Sie tanzte.

KurzgeschichteAngst / P12
30.06.2020
30.06.2020
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Sie tanzte. In ihren Träumen trug sie ein blaues Kleid mit kleinen weißen Blumen und an der Taille eng geschnitten. Sie tanzte zu den Flöten und Gesängen einer Gruppe von schwarzen Männern, die im Hintergrund den Takt vorgaben. Geschlossene Augen und dahinter eine endlose Steppe, wüstenrote Erde und der Geruch von karger Ödnis. Es fügte sich ein leises Pochen von Trommelschlägen in die angestimmte Melodie und ließ das Herz vibrieren. Ihre Füße flogen leichtfüßig über den Boden, die Bewegungen verschmolzen mit den Tönen. Heiser ahmte die Flöte den Schrei eines Adlers nach. Die lang gezogene, dunkle Stimme des Sängers klagte über die Sünden der Menschen. „In der Seele“, sang er „da hängt ein Tropfen Blut“. Es kam ihr vor, als ob der Körper gefangen in dem Lied, die Zeilen auszudrücken versuchte, den Sinn verdeutlichen wollte, der in der Stimme des Sängers mitschwankte. Die Arme nach vorne geworfen, zog sie ihren Körper langsam nach, riss ihn dann jedoch wieder abrupt nach hinten. Daraufhin legte sie die Hände auf den Bauch und bewegte ihre Hüften im Kreis, nur um plötzlich nach vorne zu greifen mit krallenartigen Fingern und den geschmeidigen Bewegungen eine stockende Schwere verleite. Sie hatte das Gefühl allein zu sein. Nicht Einsam, aber ohne Beobachtung. Ihre Gedanken flogen, schufen ein Bild von hellem Sand auf rauer Erde, die zackige Narben aufwies, scharfe Kanten formte und der Landschaft eine Härte und Unnahbarkeit verliehen. In ihrem Inneren strahlte sich deren Ruhe wieder, deren Schall nach verlorenen Wünschen, verborgenen Sehnsüchten. Äußerlich drang sie in die Gier der Gefühle ein, wollte Leben und Sterben zugleich. Die Stimme des Sängers zitterte nun leicht und ihr Körper begann zu beben, zu brechen, während die Stimme immer verbitterter wurde, heller, kreischender, die Wüstenlandschaft in grelle Töne tauchte, die Hitze in senkende Feuerarme. Knisternde Luft und der Geruch von verbrannter, grauer Erde. Ihr Keuchen auf einmal, ihr nach Luft schnappen und der Schmerz, ein berstender Schmerz in der Brust. Ein Riss in der Seele. Blut in der Seele. Sie schmiss sich voller Hingabe auf den Boden, hörte die Stimme des Sängers verblassen, ein Echo, dann Stille. Trommeln und Flöten verstummten. Vor ihren Augen ein weißer Blitz, dann Dunkelheit. In dieser äußerlichen Starre verlor sie die Zeit. Sie verlor die Hoffnung und die Kraft sich zu befreien. Die Arme klammerten sich am eigenen Körper fest. Es war Schutz genug. Sie hätte gerne ewig so verweilt.
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