Die neue Welt

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
30.06.2020
09.08.2020
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01.08.2020 1.843
 
Kapitel 19: Träume sind schäume.

Samstag – 03. August 2013



Aufstehen, wo auch immer ich gerade war. Es war ein Bett. Wie ich da hineingekommen war? Keine Ahnung.

Anziehen. Hatte ich nicht noch Jeans und meine weiße Bluse angehabt?

Frühstücken. Zähne putzen. Ins Taxi setzen. zum Flughafen fahren.

Auf den Flug warten. Weiter geht's.

Ob mir das jemals gefallen könnte? Irgendwo aufzuwachen, nicht zu wissen wo man war und danach weiter zu fahren... zu fliegen. Ich bezweifelte es.

Doch Sebastian schien es nicht schwer zu fallen. Er organisierte alles. Das Frühstück, das Taxi und sogar das Hotel. Erst danach viel mir ein, dass ich alles bezahlen wollte, doch da saßen wir bereits in der nächsten Maschine in der 1.Klasse, Richtung Las Vegas.

„Wie lange sind wir noch unterwegs?", fragte ich Sebastian, der es sich mit einer Zeitung gemütlich gemacht hatte. Er sah mich an und lächelte. „Etwa fünf Stunden.", dann grinste er noch mehr. „Und ab hier werde ich nur noch Englisch mit dir reden." Was er auch tat. Zu meinem Übel musste ich mir sämtliche Wünsche von der Stewardess auf Englisch bestellen. Es war echte Schwerstarbeit an ein Mittagessen zu kommen, doch Sebastian meinte, es würde sich sehr gut anhören.

Unser Gespräch von gestern Abend… Nacht führten wir weiter. Diesmal stellte er mir genauere Fragen zu meinen Hobbys und Leidenschaften. Eine dieser speziellen Fragen betraf auch das Essen. Ob ich bestimmte Vorlieben oder Abneigungen hatte. Die letzte Antwort konnte ich ihm am schnellsten geben. „Nein, ich liebe gutes Essen." Bei dieser Aussage wurde ich Rot und mir viel ein Film ein, denn ich sehr gerne mochte. Er wurde stutzig und zog eine Augenbraue hoch. „Was ist?", meinte er „Was geht da gerade in deinem Kopf herum." Er bohrte solange, bis ich ihm davon erzählte. „Mir geht es manchmal wie dieser Kritiker aus dem Ratten - Film." „Ratten? Film?"

Ich musste lachen. „Vor ein paar Jahren, kam dieser Zeichentrickfilm (ich sagte Pixar-Film, da mir Zeichentrick nicht einfiel) in die Kinos. Er hieß Ratatouille. Ich fühle mich beim Essen manchmal wie gefürchteten Restaurant-Kritiker Ego aus dem Film. Ich liebe es zu kochen, aber am meisten liebe ich gute Küche. Und wenn ich etwas nicht mag, dann lasse ich es einfach sein." Ich lachte wieder, doch Sebastian stimmte nicht mit ein. Ich überlegte, ob mir bei meiner Wortwahl ein Fehler unterlaufen war und ich etwas Schlechtes gesagt hatte. Doch nein, es war nichts verkehrt gewesen und dennoch schwieg er. Er schwieg lange, sehr lange, fast eine Stunde lang und ich wusste nicht wieso.

Doch ich ließ ihn in Ruhe damit. Ich nahm mein Buch aus meiner Tasche und lass einfach weiter. Irgendwann tippte er mich an die Schulter und meinte: „Was ist dein Plan für die Zukunft?" Ich zog die Schultern nach oben, ich hatte nicht viel geplant, nur gehofft auf eine mögliche Anstellung... Aber einen Plan? Nein. „Oder einen Traum, denn du gerne dir erfüllen möchtest?“ Meine Erinnerungen überschlugen sich bei dieser Aussage und dabei verlor ich mich in meiner Kindheit.

Ich saß zusammen mit meiner Mama am Mittagstisch. Sie lächelte mich an und wartete darauf, dass ich meinen ersten Bissen nahm. Es war Ritual geworden, denn sie wartete auf etwas. Auf eine spontane Entscheidung, eine Entscheidung die ich aus Gewohnheit, meinerseits, gerne zum Essen äußerte.

Sie Soße war ihr wieder perfekt gelungen. Cremige Note, leicht säuerlicher Nachgeschmack und eine leichte süße vom Rotkraut.

Sie lächelte mich weiterhin an und wartete. Denn sie wusste genau, einer guten Roulade mit Rotkraut und echten vogtländischen- grünen Klößen, konnte ich nicht widerstehen. Es war eines der wenigen Essen, die bei mir bereits eine Zufriedenheit auslösten, sobald ich es sah.

Die Klöße hatten eine perfekte Konsistenz und Farbe, grün – grau und leicht klebrig, wie Fensterkitt.

Sie wartete immer noch geduldig, aber ihr lächeln verlor sie dabei nie, egal wie schwer es uns finanziell ging.

„Trixie?", die Stimme kam nicht von meiner Mutter. Sie war männlich, zärtlich und doch mit einem leicht traurigen Nachklang. Eine wunderschöne Stimme die da sprach, und sie versuchte mich in die Wirklichkeit zurück zu holen.

„Trixie?" Himmelblaue Augen sahen mich sorgenvoll an, aber dennoch mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Sein lächeln war einfach zum Verzaubern und seine Lippen sahen aus, wie nach einer Lippenbalsam – Werbung. „Ist alles in Ordnung bei dir?", fragte er erneut und ich kehrte geistig und körperlich wieder zurück ins Flugzeug.

Ich nickte kurz, bei unseren letzten Gesprächen reichte ihm das völlig aus. Doch diesmal schien es zu wenig zu sein. „Wo warst du gerade?" Die einfachste Antwort, die mir auf den Lippen lag, war > Hier neben dir. < Doch ich wusste, dass er über meine abwesenden Gedanken sprach. Mein Blick viel auf meine Knie und mit voller Wahrheit antwortete ich ihm: „Bei meiner Mutter. Ich habe mich an eine alte Geschichte von früher erinnert, als ich zusammen mit ihr beim Mittagessen saß." Mein Blick glitt zu seinen blauen Augen, die mich aufmerksam betrachteten. „Und warum blieb dir dieser Tag in Erinnerung?" Er fragt nicht aus Höflichkeit, sondern in seinen Worten lag echte Neugier. Doch durch diese Erinnerung war mir in diesem Augenblick, wie lächeln und weinen zu Mute.

„Sie hatte mich an diesem Tag, mit meinem Lieblingsessen bestochen." „Und was, wenn ich fragen darf, war der Grund dazu?" Jetzt kam der Teil, der mir fast zum Heulen brachte. „Sie hatte mir an diesem Tag das erste Mal mitgeteilt, dass sie sich das Geld für die Klassenfahrt nicht leisten konnte." Sein Blick wurde ernster. „Hätte sie keinen Zuschuss beantragten können?" Mein Kopf wackelte zaghaft hin und her. „Zu dieser Zeit gab es das noch nicht und später lehnte ich es ab." Ich sah, dass er zu einem Wiederspruch ansetzen wollte, doch erneut schüttelte ich mit dem Kopf. „Ich sah, dass sie sehr darunter litt, mir dieses Erlebnis nicht zu gönnen.“, ich zog bei diesen Worten die Augenbrauen nach oben, „Also wünschte ich mir generell keine Fahrten.“ Versuchte ich noch weißer auszuholen und ihm die Situation näher zu erklären. „Ich war als Jugendliche immer sehr selbstständig und erklärte meiner Mutter, dass ich es als Verschwendung weniger Ressourcen ansah.

Außerdem war das Problem mit den Zuschüssen", versuchte ich ihm weiter zu erläutern, "Das meine Mutter irgendwann einen Anteil hätte zurückzahlen müssen. Das wünschte ich nicht. Sie hatte an der Trennung bereits genug gelitten.“

Sebastian sah mich weiter mit seinen blauen Augen an. "Sie hatte die Trennung die verkraften." Meine Stimme war nur noch ein leises flüstern, ich seufzte tief und mein Blick viel wieder auf meine Knie. "Bereust du es?“, fragte er mit einer sanften und liebevollen Stimme. Ich sah ihn an. "Was genau meinst du?" Sein Blick richtete sich zum Kabinenhimmel, er schien seine nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. „Nun“, er sah mich wieder an, „Diese Entscheidung, diese Erfahrung nicht gemacht zu haben... Der Gedanke daran, dass deine Eltern schuld daran waren, auf etwas in deinem Leben verzichten zu müssen.“

Ich überlegte genauso lange und dachte ernsthaft über die Antwort nach, wie er gebraucht hatte, sie mir zu stellen. So das er verstand, was mir das damals bedeutete hat. Bedeutete. Meine Mutter, die ich trotz der über 140 Kilometer Entfernung, über alles liebte und die mir immer noch sehr wichtig war. Ja es stimmte. Auf vieles hatte ich in der Zeit verzichten müssen, aber fühlte ich mich dadurch anders? Nein nicht wirklich. Vermisste ich etwas, etwas was ich nicht hatte? Mein Blick war weiterhin ernst. „Was sollte ich vermissen, was ich nicht wollte. Was ich selbst abgelehnt hatte. Deshalb nein, ich bereue es nicht.“ Seine Gesichtszüge wurden weicher und glätteten sich. „Ich verstehe.“, das war alles.

Langsam wurde ich auch neugierig auf ihn: „Sag mal, hast du die letzte Hotelrechnung bezahlt?“ Seine Augen funkelten mich etwas sauer, fast zornig an. „Wie kommst du darauf?“ Ich versuchte es auf der ruhigen Ebene. „Nun, du hattest mir ja versprochen, dass ich alles bezahlen dürfte.“ Er griff sich nach dieser Aussage von mir, durch die Haare und sie blieben dabei wie kleine Igelstacheln aufgerichtet stehen.

„Ich wollte dir gerne einen neuen Vorschlag machen. Da ich ein Gespräch mit Onkel Augustin hatte.“ Es schien im peinlich zu sein, denn er fing an seine Finger zu verknoten. „Ich hatte die Überlegung, dass du dir selbst einen Wunsch davon erfüllen solltest. Deshalb auch meine Fragen vorhin. Vielleicht möchtest du ein schnelles Auto, einen Flugschein machen oder ein eigenes Haus kaufen.“

Was hatten diese Männer nur mit schnellen Autos. Klar ich hatte einen Führerschein, aber kein Auto, doch das störte mich nicht. Die Straßenbahn, die S- Linie und die Busse fuhren regelmäßig.

„Ich habe…“, Sebastian drückte mir einen Finger auf meine Lippen. „Bitte jetzt keine Äußerungen, wie ich benötige nichts. Lass dir bitte Zeit und überlege genau. Du musst nichts überstürzen. Vielleicht möchtest du ja eine teure Schule besuchen oder dir einen Arbeitstraum verwirklichen und eine eigene Firma gründen, so etwas kann sehr teuer werden.“

Seine Fragen vorhin, beruhten diese Aussagen, auf Nachforschungen in diese Richtung. Es klang fast so. Was hatte das mit Herr Maginus zu tun? „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Sein Blick glitt über mein Gesicht. Er sah neugierig aus. „Sag mal Trixie, wie alt bist du eigentlich? Ich meine, wann bist du geboren?“

Ich blickte nach unten. War er wirklich neugierig und warum wusste er es nicht? Verrückt. Er kannte meine genaue Adresse, meine Kleidergröße, aber nicht einmal mein Alter. „Ich bin 1995 auf die Welt gekommen, am 22. Februar, um genau zu sein. Mein Alter ist somit 18Jahre.“ Er sah mich erneut mit diesen großen Augen an, vermutlich schockiert. „Wow“, sagte er dann sehr leise. „Nimm es mir nicht böse, doch ich hätte dich viel älter geschätzt. Dein Verhalten ist das nicht einer 18-Jährigen Frau.“

Nach dieser Aussage musste ich ihn angrinsen. „Die meisten schätzen mich durch meine Größe sogar jünger. Du bist der erste, der mich älter machen möchte.“ Mein Blick blieb an seinen scheinbar weichen Lippen hängen. Wie sie wohl schmeckten? „Und“, fing ich wieder an mit stottern, „wann hast du Geburtstag?“ Nach meinen Schätzungen und Informationen zu folge, müsste er mindestens 24 Jahre alt sein. Da er bereits in Deutschland studiert hatte und nun beruflich weiter lernte. „Mmmhh.“, seine Lippen verzogen sich zu einer breiten Schnute, vermutlich schätzte er ab, wie ich reagieren könnte. „Ich bin am 18. Februar 1986 auf die Welt gekommen.“ Mir blieb innerlich ein Riesengroßer Schrei stecken. Er war sogar noch älter und im Sternbild Wassermann geboren. Das Szenario Dusche am Morgen der Abreise viel mir wieder ein.

In meinen anderen Gedankengängen rechnete ich schnell durch und sagte: „Du bist 27 Jahre alt?“ Er nickte. Er ist 9 Jahre älter als ich. Scheiße. Ich versuchte zu grinsen. „So siehst du aber nicht aus. Ich hätte dich auf 24 geschätzt.“ Sein Kopf kippte leicht zur Seite und sah mich nachdenklich an. „Was denkst du gerade wirklich?“ Ich schluckte schwer. „Dein Gesicht passt nicht zu deinen Worten.“

Wahrheit ja oder nein?
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