Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
09.08.2020
9
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01.08.2020 2.049
 
Müde tappte Harper in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Sie hatte noch lange wachgelegen und gegrübelt, war aber keinen Schritt weitergekommen, was ihre Mutter anging. Vielleicht hatte Amirah später einen Tipp für sie.

In der Küche stellte sie fest, dass die Kellertür wieder aufgegangen war. Sie hatte am Abend vergessen einen Stuhl vor sie zu stellen, was sie nun nachholte. Danach setzte sie ihren Kaffee auf und schaute in den Kühlschrank. Außer ihren geliebten Milchshakes enthielt er nicht viel.

Sie nahm sich Eier raus, um sich Rührei zu machen. Speck fand sie keinen, aber es würde auch so gehen. Während der Kaffee durchlief und ihre Eier in der Pfanne brieten, fing sie wieder an zu überlegen, wie sie ihre Mutter doch zum Reden bringen konnte.

Vielleicht half es, wenn sie ihr einfach von dem Verdacht erzählte, Rachel sei ihrem Mann wohl fremdgegangen. Konnte es sein, dass es doch so etwas Banales war? Zu der Zeit, als ihre Mutter noch ein Kind gewesen war, war so etwas sicher noch ein großer Skandal gewesen. Möglicherweise hatte ihre Mutter wegen eines Seitensprungs von Rachel eine schlechte Zeit hier durchgemacht und sprach deswegen nicht gerne von Halfell.

Nach ihrem recht kargen Frühstück duschte sie und zog sich um, dann setzte sie sich mit einem Kaffee auf die Veranda. Amirah hatte ihr geschrieben, dass sie noch etwa eine halbe Stunde brauchte, bis sie bei ihr war. Sie war in aller Frühe aufgebrochen, war die Strecke von New York nach Montreal geflogen und saß nun in einem Mietwagen.

Während Harper ihren Kaffee trank, hörte sie ein Rascheln in den Büschen und wieder schlich ein Fuchs geduckt um die Ecke. Als er sie sah, jagte er davon und sie lächelte. Die Füchse waren niedlich, gegen ihre Anwesenheit hier hatte sie gar nichts.

Als sie sich gerade einen neuen Kaffee holte, hörte sie Motorengeräusche von draußen. Sie ging raus und sah Amirah aus einem kirschroten VW steigen.

„Whoa“, rief Amirah anstelle einer Begrüßung. Mit großen Augen betrachtete sie das Haus. „Größer, als ich dachte. Aber hübsch. Sieht gemütlich aus. Hey.“ Sie eilte zu Harper und begrüßte sie mit einer Umarmung. „Die Bäume sind aber auch sehr nah am Haus.“

„Ja, dachte ich mir auch. Aber ich lass es so. Sollen sich die nächsten Eigentümer überlegen, ob sie sie fällen oder nicht. Komm rein.“ Sie führte Amirah durch das Haus, zeigte ihr auch den Keller und den Dachboden. Amirah zog etwas die Nase kraus, als sie ihr von dem defekten Schloss an der Kellertür erzählte.

„Aber diese Lindsey kümmert sich drum, sagst du? Sonst muss ich das mit aufnehmen. Du glaubst nicht, weswegen manche Leute sich nach einem Hauskauf noch beschweren.“ Mit den Augen rollend trat Amirah an eines der Dachfenster und schaute nach draußen. „Einer beklagte sich, dass ich ihm nicht gesagt hatte, dass die Rosen in seinem Garten nicht nur rote Blüten hätten, sondern auch in Rosa, Weiß und Gelb blühten. Die Farben würden seine Frau und er nicht mögen und es sei unmöglich, dass ich ihm das verschwiegen hätte. Als ob man an sowas denkt, zumal er nicht mal gefragt hat.“

„Ich kann mir schon vorstellen, dass ihr da schwierige Kunden habt.“

„Aber es gibt auch ganz süße unter ihnen. Einer schickte uns ein Bild, das seine Tochter gemalt hatte. So als Dank, dass sie nun ein eigenes Zimmer hatte und nicht mehr mit ihrem großen Bruder eines teilen muss. Es sollte zwar mich zeigen, aber ich meine noch immer, dass es eigentlich ein Bär war.“ Amirah kicherte, dann runzelte sie die Stirn. „Da läuft einer durch den Wald.“

„Das kann gut sein. Spaziergänger oder Jogger wird es hier wohl öfter geben.“ Harper zuckte mit den Schultern.

„Sah eher wie ein Kind aus.“

„Vielleicht ein Familienspaziergang.“

„Kann sein. Okay.“ Amirah drehte sich zu ihr um und grinste bereits wieder. „Ich mach jetzt noch ein paar Fotos, dann kann ich im Büro ein schönes Angebot erstellen. Mein Kollege hat seinen Kunden mal deine Fotos zugeschickt. Sie sind sich noch unschlüssig, aber er meinte, sie klangen durchaus angetan, sich das hier als Ferienhaus zuzulegen.“

„Das klingt doch schon mal gut.“ Vor allem ging es auch schneller, als Harper erwartet hatte. Sie folgte Amirah nach unten, wo diese ihre Kamera auspackte und anfing, Fotos von den unterschiedlichen Räumen zu schießen. Auch vom Dachboden machte sie Fotos und lächelte.

„Kann man sowohl als Atelier anpreisen, als auch einem Heimwerker schmackhaft machen, dass man den Dachboden noch ausbauen könnte. Kannst du es dir vorstellen? So eine hübsche kleine Wohnung hier oben? Mir würde es gefallen.“ Vorstellen konnte Harper es sich, aber sie hätte hier nicht wohnen wollen. Zum Glück waren Geschmäcker verschieden und irgendwem würde das Haus schon gefallen.

Als Amirah schließlich fertig war, beschlossen sie in der Pizzeria zu essen. Amirah wollte zu Fuß gehen, weit war es immerhin nicht. Als Harper ihr von den Wolfssichtungen erzählte, winkte Amirah ab und zeigte ihr ihr Pfefferspray.

„Hilft auch bei Wölfen. Komm schon, lass uns gehen.“ Sie zog Harper mit sich und die gab sich geschlagen. Unterwegs erzählte sie Amirah von ihrem Verdacht, dass ihre Mutter ihr etwas bezüglich ihrer Familie und Halfell verheimlichte.

„Und nun weiß ich nicht, wie ich sie zum Reden bringen soll. Ich hab auch schon geschaut, ob es Tagebücher oder so gibt, hab aber nur ein paar alte Fotoalben gefunden. Die waren auch nicht so aufschlussreich. Nicht mal beschriftet waren die Bilder. Keine Jahreszahlen, keine Namen, nichts.“

„Hm, find ich jetzt nicht ungewöhnlich. Ich beschrifte meine Fotos auch nicht, nur die Alben kriegen einen Titel. Sowas wie Familienurlaub oder Florida oder so.“ Amirah hob die Schultern. „Ich weiß ja, wer da drauf zu sehen ist.“

„Ja, schon klar, aber mir würde es echt helfen, da mal ein wenig Ordnung reinzubringen. Jedenfalls irgendwie.“

„Am Telefon ist das eh immer schlecht, finde ich. Warte, bis du wieder in New York bist, geh sie besuchen und dann quetsch sie aus. Löcher sie so lange mit nervigen Fragen, bis sie aufgibt.“

„Hatte ich schon gemacht, bevor ich hergekommen bin. Als ich den Brief von dem Anwalt bekommen habe, habe ich meine Mutter sofort ausgefragt. Ich dachte ja, das wäre irgendwie ein Versehen oder ein blöder Scherz oder so.“ Harper seufzte leise auf. „War es aber nicht. Und Antworten gab es kaum welche. Nur Dinge, die wie auswendig gelernt klingen.“

„So blöd es auch klingt, deine Mutter meint es sicher nur gut und will dich schützen.“

„Schützen wovor? Vor Verwandten, die lange tot sind?“ Harper schnaubte und Amirah zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Eltern können manchmal echt seltsam sein. Frag sie einfach noch mal aus, wenn du wieder in New York bist. Ich denke immer noch, übers Telefon bringt das nichts. Da wird sie nur weiter mauern, außerdem ist es sehr leicht einfach aufzulegen.“ Sie wies nach vorne. „Und da sind wir auch schon. Und du wolltest mit dem Auto fahren. Weit und breit kein Wolf.“

„Na, zum Glück.“ Die Begegnung mit einem Wolf wäre wohl noch die Krönung ihres Besuches hier gewesen. Harper führte Amirah zu der Pizzeria und zeigte ihr dabei auch Brielles Laden. Sie machten ab, nach dem Essen auf einen Kaffee zu ihr zu kommen.

Die Pizzeria war gut besucht. Ein paar Jugendliche hatten zwei Tische zusammengeschoben, unterhielten sich lautstark und lachten immer wieder los. An drei Tischen saßen Eltern mit ihren Kindern, an einem weiteren Tisch entdeckte Harper die junge Frau, die sie bereits in der Kirche gesehen hatte. Sie saß mit zwei Freundinnen zusammen und unterhielt sich angeregt.

Amirah steuerte zielstrebig einen der beiden freien Tische an. Er stand ausgerechnet neben dem, an dem vier junge Männer saßen, die mit ihren langen Haaren, den dunklen Lederjacken und den Bikerstiefeln völlig dem Klischeebild eines Rockers entsprachen.

Auf dem Tisch gab es nur eine Karte. Amirah schob sie ihr hin und beugte sich zu den jungen Männern hin, um nach deren Karte zu fragen. Harper fragte sich, ob ihr das schon vorher aufgefallen war und sie deswegen diesen Tisch angesteuert hatte. So hatte sie immerhin einen Vorwand, die Männer anzusprechen, und Harper wusste von Amirahs Schwäche für langhaarige Rockertypen.

Sie vertiefte sich in die Karte, während Amirah ein wenig mit einem der Männer flirtete und sich von ihm eines der Nudelgerichte empfehlen ließ. Die Kellnerin kam zu ihnen und nahm ihre Bestellung auf. Sie schaute etwas verwundert, als zwei der Männer jeweils eine weitere Pizza orderten, nahm aber auch diese Bestellung auf.

Amirah führte ihren Flirt weiter und Harper versuchte, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. Irgendetwas an den Männern machte sie nervös, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war. Sie waren ruhig und freundlich, lachten und scherzten. Insgesamt verbreiteten die Jugendlichen mehr Unruhe als diese vier. Und doch war da etwas, was ihr eine Gänsehaut verursachte.

„Du musst die Solomon sein“, wandte einer der Männer sich plötzlich an sie. Harper sah ihn überrascht an, dann nickte sie.

„Harper Solomon, richtig.“

„Hier spricht sich alles recht schnell rum.“ Der Mann grinste breit. „Caelan Foster. Ich hab deiner Großtante manchmal auf dem Grundstück ausgeholfen. Gärtnerarbeiten und sowas halt.“

„Ah, okay.“ Warum schrie plötzlich alles in ihr danach, aufzuspringen und wegzulaufen? Harper musste sich zwingen, sitzenzubleiben. Caelan betrachtete sie mit einem seltsamen Blick, dann grinste er beinahe noch breiter. Als er sich zu ihr vorbeugte, versteifte Harper sich.

„Keine Sorge, das Kriegsbeil ist lange begraben“, raunte er ihr zu und sie sah ihn verwirrt an.

„Was meinst du damit?“ fragte sie. Er legte den Kopf schief und musterte sie, dann huschte sein Blick kurz zu Amirah, bevor er wieder Harper ansah.

„Nicht vor ihr, oder?“

„Ich weiß echt nicht, wovon du redest.“ Langsam wurde es Harper zu viel. Ihre Mutter hatte Geheimnisse vor ihr, Wendy machte seltsame Andeutungen und nun auch noch Caelan, den sie gar nicht kannte und der so tat, als teilten sie ein Geheimnis.

Zum Glück kam ihr Essen nun und Harper konzentrierte sich voll und ganz auf dieses. Sie bemerkte zwar, dass Caelan sie immer wieder mal ansah, aber sie ignorierte ihn, so gut sie konnte. Amirah flirtete immer noch mit einem seiner Freunde und schien nichts von Harpers Unbehagen zu merken.

Harper war weit vor Amirah fertig und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Schließlich stand sie auf. Amirah sah zu ihr und sie lächelte schwach.

„Ich geh etwas frische Luft schnappen. Die Kids da drüben sind mir zu laut, ich krieg Kopfschmerzen. Bin gleich wieder da.“

„Soll ich uns Nachtisch bestellen? Sie haben Panna Cotta, hab ich gesehen.“

„Ja, gerne.“ Harper verließ den Laden und atmete draußen tief durch. Kaum weg von den vier Männern fühlte sie sich deutlich besser. Sie hörte, wie sich die Ladentür öffnete und drehte sich um. Caelan war ihr gefolgt. Er hob die Hände, als sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Hey, ich sagte doch, das Kriegsbeil ist lange begraben.“

„Und ich sagte, ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Du meinst das ernst, oder?“ Caelan sah sie forschend an, dann seufzte er. „Scheiße. Ernsthaft jetzt?“

„Offensichtlich. Hat dein seltsames Verhalten auch mit dem seltsamen Solomongeheimnis zu tun, von dem meine Mutter mir nichts erzählen will? Ich hab echt langsam die Schnauze voll. Niemand erzählt mir was, du tust so, als müsste ich irgendwas wissen, was Wichtiges wohl auch noch.“ Harper warf die Arme in die Luft. „Aber ich habe schlicht keine Ahnung.“

„Okay, wow. Hatte ich nicht erwartet. Ich meine, du bist mit deiner Mutter die letzte Solomon, jedenfalls aus dieser Linie, und du weißt nichts. Das ist scheiße.“ Caelan seufzte und trat näher an sie heran. Harper schaffte es nur mit Mühe, ihm nicht auszuweichen. „Das ist aber kein Thema für hier mitten auf der Straße. Nein, keine Sorge, ich will dich nicht an irgendeinen einsamen Ort einladen.“ Er grinste.

„Witzig, ich hätte auch nicht angenommen“, entgegnete Harper bissig und Caelan lachte herzhaft.

„Glaub ich dir. Selbst wenn du es nicht weißt, deine Instinkte funktionieren.“ Er winkte ab, als Harper nachhaken wollte, was er meinte. „Später, okay? Deine Freundin ist abgelenkt, lass uns ein Stück gehen. Die Kirche ist nah, wir können uns in den Kirchhof setzen. Da wird uns niemand belauschen.“

„Klingt sehr geheimnisvoll“, murmelte Harper. Sie zögerte einen Moment, dann nickte sie. Ihre Neugier wog stärker als ihre irrationale Angst vor Caelan. Er lächelte leicht und ging los.

„Je nach Standpunkt ist es das wohl auch.“
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