Der Bahnhof der flüsternden Schatten

GeschichteHorror, Übernatürlich / P16
30.06.2020
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„Können Sie mich hören...“

„Können Sie mich hör…“

„Kö…“, eine vertraute Stimme drang an mein Ohr. Männlich, bekannt und doch war ich nicht in der Lage sie zu zuordnen. Wer sprach da? Vor allem, weshalb wurde er immer leiser? Zum Schluss nicht mehr verständlich. Wer wollte mich sprechen?
Langsam öffnete ich die Augen. Dennoch war es mir nur möglich verschwommen meine Umgebung wahr zu nehmen. Alles wirkte Schemenhaft und nicht näher zu identifizieren. Erneut begann der Mann außerhalb meiner Sicht mit mir zu sprechen. Seine Stimme war jedoch mittlerweile zu leise und wirkte fern. So als würde er aus großer Entfernung das Wort an mich richten. Langsam nahm meine Umgebung Kontur an. Eine simple graue Fläche. Verschwommene überraschend große Bilder befanden sich darauf. Jedes einzelne von ihnen erstaunlich farbenfroh und mit einer nicht lesbaren Schrift versehen. Fast wie Plakate. Jedoch gelang es mir nicht den Inhalt zu entziffern. Der Boden auf dem ich saß war ebenfalls in einem grau gehalten. Allerdings deutlich dunkler als an der Wand vor mir.
„Wo…bin…ich…“, lallte ich mit einer brüchigen Stimme. Während sich meine direkte Umgebung immer weiter materialisierte. Gleise…direkt vor mir befanden sich Gleise. War dies eine U-Bahn-Station? Mein Blick wanderte direkt zur Decke. Sie war gläsern und ließ Licht ins Innere.
Das war scheinbar ein Bahnhof. Ich saß an einer Säule gelehnt auf den Boden. Wie war es nur zu dieser Situation gekommen? Hatte ich dort geschlafen?
Meine Erinnerungen gaben mir keine Antwort auf die Frage.
Wo war der Mann der mich geweckt hatte? War er gegangen, als er mein Erwachen bemerkte? In der Theorie wäre es möglich. Nur beantwortete diese einige Fragen eben nicht. Wie konnte er derart geräuschlos verschwinden und vor allem weshalb sollte er?
Vorsichtig stand ich auf. Mir war schwindelig, instinktiv stützte ich mich an die Säule hinter mir um nicht zu stürzen. Plötzlich fiel mir etwas auf. An diesem Ort war es so still. Mitten am Tag sollte an einem Bahnhof doch mehr los sein? Selbst an einen Sonntag war ein, auf den ersten Blick derart groß wirkender, Bahnhof nicht verweist und doch herrschte absolute Stille. War er vielleicht verlassen? Bei genauerer Überlegung eher unwahrscheinlich. Es fehlten jede Spur von Verfall. Keine Anzeichen von Natur, welche versuchte den Ort zurück zu erobern. Nicht einmal ein einziges Graffiti gab es. Wurden diese nicht immer von verlassenen Orten angezogen wie die Motten vom Licht? Nur eine Sache machte mich besonders stutzig. Wenn dieser Ort nicht verlassen worden war, hätte nicht jemand auf mich aufmerksam werden müssen? Jemanden war ja offensichtlich aufgefallen, dass ich dort geschlafen hatte. Diese Person hatte mich ja vor ihrem mysteriösen Verschwinden angesprochen. Dennoch waren weder Polizei, noch Mitarbeiter, der Sicherheitsdienst oder Leute von der Bahnhofmission zu entdecken. Bestand die Möglichkeit, dass etwa alle verschwunden waren? Wurde der Bahnhof vielleicht von etwas angegriffen und alle Menschen verschleppt, während ich wie durch ein Wunder entkam? Eine unfassbar vage Erinnerung an einen tatsächlichen Angriff tauchte in meinem Gedanken auf.
Plötzlich erklangen Schritte. Den Geräuschen nach zu urteilen rannte jemand durch den Bahnhof. Vermutlich in einem etwas weiter entfernten Bereich, wenn man die Lautstärke bedachte. Wie ein aufgescheuchtes Tier sah ich mich um. Jedoch verstummten sie noch bevor es mir möglich war ihre Quelle ausfindig zu machen.
„Auch gut, wo war ich noch mal?“, seufzte ich mit einem gewissen Frust und versuchte den vorher gedanklich gesponnenen Faden wieder auf zu greifen. Jedoch egal wie sehr ich mich bemühte, es fiel mir partout nicht mehr ein, worüber ich bis vor wenigen Sekunden noch so intensiv nachgedacht hatte.
„Hannah“ Eine weibliche Stimme sprach mich voller ernst an. Instinktiv versuchte ich die Quelle der Stimme ausfindig zu machen. Wieder ohne die Sprecherin entdecken zu können. Gleichzeitig machte mich die Stimme selbst stutzig. Sie hatte sich so nahe angehört. Als wäre mir das Wort direkt ins Ohr gehaucht worden. Gleichzeitig so weit fort, fast wie aus einem anderen Universum. Wer war hier? Was wollte sie von mir? Vor allem, wieso verschwand sie so schnell wieder? Egal wie sehr ich mir den Kopf darüber zerbrach. Eine logische Erklärung wollte mir nicht einfallen. Dafür fiel mir etwas ein. Eine Frage konnte ich beantworten. Zumindest ein bisschen. Nicht besonders genau, doch ein wenig. Es war gerade wieder in den Sinn gekommen.
Ich wollte jemanden finden. Vielleicht machte es Sinn diese nicht näher definierte Person zu suchen?
Eventuell konnte mir dieser Mensch weiterhelfen.
Halt, war das Plakat der Bahnhofpolizei von Anfang an dort gewesen? So genau konnte ich es nicht sagen. Der objektive Teil in mir bestand darauf. Allerdings wollte ein zweifelnder Teil dies einfach nicht hinnehmen. Zumindest in einem Punkt waren sich beide Seiten dann doch einig. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl konnte und durfte nicht ignoriert werden. Mit neuer Entschlossenheit begann ich die Suche in die Tat umzusetzen.
Es war seltsam, dass meine Schritte keinerlei Geräusche von sich gaben. Auch mein eigener Atem war absolut still, trotz der Tatsache, dass ich bewusst sehr laut ein und ausatmete. Alles blieb geisterhaft ruhig.
Mein Weg führte mich die Gleise entlang. Vorbei an unbequemen Sitzgelegenheiten, Automaten, Mülleimer und verschwommenen Plakate an den Wänden. Seltsamerweise gab es jedoch kein Schild mit dem Namen des Ortes. Ob hier überhaupt Züge entlangfuhren? Es erschien mir irgendwie unwahrscheinlich. Mein Weg führte mich zu einem großen Bereich des Bahnhofs. Mehrere weite Gänge führten in verschiedene Richtungen. Sie waren mit Geschäften gespickt. Dennoch befanden sich dort keine Menschen. Es gab einen großen Bildschirm die mehrere Züge mit allen möglichen Zielen anzeigten. Zumindest mutmaßte ich dies. Es war mir nicht möglich die Schrift zu lesen. Sie verschwamm regelrecht vor meinen Augen. Was war da nur los? Meine Augen waren doch gar nicht so schlecht.
„Sonderbar…wirklich sonderbar“, wisperte ich verwirrt. Jedoch beschrieben meine Worte nicht Ansatzweise die Stimmung dieses Ortes. Wenn es einen Ausdruck gab welcher die Stimmung dieses Bahnhofes beschrieb dann war das unwirklich Wie ein Platz außerhalb der Realität. Vielleicht war es auch nur die Autorin, welche in diesen Moment aus mir sprach.
Auf einmal hallten erneut Schritte durch die ansonsten Stille Halle. Sie stachen richtiggehend heraus. Das Geräusch hörte sich so nahe an, als wäre diese Person direkt neben mir. Hektisch drehte ich mich in die Richtung und wünschte sofort es nicht getan zu haben. Dort befand sich etwas.
Dieses Wesen wirkte menschlich, die Statur, das Aussehen. Wie eine elegant gekleidete Dame in einem schicken Kostüm. Jedoch war sie lediglich ein Schatten. Nicht bildlich oder im übertragenen Sinne. Wie ein Schatten, schemenhaft und leichte durchsichtig. Jedoch waren ihre Schritte real, hörbar wie sie mit ihren Stöckelschuhen an mir vorbei trippelte. Verstört folgte ich ihr mit meinen Blicken. Was war sie?
Gleichzeitig schien sie an diesen Ort zu passen. Man sollte meinen ein derartiges Wesen würde deplatziert wirken. Allerdings entsprach dies nicht der Wahrheit. An einen derart befremdlichen Ort gehörte auch eine Kreatur wie diese.
Ohne mich zu beachten setzte die Dame ihren Weg fort. Dann tauchten sie auf. Innerhalb eines Blinzeln, eines kurzen Augenblicks, es war so wenig Zeit vergangen. Dennoch hatte es ausgereicht. Der ganze verfluchte Bahnhof war voll von diesen Wesen. Wie normale Menschen gingen sie ihren Tagesablauf nach. Manche unterhielten sich nebenbei. Es fühlte sich so an, als hätte man in einem Fernseher den Ton angeschaltet. Als hätte man plötzlich das Leben an einen Ort eingehaucht. Zumindest mehr oder weniger.
Dennoch fiel mir etwas auf. Ich fühlte mich wie ein Geist, etwas Unsichtbares, welcher von niemanden bemerkt wurde. Vielleicht entsprang der Gedanke lediglich meiner wilden Fantasie. Allerdings fühlte ich mich von diesen Wesen gelinde gesagt ignoriert. Als wären sie sich meiner körperlichen Anwesenheit nicht bewusst.
Nein, dies durfte mich nicht ablenken lassen. Mein Ziel musste die Bahnhofspolizei sein. Vielleicht erhielt ich dort Antworten. Auch wenn sich meine Fantasie nicht vor stellen konnte wie diese aussehen sollten.
„Polizei, Polizei“, murmelte ich nachdenklich während ich meinen Weg durch die geisterhafte Menge fortsetzte. Wie aus dem Nichts tauchte ein schlichtes leicht zu übersehendes Schild auf. Mit grüner Schrift stand ein einziges Wort dort geschrieben. „Polizei“.
„Okay, das nenne ich mal einen großen Zufall“, murmelte ich skeptisch. Normalerweise tauchten die Dinge nicht einfach auf nur, weil ich danach suchte. Im Gegenteil, meistens wurden diese Dinge zum Profi im Versteckspiel. Irritiert öffnete ich den Eingang. Noch während ich dies tat fiel mir ein unlogisches Detail auf. Die Tatsache, dass es mir einfach möglich war diesen Ort zu betreten. Eigentlich sollte man erst klingeln, dann wurde man hineingelassen. In einen kleinen Raum wo man noch ein zweites Mal hineingelassen werden musste. Stattdessen landete ich in einem Flur voller Plakate. Sah so eine normale Polizeistation aus?
Sicher war ich mir nicht. Auch wenn manche mir eine höchst kriminelle Ader unterstellten so waren Besuche bei der Polizei in meinem Leben nicht die Norm. Verwundert beobachtete ich die Schatten Polizisten wie sie ihren Alltag nachgingen. Lediglich eine Dame in einem doch sehr ungewöhnlichen Kleid stand dort und deutete direkt auf eine Wand. Nein, auf eine Vermisstenanzeige eines jungen Mannes. Er wirkte sonderbar vertraut.
Richtig, deshalb war ich an diesen Ort gekommen. Er befand sich hier, irgendwo auf diesem Bahnhof. Nur aus diesem Anlass war ich hierhergekommen. Die schattenhafte Dame nickte mir zu und ging einfach ihres Weges. Fast nach dem Motto, dass sie mir alles gezeigt hatte was es zu sehen gab. Erneut drehte ich mich zu der Vermisstenanzeige, welche mit einem Mal jedoch nicht mehr unter den anderen zu entdecken war. Fast, als hätte sie nie existiert.
War sie am Ende nur meiner Vorstellung entsprungen? Es fiel mir schwer dies zu glauben. Rückblickend war auch das Verhalten des Schattens ungewöhnlich. Sie hatte mich nicht nur bemerkt, sondern auch aktiv mit mir interagiert. Unentschlossen verließ ich die Polizei. Die Sache mit dem Plakat irritierte mich. Inzwischen wurde mir eine andere Sache umso deutlicher. Diesen gesuchten Mann zu finden musste höchste Priorität haben. Bestimmt bekam ich auf diesen Weg eine Antwort. Auch wenn ein leises Stimmchen der Vernunft fragte ob es denn logisch wäre all meine Hoffnungen auf eine unbekannte Person zu legen.
Eine Ansage ertönte, laut der sich ein Zug um fünf Minuten verspätete. Eine Aussage, welche mich trotz der Ernsthaftigkeit meiner Situation zum Schmunzeln brachte. Zumindest darauf konnte man sich bei der Bahn verlassen.
Etwas beruhigt trottete ich weiter. Plötzlich rannte mir ein Schattenkind direkt vor die Füße. Es kam derart überraschend, dass ich fast über es gestolpert wäre. Das Kind hingegen bemerkte mich überhaupt nicht. Ohne sich auch nur einmal kurz in meine Richtung zu drehen rannte es weiter. Ein bisschen niedlich war es schon. Unbesorgt lief es weiter und ergriff die Hand eines Erwachsenen mit dem es aus meinem Sichtfeld verschwand.
„Und amüsierst du dich?“, eine unbekannte Stimme sprach mich an. Hektisch drehte ich mich in die Richtung des Sprechers. Anders als die schattenhaften Gestalten wirkte er menschlich. Die Narrenkleidung, welche er trug war bunt. Sein Gesicht dagegen war absolut weiß von der Schminke. Leise Glöckchen seines Hutes erklangen während er den Kopf hin und her wippte. Mit überschlagenen Beinen saß er auf einen Automaten und sah spöttisch auf mich herab.
„Ich dachte du hättest etwas zu tun Hannah“, sprach er weiter. Dabei berührte er eines der Glöckchen seines Hutes.
„Wer bist du?“, fragte ich ihn skeptisch. Der Narr kicherte leise und sprang herunter, bevor er mit einem großen Schritt nach vorne den Abstand zwischen uns fast vollkommen verschwinden ließ.
Perplex von seiner Schnelligkeit schwieg ich den Fremden mit leicht geöffneten Mund an. Schließlich holte ich tief Luft und betrachtete meinem Gegenüber. Er war so nahe, keine dritte Person hätte zwischen uns gepasst.
„Worauf willst du hinaus?“, wisperte ich so ruhig wie möglich. Statt einer wörtlichen Antwort deutete er zu einer Treppe. Sie war mir nicht entgangen, jedoch war sie mir nicht wichtig erschienen.
„Da wartet jemand am Gleis. Ich glaube sein Zug hat Verspätung“, fügte er leiser hinzu. Beim Sprechen kam er noch näher an mich heran. Seine Lippen waren so nahe an meinem Ohr, dass ich seinem Atem spüren konnte.
„Lass dir nicht so viel Zeit, sonst könnte es lustig werden“ Er gab mir einen leichten Stoß, welcher mich nach vorne taumeln ließ. In der nächsten Sekunde war er verschwunden. So als wäre zu keiner Zeit eine andere Person hier gewesen.
„Gut, wieso eigentlich nicht“, seufzte ich ruhig. Auf einmal fiel mir etwas auf. Meine Gesamtsituation hatte sich innerhalb eines Blinzelns vollkommen verändert.
Sie waren kollektiv stehen geblieben. Alle Schatten versammelten sich um meine Wenigkeit und starrten mich an. Jedes einzelne dieser seltsamen Wesen. Ihre Gesichter waren absolut konturlos. Dennoch fühlte es sich so an, als würden ihre nicht vorhandenen Augen mich durchbohren. Wie Statuen standen sie um mich herum. Ohne sich zu regen, nicht eines von diesen Dingern rührte nur einen Muskel.
Intuitiv versuchte ich eine Lücke zwischen ihnen zu finden, doch die Schatten standen wie eine Mauer um mich herum. Eine lebende Wand, durch die es kein Entkommen zu geben schien. Jedoch war das nicht das Schlimmste. Ihr gehässiges Raunen hallte, durch den ansonsten totenstillen Bahnhof.
„Verdammt“, keuchte ich und blickte panisch durch die stumme Masse. Was sollte ich tun? Gab es überhaupt eine Möglichkeit daraus zu entkommen? Eine Methode kam mir in den Sinn. Jedoch hatte ich Angst, große Angst davor diese Idee tatsächlich in die Tat umzusetzen.
„In Ordnung…Los geht es“, flüsterte ich mit bebender Stimme. Ich holte erst einmal tief Luft und schloss die Augen. Für mehrere Sekunden um mich irgendwie zu beruhigen. Zuerst bereute ich es dies getan zu haben. Die Schatten waren näher gerückt. Der freie Platz zwischen mir und ihnen war noch kleiner geworden.
„Los geht es“, schnaubte ich entschlossen. Anschließend stieß ich einen animalischen Kampfschrei aus und sprintete durch die Schatten. Es fühlte sich an wie im Sommer in einem Supermarkt in die Kühlabteilung zu gehen. Eine plötzliche tiefgreifende Kälte umklammerte mich und schien bis aufs Mark vorzudringen. Gleichzeit kam aus jeder Richtung ein leises schier nicht enden wollendes Raunen. Als würden all diese Schatten mich verspotten. Meine Sicht war verschwommen und es fühlte sich an wie durch Rauch zu rennen. Trotz der alles andere optimalen Sichtbedingungen schirmte ich meine Augen mit einer Hand ab. Eine absolut irrationale Handlung, doch eine nicht näher bestimmbare Furcht hinderte mich daran meine Hand zu senken.
Plötzlich war ich draußen. Es fühlte sich an wie nach einer kalten Höhle ins Freie zu gelangen. Die Wärme, welche mich auf einmal umfing, fühlte sich wie ein wahrer Segen an. Gleichzeitig spürte ich eine tiefsitzende Kälte in mir. Als wäre ein Teil in mir gefroren und die Kraft der Sonne reichte nicht aus um es zum Schmelzen zu bringen. Hektisch sprintete ich die letzten Meter zur Treppe zurück. Beim Absatz warf ich einen Blick zurück. Diese Wesen hatten neu formatiert. Sie starrten erneut in meine Richtung.
„Das ist nicht gut“, keuchte ich. War es diese prekäre Situation welcher der Narr meinte, als er ankündigte, dass es noch lustig werden würde? Plötzlich setzte sich die Rotte in Bewegung. Langsam in Gleichschritt bewegten sie sich in meine Richtung. Ihre Schritte waren schleppend, fast wie Zombies. Wie eine Horde seelenloser Wesen. Der Abstand war zwar noch sehr groß, doch mit der Zeit würde er Schrumpfen. Eilig, versuchte ich den Weg fort zu setzen. Dort stand tatsächlich jemand. Ein Mensch, eine tatsächlich normale Person. Farbig, nicht durchsichtig und nicht einmal ungewöhnlich gekleidet. Er blickte immer wieder auf die Anzeige der Bahn. Anschließend blickte er auf sein Handy. Selbst aus der Entfernung erkannte ich, dass das Display vollkommen dunkel blieb. Genervt schob er es wieder in seine Tasche und wandte sich an mich.
„Hi, weißt du zufällig ob der Zug noch kommt?“, erkundigte er sich bei mir. Genervt, doch ansonsten vollkommen arglos. Auf mein Schweigen hin seufzte er nur und versteckte die Hände in den Jackentaschen.
„Ich warte schon seit einer halben Ewigkeit, aber immer wieder verspätet sich dieser doofe Zug um fünf Minuten“, klagte er mir sein Leid. Auf seine Worte reagierte ich mit einem leichten Nicken, bevor ich erst einmal zurück zu den Verfolgern blickte. Es schien, die als würden die Schattenwesen Abstand von uns halten. Obwohl, wahrscheinlich eher vor ihm.
„Ich glaube nicht, dass er noch kommt“, antwortete ich ihm. Der Fremde blickte mich ungläubig an, ehe er kurz darauf genervt seufzte.
„Was, ich muss zur meiner Freundin“, beschwerte er sich bei mir. So, als wäre das Nichtkommen des Zuges mein Verschulden. Während ich ihn lediglich mit offenen Mund anstarrte, schnaubte er verärgert. Es waren meine Erinnerungen, welche mit einem Mal zurückgekommen waren. Richtig, so war es gewesen.  
„Ja, darum bin ich hier. Ich bin hier um Sie abzuholen. Ihre Freundin wartet bereits auf Sie. Mein Name ist Hannah Grun“, erklärte ich den Grund meiner Ankunft und reichte ihm gleichzeitig meine Hand.
„Ähm okay, mein Name ist Jahn?“, murmelte er irritiert. Schließlich begann er zu grinsen.
„Ich habe seit meiner Ankunft keine Menschen gesehen, also bin ich einverstanden“, stimmte er mir zu. Es erstaunte mich, dass es doch so schnell gegangen war. Dies machte es doch etwas einfacher. Nur in diesem Moment wurde mir etwas bewusst. Mir war nicht klar wo der Ausgang war.
Wir würden durch die Schatten hindurchmüssen. Mir war es einmal gelungen. Allerdings hatte ich Angst, dass es nicht noch einmal funktionieren würde. Nur hierbleiben war auch keine Option. Sie würden irgendwann kommen. Es gab hier etwas was sie zurück hielt, doch dies würde sie ganz gewiss nicht ewig abhalten.
„Wissen Sie wo hier der Ausgang ist? Ich muss gestehen, dass ich mich etwas verlaufen habe“, gestand ich. Auch wenn es nicht der ganzen Wahrheit entsprach.
„Ähm ja, gute Frage. Um ehrlich zu sein nein. Schon komisch, ich bin doch irgendwie hierhergekommen. Eigentlich müsste ich wissen wo der Eingang ist, aber kein Plan“, antwortete er mir leicht verunsichert. Nun gut, ich starrte zu der Treppe nach unten. Wir hatten zu lange gewartet. Die Schatten hatten sich entschieden langsam nach oben zu kommen. Entschlossen griff ich nach der Hand des Mannes. Mit ganzer Kraft und voller Stärke.
„Wir müssen rennen. Nicht stehen bleiben, nur rennen“, wies ich ihn an. In einem ernsten Tonfall, welcher keinen Widerspruch duldete. Erschrocken, nickte er leicht. Die Anwesenheit der Schatten schienen ihm Angst zu machen. Vielleicht war es auch nur mein Tonfall. Er nickte mit leicht geöffneten Mund. Brachte allerdings kein einziges Wort heraus.
„Gut“, wisperte ich entschlossen. Anschließend rannten wir gemeinsam los. Mitten durch die Massen an Schatten hindurch. Jedoch beschränkten sich die Monster nicht darauf zu flüstern wie sie es zuvorgetan hatten. Sie griffen nach uns. Zwar waren sie nach wie vor körperlos, dennoch spürte ich ihre Berührungen. Als würden trockene Eiswürfel meine Haut entlang streichen. Intuitiv verstärkte ich meinen Griff noch mehr. Seine Hand war wie etwas Warmes, welches mir Sicherheit gab.
„Was sind das für Wesen? Weshalb gibt es so etwas an einem Bahnhof?“, schrie der Mann voller Panik.
„Ich weiß es nicht, wirklich nicht“, keuchte ich hektisch. Im nächsten Augenblick waren wir draußen. Nicht aus dem Bahnhof, doch aus der Menge dieser sonderbaren Wesen. Dennoch brachten wir erst einmal etwas Abstand zwischen uns. Erst auf diese zumindest vorerst sichere Entfernung blieben wir stehen um erst einmal zu Atmen zu kommen.
„Was passiert hier? Hast du das ausgelöst?“, wollte Jahn von mir wissen. Daraufhin begann ich leicht den Kopf zu schütteln.
„Nein, es war von Anfang an so. Jedoch hatte es vorher keine Notwendigkeit sich uns zu offenbaren“, antwortete ich ihm keuchend.
„Wir müssen weiter. Zum nächsten Ausgang. Hauptsache weg von hier“, wies ich ihn an. Die Armee aus Schatten war uns wieder auf den Fersen. Langsam, jedoch unaufhaltsam näherten sie sich uns.
Bevor wir weiter sprinteten japste er: „Oh Mist“. Wir rannten den großen Gang vor uns entlang. Tatsächlich tauchte neben der großen Treppe nach unten auch ein Haupteingang auf. Draußen war nur absolute Dunkelheit zu erkennen. Intuitiv drückte ich gegen die Türe. Jedoch rührte sie sich nicht im Geringsten. Auch ziehen brachte nichts. Sie rührte sich nicht, kein bisschen. Fast wie ein Imitat. Dies war der falsche Ausgang. Es musste noch einen geben.
„Sie geht nicht auf“, kreischte ich schockiert, und bemerkte inzwischen wie diese unheimlichen Wesen bereits zu uns aufholten. Was sollten wir tun? Noch einmal durch sie hindurch sprinten? Zuerst klang es logisch. Dennoch hielt mich etwas davon ab. Eine leise innere Stimme der Vernunft sagte, dass dies eine sehr dumme Idee wäre. Nein, dies war es nicht. Es war die reine Angst, welche meinen Körper lähmte. Nur was dann? Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Hinter mir, wo niemand sein dürfte. Dort stand dieser Narr, als hätte er sich hergezaubert. Er grinste mich einfach schelmisch an.
„Also wirklich, für einen Profi stellst du dich absolut katastrophal an“, rügte er mich belustigt. Dennoch enthielten seine Worte eine gewisse Ernsthaftigkeit.
„Wer sind Sie?“, fragte Jahn verwundert und betrachtete eingehend den Kostümierten.
„Oh, nur eine leidenschaftliche Nervensäge“, beim Sprechen beugte er sich nahe an mich heran. So nah, dass ich seinen Atem an meinem Gesicht spüren konnte. Mit einem unangenehmen Gefühl schüttelte ich mich und machte einen Schritt zurück. Der Narr grinste mich belustigt an und hielt mir seine Hand hin.
„Nimm dies und viel Glück, Schätzchen“, mit diesen Worten drückte der Narr mir ein Taschentuch in die Hand. Bevor er in eine rosa Rauchwolke verschwand. Sprachlos betrachtete ich ein Stück Stoff und nickte schließlich leicht. Es war ein Wissen, welches einfach da war.
„Ich weiß was zu tun ist. Wir erschaffen uns einen Ausgang“, wisperte ich entschlossen.
„Egal was du vorhast. Beeile dich, sie sind fast da“, schrie der Mann panisch. Langsam nickte ich und streckte meinen Arm aus. Wie eine Schlange, welche sich im Tanz nach oben schlängelte wuchs das Taschentuch in die Höhe.
„Kommen Sie, wir gehen“, kündigte ich an und ergriff die Hand meiner Begleitung. Während unter uns die Schatten zu einer einheitlichen Masse verschmolzen wurden wir wie von Wunderhand nach oben gezogen. Plötzlich schoss aus der Tiefe eine gigantische Schattenhand. Sie schnellte nach vorne und versuchte uns zu fassen zu bekommen. Nur um uns haarscharf zu verfehlen, bevor sie sich in die wabernde Masse zurückzog. Beeindruckt blickte ich wieder nach oben wo eine Decke sein sollte. Dort war lediglich ein helles Licht in welches wir bereits im nächsten Moment eintauchten.

Keuchend riss ich die Augen weit auf. Kein Bahnhof, sondern die weiße Decke eines Zimmers. Sofort kehrten auch meine Erinnerungen zurück. Richtig, das war ein Krankenhaus. Zu meiner Überraschung befand ich mich in einem Bett. Nebenbei tauchte auch das vertraute Gesicht des Professors auf. Er beschäftigte sich in erster Linie mit Astralreisen und war bei meiner Arbeit zu einem engen Verbündeten geworden. Selten hatte ich ihn derart erleichtert gesehen.
„Den Himmel sei Dank. Sie sind zurückgekehrt. Nach dem ich den Kontakt zu ihnen verloren habe rechnete ich schon mit dem Schlimmsten“, erklärte er mir sichtlich erleichtert. Langsam musterte ich meine Erinnerungen. Dabei erinnerte ich mich was da los war.
„Wissen Sie sich noch daran wer Sie sind?“, fragte er mich eindringlich. Eine Sicherheitsabfrage. Um zu überprüfen, dass er es wirklich mit mir zu tun hatte.
„Mein Name ist Hannah Grun. Ich bin Traumreisende und helfe Personen, welche sich in Welten jenseits unserer Welt verirrt haben“, murmelte ich benommen. Das Ganze setzte mir unglaublich zu. Noch nie hatte ich eine derart kräftezehrende Reise erlebt. Der Professor reagierte mit einem leichten nicken.
„Gut, gut, kannst du mir erzählen was dort drinnen vorgefallen ist. Du hast noch von einem Angriff gesprochen, doch im nächsten Zeitpunkt war es uns nicht mehr möglich dich zu erreichen. Was ist danach passiert?“, fragte er wissbegierig nach. Ich runzelte die Stirn und versuchte die Flut, des für mich noch neuen Wissens zu ordnen. Wie war es noch einmal gewesen? Richtig, ich wurde vor etwa einer Woche von Jahns Freundin kontaktiert. Sie berichtete uns, dass sie im Zuge eines Rituals mit ihren Freund eine Astralreise machte. Allerdings, fiel er während dieser Reise ins Koma. Das letzte wovon er gesprochen hatte war ein Angriff. Da mir die Sache riskant erschien beschloss ich zwei Leute zur Hilfe zu holen. Zum einem den Professor, aber auch Anastasia, welche sich selbst als Medium/Hexe bezeichnete. Danach waren wir ins Krankenhaus gekommen damit ich in seinen Traum wandern konnte. Stets in Kontakt mit dem Professor, welcher eine Art der Führungsrolle übernahm und mich im Zweifelsfalle aufwecken konnte.
Gedanklich ging ich meine Reise durch bis zu dem Punkt an dem der Angriff erfolgte.
„Ich bin mir nicht sicher. Ich stand an diesen Gleisen. Während zum ich glaube sechsten Mal die Durchsage kam, dass sich ein Zug um fünf Minuten verspäten würde. Plötzlich hat mich etwas gegen eine Säule geschleudert, ich weiß nicht was. Nur das alles um mich herum dunkel wurde“, beschrieb ich ihm.
„Verstehe, was passierte danach“, erkundigte er sich bei mir.
„Puh, ich bin aufgewacht. Jemand weckte mich. Richtig, dass war Ihre Stimme. Ich nehme an Sie versuchten mich zu erreichen. Dann brach der Kontakt endgültig ab. Was ist bei Ihnen passiert?“, informierte ich mich bei meinem Gesprächspartner.
„Sie waren fort, also versuchte Anastasia Sie ebenfalls zu erreichen. Es gelang ihr tatsächlich zumindest für einen kurzen Zeitraum. Beide Male wurde sie aus dem Traum geworfen. Danach gelang es ihr überhaupt nicht mehr Sie in Ihren Traum zu erreichen. Uns blieb keine andere Wahl, als die Ärzte zu rufen. Diese bekamen Sie nicht wach, so wurden Sie in dieses Zimmer gebracht“, schilderte er mir beunruhigt.
„Ich verstehe“, murmelte ich nachdenklich. Danach erzählte ich ihm was nach meinem Erwachen innerhalb des Traumes. Jede einzelne Kleinigkeit, besonders von den Schatten. Der Professor schrieb mit und hakte mehrmals während meiner Erzählung nach.
„Konnten Sie einen Blick auf das werfen was euch angegriffen hat?“, hakte mein Gesprächspartner weiter nach. Unzufrieden schüttelte ich den Kopf.
„Eine Hand, eine große schwarze Hand. Nur dieses Wesen könnte im Prinzip jede Gestalt angenommen haben. Wir wissen im Prinzip nichts. Vielleicht hat ja Anastasia etwas gesehen“, sprach ich meine Überlegungen laut aus. Der Professor runzelte kurz die Stirn bevor er mich anlächelte. Dabei fiel mir etwas auf. Das Medium befand sich nicht in dem Raum.
„Sie ist auf einer anderen Station bei unserer Klientin“, beantwortete er mir die unausgesprochene Frage, worauf er sein Handy zückte. Ganz gleich was er dort sah. Es musste eine großartige Nachricht sein, denn er begann übers gesamte Gesicht zu strahlen.
„Er ist aufgewacht. Du hast es wirklich geschafft. Gute Arbeit, du hast es wirklich geschafft“, lobte mich der Professor. Er stand auf und ging schnellen Schrittes zur Tür.
„Ich informiere nun die Ärzte über Ihr erwachen. Ruhen Sie sich aus. Ich bin gleich wieder da“, kündigte er an und öffnete die Tür. Seufzend legte ich mich hin und schloss die Augen. Inzwischen stellte sich mir eine Frage, die mir einfach keine Ruhe ließ. Was war es das uns angegriffen hatte? Sicher konnte ich diese Frage nicht beantworten. Nun gut, früher oder später würden wir eine Antwort finden. Mit diesen beruhigenden Gedanken schloss ich die Augen. Plötzlich fiel mir etwas auf. Die gesamte Zeit war ich nicht auf die Idee gekommen, doch nun beschäftigte es mich. Wer war eigentlich dieser Narr gewesen?