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Thore

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
30.06.2020
11.05.2021
22
45.604
19
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Dieses Kapitel
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30.06.2020 2.181
 
"Ich denke, dass Menschen und Orte
für einen bestimmten Grund
und für eine bestimmte Zeit
in unserem Leben sind.
Wenn dieser Grund und diese Zeit vorbei sind,
solltest du weitergehen."

(Elizabeth Gilbert)


Tausende weiße Wolken zogen, gerieben vom rauen Wind, über den hellblauen Himmel. Die Fähre war nahezu menschenleer und schwankte gefährlich schaukelnd durch die Wellen. Zwölf Stunden Überfahrt von Aberdeen nach Lerwick waren bald überstanden und ich dankte Gott für die beinahe betäubende Wirkung der Reisetabletten, deren Schachtelinhalt sich bereits größtenteils in meinem Magen befand und die dort stattfindende Party zumindest einigermaßen in Schach hielt. Schon seit einer ganzen Weile kurvten wir entlang der schroff abfallenden Felsküste der Hauptinsel Shetlands. Ich stand, warm eingepackt, an der Reling und blickte auf das Land, das sich vor mir erstreckte.
Acht Monate lagen vor mir. Acht Monate, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte, was sie mir bringen würden. Ich war geflohen, hatte den Ort verlassen, den ich jahrelang als mein Zuhause bezeichnet hatte, versuchte, die  Vergangenheit, die schreckliche Leere, das was war und das was nie wieder sein würde, hinter mir zu lassen.
Zufällig hatte sich alles ergeben und ich hatte eben diesen Zufall genutzt. Eine ehemalige Studienkollegin von mir vermittelte den Kontakt zu einem Farmer namens Oakenshield auf dem nördlichsten Teil Großbritanniens, ich packte meinen Rucksack und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Außer Erinnerungen ließ ich nichts zurück, das von Wert gewesen wäre.

Im Hafen von Lerwick verlies ich mit wackeligen Beinen das Schiff.
Wie verrückt war das Ganze eigentlich? Ich, eine erwachsene Frau von beinahe Mitte Dreißig, lief von einem Zuhause weg, das schon lange keines mehr war, um am Ende der Welt monatelang mit einem völlig Fremden in totaler Abgeschiedenheit zu leben.
Ich war eindeutig nicht mehr zurechnungsfähig. Ich kannte diesen Mann nicht, hatte noch nicht einmal ein Foto von ihm gesehen, er hatte kein Facebook-Profil und war auch sonst im Internet nicht auffindbar. Was, wenn er ein psychopathischer Mörder war, der in seinem Keller Frauenleichen stapelte? Oder ein perverser Vergewaltiger? Die Welt war voller Irrer, anscheinend konnte auch ich mich selbst davon nicht ausnehmen.
Leicht verzweifelt lachte ich auf. Ein Bordmitglied, das am Kai stand, sah zu mir auf und kam auf mich zu. „Kann ich Ihnen helfen?"
Seine Augen waren offen und ehrlich, sein Akzent wies eindeutig darauf hin, dass er von hier stammte. „Ja, vielleicht.“, antwortete ich zögerlich.  „Ich suche nach einem Mister Oakenshield. Er soll mich hier abholen.“
Der junge Mann sah mich entgeistert an. „Oakenshield, im Ernst Miss?“
Fragend zog ich die Augenbrauen hoch. Gut, diese Reaktion trug nicht unbedingt dazu bei, mich wohler zu fühlen. Ganz abgesehen davon, dass mich der Mitzwanziger gerade tatsächlich Miss genannt hatte… „Aber ja…ich…also, ich werde einige Zeit bei ihm wohnen. Ich bin hier, um ihm bei der Pflege seines Neffen zu helfen und …“ Ich stockte verunsichert.
Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes schwankte zwischen Zweifel und absoluter Sicherheit, sich mit einer Wahnsinnigen zu unterhalten.
„Hey John!“, rief er einem etwas weiter entfernt stehendem Kollegen zu. „Die Lady hier will zu Oakenshield!“
Besagter John, ebenfalls deutlich jünger als ich, kam auf uns zu, musterte mich von oben bis unten und grinste den Anderen vielsagen an. In einem nahezu unverständlichen Mischmasch aus Schottisch und dem altnordischen Norn wandte er sich an ihn. „Tja, da hat sich der gute Oakenshield ja mal eine ganz besondere Fracht kommen lassen. Wer hätte das gedacht.“ Er lachte laut und drehte sich zu mir. „Wissen Sie, Oakenshield ist ein, nun ja, eher spezieller Fall. Ich hoffe sie wissen, worauf sie sich da einlassen? Überlegen Sie sich lieber nochmal, ob sie nicht besser wieder heimfahren wollen. Oder, sie bleiben einfach bei mir? Wer weiß, ob er sie mit dem, was er Ihnen zu bieten hat, überhaupt zufriedenstellen kann. Bei mir werden Sie sich mit Sicherheit nicht langweilen.“ Er lachte anzüglich und kam langsam näher.
Ich straffte meine Schultern und musterte ihn abschätzig. „Danke für das großzügige Angebot, aber ich spiele nicht mit kleinen Jungs.“
Der freundliche Steward von vorhin brach in schallendes Gelächter aus.

„Gibt’s ein Problem?“
Ich drehte mich langsam um. „Nein, ich denke wir haben…“ „Alles geklärt“, wollte ich hinzufügen, doch brach ich mitten im Satz ab und blinzelte gegen die Sonne, die mir direkt ins Gesicht schien und es mir unmöglich machte, den Redner anzusehen. Eine Wolke verdunkelte kurz den Himmel und ich blickte unvermittelt in ein Paar tiefblaue Augen, die mich abschätzend musterten.
„Sind Sie Sophie?“
Die Stimme des zu den Augen gehörenden Mannes klang tief und rau, seine etwas zu langen, dunklen Haare, die von vereinzelten grauen Strähnen durchzogen waren, fielen ihm ins Gesicht, das von einem überraschend ordentlichen und eher kurz gehaltenem Vollbart umrahmt wurde.
„Also? Ich hoffe doch, dass Sie sprechen und sich an Ihren Namen erinnern können?“ , blaffte er mich ungehalten  an.
Wow, was für ein freundlicher Zeitgenosse... „Wie? Ach so, ja. Ja, ich bin Sophie. Sophie Leonhard. Dann müssen Sie Mister Oakenshield sein?“
Mit einem möglichst entwaffnenden Lächeln streckte ich ihm meine Hand entgegen, was ich im nächsten Augenblick bereute. Sein Händedruck war fest, mehr als fest. Es fühlte sich an, als würden sämtliche Knochen in meinen Fingern zerbrechen und ich versuchte mit großen Augen, meine Hand zurückzuziehen.
„Kommen Sie, wir haben einen langen Weg vor uns und es wird bald regnen.“ Ohne sich noch einmal umzusehen, stapfte er zu einem alten Land Rover und stieg ein.
„Ich bringe Sie zum Wagen.“ Meine Unsicherheit schien mit Händen greifbar zu sein, denn der freundliche Steward, der sich mir als Oliver vorgestellt hatte, sah mich aufmunternd an und nahm mir den Rucksack ab.
„Muss ich Angst vor ihm haben?“
Flüsternd sprach ich die Frage aus, die mir durch den Kopf spukte. Trocken wandte sich Oliver an mich.
„Nun, wer weiß? Vielleicht wird er Sie heute Nacht im Schlaf ermorden und sie morgen seinem bestialischen Hund zum Fraß vorwerfen.“
Mein entsetzter Blick ließ ihn in schallendes Gelächter ausbrechen.
„War nur ein Spaß. Oakenshield ist ein ziemlich sturer Eigenbrötler, aber nachdem wie er sie angesehen hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie sich vor ihm fürchten müssen. Ich glaub allerdings, dass ich ihn noch nie so viel am Stück reden gehört habe wie gerade.“
Noch immer breit lächelnd öffnete er mir die Beifahrertür und drückte mir den Rucksack in die Hand. „Alles Gute, Sophie! Die Fähre geht jeden Tag kurz nach 18 Uhr zurück aufs Festland, falls sie es sich doch noch anders überlegen sollten.“ Zwinkernd schlug er die Tür zu, winkte kurz und drehte sich um.

Wie ich es bereits vom schottischen Festland her kannte, war von normalen Straßen kaum zu sprechen. Die typischen Single Track Roads schlängelten sich schier endlos durch die Landschaft und zogen die Fahrt dementsprechend in die Länge. Was Google mit nicht einmal einer Stunde Weg beschrieben hatte, zog sich nun gefühlt schon mindestens doppelt so lange.
Anfänglich hatte ich versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, Small Talk zu betreiben, eben sozial kompatibel zu agieren. Oakenshield schien von Kommunikation allerdings wirklich nicht viel zu halten, antwortete mit einigen, gelegentlichen „Hm´s“ auf meine Fragen und blickte ansonsten stur geradeaus. Grinsend dachte ich an meine Freundin Marie, die auf meine Ankündigung, monatelang am, wie sie es nannte, Arsch der Welt verbringen zu wollen mit dem vollkommen ernst gemeinten Vorschlag gekommen war, es doch lieber mit einem Schweigeseminar im Kloster zu versuchen. Tja, meine Liebe, das hier entpuppte sich wohl als Klostererfahrung der extremen Art...  Etwas genervt angesichts seiner nicht gerade kooperativen Haltung drehte ich mich schließlich etwas von ihm weg und blickte aus dem Fenster.
Die Landschaft war unglaublich schön. Kein Baum war zu sehen, die sanften Hügel schimmerten grün und braun, der weite Himmel war noch immer wunderbar blau. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und ich legte meine Stirn an die kühle Scheibe. Das Land war zauberhaft und ich erlaubte mir, mich auf die kommende Zeit zu freuen, auch wenn mein Gastgeber ein wohl eher verstockter Fisch zu sein schien.
Gut, ein ziemlich attraktiver Fisch. Vorsichtig lugte ich zu ihm. Er war älter als ich, ich schätzte ihn auf Anfang bis Mitte 40. Seine Gesichtszüge waren, wenn sie auch zum großen Teil durch den Bart verdeckt wurden, markant und er strahlte eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ich so noch bei keinem anderen Menschen gesehen hatte. Am hervorstechendsten waren allerdings seine Augen. Dieses tiefe Blau, fast wie ein klarer Bergsee, irgendwie unergründlich. Seine Statur war beeindruckend; obwohl nicht übermäßig groß, wirkte er durch und durch männlich. Ja, das war wohl das beste Wort, um ihn zu beschreiben. Männlich. Durch das karierte Flanellhemd hindurch, das zugegebenermaßen schon bessere Zeiten gesehen hatte, konnte man gut trainierte Muskeln erahnen, seine großen Hände lagen stark und sehnig auf dem Lenkrad. Seine Beine steckten in ausgewaschenen Jeans und… Genug davon. Überrascht über meine eigenen Gedanken, verbot ich mir jede weitere Beobachtung, heftete meinen Blick entschlossen zurück auf die Landschaft und lehnte dabei meinen Kopf wieder an das Fenster. Das gleichmäßige Ruckeln des Autos ließ meine Lider schwer werden; innerhalb von Sekunden war ich eingeschlafen.

Als wenig später das monotone Brummen des Motors aussetzte, fuhr ich erschrocken hoch und strich mir peinlich berührt durch die Haare.
„Wir sind da!“, merkte er überflüssigerweise an und stieg aus dem Auto.
Ich kletterte ebenfalls aus dem Wagen. Es regnete, ganz genau wie es mein Gastgeber vorhergesagt hatte. Neugierig blickte ich mich um. Die Farm war alt, das Gemäuer bröckelte an einigen Stellen erheblich und die Gebäude wirkten durch den Regenschleier trist und grau. Rechts vom Wohnhaus befand sich das Stallgebäude, links konnte man die Überreste eines alten Bauerngartens, umrahmt von einer mehr oder weniger eingefallenen Steinmauer, entdecken.
Unwillkürlich schluckte ich und dachte missmutig an all die Horrorfilme, die ich als Jugendliche gesehen hatte.
„Mädel, du musst wirklich total verrückt geworden sein,“ flüsterte ich mir selbst zu, verzweifelt darum bemüht, meinen schneller gehenden Atem unter Kontrolle zu bekommen.

„Wollen Sie noch länger hier stehen bleiben?“ Die bissige Stimme hinter mir lies mich aufschrecken und ich spürte eine starke Hand auf meinem Rücken, die mich energisch in Richtung Haustür schob, während ich meinen Rucksack eng an mich drückte und versuchte, meine Nerven zu behalten. Oakenshield schloss auf und drängte sich vor mir in den dunklen Flur.
Zögerlich trat auch ich aus dem kalten Regen in den Hauseingang und zog erschrocken die Luft ein, als etwas Weiches und Kühles überraschend an meine Hand stupste. Mein Gastgeber knipste das Licht an und vor mir stand – ein Hund. Erleichtert lächelte ich und ging in die Hocke, um den weiß-braunen, etwa kniehohen Sheltie zu streicheln, der mich erst neugierig beschnüffelte und dann augenblicklich begann, mir freudig über das Gesicht zu lecken.
„Na, du? So furchteinflößend siehst du gar nicht aus, Kleine.“
Oakenshield zog die Augenbrauen nach oben. „Sally, aus!“
Barsch fuhr er die Hündin an, die sich jedoch nicht ablenken und sich mit glücklichem Schwanzwedeln von mir streicheln ließ.
„Schon ok,“ versuchte ich ihn lächelnd zu beschwichtigen, „ich glaube, wir mögen uns.“
„Scheint so,“ knurrte er missmutig und befahl mir, mit ihm zu kommen.
Nur mit äußerster Mühe konnte ich den Drang unterdrücken, auf Grund seines unmöglichen Befehlstons vor ihm strammzustehen und zu salutieren, lies dann aber doch ein leises „Aye, Aye Sir!“ hören und blickte ihn unverwandt an. Oakenshields Augen verengten sich zu dunklen Schlitzen. Wortlos drehte er sich um und stapfte vor mir die schmale Wendeltreppe ins Obergeschoss hinauf.

Interessiert blickte ich mich um. Zu meiner absoluten Überraschung wirkte das Haus blitzsauber und beinahe penibel aufgeräumt. Die Einrichtung schien, wenn auch nicht gerade modern, doch geschmackvoll und sorgfältig ausgewählt. Nachdenklich zog ich die Augenbrauen nach oben und blickte auf den breiten Rücken des Mannes vor mir. „Was für ein Mann bist du, Oakenshield", ging es mir durch den Kopf. „Und wo zur Hölle ist eigentlich dein Neffe?" Als hätte ich meine Gedanken laut ausgesprochen, drehte er sich halb zu mir.
„Kilian wird erst in zwei Tagen zurückkommen, bis dahin müssen wir uns vorerst allein ertragen." Mit einem skeptischen Seitenblick auf mich, fuhr er fort. "Hier ist Ihr Zimmer. Das Bad ist da drüben. Essen gibt’s in einer halben Stunde", sprach er, drehte sich um und verschwand wieder nach unten.

Wortlos und mit offenem Mund starrte ich ihm hinterher, bevor ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete. Der Raum war klein, aber gemütlich. Das Bett, das in einer Nische unter einem kleinen Sprossenfenster stand, war frisch überzogen und lachte mich verlockend an.
„Nana, Sophie, jetzt nur nicht nachgeben. General Oakenshield erwartet dich in einer halben Stunde zum Rapport,“ sprach ich leise zu mir selbst und grinste mir in dem kleinen Spiegel über der hölzernen Kommode Mut zu.
Kurz entschlossen ging ich ins Bad, stellte mich unter die Dusche und genoss das warme Wasser auf meiner Haut.

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Hallo liebe Leser,
ohne viel Gerede, Thorin im Modern Setting, "in the middle of nowhere" im, wie ich finde, schönsten Land der Welt.
Was denkt ihr, hat die Idee Potenzial und wollt ihr wissen, wie es weitergeht?
Freue mich über eure Rückmeldungen!
Liebe Grüße
Hopfenbraut
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