nicht ebenso den Gegentrank dem Orden präsentieren kann“, er hielt seine Stimme trotz des Zitterns und der Schmerzen fest und klar, auch wenn er leise und angestrengt sprach.

Dumbledore nahm diese Information zunächst schweigend hin.

„Dringt er in Ihren Kopf ein, während er foltert?“, fragte der Schulleiter schließlich mit gesenkter Stimme.

„Mit Vorliebe“, antwortete Snape bitter.

„Sie sind wirklich ein ausgezeichneter Okklumentiker, Severus“, gestand Dumbledore ihm zu.

„Es bleibt mir nichts anderes übrig“, erwiderte er trocken. Albus lächelte traurig. Noch immer konnte Severus kein Kompliment annehmen.

„Müssen Sie die Wirkung des Trankes vorführen, wenn Sie diesen Voldemort überreichen?“, fragte Dumbledore nach einer längeren Pause. Severus hatte als Giftmischer zu beiden Machtergreifungen unzählige Tränke und Gifte für Voldemort gebraut. Und nie hatte Dumbledore darüber nachgedacht, was genau im Anschluss geschah. Was es mit Severus machte. Ob er sich schuldig fühlte.

„Das kommt ganz auf die Art des Trankes und die Laune des Dunklen Lords an“, entgegnete Snape, „In der Regel nimmt er entweder den Trank an sich und vollzieht dann ohne mich, was auch immer er damit geplant hatte – oder er testet die Wirkung in meinem Beisein an Testpersonen, bevor er den Trank für seinen Zwecke einsetzt.“

„So oder so, es sind nicht Sie, der foltert, Severus – Sie kreieren die Tränke und Gifte auf Befehl Voldemorts für seine Zwecke. Es ist nicht Ihre Hand, welche die Wirkung ausführt“, sagte Dumbledore ernst. Es war ihm wichtig, dies anzusprechen. Er hatte das Gefühl, dass er das bereits hätte tun sollen, als Severus Anfang zwanzig gewesen war und gerade in Dumbledores Dienst getreten war.

„Man kann sich alles schönreden, Schulleiter“, kommentierte Snape, und seine sonst seidige Stimme war zerfressen von Bitterkeit, „Sie haben keine Vorstellung, was es bedeutet, im Dienst des Dunklen Lords zu stehen. Sie nehmen für die Informationen, die ich Ihnen geben kann, alles hin – weil Sie wissen, dass es nichts ändert. Ich muss tun, was ich tun muss, um in meiner Position zu bleiben. Die Informationen sind zu wertvoll.“

Dumbledore registrierte besorgt, wie hohl und ausgelaugt Snape klang.

„Und was haben Sie heute tun müssen, um Ihre Position in Voldemorts Reihen halten zu können, Severus?“, fragte er leise.

Snape sackte auf dem Sofa weiter in sich zusammen. Auf Dumbledores Frage hin war sein Gesicht noch etwas blasser geworden, und gleichzeitig hatten sich die heißen roten Flecken von seinen Wangen auf seinen Hals ausgebreitet. Es schien, als habe der Slytherin dem Zittern erst jetzt vollends nachgegeben – sein Körper bebte haltlos. Dumbledore fürchtete für einen Moment, dass sich der Jüngere erneut würde übergeben müssen – doch er barg lediglich wieder das Gesicht in den Händen.

„Sie müssen es mir nicht erzählen“, sagte Dumbledore eilig, doch es änderte nichts mehr an Snapes aufflammender Erinnerung. Dem Schulleiter wurde bewusste, dass der Spion die ganze Zeit über die körperlichen Folgen der Folter so gut wie möglich kontrolliert hatte – und als er nun in die Erinnerung stürzte, gelang es ihm nicht mehr, das volle Ausmaß seiner Schmerzen und Erschöpfung vor Dumbledore zu verstecken.

Severus gab den Kampf gegen seinen Körper auf. Er ließ den krampfenden Schmerz der Cruciatus-Nachwirkungen über sich rollen, ließ Schwindel und Übelkeit miteinander kämpfen. Erschöpfung fraß sich durch seinen Körper. Er zitterte vollkommen haltlos. Einige Striemen auf seinem Rücken hatten begonnen, zu trocknen, und platzten unter dem Beben auf. Der Stoff seines Hemdes und Gehrocks schluckte das Blut. Sein schmerzender Kopf ruhte in seinen Händen. Er sah die Testpersonen vor sich, welche der Dunkle Lord für den Trank auserkoren hatte. Wertlose Muggel. Es gab keinen Trank, doch es gab Folter – Severus musste seinen Zauberstab gegen die Muggel erheben. Er folterte nicht mit Freuden – und Voldemort verlangte es nur von seinem Giftmischer, um ebendiesen zu bestrafen. Denn er wusste sehr genau, dass es seinem Diener viel Überwindung kostete und er es nur mit Abscheu tat. Es war Strafe und Treuebeweis in einem gewesen. Voldemort wusste auch, dass die Seele seines Giftmischers noch intakt war – er hatte noch nie gemordet. Und die bedeutungslosen Muggel sollten nicht die ersten Morde sein. Voldemort akzeptierte diese Grenze – unterschied sie seinen Giftmischer doch von den anderen Todessern. Doch zuzusehen, wie der Dunkle Lord genüsslich den Todesfluch sprach, das musste sein Diener.

Er konnte die Erinnerung nicht aushalten. Die Schmerzensschreie, das Flehen. Der grüne Lichtblitz. Severus wusste nicht, wie seine wackeligen Beine den Weg bewerkstelligt hatten, doch fand er sich selbst zum dritten Mal würgend vor der Toilette wieder.

„Severus“, sagte Dumbledore leise, „Es war nicht Ihre Schuld. Sie hatten keine Wahl.“ Der alte Zauberer wartete geduldig, bis sich der Slytherin von der Toilette löste und lehnte ihn vorsichtig gegen die Wand. Er rief ein Handtuch zu sich und tränkte es mit einem Wasserstrahl aus seinem Zauberstab, um es dem Schwarzhaarigen zu reichen. Dieser fuhr sich damit durch das erhitzte Gesicht. Völlig ausgelaugt sackte Snape danach an der Wand zusammen, seine Augen waren geschlossen.

„Severus, sind Sie noch bei mir?“, fragte der Schulleiter leise und berührte den Tränkemeister an der Schulter. Er erhielt keine Antwort, und so ließ er den entkräfteten Körper aus dem Badezimmer schweben, um ihn bäuchlings auf das Sofa zu betten. Dumbledore nutzte den wehrlosen Zustand seines Spions und schlitzte mit seinem Zauberstab Gehrock sowie Hemd an dessen Rücken auf. Zum Vorschein kam ein unter magischen Peitschenschlägen wulstig aufgeplatzter, fleischig blutiger Rücken.

„Was tut er dir an …“, flüsterte Albus und fuhr mit seinem Zauberstab die Striemen nach. Er war kein Heiler, doch entzog sich die Heilmagie nicht völlig seiner Kenntnis. Es brauchte auch keinen Heiler, um festzustellen, dass die Striemen durch eine schwarzmagische Peitsche entstanden waren – und diese Verletzungen konnten nicht magisch geheilt werden. So reinigte er Severus‘ Rücken von dem frischen und eingetrockneten Blut und rief eines von Poppys magischen Wundtüchern auf. Damit deckte er die Wunden ab, sodass sie sauber blieben und nicht an der Kleidung kleben konnten. Er sprach einen Reinigungszauber über Snapes Kleidung und fügte dann den Schnitt in Gehrock und Hemd wieder zusammen, bevor er den Tränkemeister auf den Rücken drehte. Er war viel zu leicht. Albus nahm eine Decke von der Lehne des Sofas und legte sie umsichtig über Snapes Körper.

*

Dumbledore verzog das Gesicht, als ihn seine magische Uhr weckte. Während er sich ankleidete, tauchte er langsam aus seinem schlaftrunkenen Zustand auf. Er hatte knappe drei Stunden geschlafen. Sein Büro betretend, stellte er sogleich fest, dass Snape nicht mehr auf dem Sofa lag. Dumbledore seufzte leise. Auf seinem Schreibtisch entdeckte er eine Notiz:

Schulleiter,

danke für Ihre Hilfe.

Ich werde heute wie gewohnt unterrichten.

Severus

Erneut seufzte Dumbledore. Er legte sich auf das Sofa und schloss für einen Moment die Augen. Bis zum Frühstück blieb noch etwas Zeit …

… als der Schulleiter aufwachte, war das Frühstück längst vorbei. Immerhin fühlte er sich nun deutlich ausgeschlafener. Er rief seinen Hauselfen Bran, um Brunch zu bestellen. Den Rest des Tages verbrachte er an seinem Schreibtisch – Briefe lesend, Briefe beantwortend. Als er schließlich zum Abendessen in die Große Halle ging, fiel sein Blick als erstes auf den leeren Stuhl an Severus‘ Platz. Innerlich seufzend setzte er sich neben seine Stellvertreterin. Schweigend lud er sich geröstete Kartoffeln, gebackenen Fisch und Erbsenpüree auf seinen Teller.

„Heute so still?“, fragte McGonagall, die ihr Gespräch mit Professor Sinistra beendet hatte.

„Ich mache mir Sorgen um Severus“, erwiderte Dumbledore leise.

„Er sah bei seiner Ankunft in deinem Büro nicht so aus, als habe er Folter hinter sich“, entgegnete sie flüsternd, und dem Schulleiter entging nicht der scharfe Unterton, „Auch in seinem Unterricht schien er heute in Bestform“, nun war ihr Tonfall offen missbilligend.

„Wie meinst du das, Minerva?“, Dumbledore hatte sein Besteck abgelegt und sich der Verwandlungslehrerin zugewandt. Ihre Lippen waren ein bitterer Strich.

„Er hat heute insgesamt 80 Hauspunkte abgezogen“, ereiferte sie sich, „Davon allein 20 von Mr. Potter, wahrscheinlich weil er falsch geatmet hat“, sagte sie zynisch, „Und noch Mal 20 von Mr. Longbottom … der Junge war ein Wrack, als er im Anschluss in meinen Unterricht kam. Seine Hände wollten gar nicht mehr aufhören, zu zittern. Selbst Ms. Granger hat er zehn Punkte abgezogen, weil sie Mr. Longbottom helfen wollte!“

„Severus hat eine schwere Nacht hinter sich“, sagte der Schulleiter leise.

„Das rechtfertigt nicht, dass er am Tage die Schüler dafür bezahlen lässt“, schoss McGonagall augenblicklich zurück.

„Ein strenger Lehrer gehört zur Schullaufbahn dazu, findest du nicht, Minerva?“, versuchte es der alte Zauberer.

„Nicht, wenn dieser meinen Gryffindors ungerechtfertigt an einem Tag so viele Punkt abzieht!“

„Es geht hier also nur im die Hauspunkte?“, Dumbledores Augen fixierten sie seitlich.

„Natürlich nicht, Albus! Seine Lehrmethoden waren schon immer … speziell. Doch ich dulde es nicht, dass er seine Laune in dieser Weise an den Schülern auslässt“, ihre Wut schien unzähmbar.

„Du wirst es dulden müssen“, wandte er ein, und in diesem Moment watschelte der kleine rosa Schrecken namens Dolores durch die große Halle auf den Lehrertisch zu. Wenn es eine Person gab, welche Minerva in diesem Moment noch mehr aufregte als der Tränkemeister, dann war es Umbridge mit ihrem neusten Erlass.

Zu Dumbledores Missfallen nahm die Inquisitorin neben ihm Platz und redete mit ihrer unerträglich hohen Stimme auf ihn ein. Ihm wurden mitleidige Blicke zugeworfen; und Minerva suchte sich einen anderen Gesprächspartner.

Sobald er sich von Umbridge lösen konnte – und nachdem er einige Lemon-Squares als Dessert verspeist hatte – verließ er die Große Halle und steuerte die Kerker an. Er suchte den Tränkemeister selten in seinem Revier auf – dieser kam normalerweise zu ihm in das Schulleiterbüro, wenn es ein Anliegen gab. Doch Dumbledore hatte den Jüngeren den ganzen Tag noch nicht gesehen, und er machte sich Sorgen.

„Severus, hier ist Albus“, er klopfte an die Bürotüre des Tränkemeisters. Diese klickte und er trat ein. Snape saß hinter seinem Schreibtisch, einen Stapel Aufsätze vor sich, eine Feder in der Hand. Die lange Nase berührte beinahe das Pergament, während er mit gerunzelter Stirn einen Absatz zu korrigieren schien.

„Guten Abend, Severus.“

„Schulleiter“, der Schwarzhaarige löste seinen Blick nicht von dem Aufsatz.

„Da Sie nicht beim Abendessen waren, wollte ich mich versichern, dass es Ihnen gut geht“, sagte Dumbledore sanft und nahm unaufgefordert gegenüber des Tränkemeister in dem Stuhl Platz, der normalerweise für Schüler in der Sprechstunde vorgesehen war.

„Ich habe zu tun“, war die knappe Antwort des Zaubertränkeprofessors.

Der Schulleiter seufzte. Sein Blick lag aufmerksam auf seinem Gegenüber. Er war schon als Schüler blass und hager gewesen. Auch über die Jahre als Professor hatte sich dieser Zustand nicht geändert. Doch war er heute nicht etwas blasser als sonst? War sein Gesicht schon immer so eingefallen gewesen? War er noch dünner geworden?

„Severus, sehen Sie mich bitte an“, bat der ältere Zauberer und Snape löste langsam seinen Blick von dem Pergament. Die Augenringe waren tief.

„Es hat sich nichts geändert, Schulleiter“, sagte er hart, „Sie müssen nicht plötzlich in meinem Büro auftauchen und sich Sorgen machen. Es ist alles wie immer.“

Dumbledore schüttelte den Kopf. Für ihn war nichts wie immer. Sein Blick auf seinen Spion hatte sich in der letzten Nacht völlig verändert. Es war, als hätte er den jungen Mann seit Voldemorts Rückkehr das erste Mal richtig angesehen. Vorher hatte er ihn in seiner Position als Lehrer und Spion betrachtet. Er hatte wie gewohnt unterrichtet, braute die Tränke für die Krankenstation, ja Albus hatte sogar erst letzten Monat einen Forschungsartikel von ihm in Potions gelesen. Dazu wurde er von Voldemort gerufen, kehrte zurück, teilte wichtige Informationen, nahm an den Ordenstreffen teil. Wie zu jedem pflegte der Tränkemeister auch zum Schulleiter eine distanzierte Beziehung, mit so wenig Kontakt wie möglich und so viel wie nötig. Sie verband keine enge Freundschaft, doch hegten sie gegenseitigen Respekt und pflegten Großteiles einen höflichen Umgang. Dumbledore vertraute zu Hundertprozent auf Snapes Loyalität ihm gegenüber. Er war zufrieden mit der Arbeit seines Spions und war sich bewusst, wie kompliziert diese Aufgabe war – und er traute sie niemand anderem als Severus zu. Doch seine Gedanken über diese Aufgabe hatte sich immer nur auf Voldemort und seine Pläne, auf den nächsten taktischen Zug, den nächsten Happen Informationen konzentriert. Nie hatte er den Menschen hinter der Position als Spion gesehen. Snape erschien immer stark und unnahbar – zwei unabdingbare Eigenschaften eines Spions. Umso mehr hatte sein nächtlicher Zusammenbruch den Schulleiter erschüttert. War er tatsächlich so naiv gewesen, zu glauben, die Spionagetätigkeit hinterließe bei dem Tränkemeister keine Spuren? Er wollte gar nicht daran denken, was ihm während Voldemorts erster Herrschaft bei ihm alles entgangen war.

„Alles hat sich geändert“, sagte Dumbledore schließlich, aus seinen Gedanken auftauchend.

Doch Snape schüttelte entschieden den Kopf. „Sie können nichts daran ändern, Schulleiter. Unsere Seite braucht Informationen aus dem innersten Kreis des Dunklen Lords, ich bin der einzige, der diese beschaffen kann. Gleichgültig, wie hoch der Preis ist, Sie und ich werden ihn bezahlen“, seine Stimme war hart, „Wenn Sie kein weiteres Anliegen haben – ich habe noch einige Aufsätze zu korrigieren“, er deutete auf den Pergamentstapel neben sich.

Dumbledores Blick war traurig, doch er wusste auch, wenn es sinnlos war, gegen Snape zu argumentieren. Er wünschte ihm eine gute Nacht und machte sich dann auf den Weg ins Schulleiterbüro.
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