Pure Beziehungen

KurzgeschichteRomanze / P12
30.06.2020
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Eine pure Beziehung – das wünscht sich doch eigentlich fast jeder. In Liebesfilmen wird sie einem unter die Nase gerieben und ein Roman wäre unvollständig ohne einem kitschigen Liebesdrama darin. Die perfekte Beziehung. Und, das möchte ich zugeben, auch mir hat die pure Beziehung es angetan. Typisch Frau, würden manche jetzt sagen, wobei ich aber glaube, dass insgeheim auch die meisten Männer sehr viel Wert auf eine schöne Beziehung legen, ja, sogar an wahre Liebe glauben.

Ein berühmter Soziologe namens Anthony Giddens hat sich vor einigen Jahren in seinem Buch „Modernity and Self-Identity“ von 1991 mit diesem Thema beschäftigt. Im Unterkapitel „The theory and practice of the pure relationship“ befasst er sich eingehend damit, wie eine pure Beziehung laut ihm aussehen sollte, damit man sie überhaupt als „pur“ bezeichnen kann. Statt „pur“ würden mir auch „wahrhaftig“ oder „liebevoll“ sehr gefallen. Aber bleiben wir beim Thema.

Giddens sieht die Liebe als Zentrum jeder puren Beziehung beziehungsweise setzt sie einfach voraus.
Zusätzlich zur Liebe gibt es sieben Elemente, die dafür sorgen, dass eine Beziehung wahrhaftig ist. Ich zähle sie im nachfolgenden Text kurz auf und beschreibe sie.

1.     Eine pure Beziehung muss frei sein, also nicht abhängig von einem Ort. Somit können auch Fernbeziehungen pure Beziehungen sein. Man muss auch einmal ein paar Tage, Wochen oder sogar Monate ohne einander auskommen können, ohne, dass man sich gleich weniger liebt. Ein weiteres großes Thema bei Anthony Giddens ist die Heirat. Auch diese nennt er ihm ersten Element, da sie aus freien Stücken heraus beschlossen werden sollte. Nicht aus finanziellen Gründen, wie dies früher besonders oft der Fall war, sondern einfach aus Liebe. Giddens hat dabei auch festgestellt, dass sie Menschen insgesamt viel glücklicher sind – nicht überraschend, aber trotzdem erwähnenswert. Die Heirat hält damit so lange, wie sie glücklich macht. Eine wahre Beziehung schätzt die Person an sich, der Partner gilt auch als bester Freund, es muss nicht immer zwanghaft alles romantisch sein. Eine pure Beziehung geht man ein, wenn man sie der anderen Person wegen eingeht. Nicht für Prestige, Geld, aus äußerlichem Druck. Sondern ganz einfach aus Liebe.

2.     Wie in Element eins schon angeschnitten dreht sich die pure Beziehung nur um sich selbst und die zwei Personen, die die Beziehung eingegangen sind. Andere Gründe haben in ihr keinen Platz. Ein wichtiger Punkt ist auch, was die Beziehung einander geben kann. Entwickelt man sich weiter? Verbessert man sich? Schafft man, was man sich vorgenommen hat, weil der Partner einen unterstützt hat? Ist man glücklicher als zuvor? Frauen sind zumeist besonders abhängig von Liebe und Heirat. Viele sehen diese beiden Dinge gar als Schlüssel zu ihrer Identität. Sie geben sich nicht einfach nur mit Liebe zufrieden, nein, es muss die wahre Liebe sein, erst dann kann geheiratet werden. Männer tun sich da etwas schwerer, wohl weil ihnen von klein auf beigebracht wird, dass Gefühle zu zeigen nicht männlich ist. Aus diesem Grund reden Frauen und Männer oft aneinander vorbei, wenn es darum geht, was man sich denn von der Beziehung wünscht. Man muss einen Weg finden, wie es für beide passt, wie beide glücklich werden. Tatsächlich ist es aber oft so, dass selbst der härteste Mann zum Schmusekätzchen wird, wenn er seine Traumfrau gefunden hat.

3.     Eine pure Beziehung ist rückbezüglich organisiert. Das bedeutet, dass man immer wieder reflexiv hinterfragt, ob beim Partner alles in Ordnung ist, ob er glücklich ist. Dadurch, dass man dies immer wieder bestätigt bekommt, baut man eine tiefgehende und glückliche Bindung zueinander auf – und wenn man die Frage nicht bestätigt bekommt, dann kann man eine Besserung einleiten. Außerdem führt die Frage „Ist alles in Ordnung?“ in weiterer Folge zur Frage „Wer bin ich?“ aus Element zwei, da man sich damit befasst, was man braucht, um zufrieden zu sein. Dazu ist eine offene Art wichtig, sich selbst und dem Partner gegenüber. Diese Art sollte eine fortwährende Basis in einer puren Beziehung sein.

4.     Engagement – es ist wichtig, dass man sich für die Beziehung einsetzt, dass man für sie kämpft. Dieser Einsatz ist historisch neu. In früheren Zeiten wurde man aufgrund von Geld oder Macht verheiratet, oft auch von den Eltern, und diese Ehe hatte ein Leben lang zu halten, egal wie gut sie gepasst hat. Heute heiratet man – zumindest in den meisten Fällen – aus freien Stücken und Liebe. Das Engagement ersetzt den früheren „Anker“, den man im Normalfall außerhalb der Beziehung gesucht hat. Giddens sagt ganz klar: (Romantische) Liebe ist Engagement. Er erklärt das so: Die engagierte Person sieht Spannungen in der Beziehung und gibt diese und den Partner dennoch nicht auf. Die einzige Belohnung, die diese Person dadurch erhält, ist eine noch tiefere Beziehung und Bindung zum Partner. Aber genau diese Belohnung ist es, die die engagierte Person sich wünscht. Sie möchte ihren Partner emotional unterstützen und ihm Zeit schenken. Liebe selbst mache aber nicht engagiert (sie sei ja selbst das Engagement), aber sie mache es einem leichter. In einer Beziehung muss sich jede Person selbst dafür entscheiden, ob sie in der Beziehung engagiert sein will oder nicht – in einer wahrhaftigen Beziehung entscheiden sich beide dafür. Außerdem sollten in einer puren Beziehung beide den anderen wertschätzen und trotzdem dabei selbstständig bleiben. Falls das nämlich nicht passiert, entwickelt sich eine co-abhängige Beziehung. Diese macht den abhängigen Partner psychisch instabil und kann auch nicht einfach so beendet werden, wenn es nicht mehr passt, da der abhängige Partner sonst große emotionale Schwierigkeiten bekommen würde. Man muss also auch mit sich selbst noch etwas anfangen können. Ein wichtiger Punkt ist auch noch, das Engagement Angleichung voraussetzt. Das bedeutet, dass man einander entgegenkommen muss, bereit sein muss, sich für den anderen zu ändern (zum Besseren!).

5.     Als fünftes Element nennt Giddens die Vertrautheit und Intimität. Das bedeutet aber nicht, dass man in einer puren Beziehung keine Privatsphäre hat. Im Gegenteil, Intimität existiert nur durch Privatsphäre beziehungsweise nur durch Privatsphäre wird Intimität so wertvoll, weil man sich frei dazu entschließt, dem Partner Dinge zu zeigen, die sonst niemand sieht. Intimität zwischen zwei Personen entsteht nur durch Arbeit daran. Sie ist mehr als bloßes Ausziehen. Sie ist außerdem nur möglich, wenn man nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst wertschätzt. Laut Giddens ist eine vertraute Partnerschaft die Auswahl zwischen zwei Personen, welche sich dazu bekennen einen sinnvollen Lifestyle zu teilen. Es ist aber trotzdem erwähnenswert, dass Sexualität Intimität fördern kann.

6.     Das sechste Element ist gegenseitiges Vertrauen – eng verwandt mit der Vertrautheit aus Element fünf. Vertrauen ist, wie wohl die meisten wissen, nicht selbstverständlich, sondern muss erarbeitet und gewonnen werden. Vertrauen entsteht durch Intimität und Geduld. Zudem ist es wichtig, dass beide Partner sowohl vertrauend als auch vertrauenswürdig sind. Man muss den anderen gut kennen und auf seine Antworten vertrauen können, selber aber auch immer ehrlich sein. Als Geheimrezept für die Entstehung von Vertrauen nennt Giddens: Zeit, die man sich nehmen sollte, um dem anderen täglich zuzuhören (Kommunikation!) + Probleme klären und lösen – aber danach dann gut sein lassen (Wunden sollten erst versorgt und dann in Ruhe gelassen werden, damit sie heilen können) + versteckte Gefühle finden und auch zulassen +  tiefe Gespräche + zärtliche Atmosphäre + Ärger konstruktiv angehen + Dinge zusammen tun statt getrennt (sei es der Haushalt oder ein gemeinsames Abenteuer).

7.     Das letzte Element ist auch das einfachste. Eine pure Beziehung entsteht durch gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse. Aber auch gemeinsame Zukunftspläne machen eine wahre Beziehung aus. Man muss den Partner auch in Zukunft an seiner Seite wissen wollen. Der andere ist nicht „nur da“, nein, man muss ihn willkürlich in seine Pläne und in seinen Alltag integrieren, sich Zeit für ihn nehmen und sich am besten jeden Tag aktiv mit ihm beschäftigen und auseinandersetzen.

Zum Abschluss räumt Giddens noch ein, dass auch biologische Verbindungen ausschlagend geben sind. Eine pure Beziehung kann nur entstehen, wenn die betreffenden Personen nicht verwandt sind – was aber, hauptsächlich aufgrund von Element fünf, nicht verwunderlich ist.
Als letzten Punkt, nicht jedoch als eigenes Element, nennt Giddens die Machtverteilung. Macht ist in einer puren Beziehung zwischen beiden Partnern gleich verteilt.

Ich persönlich bin ja ein großer Fan der Vorstellung von wahrer Liebe. Und wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich auch an sie. Ich stimme mit Giddens überein – diese sieben Elemente, die er in seinem Buch nennt, halte auch ich für die Grundelemente einer puren Beziehung, wie man sie sich nur wünschen kann. Aber ist es überhaupt möglich, dass das alles klappt, werden jetzt sicherlich viele fragen. Darauf kann ich nur eines antworten: ja.
Denn ich habe es selbst erlebt.
Das mag kitschig klingen, aber ich kann voll Ehrlichkeit sagen, dass das stimmt. Dass alle Elemente zutreffen und ich mir nichts anders wünschen würde.

Dennoch möchte ich mich noch etwas genauer mit dem Kapitel auseinandersetzen.
Giddens hat sein Buch 1991 geschrieben. Jetzt haben wir 2020. Seit Erscheinen des Buches sind also fast 30 Jahre vergangen. Ist es in unserer heutigen Zeit überhaupt noch möglich, solche Beziehungen zu führen? Natürlich. Aber oft glauben wir nicht mehr daran. Es ist alles so schnelllebig und gefühllos geworden. Dating-Apps wie Tinder und Co verkaufen Menschen als Ware. Wird ein Mangel entdeckt, sucht man sich den nächsten Partner. Einen solchen Verschleiß von Dingen – Menschen! – gab es noch nie. Keiner ist mehr bereit, etwas für seine Beziehung zu tun. Oft sogar im Gegenteil, man will ja nicht zu viel Hingebung zeigen, aus Angst, man könne dann uninteressant werden. Man will sich nicht mehr nur auf einen Partner festlegen. Auch wenn man glücklich ist – wer weiß schon, ob man nicht in ein paar Jahren jemanden finden könnte, der noch besser passt? Da lässt man die Zusage für ein „für immer“ lieber sein. Man hat ja unbegrenzten Zugriff auf neue Partner.

So stellt sich für mich eigentlich nicht die Frage, ob pure Beziehungen noch möglich sind, sondern ob man sie überhaupt noch will?
Soweit ich das beantworten kann: es sieht nicht danach aus, zumindest bei den meisten Menschen. Die Gesellschaft ist zu einer Wegwerf-Gesellschaft geworden und meine Generation wird nicht umsonst „Generation Beziehungsunfähig“ genannt.
Aber genau deswegen finde ich es umso wichtiger, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Jeder, der so lebt, wie ich es im Absatz darüber beschrieben habe, sollte sich fragen: macht mich das wirklich auf Dauer glücklich?
Wenn man diese Frage mit Ja beantworten kann, dann spricht nichts gegen einen solchen Lebensstil. Er ist nicht für jedermann etwas, aber solange niemand verletzt wird, kann man ja machen, was man will. Ich glaube jedoch, dass es wesentlich erfüllender ist, jemanden an seiner Seite zu haben, den man wirklich liebt, der einen wirklich liebt, auf den man sich verlassen kann, der immer für einen da ist. Wo man keine Angst haben muss, seine Fehler zu zeigen, weil der Partner trotzdem bei einem bleibt. Und wo man so akzeptiert und geliebt wird, wie man ist.

Natürlich möchte ich hier nicht für alle sprechen, aber ich denke, dass schon ein großer Teil der Leute sich so eine Beziehung wünscht. Wie bekommt man sie also?
Die Giddens’schen Elemente sind, wie ich finde, ein super Anfang. Aber braucht man heute noch mehr Elemente, um sagen zu können, dass man die perfekte Beziehung führt? Muss man auf etwas verzichten?

Was ich auf jeden Fall zu den Elementen hinzufügen möchte, ist Vergebung. Viele wissen nicht, dass man einander verzeihen muss. Dein Partner wird dich zu 100% verletzen. Du wirst ihn verletzen. Du wirst dich entschuldigen und vergeben müssen. Ich stelle es gerne so dar: Eine frische Wunde muss versorgt werden. Das heißt du musst mit deinem Partner darüber sprechen, was passiert ist. Warum hat er das gemacht, warum hat es dich verletzt, wie kann man es vermeiden? Und dann lässt du die Wunde in Ruhe verheilen. Immer wieder daran rumzukratzen, wird sie immer wieder aufreißen. Nicht nur dein Partner soll sie in Ruhe lassen (also sein Verhalten ändern), sondern auch du musst sie heilen lassen und das Thema gut sein lassen. Ich habe diesen Vergleich oben schon kurz angesprochen, wollte ihn aber noch einmal deutlicher anführen, da ich ihn als sehr wichtig erachte und er auch mir sehr geholfen hat.

Wenn man mich fragen würde, worauf man in einer perfekten Beziehung verzichten muss, würde ich sagen „gar nichts“. Denn man kann zwar manche Dinge nicht tun, aber ich würde nichts davon als Verzicht bezeichnen. Man kann keine Dates mit anderen haben, man muss treu sein, man muss Rücksicht auf den anderen nehmen und manchmal auch zurückstecken und beim kranken Partner Zuhause bleiben, während die Freundesgruppe in eine Bar geht. Dennoch, das sind in meinen Augen keine Verluste.

Besonders wichtig finde ich auch Emotionen. Wieso sollte man seine Liebe für seinen Partner zurückhalten und nicht stark zeigen? Wenn ich mich umblicke, habe ich oft das Gefühl, dass Zuneigung als Schwäche gesehen wird, dass es „in“ ist, kalt und distanziert zu sein. Aber genau das Gegenteil, nämlich zu einander zu stehen, sich aufzubauen und immer zu zeigen, dass man einander liebt, ohne Bedingungen, macht eine Beziehung meiner Erfahrung nach erst wirklich glücklich. Man entscheidet sich jederzeit bewusst für seinen Partner. Tauchen Probleme auf, werden sie gemeinsam gelöst, man denkt gar nicht erst an eine Trennung. Es ist nicht „ich gegen dich“ sondern „wir beide gegen das Problem“.

Liebe bedeutet, dass man so geliebt wird, wie man ist. Ohne Einschränkungen, ohne „vielleicht“ und ohne „irgendwann“. Ohne Zögern, ohne zurückzuweichen, ohne sich zu fragen, ob es nicht noch jemand besseren gibt. Du weißt instinktiv, dass es niemand besseren auf der ganzen Welt geben kann. Ohne aufs Handy zu schauen, ohne sich zu fragen, was irgendwer anderer denken könnte. Liebe bedeutet Glauben, Vertrauen. Sie bedeutet Glück, Hingabe, nur das Beste für den anderen wollen. Sie bedeutet, dass die Liebe, die man gibt, im Herzen des Partners sicher aufgehoben ist, egal was passiert. Sie bedeutet, dass man weiß. Man weiß, dass der Partner für einen bestimmt ist, ohne es überhaupt nur infrage zu stellen.
Diese Liebe ist ein Vorgeschmack auf den Himmel.
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