Rattenfänger

von Mr Bones
GeschichteAllgemein / P12
30.06.2020
30.06.2020
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Ratten waren schlaue Kreaturen. Ihre kleinen, gelenkigen Gestalten konnten sich durch jede Öffnung winden, jeden Weg finden. Nichts war vor ihnen sicher, denn in ihrem unendlichen Hunger konnten sie in Gärten, Schuppen, Häuser und Küchen vordringen. Vielleicht der einzige Grund welcher die Ratten permanent in die Unterwelt verbannte, war ihre Feigheit. Dennoch waren sie immer da, ewig raschelnd in der Dunkelheit, jenseits des menschlichen Blicks. In die Enge gedrängt wurde aus dem feigen Geschöpf jedoch ein wahres Monster, welches Kreaturen zehnmal größer als sie selbst in die Flucht schlagen konnte. Wahrlich gab es kaum ein gefährlicheres Wesen als eine in die Enge gedrängte Ratte.

Der Speer fuhr nieder, platschte in das Wasser des Kanals und erschien mit seiner Beute wieder aus den dreckigen Fluten. Die Ratte schrie. Es war ein entsetzliches Geräusch, ein heulendes Quieken  in der schwarzen Dunkelheit des Kanals. Azizi schauderte als er die Kreatur auf den Gehsteig neben dem Wasser zog und sie mit einem Zweiten schnellen Stich abtötete. Ein nervöser Blick in die Schwärze jenseits seiner Papierlampe bestätigte ihm seine Vermutung. Dunkle Gestalten huschten aus dem Kanal und in die kleineren Öffnungen welche sich in jedem gemauerten Wall über kurz oder lang ausbreiteten. Die Kanäle unter Lawa gehörten zu den Größten des Kontinentes und benötigten beständige Arbeit um funktionsfähig zu bleiben. Zum Glück ermöglichte dieser ewige Kampf zwischen Zeit und Elementen auf der Einen und der Stadtverwaltung auf der anderen Seite auch niederen Gestalten wie Azizi ein Auskommen. Obwohl er sich inzwischen an den üblen Geruch, die bedrückende Schwärze und die klaustrophobische Enge gewöhnt hatte, schauderte der junge Mann als er sich vorbeugte um in eine der vielen Öffnungen zu spähen. Man musste immer vorsichtig sein wenn man in eine dunkle Öffnung spähte. Eine Ratte ohne anderen Ausweg würde sich auch auf einen Menschen stürzen. Radhi, einer der ältesten Rattenfänger in den Diensten der Thalassokratie von Lawa, hatte eine Ratte in dieser Situation die untere Lippe, sein linkes Auge und die Nasenspitze verloren. Keine Schauergeschichte über das Böse welches angeblich diese Kanäle heimsuchte hatte ihm je soviel Vorsicht eingebläut wie der Anblick des entstellten Fängers. Auch kleine Gestalten konnten gefährlich sein, wenn die Großen und Mächtigen nicht acht gaben.

Aziz riss sich zusammen und fokussierte sich erneut auf seine Aufgabe. Die Papierlaterne näher an sich heranziehend zog er eine Tonplatte aus seiner Tasche und markierte seine Position mit einem Stück Kohle. Von hier aus würde es nicht mehr weit sein. Der Weg durch die dunklen Kanäle war zwar kurz, dafür aber umso schwieriger. Aziz befand sich nun im ältesten Teil der Kanalisation, dessen Ursprung auf die ersten Tage menschlicher Besiedelung zurück reichten. Die Wände bestanden nicht mehr aus ordentlichen Ziegeln, sondern aus rohem, krude gemeißelten Stein. Zehn Meter über Aziz erhob sich dass alte Herz der Stadt, mit seinen Prachtbauten aus Sandstein und Ebenholz. Dem entsprechend viel hier nur wenig Müll ab, was die Gegend so gut wie frei von Ratten hielt. Dann sah er die Pforte. In einem Platz wie diesen wirkte sie von einer anderen Welt. Reines Elfenbein war in die Wand gesetzt worden, ein Bogen welcher eine Tür aus soliden Stahl einfasste. Wasser spritzte gegen das reine Weiß des Bogens, lief jedoch wieder runter ohne eine Spur zu hinterlassen. Offenbar hatte man die Pforte mit irgendeinem magischen Schutz versehen. Das würde die Sache verkomplizieren. Mit einem triumphierenden Grinsen markierte Aziz die Position der Pforte auf der Tontafel.

Die Stahltore quietschen als die Wachen sie aufzogen. Aziz und ein dutzend anderer Rattenfänger hatten sich wie jeden Morgen vor dem Haupteingang zu den Kanälen versammelt. Ihre Schicht, welche gegen Mitternacht begann, hatte nun ihr Ende erreicht. Frische Luft in den Lungen und ein sanfter Wind auf der Haut, dies war die Berührung des Himmels nach einer scheinbaren Ewigkeit in den Kanälen. Nachdem sie ihre Papierlaternen gelöscht hatten, versammelten sich die Fänger vor dem Aufseher und präsentierten ihre Beute. Für jede Ratte die sie in ihrem Sack fingen erhielten sie am Ende der Schicht eine tönerne Münze, genug um mit einem dutzend Ratten über den Tag zu kommen, wenn auch nicht sonderlich reichlich. Erfahrungsgemäß arbeiteten die meisten Rattenfänger auch in anderen Berufen, viele nicht eben redlicher Natur. Der misstrauische Blick des Aufsehers riss Aziz aus seinen Gedanken. Aufseher speisten sich meist aus den Rängen der vornehmen Militärkadetten welche man aufgrund des Einen oder anderen Fehlverhaltens für diese wenig angenehme Aufgabe abgestellt hatte. Der junge Mann welcher Aziz so misstrauisch musterte hatte kaum einen Bartansatz im schwarzen Gesicht und war sichtlich angeekelt, ob von den Ratten oder einem niederen Abschaums wie Aziz war schwer zu sagen. Dennoch gelang es dem Aufseher sich zusammen zu reißen und überreichte dem Rattenfänger seine zwei dutzend Tonmünzen. Schnell zog Aziz seine Geldschnur heraus und zog die Münzen daran auf. In der Mitte jeder runden Münze war ein viereckiges Loch, welches den Transport der Münzen erleichterte, da man sie ordentlich an einer Schnur aufreihen konnte. Selbst eine untrainierte Person wie Aziz konnte die mächtige Magie innerhalb der Münze spüren. Jede Münze der Thalassokratie hatte eine magische Identifikation welche Fälschungen beinahe unmöglich machte und den Wert der Münze garantierte. Aziz grinste den Aufseher so frech an wie er konnte, bevor er sich entfernte.

Obwohl die Sonne sich noch kaum über den Horizont erhoben hatte, herrschte im Hafenbezirk schon emsige Aktivität. Schiffe wurden beladen und entladen, Seeleute suchten ihre Mannschaften auf und Händler säuberten ihre Läden. Obwohl das Viertel nicht eben vornehm war, konnte man hier Essen und ein Dach über dem Kopf für ein Viertel des normalen Preises finden. Zwar patrouillierten regelmäßig Wachen durch die unordentlichen Gassen, doch die schiere Maße an krimineller Aktivität machte jede Form von Kontrolle unmöglich. Es war eben dieser Umstand welcher Aziz anzog. Im schlagenden Herz der Thalassokratie, direkt an der Hauptstraße welche zu Hauptanleger führte, war ein kleiner Tumor gewuchert. Der Laden machte einen sehr ordentlichen Eindruck, ein zweistöckiges Gebäude aus Lehmziegeln, mit weißem Kalk sauber verputzt. Vor dem Eingang stand ein Krieger der Maarai, gekleidet in die traditionelle rote Stoffrüstung seines Volkes und mit einem Langschwert im Gürtel. Solche Leibwachen ließen sich vor eigentlich allen Läden finden, vor allem einem scheinbar so wohlhabenden wie diesen. Der Mann nickte Aziz kurz zu und öffnete den Vorhang welcher das Innere des Ladens vor den stechenden Strahlen der Sonne schützte.

Dass Interieur des Ladens war in ein diffuses Dämmerlicht getaucht, entsprach aber dem Äußeren des Gebäudes. Auf einem halben dutzend Tische lagen Schmuckstücke aus Gold, Silber, Bronze, Elfenbein und Jade. Rollen von Seide und Baumwolle gesellten sich zu Tee, Kaffee und exotischen Gewürzen. Aufgrund der frühen Stunde waren noch keine Gäste anwesend, diese kamen zumeist erst gegen Mittag. „Aziz! Da bist du ja!“ ein tiefer Bariton schallte durch den Laden. Rafiki war der Besitzer der Einrichtung. In seinem Ton schwang eine Freude mit, welche man von dem vernarbten Mann nicht erwartet hätte. Es war nicht die entsetzliche Entstellung des Rattenjägers Radhi, aber doch ausreichend um dem Beobachter den Anblick des ehemaligen Soldaten eindrücklich ins Gedächtnis zu brennen. „Kaffee?“ Die muskelbepackte Gestalt grinste und hob eine tönerne Schale aus welcher der verlockende Duft der Flüssigkeit aufstieg. „Besten Dank, Rafiki.“. Der Geschmack war köstlich, gewürzt mit Zimt und nach einer Nacht voll harter Arbeit wirkte die belebende Flüssigkeit besser als jede Heilmagie. Normalerweise wäre ein solches Getränk viel zu teuer für den jungen Mann gewesen, doch es hatte eben gewisse Vorteile mit einem reichen Händler wie Rafiki befreundet zu sein. Für einige Minuten saßen die Beiden einfach dar, in ein komfortables Schweigen wie einen Mantel gehüllt. Aziz ließ sich Zeit mit dem Getränk, genoss jeden Schluck und lies das schwarze Gold tief in seine Eingeweide sinken. Schließlich, als der letzte Tropfen aufgeschlürft war, lehnte er sich zurück und atmete tief durch. „Hast du den Eingang gefunden?“ Rafiki brach das Schweigen und obwohl sein Ton freundlich und kollegial war, konnte man einen gewissen Nachdruck in der Stimme hören. „Ja“ Aziz nickte. „Etwas abgelegen, aber immer noch nur knappe fünf Minuten vom Haupteingang, zehn vom Eingang an der Seestraße. Allerdings ist die Pforte magisch imprägniert.“. „Magisch?“ eine gewisse Überraschung schwang in Rafikis Stimme mit „Nun, damit hätte man rechnen müssen. Sollte aber nichts sein womit wir nicht klarkommen werden.“ Erneut saßen sie schweigend dar während von draußen die emsigen Geräusche des Hafens hereindrangen. „Bald werden die ersten Kunden eintreffen.“ Rafiki stand auf und räkelte sich. Während er einige Goldmünzen aus seiner Tasche kramte, wandte er sich noch einmal an seinen jüngeren Freund. „Heute Abend werde ich mich hier mit einigen meiner Kollegen treffen. Dann können wir unseren Plan ausführen.“ Rafiki lies einige Münzen in Aziz´ Hand fallen, bevor er den jungen Mann in die Arme schloss. „Nur krieg jetzt bitte keine Skrupel.“ „Keine Sorge,“ antwortete Aziz „Du kennst mich doch!“ und grinste.
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