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Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
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06.08.2020 2.107
 
Bei der Kirche angekommen suchte Caelan eine Sitzbank an einer Wand aus, von der der Hof und der Weg hierher gut einsehbar waren. Er drehte sich zu Harper um und musterte sie eingehend, bevor er leise seufzte.

„Also, du weißt nichts."

„Jedenfalls nichts über meine Familie."

„Dann wird das jetzt schwierig. Du kannst dir vorstellen, dass es Dinge gibt, die Außenstehenden schwer zu erklären sind." Caelan fuhr sich durch die Haare.

„Mag sein. Aber was ist das für ein Familiengeheimnis, wenn du davon weißt? Du bist ja wohl kein Solomon."

„Nein, bin ich nicht." Caelan atmete tief durch. „Hör mir einfach zu und lauf nicht gleich weg, okay?" Harper sah ihn scharf an.

„Wie wäre es, wenn du einfach anfängst? Was ist los? Was hat meine Großmutter gemacht? Jemanden umgebracht? War das der große Skandal?"

„Nicht direkt."

„Was soll das denn heißen?" entfuhr es Harper. „Indirekt schon oder was? Das kann doch jetzt nicht wahr sein."

„Okay, fangen wir anders an. Du hast dich unwohl gefühlt in unserer Gegenwart. Tust es immer noch bei mir, oder?" Sie nickte zögernd und er lächelte schief. „Ich", wieder atmete er tief durch, „rieche es." Harper hob die Augenbrauen.

„Du riechst es", wiederholte sie tonlos.

„Ja. Jetzt guck mich nicht so an." Er seufzte leise auf. „Du wolltest am liebsten weglaufen, nicht wahr? So viele Meilen wie nur möglich zwischen uns bringen." Harper sah ihn entgeistert an.

„Das stimmt", gab sie mit leiser Stimme zu. „Aber wie kannst du so etwas riechen?" Hätte er gesagt, er habe es in ihrer Mimik erkannt, hätte sie ihm ohne zu zögern geglaubt. Aber niemand konnte Gefühle und Gedanken anderer riechen.

„Okay, ich entnehme deiner Skepsis, dass du nicht an das Übernatürliche glaubst." Caelan sah sie fragend an und sie schnaufte.

„Komm mir jetzt nicht damit, dass du ein Medium bist oder so. Das ist doch Blödsinn."

„Eben nicht. Also, ich bin kein Medium, aber es ist kein Blödsinn. Es gibt Medien und es gibt andere Wesen und Dinge, deren Existenz die meisten Menschen leugnen oder einfach nicht wahrhaben wollen."

„Blödsinn", wiederholte Harper heftig und stand auf. „Hör mal, verarschen kann ich mich selbst. Ich ..."

„Du willst wissen, was das Geheimnis der Solomons ist. Dazu solltest du offen für das Übernatürliche sein. Ich weiß nicht, warum deine Mutter dir alles verschwiegen hat, aber ich weiß, dass es nicht gutgehen wird." Caelan wies neben sich. „Setz dich und hör mir einfach zu." Harper wollte gar nichts mehr hören. Immer noch sträubte sich alles in ihr, in Caelans Nähe zu bleiben. Dennoch setzte sie sich nach ein paar Herzschlägen wieder.

„Okay. Das Übernatürliche. Du bist ... Was? Ein Zauberer?" Sie versuchte spöttisch zu grinsen, merkte aber, dass es ihr misslang. Caelan lachte.

„Nein. Ich bin ein Werwolf."

„Ein Werwolf. Na klar. Warum bin ich darauf nicht gleich gekommen." Harper schüttelte den Kopf. „Aber okay, ich höre zu. Du bist also ein Werwolf. Sind wir Solomons auch welche? Ich hab mich allerdings nie an Vollmond verwandelt und habe auch keine Gedächtnislücken." Caelan grinste.

„Könnte dran liegen, dass du keiner bist. Die Solomons, also die richtigen, nicht die eingeheirateten, sind allesamt bis hin zu deinen Urgroßeltern Druiden."

„Druiden, klar." Harper runzelte die Stirn. „Was sind Druiden?" Caelan schnaufte.

„Druiden sind Naturmagier. Sie stammen ursprünglich aus dem keltischen Bereich, zogen sich aber stark zurück, als die Kelten untergingen. Einige überlebten, unter anderem die Solomons." Caelan fuhr sich durch die Haare. „Wir Werwölfe konnten mit den Druiden und Hexen nicht viel anfangen. Sie kamen nach Halfell, in unser Revier, und breiteten sich einfach aus, benutzten ihre Magie ... Kurzum, es gab Krieg."

„Krieg jetzt auch noch." Harper schüttelte den Kopf und versuchte, sich ein Lachen zu verkneifen. „Das klingt ganz schön abgefahren, das ist dir klar, oder? Bist du vielleicht so ein Hobbyschriftsteller?"

„Nein. Ich sagte ja, manches ist Außenstehenden schwer zu erklären. Und Solomon hin oder her, du weißt nichts, damit bist du eine Außenstehende. Aber weiter. Wie gesagt, es gab diesen Krieg zwischen unseren Seiten. Irgendwann beschlossen aber sowohl die Druiden als auch wir Werwölfe, dass der nun lange genug gedauert hat. Deine Urgroßeltern und meine schlossen einen Friedenspakt."

„Und deswegen hast du bei Catherine gegärtnert. Weil jetzt Frieden herrscht."

„Um ehrlich zu sein, war ich mehr ein Wachhund als ein Gärtner. Seit ein paar Jahren schleichen hier fremde Wölfe herum. Werwölfe, um genau zu sein. Wir mögen Frieden mit den Druiden geschlossen haben, andere Werwölfe aber nicht und Catherine war beunruhigt."

„Du meinst das wirklich alles ernst, oder?" Harper sah Caelan verwirrt an und schüttelte den Kopf. „Komm schon, du machst doch nur Witze."

„Nein, mach ich nicht." Caelan sah sie ernst an. „Ich bin ein Werwolf, Harper. Du bist ... was anderes."

„Eine Druidin."

„Zum Teil." Caelan zog die Nase kraus. „Damit kommen wir zu dem Teil mit deiner Großmutter. Ich war natürlich nicht dabei, ich kenne die Geschichte nur von meiner Mutter. Nun, Rachel war in ihrer Ehe nicht glücklich. Sie hatte, wie auch Catherine, einen Werwolf geheiratet, um den Friedenpakt auf diese Weise noch einmal zu festigen. Aber im Gegensatz zu Catherine entwickelte sie keine Gefühle für ihren Mann. Und dann war sie schwanger, allerdings ohne dass sie und ihr Mann je Sex gehabt hätten. Beteuerte er jedenfalls und die anderen Werwölfe konnten riechen, dass Rachels Kind auch kein Werwolf war."

„Das könnt ihr also auch riechen."

„Wir können so einiges riechen." Caelan grinste kurz. „Nun, Rachel bekam dann ihr Kind und da erkannten auch die Druiden, dass es kein Werwolf war. Es war auch nicht halb menschlich, das hatten die Werwölfe ebenfalls schon während Rachels Schwangerschaft ausgeschlossen. Sie selber wollte nie etwas über den Vater ihrer Tochter sagen."

„Aha. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft. Rachel war aber nicht von Aliens entführt worden und kam schwanger zurück, oder?"

„Natürlich nicht." Caelan seufzte. „Ich seh ja, du nimmst das alles nicht ernst. Frag einfach deine Mutter mal danach. Rachel blieb ein paar Jahre hier, aber lange hielten sie die Anfeindungen ihrer Familie und der Werwölfe nicht aus. Also packte sie ihre Sachen und zog samt deiner Mutter weg."

„Nach Montreal."

„Ja. Direkt in ein Nest von Hexen und Dämonen. Ehrlich, in der Stadt begegnest du denen ständig."

„Da fällt ja eine Druidin nicht weiter auf, oder?"

„Wenig, das stimmt. Aber deine Mutter fiel auf."

„Schon klar. Ihr geheimnisvoller Vater. Was war er? Ein Vampir?" Harper kicherte und Caelan schnaufte empört.

„Die können keine Kinder zeugen, zum Glück. Ekelhafte tote Brut." Er schüttelte sich.

„Komm schon. Wo du mir so schön alles erzählst, kannst du mir nun auch sagen, wer oder was mein Großvater ist. Kein Werwolf, kein Mensch, kein Vampir. Vermutlich auch kein Zauberer? Oh, ja, genau. Er war ein Dämon!"

„Ein Inkubus, um genau zu sein."

„Ein was?"

„Na ja, ganz vereinfacht ist ein Inkubus ein männlicher Sexdämon. Er sucht nachts Frauen heim, schläft mit ihnen und schwängert manche. Damit hätte deine Familie wohl leben können, aber Rachel gab zu, ihn gerufen zu haben."

„Ein Sexdämon." Harper prustete los und stand auf. „Echt, eine wirklich tolle Story, aber der Sexdämon schießt alles ab. Ich geh jetzt lieber zurück, bevor Amirah sich fragt, wo ich stecke."

„Ich kenne deine Mutter nicht, aber an dir rieche ich kaum Sukkubusblut. Sukkubi sind die weibliche Variante dieser Dämonen. Du dagegen ..." Caelan stand ebenfalls auf, trat zu ihr und schnupperte. „Druidin, eindeutig. Dein Vater ist wohl ein Druide, wenn das bei dir so stark rauskommt."

„Keine Ahnung, er starb vor meiner Geburt. Vielleicht war er auch eine Elfe." Harper kicherte.

„Sprich mit deiner Mutter. Frag sie nach all diesen Dingen. Du hast gesagt, sie habe nicht mit dir reden wollen. Frag sie gezielt nach allem, was ich dir gerade erzählt habe." Caelan setzte sich in Bewegung und Harper folgte ihm.

„Ich werde meine Mutter doch nicht nach solchem Blödsinn fragen."

„Du willst doch die Wahrheit über deine Familie wissen. Also, frag deine Mutter." Caelan lächelte leicht. „Was hast du schon zu verlieren? Entweder hält sie dich für völlig übergeschnappt oder sie knickt ein und will wissen, wer dir das alles erzählt hat. Ich weiß eh nicht, warum sie es dir verheimlicht hat."

„Stimmt. Du sagtest was davon, dass es schiefgehen wird." Harper sah ihn fragend an. „Was meintest du damit? Wird dann der Krieg zwischen unseren Familien wieder ausbrechen?"

„Nein, das wird sicher nicht so bald passieren. Hey, wir stehen gar nicht so auf Kämpfe, wie man glauben könnte, wenn man sich manche Filme über Werwölfe ansieht." Caelan lachte leise, wurde aber schnell wieder ernst. „Nein, da ist noch etwas anderes. Da du mir aber bisher schon nicht geglaubt hast, überlasse ich das Thema dann mal deiner Mutter. Wenn sie meint, sich dem entziehen zu können, bitte."

„Oh, komm schon. Sind dir die Ideen ausgegangen?" Harper sah ihn herausfordernd an. Caelan blieb stehen und griff nach ihrem Arm.

„Okay, du wolltest es wissen", begann er leise. „Die Druiden und Hexen waren nicht die einzigen, die ihren Weg nach Halfell fanden. Es kamen auch Vampire. Einer davon war Samuel. Keine Ahnung, ob das sein echter Name ist. Er war alt, schon als er nach Halfell kam. So alt, dass seine Wunden einfach heilten, wenn man ihm überhaupt eine zufügen könnte. Das war das erste Mal, dass die Werwölfe von Halfell sich mit den Druiden zusammentaten, denn sie wussten, dass die eine Möglichkeit haben, andere Wesen gefangen zu halten. Dauerhaft."

„Alles klar. Haben sie den Vampir bei sich im Keller vergraben? Meine Kellertür spinnt nämlich, vielleicht ist er das." Harper grinste. „Nette Geschichte, echt."

„Er ist unter der Kapelle des Solomonfriedhofs begraben", erklärte Caelan mit ruhiger Stimme. „Die Bäume, die um den Friedhof wachsen, sind Ebereschen. Druiden arbeiten viel mit Bäumen und Pflanzen allgemein. Samuel ist in einem Steinsarg unter der Kapelle begraben, gefangen durch Druidenblut und uralte Magie, die in den Pflanzen ruht und von den Druiden geweckt wurde."

„Ah ja." Harper schüttelte den Kopf. „Warum hat man ihn nicht einfach verbrannt oder in die Sonne gestellt?"

„Ich sagte doch, er war kaum zu verletzen. Selbst in der Sonne brannte er kaum. Er muss uralt sein."

„Silberkugeln? Weihwasser? Köpfen?"

„Hat alles nichts gebracht. Silberkugeln sind übrigens für uns tödlich, nicht für Vampire. Die lachen über Kugeln nur, egal aus welchem Material."

„Nun ja, die Kirche wird sich um ihn kümmern. Mom hat mir zumindest erzählt, dass Rachel den Friedhof an die Stadt gegeben hat."

„Dann hat sie gelogen. Ich weiß von Catherine, dass der Friedhof nicht offiziell in ihren Unterlagen auftaucht, aber allen Vermessungen nach gehört den Solomons das Land, auf dem er errichtet ist, immer noch."

„Na ja, wie auch immer. Wie gesagt, schöne Geschichte. Ich hoffe, ich bekomme von diesem Unsinn heute Nacht keine Alpträume." Harper ging weiter und war froh, als sie die Pizzeria sah. Caelan sagte nichts mehr, er betrachtete sie bloß hin und wieder mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen.

Sie beeilte sich und betrat den Laden, der sich merklich geleert hatte. Die Jugendlichen waren weg, dafür hatten Amirah und Caelans Freunde sich zusammengesetzt. Amirah grinste leicht, als sie zu Harper und Caelan sah.

„Dein Panna Cotta hab ich jetzt gegessen", erklärte sie. „Aber wir könnten uns welches mitnehmen, was meinst du? Was macht dein Kopf?"

„Dem geht es besser. Ich hab einen kleinen Spaziergang gemacht." Harper holte ihr Portemonnaie heraus. „Wollen wir gehen?"

„Jack hier will mir ein wenig Halfell zeigen. Wenn ich schon mal hier bin, warum nicht einen kleinen Rundgang machen? Dann kann ich potentiellen Käufern gleich von der Stadt vorschwärmen, das macht sich immer gut." Amirah sah sie fragend an. „Kommst du mit?" Alleine würde sie nicht gehen, das wusste Harper. Um Amirah nicht den Tag zu vermiesen, nickte sie. „Prima. Also, dann los. Einmal Halfell und Umgebung."

Nachdem sie bezahlt hatten, verließen sie die Pizzeria und Jack übernahm die Führung. Harper hielt sich an Amirahs Seite, hörte aber kaum zu, was Jack erzählte. Immer wieder ging sie Caelans Geschichte durch.

Natürlich war sie totaler Unsinn, wahrscheinlich hatte er sich alles in dem Moment ausgedacht, in dem er es aussprach. Und dennoch – er hatte die ganze Zeit über so gewirkt, als ob er jedes einzelne Wort ernst meinte.
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