Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zerbrochene Welten

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Gavroche Inspektor Javert
01.07.2020
01.07.2020
1
5.028
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
01.07.2020 5.028
 
Blut. Dunkel und zähflüssig kroch es zwischen den Straßensteinen dahin. Färbte die Uniformen der Gefallenen ebenso rot, wie die Hände der Überlebenden. Zu dem Anblick kam der Geruch. Der penetrante Gestank nach Schießpulver verpestete die Luft und bildete mit den mehr fühl- als riechbaren Gerüchen von Angst und Tod eine passsende Ergänzung des Sehbaren.
Wäre noch das Stöhnen und Schreien von Verwundeten und Sterbenden hinzugekommen – sie hätten das Bild in schrecklicher Pracht vervollkommnet. Doch es gab kein Geschrei, kein Gestöhne. Die verwundeten Soldaten waren schon vor Stunden weggebracht worden. Die glücklicheren zurück in ihre Kasernen, die weniger vom Glück begünstigten ins Spital oder gleich ins Hospiz.
Nun kümmerten sich die Überlebenden um die richtigen Pechvögel.  Die, die bereits im ersten Sturm von Kugeln durchlöchert worden waren. Die, die bei der letzten verzweifelten Attacke der Studenten noch erwischt wurden.
Mit festem Schritt und betont hartem Gesicht näherte sich Polizeiinspektor Javert den Überresten der Barrikade. Ehrerbietig machten ihm die Aufräumarbeiter Platz. Was er wohl seiner Uniform zu verdanken hatte. Seiner Kleidung und dem kleinen, gold-roten Anhängsel daran. Ein Orden wegen Tapferkeit im Angesicht des Feindes. Innerlich musste der Inspektor schnauben. Von wegen Tapferkeit. Er war von einem kleinen Bengel, einer Straßenratte wie sie sich in Paris zu hunderten herumtrieben enttarnt und von diesen Schuljungs gefangen genommen worden. Er hätte sterben sollen, er wäre jetzt sicher so tot wie diese Schulkinder, diese Studenten. Wäre – wenn Valjean nicht dazwischengekommen wäre. Der ehemalige Sträfling und Javerts Nemesis hatte die Möglichkeit gehabt seinen Jäger loszuwerden. Er hätte es nicht einmal selbst tun müssen. Doch dieser Mann, dieser Dieb hatte Javert gehen lassen.
Der Inspektor zog scharf die Luft ein und zwang sich dazu an etwas anderes zu denken.
Im Endeffekt hatte weder sein geplantes Ablenkungsmanöver, noch die von ihm herbeigeschafften Informationen zur Niederschlagung der Revolte beigetragen.
Javert erreichte den Haufen an zerschmetterten, zerschossenen und verbrannten Möbeln, der noch vor ein paar Stunden eine stolze Barrikade war. Vorsichtig suchte er sich seinen Weg durch das Durcheinander. Hier ging es fast ebenso emsig zu wie auf der anderen Seite. Soldaten und Polizeibeamte liefen umher, sammelten Beweismittel – als ob es die noch bräuchte –, schleppten die toten Revoluzzer zusammen, oder standen einfach nur ohne erkennbaren Zweck da.
An der einen Seite des Platzes lagen die gescheiterten Revolutionäre in einer Reihe, die Augen starr und leblos gen Himmel gerichtet. Unwillkürlich ballte Javert die Hände. Der Grund warum er hier war, der einzige Grund dafür. Und doch schreckte er davor zurück. Er wollte sich die Leichen nicht anschauen. Wollte nicht Valjean entdecken. Ein paar Meter von den ersten leblosen Körpern entfernt blieb er stehen. Valjean. Sein Feind. Seit vielen Jahren sein Nemesis. Fast sein ganzes Leben lang. Und doch verdankte er diesem Mann, diesem Verbrecher sein Leben.
Innerlich stöhnte er auf. Er wusste nicht wie häufig ihm diese Gedanken im Verlauf der letzten Stunden durch den Kopf geschossen waren. Mit der Tat der letzten Nacht hatte Valjean Javerts Welt auf den Kopf gestellt.
In gewisser Hinsicht wäre der Inspektor froh, wenn er seinen alten Gegner unter den Toten entdecken würde. Doch dann würde er nie die Antwort auf diese eine Frage bekommen. Warum? Warum hatte Valjean ihn gehen lassen? Mit einem energischen Ruck setzte sich der Polizist in Bewegung und hielt auf die Leichenreihe zu.

Er lebte. Valjean lebte. Es gab keine andere Möglichkeit, als dass er lebte. Mehrmals war Javert die Reihen der Gefallenen entlanggegangen. Er hatte so manches Gesicht aus seiner Rolle als Spion wiedererkannt. Der alte Mann war nicht darunter. Und in Javert kämpften Erleichterung und Wut miteinander. Nur überdeckt von der Verwirrung, die ihn seit seiner Rettung nicht mehr verlassen hatte. Wieso hatte er ihn gehen lassen? Warum? Wieso konnte ein Gesetzesbrecher wie Valjean so etwas überhaupt tun?
„Excusez-moi, Herr Inspektor?“, unwillig drehte sich Javert zu dem Polizisten um. „Was gibt es?“
„Vielleicht solltet Ihr Euch das selber ansehen.“ Mit einem ungeduldigen Seufzen und einer Handbewegung hieß Javert den jüngeren Mann vorangehen. Der Gendarm führte ihn in das Café, in dem er noch vor kurzem gefangen war. Nun erinnerte jedoch kaum noch etwas an den vormals gemütlichen Schankraum. Die Treppe nach oben war größtenteils zerstört, Stühle und Tische zum Verbarrikadieren verwendet worden. Sein Führer geleitete ihn durch den großen Raum in einen kleineren. Dort standen ein paar weitere Polizisten um etwas herum, als sie Javert bemerkten machten sie ihm Platz.
Zwischen ihnen, auf dem Boden, kam eine kleine, zerbrechlich wirkende Gestalt zum Vorschein. Ein Junge höchstens zehn Jahre alt, eher noch jünger. Ein Junge, den Javert das letzte Mal gesehen hatte, als der Kleine ihm die Wange tätschelte und ihm mit einem Grinsen im Gesicht erzählte, dass auch die Kleinen großes vollbringen können. Kurz nachdem der Kleine den Studenten Javerts wahre Identität mitgeteilt hatte.
Nein, erinnerte er sich. Das war nicht das letzte Mal, dass er ihn gesehen hatte. Das letzte Mal war kurz bevor Valjean ihn freigelassen hatte. Der Junge hatte seinem Erzfeind eine Pistole in die Hand gedrückt, um den Spion zu erschießen.
Und nun lag er hier. Verwundet, ohnmächtig – aber noch am Leben. Die Brust des Kindes hob und senkte sich unregelmäßig, doch kräftig. Um seine linke Schulter war ein Tuch gewickelt. Ein improvisierter Verband, wahrscheinlich noch von den Studenten angebracht. Das Tuch war, ebenso wie die umliegende Kleidung rot gefärbt.
„Ich dachte mir, Herr Inspektor, dass sie vielleicht wissen was wir mit ihm machen sollen?“, unsicher sahen die Polizisten ihn an. Er hatte keine Zeit. Er musste herausfinden wohin Valjean verschwunden war. Das war seine Pflicht. Er hatte keine Zeit sich um ein Straßenkind zu kümmern. Noch dazu eines, dass voller Stolz die Rosette der Revolution trug. Nein, er konnte sich nicht um den Jungen kümmern. „Fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort. Ich kümmre mich darum.“, Javerts Stimme ließ nichts von dem Aufruhr in seinem Inneren erahnen. Warum hatte er das getan?
Das konnte er sich auch später fragen. Jetzt erst der Junge. Vorsichtig um nicht noch mehr Schaden anzurichten hob der Inspektor das Straßenkind auf. Er war leicht und es bereitete Javert kein Problem ihn auf die Arme zu nehmen.
Mit schnellen Schritten verließ er das Café. Nicht weit von hier lebte ein Arzt. Javert selbst war schon das ein oder andere Mal dort gewesen. Er musste sich beeilen. Das Kind lag leblos in seinen Armen. Hätte es nicht ab und an ein leises Wimmern von sich gegeben, hätte Javert befürchtet, dass er eine Leiche trug. Wie zerbrechlich und schwach der Junge aussah. Er musste viel Blut verloren haben. Javert drückte ihn an seine Brust und verfiel in Laufschritt.

„Und?“, gespannt sah Javert zu Doktor Olivier Dubois, als dieser ins Wartezimmer kam. Der Doktor sah noch immer so aus, als hätte Javert ihn aus seinem Bett geworfen. Was gewissermaßen auch zutraf.
Die Sonne war schließlich gerade erst dabei aufzugehen, als Javert an der zerstörten Barrikade ankam. Als er dann endlich das Haus des Arztes erreicht hatte, lagen weite Teile der Straßen noch im Schatten. Es hatte eine Ewigkeit gebraucht, bis jemand auf sein Pochen reagiert hatte.
„Er wird’s überleben. Und wenn er den Arm die nächsten Wochen schont, wird er ihn wieder ganz normal nutzen können.“
Erleichtert atmete Javert aus. Er wusste nicht wieso er nicht wollte, dass dem Kleinen etwas passierte. Immerhin war der ein überzeugter Revolutionär. „Die Rechnung geht an mich. Schicken Sie später einen Boten. Sie kennen die Adresse ja.“
„Ich hoffe mein Bote kriegt Sie noch lebendig zu sehen.“, Verwirrt starrte Javert den Mediziner an, „Sie sehen schrecklich aus, Herr Inspektor. Haben wohl die letzte Nacht nicht geschlafen?“
„Nein... nein. Gab viel zu tun.“
„Die Revolte.“, Dubois hielt eine Rosette mit den Farben Frankreichs in der Hand. Javert starrte erst ihn, dann das Abzeichen der Revolutionäre an. „Nein, ist nicht meine. Die gehört dem Jungen.“
Javerts Lippen wurde schmal, während er den neugierigen Blick des Arztes erwiderte. „Das geht Sie nichts an.“
Einen Moment hielt Dubois den Blickkontakt, dann wand er sich seufzend ab. „Wenn Sie meinen, Herr Inspektor. Der Junge sollte eine Weile nicht bewegt werden.“, wechselte er abrupt das Thema, „Er kann bis heute Abend hierbleiben. Ich werde mich um ihn kümmern.“
„Dann komm ich heute Abend wieder.“, Javert stand auf und machte Anstalten zu gehen.
„Und bringen Sie ihm am besten frische Kleidung mit, ich musste sein Hemd aufschneiden.“, rief ihm der Doktor nach, „Von den Blutflecken fang ich gar nicht erst an.“
„Ich werde dran denken. Und … danke für Ihre Hilfe.“
„Immer gerne, Herr Inspektor. Immer gerne.“
Javert spürte den Blick des Arztes im Rücken, während er schnellen Schrittes das Haus verließ. Der Mann stellte sich vermutlich dieselbe Frage wie er: Warum half ein für seine Strenge berüchtigter Polizeiinspektor einem revoltierenden Straßenkind? Javert hätte was darum gegeben, wenn er die Antwort darauf wüsste.

Er stand im Schatten und starrte zu den Fenstern des Hauses empor. Er wusste nicht wie lange er hier bereits wartete. Ein paar Stunden waren es sicherlich. Und noch immer wusste Javert nicht was er machen sollte. Ihm schräg gegenüber lag das Haus Rue de l'Homme Armé Nummer 5. Die Adresse, die Valjean Javert bei seiner Freilassung mitgeteilt hatte.
Valjeans Zuflucht, seine Wohnung. Vor vierundzwanzig Stunden wäre Javert ohne Zögern mit einer ganzen Patrouille aufgetaucht und hätte das Haus stürmen lassen. Doch jetzt stand er hier. Und wusste nicht was er tun sollte. Der Mann hatte ihm das Leben gerettet. Javert stand in seiner Schuld. Doch es war seine Pflicht den Entflohenen festzunehmen.
Nachdem er zum zweiten Mal an diesem Morgen an der gestürmten Barrikade aufgetaucht war, hatte er schon bald herausgefunden, wohin Valjean verschwunden war. Eines der Abwassergitter war bewegt worden und wies Blutspuren auf. Wäre die Sache mit dem Straßenjungen nicht dazwischengekommen, hätte Javert den Mann sicher noch in der Kanalisation stellen können. Doch so sorgte dieses ungewohnte, verwirrende Gefühl in Bezug auf den Kleinen nur für eine weitere unlösbare Frage, die sich in Javerts ruhelose Gedanken mischte.
Genervt rieb sich der Inspektor die Stirn. Warum hatte Valjean ihn nicht einfach umgebracht? Das wäre so viel leichter gewesen.
Er sah auf. Eine Droschke fuhr vor. Hielt vor der Tür von Nummer 5. Javert spannte sich an. Ein Mann kletterte aus dem Gefährt. Verschmutzte Kleidung. Erschöpfte Haltung. Eine bekannte Gestalt.
Javert sollte jetzt losstürmen. Hin zu seinem selbsterklärten Feind und ihn in Ketten legen.
Die Haustür wurde aufgerissen und eine junge Frau, kaum dem Mädchenalter entwachsen, stürzte heraus. „Papa, Papa!“, der freudig-erleichterte Ruf fegte durch die Straße. Hallte in Javerts Gedanken nach. Papa, Papa. Der Inspektor lehnte sich an die Hauswand hinter ihm und schloss die Augen. Papa, Papa. Er hatte seinen Vater nie gerufen. Erst recht nicht mit dieser Freude. Er selbst würde nie so gerufen werden.
Javert atmete tief ein und wagte einen weiteren Blick auf die Szene vor Nummer 5. Die Frau hatte Valjean am Arm gefasst und zog ihn in das Anwesen. Auf der Türschwelle sah sich der entflohene Häftling um.
Javert zuckte zurück und drückte sich tiefer in seinen Schatten. Warum? Er war ein respektiertes und geschätztes Mitglied der Pariser Polizei. Warum also versteckte er sich im Schatten? Mit wild pochendem Herz, aus Furcht entdeckt zu werden? Vor einem Mann, der sich vor ihm in den Schatten verbergen sollte?
Er wusste nicht wie lange er so reglos ausgeharrt hatte. Es mochten Stunden gewesen sein, oder nur wenige Minuten. Er konnte es nicht sagen. Als er sich wieder dazu überwand nach Valjean Ausschau zu halten, erblickte er nur die geschlossene Tür von Nummer 5.
Einen Moment starrte er sie an, dann wand er sich ab. Mit gesenktem Kopf und ohne recht zu wissen wohin lief er los.
Als Javert seinen Blick wieder hob, fand er sich an einem seiner Lieblingsplätze wieder. Eine der vielen Brücken über die Seine. Es dämmerte bereits. Sein Bauch schmerzte. Wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen? Kurz bevor er sich zur Barrikade aufgemacht hatte. Es war ihm egal.
Tief unter ihm rauschte das Wasser. Hier oben kaum mehr als ein leises Säuseln, dort unten laut wie Donner. Er stützte sich am Geländer ab und blickte in die Tiefe. Endlos schob sich der breite Strom dahin. Ohne Rast durchflossen die grauen Wogen ihr Bett. Es wurde dunkler. Immer weniger Passanten überquerten die Brücke und gönnten der reglos dastehenden Gestalt des Inspektors kaum einen zweiten Blick. Die ersten Sterne erschienen, fanden einen Spiegel im Wasser des Stroms.
Wie leicht es wäre. Einfach über die hüfthohe Brüstung und loslassen. Javert umklammerte das eiserne Geländer. Einfach loslassen und all die Fragen und Verwirrungen hätten keine Bedeutung mehr. Sein Leben lang folgte Javert seiner Pflicht. Sein Leben lang hatte er die Menschen anhand ihrer Treue zum Gesetz beurteilt. Die Menschen und sich selbst. Bis Valjean ihm seine Fesseln zerschnitten hatte. Und nun wüteten in ihm Zweifel. Hatte er richtig gehandelt? War er im Recht gewesen? Nach weltlichem sicher. Darauf hatte er immer strengstens geachtet. Doch waren diese Gesetzesbücher wirklich alles? Gab es nicht mehr?
Er hatte sein Leben lang an das Gesetz geglaubt. Hatte jede seiner Handlungen danach ausgerichtet. Stets bemüht nicht so zu Enden wie sein Vater. Eingesperrt. Ein Wrack. Von der Gesellschaft ausgestoßen und gemieden. Er hatte gekämpft. Ja, das hatte er. Und doch – trotz seines hartverdienten Rufs als staatstreuer Polizist – in diesem Moment fühlte er sich, als hätte er das Wichtigste nie erreicht. Hätte das Wichtigste hinter seiner Maske der Rechtschaffenheit verborgen und so klein als möglich gehalten.
Er hob den linken Fuß und trat in eine der Metallverstrebungen, mit dem rechten Bein holte er Schwung, um diese letzte Barriere zu überwinden und loslassen zu können.
Er kann bis heute Abend hierbleiben. Dubois Stimme klang in seinen Ohren. Bis heute Abend.
Javert ließ sich auf die Straße zurückfallen. Nein. Er konnte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Er hatte noch eine Pflicht, die es zu erfüllen galt.

Ein heiseres Stöhnen riss ihn aus seinen Gedanken. Javert setzte sich in seinem Sessel auf und sah zu seinem Bett hinüber. Der Junge regte sich. Stöhnte noch einmal. Dann öffnete er die Augen. „Wo bin ich?“, nuschelte er. Einen Moment zögerte der Inspektor, bevor er antwortete: „In meiner Wohnung.“
Der Junge fuhr herum und starrte ihn aus großen, vor Schreck geweiteten Augen an. „Was… Wie.. aber…“, stammelte er.
„Du solltest dich nicht so hastig bewegen, sonst reißt die Wunde wieder auf.“ Der Junge, Gavroche erinnerte sich Javert plötzlich, schien ihn nicht gehört zu haben. „Was ist mit Coufeyrac? Und mit Enjolras? Und Grantaire? Und … und...“
Einzig der Name Enjolras sagte Javert etwas. Der Anführer der Studentenbewegung des ABC. „Wenn du damit die Barrikadenkämpfer meinst.“, der Inspektor musste unwillkürlich seufzen, als er an die leblosen Gestalten dachte. Keiner älter als dreißig, viele nicht einmal zwanzig. „Sie sind tot.“
Vielleicht hätte er es dem Jungen etwas schonender beibringen sollen. Ungläubig, geschockt starrten ihn diese hellblauen Augen an. „Tot?“, die Unterlippe des Jungen bebten. Dann schien ein unsichtbarer Damm zu brechen und wahre Tränenfluten rannen ihm über die Wangen. Der kleine Körper wurde von Schluchzern geschüttelt.
Javert stand auf, lief ein paar Schritte in Richtung des Bettes und blieb dann stehen. Was sollte er tun? Was tat man, wenn man ein Kind trösten wollte? Er hatte sich noch nie so hilflos gefühlt. Selbst als ihn die Revoluzzer gefangen hatte war es nicht so schlimm gewesen. Schließlich setzte er sich wieder in Bewegung. Langsam nährte er sich seiner Schlafstätte. Vorsichtig, als bestünde die Matratze aus Porzellan, ließ er sich neben dem Jungen nieder und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Es schien zu funktionieren, denn die Schluchzer des Kindes wurden weniger, bis sie schließlich ganz aufhörten. Wieder sah ihn der Junge aus diesen großen, hellen Augen an – dann schlug er zu.
Reflexartig riss Javert seinen Kopf zur Seite und bekam so nur einen schmerzhaften Kratzer an der Wange. Doch damit war das Straßenkind nicht fertig. Mit Händen, Füßen und Zähnen stürzte es sich auf ihn. Javert hatte alle Mühe die Arme des Jungen zu erwischen und festzuhalten, während er gleichzeitig versuchte weder Bisse noch Tritte abzubekommen.  Erst nach einer Weile schaffte er es, den Jungen auf das Bett zurückzudrücken. Schwer atmend starrte der ihn an. Wut verzehrte sein Gesicht. Doch erschreckender war der bohrende Blick dieser hasserfüllten Augen. Für einen schier endlosen Moment blieben die beiden reglos, starrten einander an. Dann riss sich Javert los. Er sprang auf und trat ein paar Meter von seinem Bett weg.
„Falls du Hunger hast.“, mit einer fahrigen Geste wies der Inspektor auf dem kleinen Tisch unter dem Fenster. Dort standen ein Korb mit Brötchen, einer mit frischen Croissants und eine Tasse mit inzwischen wohl nur noch lauwarmer Trinkschokolade. Dann verließ er fluchtartig das Zimmer.


Gavroche starrte dem Polizisten mit schmalen Augen hinterher. Er hatte vieles erwartet. Am ehesten, dass der verfluchte Inspektor ihn zusammenschlagen würde. Aber das? Halb erwartete er, dass eine ganze Polizeipatrouille hereingestürmt kam, um ihn festzunehmen und in irgendeinen Kerker zu verschleppen. Doch niemand kam.
Vorsichtig richtete sich Gavroche ganz auf und schlüpfte aus dem Bett. Seine linke Schulter schmerzte. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er den Arm zu heben. Schnell ließ er es bleiben. Die Schmerzen wuchsen ins unerträgliche. In seinem kurzen Leben hatte Gavroche schon so manchen Schmerz, körperlichen wie auch seelischen ertragen müssen.
Mit ersterem konnte er umgehen. Mit dem zweiten war es schon schwieriger. Bisher hatte er sich immer zu Coufeyrac flüchten können – oder auch zu Eponine. Krampfhaft schluckte er, versuchte die Tränen zu unterdrücken. Sie waren tot. Der Inspektor hatte es gesagt.
Doch vielleicht hatte er gelogen? Immerhin gehörte er zum Feind und hatte schon einmal versucht ihn zu betrügen. Bei Eponine bestand kein Zweifel. Wieder musste er hart an sich arbeiten, um nicht erneut in Tränen auszubrechen. Ja, seine Schwester war tot. Aber vielleicht lebten die anderen noch? Waren gefangen? Oder auf der Flucht? Aufgeregt über diesen kleinen Hoffnungsschimmer sah sich Gavroche genauer um. Was auch passiert war, er musste mehr herausfinden – und dann könnte er ihnen helfen!
Tief in seinem Inneren erklang eine leise Stimme. Sprach davon, dass seine Überlegungen nicht stimmten. Dass Javert diesmal die Wahrheit gesagt hatte. Dass seine Freunde tot, seine bisherige Welt zerstört war.
Er hörte nicht auf die Stimme, klammerte sich verzweifelt an das kleine Licht seiner Hoffnung.
Mit neu erwachtem Mut, wenn auch noch immer verwirrt über die Reaktion seines unerwarteten Gastgebers – überhaupt darüber ausgerechnet bei seinem Erzfeind zu erwachen – unterzog er das Zimmer einer genaueren Untersuchung. Der Raum war recht karg. In der einen Ecke das Bett, dass Tischchen neben dem Fenster. Der Sessel in dem der Inspektor gesessen hatte. Ein Schrank aus dunklem Holz vervollständigte die Einrichtung. Zuerst zu dem Tischchen.
Zwei Körbchen standen dort. Croissants und Brötchen. Schnell streckte Gavroche seine Hand aus und nahm sich. Was auch immer der Inspektor mit ihm vorhatte, diese Gelegenheit würde er sich nicht entgehen lassen. Etwas überrascht stellte er fest, dass er nicht seine eigenen Sachen trug. Hemd, Weste, einfache Hose und Socken. Neu, von besserer Arbeit als er je in seinem Leben getragen hatte. Und ein bisschen zu groß.
Gavroche fragte sich, ob er träumte. Ein schrecklicher, verwirrender Albtraum. Vielleicht war alles nur ein Traum gewesen. Und er würde jeden Moment aufwachen, verwirrt in das lachende Gesicht von Courfeyrac schauen und ihm alles erzählen. Der Student würde ihn in den Arm nehmen und grinsend erklären was das für ein unsinniger Traum war. Und dass sie nie sterben würden. Ein schmerzhafter Stich durchzog seine Schulter und holte ihn in die grausame Wirklichkeit zurück.
Gavroche schüttelte entschlossen den Kopf, das war kein Traum. Verwirrend, ja. Aber kein Traum.
Neben den Körbchen stand eine Tasse mit dunkelbraunem, wunderbar duftendem Inhalt. Begierig schnüffelte der Knabe. Heiße Schokolade! Er hatte bisher nur einmal in seinem Leben welche getrunken.
Mit zusammengeschnürter Kehle wich Gavroche von dem Tischchen zurück. Courfeyrac hatte sie ihm ausgegeben. Der Junge schniefte. Mit großen Augen starrte er die unschuldige Tasse an. Es war ein kalter Tag gewesen. Winter. Gavroche erinnerte sich an die dichten Schneeflocken, die sich in seinen und den Haaren des Studenten verfangen hatten.
Mit aller Macht löste er seinen Blick von der Tasse. Mit zu Fäusten geballten Händen sah er sich um. Er musste herausfinden was genau passiert war. Wo seine Freunde waren.
Sein Blick fiel auf den Schrank. Entschlossen schritt der Junge darauf zu.
Hauptsächlich Uniformen, ein paar zivile Anziehsachen. Zivil. Das Wort hatte ihm Enjolras beigebracht. Gavroche schluckte und atmete mit geschlossenen Augen mehrmals tief ein. Als er seine Augen wieder aufschlug, fiel sein Blick in die hintere Ecke des hölzernen Kastens. Dort, sorgfältig gegen die Schrankwand gelehnt, stand ein Säbel mitsamt Gürtel und prunkvoll verzierter Scheide.
Ein schmales, beinahe teuflisches Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus.

Vorsichtig schritt Gavroche durch den schmalen Flur. Zu seiner Überraschung war die Tür zum Schlafzimmer nicht abgeschlossen gewesen. Drei weitere Türen standen ihm nun zur Auswahl.
Das Heft des gefundenen Säbels schmiegte sich kühl in seine Hand, während er auf die nächstliegende zu schlich. Die Waffe war schwerer als sie aussah, aber Gavroche war stark. Da er nicht wusste, wann dieser Teufel von einem Polizisten wieder kommen würde hatte er die tödliche Klinge von ihrer Scheide befreit. In einem direkten Kampf hätte er keine Chance gegen den Mann. Aber Gavroche war schnell und beweglich, selbst mit seiner Wunde. Und er hatte die Überraschung auf seiner Seite. Das würde er ausnutzen.
Ein Geräusch unterbrach seine Rachegedanken. Aufmerksam lauschte er. Schluchzen? Es kam hinter einer der Türen hervor. Sie war nur angelehnt und vorsichtig schob sich der Junge näher. Hatte der Inspektor einen Gefangenen? Vielleicht sogar einen seiner Freunde? Nein, sicher keiner der Studenten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen weinte. Schritt um Schritt näherte er sich der Tür, bis er durch den schmalen Spalt hindurchsehen konnte.
Ein Arbeitszimmer. Hohe Schränke mit irgendwelchen Büchern und Papierstapel gefüllt bedeckten die Wände. Zur linken wurden die Regalreihen von einem Fenster unterbrochen. Vorsichtig schob Gavroche die Tür etwas weiter auf und schlüpfte in das Zimmer. Dort blieb er wie erstarrt stehen.
In der Mitte des Raumes stand ein großer Schreibtisch. Dahinter saß eine Gestalt. Halb lag sie auf dem Tisch, den Kopf zwischen den Armen vergraben. Eine bekannte Gestalt. Gavroches Mund klappte auf. Das war verrückt. Die Welt war verrückt!
Er musste irgendein Geräusch von sich gegeben haben, denn plötzlich sah der Inspektor auf. Seine Augen waren gerötet. Ruckartig wand sich der Mann ab und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Als er sich wieder Gavroche zuwandte wirkte er … verlegen? Der Inspektor gab ihm immer neue Rätsel auf.
„Du solltest dich besser ausruhen. Hast viel abbekommen.“ Gavroche antwortete nicht. Starrte den verhassten Staatsdiener nur an. Diesem schien erst jetzt die gezogene Klinge aufzufallen. „Willst du mich umbringen?“
„Wo sind meine Freunde?“, verlangte Gavroche. Seine Stimme klang selbst in den eigenen Ohren hart und kalt. Er trat ein paar Schritte in das Zimmer und hob den Säbel.
„Tot. Ich habe es dir doch schon gesagt.“ Gavroches Gegenüber wirkte müde, und zum Ärger des Straßenjungen kein bisschen beunruhigt.
„Lügner!“ Er lief weiter auf seinen Gegner zu. Jetzt trennte ihn nur noch der wuchtige Schreibtisch von dem Polizisten.  
„Diesmal nicht.“
Und woher auch immer, Gavroche wusste, dass Javert diesmal die Wahrheit sprach. Dass es keine Rettung mehr für seine Freunde gab. Dass er sie nie wiedersehen würde. Die Spitze seiner Waffe schlug auf den Boden. „Wie?“, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Wie sind sie gestorben?“
Der gottverdammte Inspektor stand auf – und in Gavroche erwachte der Kampfinstinkt eines Straßenkindes. Er sprang einen Meter zurück und riss den Säbel hoch.
Der Mann beachtete ihn jedoch nicht. Stattdessen trat er an das Fenster heran. Die Hände auf dem Rücken verschränkt sah er hinaus. Lange Zeit stand er so da, und Gavroche machte bereits den Mund auf, um seine Frage noch einmal zu stellen. Doch der Inspektor kam ihm zuvor. „Ich war nicht dabei.“, wieder entstand eine kurze Pause. Vorsichtig und möglichst leise umrundete der Junge den Schreibtisch. Jetzt trennten ihn nur noch wenige Meter von seinem Feind.
„Sie haben Kanonen benutzt. Haben damit die Barrikade zerstört. Deine Freunde haben sich heftig gewehrt. Aber sie mussten sich in dieses Café zurückziehen. Im oberen Stockwerk haben sie versucht sich zu verschanzen. Dort ist der Anführer gestorben. Enjolras. Als einer der letzten. Mehr weiß ich selbst nicht. Wenn du möchtest kann ich dir einen ausführlicheren Bericht besorgen.“
„Wieso bin ich hier? Und wieso lebst du überhaupt noch?“
Der Inspektor drehte sich zu Gavroche um, dann ließ er sich die Wand hinabsinken bis er auf dem Boden saß. „Ich weiß es nicht.“
„Was soll das heißen: Ich weiß es nicht?!“, die Flammen der Wut flackerten wieder auf und vertrieben zu Gavroches Erleichterung Trauer und Verwirrung. Zumindest für den Augenblick. „Du warst doch dabei. Du hast mich hergebracht. Und du musst doch wissen wieso dieser Typ dich nicht umgebracht hat. Hat er danebengeschossen?“
„Nein, also eigentlich ja. Absichtlich.“
„Danebengeschossen?“, vergewisserte sich der Knabe. Sein Gegenüber nickte. Jetzt da der Inspektor auf dem Boden saß hatte er auch den letzten Rest dieser furchteinflößenden Autorität verloren. Jetzt sah er einfach nur wie ein müder, alter Mann aus. Ähnlich verwirrt wie Gavroche selbst. Doch daran wollte der Straßenjunge nicht denken. Dieser Teufel war schuld am Tod seiner Freunde. Vielleicht nicht direkt daran beteiligt, aber auf jeden Fall mitschuldig.  
„Wieso?“
Der Inspektor stieß ein halb belustigt, halb verzweifelt anmutendes Geräusch aus. „Glaub mir Junge, dass wüsste ich auch gerne.“, seine blauen Augen schienen durch Gavroche hindurchzusehen als er weitersprach. „Ich habe diesen Mann mein Leben lang gejagt. Hab ihn als Sträfling kennengelernt. Ich hab ihn mein Leben lang verflogt. Ihm seins zur Hölle gemacht. Wann immer es mir möglich war.“, der Mann fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Und dann seh ich ihn bei eurer Barrikade wieder. Und ich bin hilflos. Kann mich nicht gegen ihn wehren. Seine Chance. Sein Recht. Aber er lässt mich gehen. Einfach so. Lässt mich gehen.“ Bei den letzten Worten war die Stimme des Inspektors immer leiser geworden, bis es für Gavroche so schien als würde der Mann mit sich selber sprechen. Ihn gar nicht mehr wahrnehmen.
„Hast du mich deswegen hierhergebracht?“
„Was? Oh,… Ich…“, diesmal verwendete er beide Hände, um seine Haare zu zerzausen. „Ich wünschte ich wüsste es. Ich… Als ich dich da so liegen sah. Stark blutend, aber noch am Leben. Da erschien es mir … richtig. Dich da wegzuholen mein ich. Zu einem Arzt zu bringen.“
„Und dann in deine Wohnung?“
„Und dann in meine Wohnung.“
Gavroche atmete tief ein. Wieder ließ seine Wut nach. Er wollte es nicht. Wusste, dass hinter dieser Schutzmauer schon Verzweiflung und Trauer lauerte. Mit aller Macht zwang er sich dazu an Javerts Mithilfe zum Tod seiner Freunde zu denken. Wenn bloß der Mann da vor ihm noch Ähnlichkeiten mit dem respekteinflößenden und gefürchteten Polizeiinspektor gehabt hätte! Gavroche griff den Säbel fester. Sobald es dem Kerl ans Leben ging, wäre er sicher wieder der Alte. Und nichts könnte ihn dann davon abhalten ihn zu töten.
Mit zwei schnellen Schritten stand er bei seinem Gegner. Die Klinge zischte durch die Luft. Javert bewegte sich nicht. Schloss nur die Augen. Die Klinge verharrte an seiner Kehle.
„Sag mal, willst du sterben?!“ Gavroches Wut wich Verärgerung. Hätte der Inspektor nicht wenigstens irgendeine Abwehr versuchen können? So fühlte sich das Ganze falsch an. Einfach nur falsch.
„Das würde ein paar Dinge vereinfachen.“
Für einen Moment war Gavroche wie erstarrt, während er das gesagte zu verstehen suchte. Dann schlug er zu. Mit der flachen Seite. „Vereinfachen?!“, noch ein Schlag. Diesmal hob Javert seinen Arm um ihn abzufangen. „Vereinfachen! Du hast doch nicht alle deine Freunde verloren. Deine Familie. Deine Zukunft!“, Gavroche schluchzte und schrie dabei weiter. „Hölle nochmal. Courfeyrac wollte mich adoptieren, wenn alles vorbei wäre. Wollte mich von der Straße wegholen. Wollte eine Welt in der es Straßenratten wie mich überhaupt nicht mehr gibt! Eine Welt in der niemand hungern muss, wegen so einem bekloppten, fetten König. Aber nein, so ein paar verdammte Staatslakaien mussten das ja verhindern!“ Er zitterte und sein Atem ging keuchend. „Meine ganze Welt ist zusammengebrochen. Und du? Dein Erzfeind hat dir das Leben gerettet. Na und? Sei doch froh drüber. Bei meinen Freunden hat das nämlich niemand getan! Sei froh darüber, dass du nicht deine Freunde verloren hast!“ Mit blitzenden Augen starrte Gavroche auf Javert herab.
Dieser starrte kurz verblüfft zurück, dann verhärtete sich seine Mine. „Welche Freunde denn? Ich hab mein ganzes Leben damit verbracht dem Gesetz zu dienen. Hab mich mein ganzes Leben lang bemüht nicht so zu enden wie meine Eltern! Wusstes du dass ich in einem Gefängnis geboren wurde?! Nein. Woher auch. Weißt du wie viel ich durchmachen musste deswegen? Ich hab mich immer bemüht nach den Gesetzen zu leben. Denn wer einmal fällt ist nicht mehr zu retten. Hab meine Welt eingeteilt in die guten, die das Recht achten und die Bösen, die das nicht tun. Und dann rettet mir ein Dieb das Leben. Schlimmer noch ein Dieb, der jedes Recht gehabt hätte, mich zu erschießen, erstechen, wie auch immer er mich hätte umbringen wollen! Du hast deine Freunde verloren, aber du weißt immerhin wer du bist. Wie die Welt ist. Aber meine Welt gibt es nicht mehr. Ist zerbrochen. Und ich muss feststellen, dass ich die ganze Zeit in einer Illusion gelebt habe. Nach einer Illusion gelebt habe!“, Javert schrie nicht. Aber er sprach laut und schnell. Und für Gavroche sah er wieder mehr wie der Polizeiinspektor aus, den er kannte.
Mit funkelnden Augen blitzten sich die beiden gegenseitig an. Schließlich seufzte der Inspektor, unterbrach den Blickkontakt und sah zu Boden. „Das … mit deinen Freunden. Es tut mir leid.“
Gavroche schluckte. Er wusste nicht zum wievielten Male es ihm an diesem Tag den Hals zuschnürte. „Mir auch. Also dein Leben.“, krampfhaft atmete er ein, bemühte sich die Tränen zurückzuhalten. Leise fuhr er fort: „Und meine Freunde auch.“
Beide zuckten zusammen als der Säbel zu Boden fiel. „Dann willst du mich nicht mehr töten?“
Gavroche schüttelte langsam den Kopf und setzte sich neben den Polizisten.
Lange Zeit saßen sie so da. Schweigend. Nebeneinander. Draußen stieg die Sonne höher und warf ihr Licht durch das Fenster.
„Und was machen wir jetzt?“, verloren sah Gavroche zu Javert hoch. Mit einem ähnlichen Ausdruck der Verunsicherung erwiderte der den Blick des Jungen. „Wie wäre es mit Frühstücken?“
Gavroche nickte.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast