Dienerzeit

KurzgeschichteAllgemein / P12
30.06.2020
30.06.2020
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Wir wollen uns die Momente schönreden. Sie auf Silbertabletten serviert bekommen, um sie jedes Mal aufs Neue zu genießen. Ich sehe dir zu, wie du die süßen, kleinen Happen verspeist, mit geschlossenen Augen, den rot umrandeten Mund kauend und dir der immer selbe Geschmack, dir die Last der Zeit von den Schultern hebt. Wir wollen vergessen was ist, nur sein was war. Nachts krallen wir uns an der Decke fest, die uns wärmt und beschimpfen den Fluch der Dunkelheit, der uns Verheißungen einer anderen, weitaus gefährlicheren Lüge zuflüstert. Zwar hallt diese rauchige, zerlöcherte Stimme in unserem Inneren wieder, wie ein Echo im leeren Saal, doch in der Stille des Träumens, des intensiven Fühlens, ist dieses Echo ein Hohngelächter, ein stampfender Holzfuß, dem wir damals das Bein abgeschlagen haben, als wir uns in trügerischer Sicherheit dachten. Diese eng gestrickten Seidenfäden, die wir am Tage woben, zerbersten nun unter dem Schlag dieses Fußes und kalt und leblos fallen die Netze auf uns herab, nehmen uns gefangen, bedecken die Glieder und verdammen sie zu starrer Bewegungslosigkeit. Nur ein Wimmer, wie die leise melancholische Melodie der Wahrheit, verlässt unsere Lippen und tötet allmählich die Stille der Nacht, tötet sich selbst und zerfließt dann mit den ersten Sonnenstrahlen zu den leuchtenden kleinen Punkten, die wir hinter den Augen sehen, die immer da, aber nie erreichbar sind. Ich bin dein Diener, in Schürze und schwarzem Anzug. Ich beuge mich zu dir herab, das Tablett auf den Fingerspitzen balancierend, sehe die Sehnsucht in deinem Blick und lächle. Du ahnst es nicht, aber auch ich kann wissen. Die Zeit ritzt dir kleine Eisblumen ins Gesicht, die inzwischen aufzublühen scheinen. Auch vor dir verlor sie den Respekt. Ich kippe langsam das Tablett nach vorne, spüre wie es mir von den Fingern rutscht, höre wie es scheppernd auf dem Boden aufkommt. Ich lächle noch immer, während du verwirrt dein eigenes Spiegelbild leugnest. Du willst mir die Schuld geben, ich lese es aus deinem Zeigefinger, der zitternd in meine Richtung deutet. Aber ich kann auch wissen und verstehe die geschriebenen Wörter und Sätze auf deinem Körper, die schwarz umrandeten Buchstaben, die deine Geschichte erzählen, ohne das Hässliche zu streichen. Ich zeige sie dir. Du tastest sie ab. Nun, ich lege den Kopf schief, grinse frech und frage offen: glaubst du mir?
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