Hinter den Kornblüten

von Lumay
GeschichteDrama, Romanze / P12
OC (Own Character)
02.07.2020
23.10.2020
8
14.539
2
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17.10.2020 1.661
 
Hi! Hier ist nun das 6. Kapitel. Ich hoffe, es gefällt! Über Feedback freue ich mich natürlich sehr. Das nächste Kapitel sollte nächste Woche kommen. Viel Spaß beim Lesen :)
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Kapitel 6


Lydia war wacher als all die Tage zuvor. Kraft sprühte durch ihre Muskeln und Sehnen. Als hätten der tiefe Schlaf und das gute Essen von Ellen so viel ausgerichtet und pure Energie in ihre Adern gepumpt. Wahrscheinlich war es aber auch der Gedanke, zu wissen, nicht sofort zu verdursten, wenn sie nicht bald einen Bach finden würden. Denn nun hatten sie im Gepäck etliche kostbare Wasserflaschen, die zwar schwer waren und auf ihren Schultern drückten, aber es war ein ertragbares Gewicht. Zudem hatte ihnen Ellen etwas an Verpflegung eingepackt und auch einiges an Überlebenssachen, von denen Lydia zwar wenig verstand, aber dafür kannte sich Micah damit besser aus. Er hatte auch die Waffen in seinem Rucksack. Es handelte sich lediglich um Messer, doch das war eine deutliche Verbesserung zu gestern, wo sie mit leeren Händen durch die Wälder marschiert waren. Sie war froh darüber, nicht mehr ihr Erntekleid tragen zu müssen, denn nun war es deutlich bequemer zu laufen und sie fühlte sich besser getarnt.
Eine Energie floss durch ihre Venen, dass sie glaubte sie könnte schneller laufen, als je zuvor.
„Du strahlst so“, stellte Micah verwundert fest, „Ich dachte du bist traurig, weil wir nicht dageblieben sind?“ Ein Hauch Schuld konnte sie dem Klang seiner Stimme entnehmen und war überrascht darüber, Micah inzwischen besser zu verstehen und zu spüren, wie es ihm ging. Noch immer fiel es ihr schwer, doch es wurde von Tag zu Tag ein Stück besser. Ihr war wichtig, ihn besser einschätzen zu können, um sich auf ihn einzulassen und auf einer anderen Ebene mit ihm zu kommunizieren. Sie wollte keine Oberflächlichkeiten und schwierigen Missverständnisse, die die Stimmung drückten. Eigentlich sollte das Wichtigste eine erfolgreiche Flucht sein, doch sie war sich sicher, dies konnte nur geschehen, wenn sie einander vertrauen würden. Und dies gelang ihnen nur, wenn sie sich besser kannten. Und sie hatte vom ersten Moment an gemerkt, dass Micah keine Person war, die man schnell kennenlernen konnte.  
„Also?“, er hob ungeduldig eine Augenbraue, weil sie nicht antwortete.
„Ich bin nur so energiegeladen durch das Essen und das weiche Bett, fühlst du dich nicht auch so … gestärkt?“, schwärmte sie und dabei fiel ihr auf, wie traurig ihre Worte eigentlich waren. Ein Bett und Essen waren noch vor einer Woche Normalität gewesen und jetzt fühlte es sich an, als hätte sie das Hauptlos gezogen.
Er nickte irritiert. „Schon, aber werd jetzt nicht übermütig!“ Sie verdrehte die Augen und er grinste. Das war nicht das erste Mal, dass er sie neckte. Irgendwie empfand sie das als nervig, aber auf einer anderen Art brachte sie es auch zum Schmunzeln. Es lenkte etwas von ihrer Situation ab.
„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von einem Hovercraft überrascht werden, du hast Ellen gehört“, tadelte er sie.
Sie biss sich auf die Lippen, um nicht schnippisch zu werden. Sie konnte es nicht leiden, wenn man sie auf etwas hinwies, was sie längst selbst wusste. Als wäre ihr nicht klar, dass sie vorsichtig sein mussten. Ihr Leben stand schließlich auf dem Spiel. Oft hatte sie das Gefühl, er würde sich im Recht sehen, zu bestimmen, wohin und wie schnell sie liefen – als wäre er der „Chef“. Doch sie wollte keinen Streit, also ordnete sie sich ihm unter, denn in gewisser Weise strahlte das auch Sicherheit aus. Eine Sicherheit, die kostbar war.

Die Berge rückten immer näher, je weiter sie liefen und machten das Unmögliche greifbarer als je zuvor. Sie konnten ihr Glück kaum fassen, dass sie ihrem Ziel tatsächlich schon so nahe waren. Sie hatten Distrikt 7 beinahe komplett durchquert und würden bloß noch das Faltengebirge besteigen müssen und dann wären sie da, wo die meisten nie hinkämen.
Dabei musste sie schlucken. Denn es würde nicht leicht werden, ein Gebirge zu überqueren. Sie hatten Ellen nichts von ihren Plänen erzählt, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Doch sie hätte ihnen ohnehin dabei keine Hilfe sein können. In Distrikt 7 besaß man für üblich keine Kletterausrüstung.
Seufzend zuckte sie mit den Schultern. Für alles gab es eine Lösung, sie musste jetzt so positiv denken, wie es Micah all die Zeit über tat. Wobei sie den Gedanken nicht losbekam, dass sein Optimismus bloß aufgesetzt war.

Immer wieder warf sie einen Blick zurück, um sich zu vergewissern, dass ihnen niemand folgte und kein Hovercraft den Himmel durchkreuzte. Auch, wenn sie es vorher sicher hören würden.
Der Boden zu ihren Füßen wurde immer sandiger und steiniger. Ihre gesamte Umgebung änderte sich, je weiter sie kamen. Inzwischen standen nur noch vereinzelte Bäume am Wegesrand. Kleine, einzelne Wälder tauchten hinter manchen Felsen auf. Sie hatten zum Glück einen Weg eingeschlagen, wo kaum jemand wohnte. Ellen hatte ihnen einige wertvolle Tipps gegeben, ungesehen den Distrikt zu verlassen. Vielleicht hatte sie schon vermutet, dass sie ins Gebirge wollten. Eigentlich gab es aus logischer Sicht auch kaum eine andere Möglichkeit.
Plötzlich traf sie wieder eine Welle von Panik. Was, wenn das Kapitol es ahnen würde? Dass sie die Berge erklimmen wollten?
„Was ist los?“, Micah schien ihre Anspannung zu bemerken und hielt ihre Schulter fest. Warm und schwitzig war die Berührung, die sie schlagartig entspannen ließ.
„Ich habe Angst, sie werden uns finden. Vielleicht wissen sie, dass wir in die Berge wollen…“
„Die Angst wird uns solange begleiten, bis wir hier raus sind“, sagte er trocken, „Wir müssen cool bleiben, sonst wird es nur schlimmer.“
„Das ist leichter gesagt, als getan.“
Ihre Augenlider flatterten. Ihre anfänglich gute Laune war verschwunden, nun siegte wieder ihre Furcht vor der Folter, die sie erwarten würde. Es war so schwer, einfach nicht daran zu denken.
„Schau mal“, versuchte Micah sie abzulenken und deutete auf einen Punkt in der Ferne. „Da wollen wir hin. Wenn wir dort sind, wird uns niemand mehr etwas anhaben können.“
„Was ist dort? Ich kann nicht so viel erkennen“, ihre Augen waren verschwommen und Wolken bedeckten die Bergspitzen, auf die er zeigte.
„Das ist der Berggipfel, das Ende von Panem.“ Seine Worte klangen voller Zuversicht und mit einem epischen Beigeschmack. Als hätte er davon schon länger geträumt.
„Du sagst das, als wäre es etwas, das du vergötterst“, sie konnte seinen Triumph verstehen, doch irgendetwas in ihr spürte, dass es für ihn wertvoller war als für sie. Was Irrsinn war, doch meistens trug sie ihr Bauchgefühl nicht.
„Na klar vergöttere ich es. Es ist das Ende aller Schande. Wenn wir dort oben sind“, er setzte eine verträumte Miene auf, die sie so von ihm nicht kannte, „dann sind wir frei.“
Am Himmel kreisten Mäusebussards und schrien herab, was ein Echo entfachte. Alles an diesem Ort wirkte augenblicklich verführerisch und atemberaubend. Die entsetzlich hohen Berge direkt vor ihren Augen in greifbarer Nähe, das kalte Gestein. Etwas, was sie zuvor nie gesehen hatte, erstreckte sich direkt vor ihr. Sie konnte die Freiheit förmlich riechen, die sich vor ihr auftat.

„Schon komisch, ich hätte gedacht, Panem wäre größer“, murmelte sie nachdenklich als sie eine Weile schweigsam nebeneinander hergelaufen waren.
Er hörte ihr zu und hob fragend die Augenbraue.
„Ich meine, weil wir gar nicht so lange unterwegs sind und schon am Ende unserer Reise sind?“
„Wir sind noch lange nicht da“, lachte er über ihre vorschnellen Worte.
„Ich weiß, aber wir können ja das Ende schon sehen und wir sind bei den Bergen angekommen“, rechtfertigte sie sich.
„Wir sind sicher noch eine ganze Weile unterwegs.“
„Ja“, sie wurde langsam genervt, „Ich meine aber… kam dir Panem nicht größer vor? Hättest du nicht gedacht, es wäre schwerer, den Rand zu erreichen?“
Langsam schien er zu verstehen, worauf sie hinauswollte. „Ich denke, der Zug hat an einer für uns günstigen Stelle gehalten. Sonst wären wir deutlich länger unterwegs gewesen. Aber ja, ich weiß was du meinst. Als wir noch in Distrikt 9 lebten, kannte man zwar fast jeden im Distrikt, aber trotzdem kam einem die Heimat so groß vor, als gäbe es kein Ende.“
Lydia nickte eifrig, „Und alle Distrikte zusammen mit dem Kapitol, versteht sich, erschienen mir wie eine riesige unübersichtlich große Fläche, die man nie überblicken könnte. Nie hätte ich früher gedacht, dass Panem ein Ende nimmt.“
„Alles hat ein Ende, Lydia. Willst du mir gerade sagen, du hast noch nie darüber nachgedacht, Panem zu verlassen?“ Er war stehengeblieben, schockiert über ihre Aussage.
„Natürlich nicht. Ich war in Distrikt 9 zuhause“, traurig dachte sie an ihre Eltern, die sie nie wiedersehen würde.
„Du meinst, du wärst glücklich geworden, wenn du nicht gezogen worden wärst?“
„Ich war glücklich“, korrigierte sie ihn und war überrascht, dass er es scheinbar nicht gewesen war.
Eine Sekunde lang sah er ihr eindringlich in die Augen, als würde er in sie hineinschauen wollen, dann wandte er sich abrupt ab.
Verdattert blieb Lydia noch einen Moment stehen und überlegte, was das zu bedeuten hatte. War es falsch gewesen, glücklich zu sein? Wie konnte so etwas falsch sein? Sie überkam plötzlich das unangenehme Gefühl, dumm zu sein. Dumm genug, um glücklich zu sein mit einer Lage, die andere als unglücklich bezeichneten.
Sie war von Natur aus eher ein genügsamer Mensch, der sich schnell mit einfachen Dingen zufriedengab. Micah erschien ihr jetzt nach ihrer Unterhaltung in einem ganz anderen Licht. Er trug mehr Tiefe in sich, als er nach außen zeigte. Aus irgendeinem Grund dachte sie nun, er verbarg etwas vor ihr oder sogar vor sich selbst. Wenn er stets unglücklich gewesen war, wieso war er dann nicht schon eher geflohen? Warum hatte er ihr das Ganze verschwiegen? Und hatte er es von Anfang geplant gehabt, zu fliehen für den Fall, wenn man ihn für die Spiele ziehen würde?
Die Fragen wirbelten durch ihren Kopf und verknoteten sich zu einem schmerzenden Gedanken, der gegen ihre Schläfen trommelte. Letztendlich blieb eine Frage erhalten: War sie wirklich glücklich gewesen?
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