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Tote essen kein Fastfood

von Roff Boff
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
01.07.2020
01.07.2020
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Hier kommt mein Beitrag zu Schreib meine Geschichte von Mozambique.
Ich hatte ja eigentlich erwartet, dass das Originalbuch eher in eine Humorrichtung schlägt, aber das ist gar nicht der Fall. Es handelt sich dabei um einen Jugendthriller von Karin Baron.
Der Titel war aber auf jeden Fall sehr inspirierend und ich hatte sehr viel Freude am Schreiben.
Viel Spaß mit der kurzen Geschichte:3



Tote essen kein Fastfood

Langsamen Schrittes streifte ich durch den Wald. Die Bäume wogen sich im Wind und ihr Knarren vermischte sich mit dem Rascheln des Laubes unter meinen Füßen. Um mich herum lachten die Blättern in den unterschiedlichsten Farben. Der Herbst hatte Einzug gehalten.
Meine stumpfen Finger krallten sich fester in die Plastiktüte, die ich bei mir trug. Knisternd baumelte sie um meine Beine und störte die idyllische Atmosphäre um mich herum. Doch mein Gesicht blieb ausdruckslos. Kein Ärger wegen des nervenden Geräuschs würde darauf zu erkennen sein.
Während ich immer tiefer in die hölzernen Untiefen vordrang, wurde mein Gang schleppender. Ich war lange nicht mehr hier gewesen. Ein schlechtes Gewissen plagte mich und meine Finger schlossen sich noch enger um die Griffe des Kunststoffbeutels.
Wind pfiff durch die Stämme. Ich trug einen dunkelblauen Hoodie und hatte die Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Sicherlich zierten bereits mehrere Blätter den Stoff. Mit dem Kopf schüttelnd versuchte ich die potenzielle Last loszuwerden und bald schon landete Laub auf meinen Schultern, einzelnes flatterte an meinen Augen vorbei.
Die Farbenpracht hellte etwas den Nebel in meinem Geiste auf, der sich ob meines Ziels dort ausgebreitet hatte. Töne in Orange und Rot schmeichelten meinem Sichtfeld. Sie waren wunderschön. Dennoch mutete die Welt heute grau und düster an, obwohl ich sie normalerweise immer mit einem Pinsel in Bunt einstrich. Doch Erinnerungen lähmten die Hand, die diesen führte und so konnte die Blässe nicht überdeckt werden.
Mein Gefühl sagte mir, dass es relativ kühl sein musste, aber mein Körper war für Temperaturen jeglicher Art nicht empfänglich. Dieser künstlich hergestellte Leib spürte nichts; weder die leichte Brise, noch die sanften Strahlen der Sonne. Manchmal hasste ich ihn. Dafür, dass ich gewaltsam in ihn gezwungen wurde, dafür, dass er nur ausgenutzt werden sollte. Ein Werkzeug in den Händen der Obrigkeit. Ein Werkzeug für Unterdrückung und Krieg. Ein Werkzeug der Institution. Aber die meiste Zeit war ich dankbar für ihn. Er gab mir eine Möglichkeit diese Welt zu entdecken. Oh Gott, ich hörte mich an wie Kin.
Allmählich dünnte sich der Wald aus und ich kam auf eine Lichtung. Sie war nahezu leer. Zwei Steine standen in ihrer Mitte; bereits im Zerfall begriffen. Der Wind zog über sie hinweg und nahm eine Prise Staub mit sich. Ein weiteres Relikt, das in die Vergessenheit hinüberglitt. Inschriften waren in den Fels gemeißelt; über die Jahre der Unleserlichkeit anheim gefallen. Einsam lagen die Gräber da.
„Sieht aus, als müssten wir die beiden mal erneuern, was Pup?“
Ich drehte mich nicht zu dem Sprecher herum. Zu lange hatte ich die Stimme nicht gehört, aber sie war mir nach wie vor wohlvertraut. Wenn mir die Fähigkeit zu lächeln geschenkt worden wäre, dann hätten sich meine Lippen jetzt voller Freude verzogen. Es tat gut alte Freunde zu treffen.
„Dem ist wohl so.“
Es raschelte und dann stand der Sprecher, dann stand Kin neben mir. Er war in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt und trug einen Fedora auf dem Kopf. Auch in seinen Händen baumelte eine Plastiktüte.
Vorsichtig kniete er sich vor die Denkmäler und strich über die Inschrift.
„Es ist schon lange her, oder?“, murmelte er.
Ich erwiderte nichts. Stattdessen öffnete ich meinen Beutel und holte einen Klumpen in Alufolie heraus. Es knisterte, als ich sie löste und einen Hamburger offenlegte. Diesen bettete ich auf das linke Grab, faltete meine Hände zusammen, schloss die Augen und weilte eine Weile in meinen Erinnerungen an die Personen, die hier ruhten. Als ich wieder aufblickte, schmückte auch das andere Grab ein Burger. Kin gedachte ebenfalls der Toten.
Mittlerweile war die Nacht hereingezogen. Von der Lichtung aus konnte man den Vollmond erkennen, dessen vages Licht die Schwärze der Umgebung in Grautöne wandelte. Kin und ich hätten auf die matten Strahlen allerdings auch verzichten können, waren wir doch so konstruiert, dass wir auch in der Dunkelheit perfekt sahen.
Plötzlich wurde mir eine Hand enthusiastisch auf die Schulter gelegt. Das Gewicht drückte mich nach unten - andernfalls wäre ich mir der Berührung auch gar nicht bewusst geworden. Ich fühlte schließlich nichts. Mein Herz hätte jetzt wohl wie wild angefangen zu schlagen, wenn es denn existieren würde. Nicht aus Angst - ich wusste sehr gut, wer da hinter mir stand - aber aus Schrecken.
„Hey Jungs“, ertönte dann auch gleich die euphorische Begrüßung. „Wie gehts?“
Lachend setzte sich eine junge Frau neben uns. Vor sich stellte sie einen Getränkehalter mit zwei Pappbechern, welche sie sogleich daraus entfernte und jeweils einen neben die Burger platzierte. Für einen kurzen Moment huschte ein trauriger Schatten über ihr Antlitz, verschwand jedoch schnell wieder; ersetzt durch ein vergnügtes Grinsen.
„Ziemlich gut. Es gibt so unfassbar viele spannende Dinge auf der Welt“, begann Kin zu erzählen. „Erst neulich habe ich mehrere Wochen unter Wasser verbracht und dabei die wunderlichsten Kreaturen gesehen.“
„Wirklich?“, interessiert wandte sie sich ihm zu. Auch ich horchte neugierig auf. Kin war die begeisterungsfähigste Person, die ich kannte. Er liebte die Natur und jede ihrer Kreationen. Keine sonderliche Überraschung also, dass er beschlossen hatte, die gesamte Erde mit eigenen Augen zu erforschen.
„Du hast‘s gut“, fuhr sie seufzend fort. „Ich bin für so etwas immer noch zu sehr aufs Atmen angewiesen.“
„Ach komm schon, Philo. Im Vergleich zu normalen Menschen kannst du wesentlich länger unter Wasser überleben. Für ein paar Tage könntest du schon das Leben im Meer studieren“, widersprach ihr Kin.
„Hmm“, überlegend richtete sie ihren Blick auf den Mond. Dann knuffte sie Kin freundschaftlich in die Seite. „Eigentlich hast du ja recht.“ Die Hände kapitulierend in die Höhe gehoben, lachte sie. „Du hast gewonnen, ich beschwere mich nicht mehr.“
„Ist besser so.“ Zufrieden legte sich Kin auf das vertrocknete Gras und betrachtete die Sterne. Und dann berichtete er von seinen Erlebnissen. Von Fischen, die in den sonderbarsten Schwarmformationen schwommen, von Lebewesen, die ihre Gestalt ändern konnten, von Pflanzen, die leuchtende Kügelchen ausblubberten. Ergriffen schilderte er symbiotische Beziehungen und aufregende Jagden. Wir lauschten fasziniert. Kin verstand es, jemanden in seinen Bann zu ziehen - was nicht zuletzt daran lag, dass er sich selbst während seiner Geschichten in den Bann zog. Und wenn der Erzähler persönlich überwältigt von dem eigen Gesagtem war, blieb nur noch ein kleiner Schritt, um auch alle Zuhörer mitzureißen.
Als Kin endete schwenkte sein Kopf zu mir. „Und was ist mit dir, Pup?“
Mit dem Kinn in die Hand gestützt blickte ich die beiden an. „Ich baue gerade ein Waisenhaus auf.“
Philos Augen begannen zu leuchten. „Oh! Das ist ja großartig, Pup!“
Auch Kin nickte anerkennend. „Falls du Hilfe brauchen solltest, sag jederzeit Bescheid. Wir helfen dir gern.“
„Danke. Das bedeutet mir viel.“ In meinem Inneren breitete sich Wärme aus. „Und du, Philo? Was beschäftigt dich gerade?“
„Hmm“, nachdenklich wippte sie mit dem Kopf hin und her. „Nichts großartiges. Hier und da ein Auftrag; langsam verbreitet sich mein Name unter den Mächtigen. Aber erwähnenswert ist davon nicht wirklich was.“ Bedauernd zuckte sie mit den Schultern. „Nur das übliche: hier eine Intrige, dort ein Attentat.“
„Der ganz alltägliche Kram also“, warf Kin trocken ein.
„Du sagst es“, Philo ging nicht näher auf seinen Tonfall ein. „Ganz alltäglich.“
Stille breitete sich zwischen uns aus, als jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Heute jährte sich der Todestag unserer zwei Freunde, die vor uns unter der Erde weilten. Wahrscheinlich befanden sie sich gar nicht mehr dort, sondern waren längst verwest und in den ewigen Kreislauf übergetreten. Trotz dessen symbolisierte dieser Ort für uns die Verbundenheit und Liebe zueinander.
Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als Philo uns zum ersten Mal Fastfood mitgebracht hatte. Ansonsten war uns immer nur das Essen von der Institution vorgesetzt worden und wir hatten noch nie etwas anderes als fade Suppen, weichgekochte Nudeln oder matschige Brötchen gekostet. Ich gebe zu, Fastfood ist auch kein Wunderwerk der Geschmacksexplosion, aber um Längen besser als alles, was wir bis zu diesem Zeitpunkt konsumiert hatten. Es war für uns zu einem Sinnbild von Freiheit und Unabhängigkeit geworden. Zu einem Zeichen unserer Freundschaft. Unverwüstlich, stählern. Selbst jetzt noch, Jahre nachdem zwei unseres Bundes zu funkelnder Magie geworden waren.
„Sie fehlen mir“, Philos Worte waren nur ein Hauch in der Finsternis, ein Wispern in der Ewigkeit und sprachen mir dennoch laut und klar aus der Seele. Ich schluckte.
„Mir auch“, flüsterte ich dann.
"Nar sollte auch hier sein." Keiner antwortete darauf.
Wir saßen die ganze restliche Nacht zusammen und erzählten alte Geschichten, leisteten uns Gesellschaft beim Schweigen, spendeten gegenseitigen Trost mit unserer Anwesenheit. Als die Sonne die Dämmerung einläutete, schnappte sich Kin den Burger von dem linken Grab.
Tadelnd sah ich ihn an. „Willst du die Gaben für die Verstorbenen wirklich einfach so verspeisen?“
Kin biss in den Burger.
„Warum nicht? Tote essen schließlich kein Fastfood.“
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