Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
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28.07.2020 1.947
 
Am frühen Abend saß Harper wieder im Wohnzimmer, auf dem Laptop lief eine Komödie und in einer Schüssel lagen Chips, die sie bisher nicht angerührt hatte. Sie dachte über den bisherigen Tag nach.

Nachdem sie gegessen hatten, hatten sie sich voneinander verabschiedet und Brielle war in den Buchladen gefahren, um mit dem befreundeten Buchhändler zu sprechen. Harper hatte ein wenig Halfell erkundet und war schließlich in das Haus zurückgekehrt, in dem sie sich immer mehr gruselte.

Sie hatte es zunächst nicht wahrhaben wollen, aber das war es einfach: Sie gruselte sich. Das große, einsame Haus mitten zwischen den Bäumen, in dem es so schnell dunkel wurde, machte ihr Angst.

Wenn sich hier jemand einschlich, konnte er sich gut vor ihr verstecken. Die immer wieder aufspringende Kellertür gefiel ihr auch nicht. Zumindest gab es keinen weiteren Zugang zum Keller, auf dem Weg konnte also niemand in das Haus eindringen.

Sollte hier jemand einbrechen, würde es niemand merken. Sie war völlig auf sich allein gestellt. Wie hatte Catherine es hier so lange Zeit alleine ausgehalten? Kinder hatte sie nicht und ihr Mann war offensichtlich schon seit Jahren tot.

Harper seufzte leise auf und griff nach ihrem Handy. Es brachte nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Je mehr sie darüber nachdachte, wie verlassen das Haus lag, desto mehr steigerte sie sich in ihre Angst hinein. Es würde wohl niemand hier einbrechen.

Sie wählte aus ihren Kontakten ihre Mutter aus, zögerte kurz, drückte dann aber den Wahlknopf. Es klingelte zweimal, dreimal, viermal. Endlich, beim achten Klingeln, meldete ihre Mutter sich.

„Hey, Harper. Ich bereite gerade Burger für morgen vor.“ Ihre Mutter gab ein „shh“ von sich, vermutlich versuchte ihr Kater gerade einen der besagten Burger zu ergattern. „Wie geht es voran?“

„Gut. Lindsey – also Mrs. Caldwell – wird sich um die Entsorgung der Sachen von Catherine kümmern. Die Bücher, die ich entdeckt hab, übernimmt eine Buchhändlerin aus dem Ort.“

„Schön. Dann ist das Thema ja durch.“

„Warum hast du mir nichts von dem Friedhof hinterm Haus erzählt?“ Hinterm Haus war wohl etwas übertrieben, immerhin lag er doch ein Stück entfernt und grenzte nicht direkt an das Haus. Aber er lag doch sehr nahe. Vermutlich hätte man ihn vom Haus sehen können, wäre der Wald nicht gewesen. Ihre Mutter schwieg eine Weile.

„Warst du dort?“ Ihre Stimme klang seltsam belegt und Harper runzelte die Stirn.

„Ja. Ich habe Brielle, die Buchhändlerin, gefragt, wie ich herausfinden kann, wo Catherine begraben ist. Ich wollte nicht auf gut Glück auf den Friedhof losziehen. Und da erzählte sie mir, dass die Solomons einen eigenen Friedhof haben.“

„Nun, die ersten Solomons waren ziemliche Exzentriker, wenn du mich fragst. Einen eigenen Friedhof anlegen, was für ein Blödsinn. Jedenfalls, bevor du fragst, meine Mutter hat den Friedhof an die Stadt gegeben. Er gehört also nicht zum Grundstück.“

„Ja, das wäre tatsächlich die nächste Frage gewesen. Ist ja gut zu wissen, ob man auch einen Friedhof verkauft. Aber du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du mir nichts von dem erzählt hast.“

„Ach, wozu denn? Es ist ein Friedhof wie jeder andere.“

„Außer, dass dort bloß lauter Solomons liegen.“

„Aber nun ja nicht mehr. Ich denke jedenfalls nicht daran, irgendwas zu verfügen, dass man mich irgendwann mal dort begraben soll.“

„Großmutter ist dort begraben. Aber sie hat doch später in Montreal gelebt.“ Wieder schwieg ihre Mutter eine Weile und Harper seufzte. „Mom? Komm schon. Was ist das große Familiengeheimnis?“

„Es gibt keins“, fauchte ihre Mutter. Dann seufzte sie leise. „Entschuldige. Aber das einzige Geheimnis, wenn du es denn so nennen willst, ist, dass meine Mutter im Alter doch wieder nach Halfell zurückkehrte. Sie wurde sentimental und meinte, sie wolle bei der Familie begraben werden, wie jeder Solomon.“

„Und warum willst du dann so gar nichts mit dem Haus zu tun haben? Warum hast du mir nie von Catherine erzählt?“ Harper wollte Antworten, aber sie ahnte, dass sie keine kriegen würde.

„Weil da Funkstille herrschte“, wiederholte ihre Mutter nur wieder, was sie schon so oft gesagt hatte. „Sie war sehr eigen und hielt nichts von Mutter Umzug nach Montreal. Und Mutter war eben auch sehr dickköpfig und hat jahrelang nicht mit Catherine gesprochen.“

„Ganz ehrlich, Mom, du klingst, als hättest du das alles auswendig gelernt. Willst du mich mit irgendwelchen Ausreden abspeisen?“

„Natürlich nicht. Es ist einfach die Wahrheit.“

„Wer ist Sarah?“ Es klirrte und sie hörte ihre Mutter leise fluchen. „Mom?“

„Ach, es ist nichts, mir ist ein Glas runtergefallen. Ich fege das lieber auf, bevor Winnie reintritt. Vermutlich wird er die Gelegenheit gleich ausnutzen und sich einen Burger klauen, der Schlingel. Also, wir hören uns. Bis dann.“ Bevor sie etwas antworten konnte, hatte ihre Mutter aufgelegt und Harper starrte fassungslos auf ihr Handy.

„Was war das denn?“ murmelte sie. Nicht nur, dass ihre Mutter einfach aufgelegt hatte, sie war auch noch völlig hektisch geworden, etwas, was Harper von ihr nicht kannte. Schon gar nicht wegen ein paar Scherben.

Es musste mit Sarah zu tun haben. Erst, als sie nach ihr gefragt hatte, hatte ihre Mutter so seltsam reagiert. Harper schnaufte und legte ihr Handy weg. Vielleicht, so dachte sie bei sich, hatte ihre Mutter sich noch keine Geschichte zu Sarah überlegt. Wenn sie genauer über alles nachdachte, stimmte es – ihr kamen die Aussagen ihrer Mutter vor, als hätte sie diese auswendig gelernt. Sie variierte kaum einmal in ihren Erzählungen.

Es tat ihr weh, so über ihre Mutter zu denken, aber sie gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass sie ihr etwas verheimlichte. Schlimmer noch, sie war sich sicher, dass ihre Mutter sie belogen hatte.

Diese Sicherheit half ihr nur leider überhaupt nicht weiter. Wenn es irgendein Familiengeheimnis gab, dann konnte ihr wohl auch niemand aus Halfell helfen an Antworten zu gelangen. Aber zu Sarah konnte ihr sicherlich jemand etwas sagen.

Ihr erster Gedanke galt Caroline, aber sie wollte die alte Freundin ihrer Großtante nicht aufregen. Lindsey hatte ja klargemacht, dass es ihr auch nicht gut ging. Vielleicht wusste ja auch Lindsey etwas über Sarah oder konnte ihr zumindest jemanden nennen, der ihr mehr über sie sagen konnte.

Bevor sie es sich anders überlegte, rief Harper Lindsey an. Schon nach dem zweiten Klingeln meldete sich ein Mann, der nur leise brummte, als sie nach Lindsey fragte. Er reichte das Telefon mit einem leisen „die junge Solomon“ weiter und Harper zog die Nase kraus. Ob sie nun in Halfell so genannt wurde? Die junge Solomon. Das klang seltsam.

„Hey, Harper. Was gibt es?“

„Hi. Also, es klingt vielleicht seltsam, aber ich war heute mit Brielle auf dem Friedhof meiner Familie. Ich wusste bis heute gar nicht, dass es ihn gibt.“

„Ah. Ich dachte, das wäre dir bekannt.“

„Nein, gar nicht. Na ja, jedenfalls hab ich da das Grab eines Kindes entdeckt. Sarah. Sie starb ein Jahr vor der Geburt meiner Mutter.“

„Das muss Catherines Tochter sein. Ich bin nicht ganz im Bilde, aber Caroline erwähnte mal, wie tragisch es war, dass Catherine ihr kleines Mädchen so früh verloren hat und keine Kinder mehr kriegen konnte.“

„Weißt du irgendwas über meine Familie? Ich meine, du kümmerst dich schon seit Jahren um das Haus und alles. Oder kennst du jemanden, der mir da mehr sagen kann?“

„Nur das übliche Getratsche. Ich war noch ein Säugling, als deine Großmutter Halfell verließ, aber das war wohl ein Skandal damals. Aber warum, darüber schweigt meine Mutter sich aus. Ich glaube ja“, Lindsey schnaufte leise, „sie hat sich damals wohl kurzzeitig von ihrem Mann getrennt. Was für ein Skandal, damals jedenfalls. Heute kräht doch kein Hahn mehr danach. Na ja, zumindest hab ich mir das aus allem, was ich so gehört habe, zusammengereimt.“

„Meine Mutter schweigt sich auch aus und hat sehr seltsam reagiert, als ich sie nach Sarah gefragt habe. Deswegen will ich gerne mit jemandem über alles sprechen, der da etwas drüber weiß.“

„Mir fällt nur Caroline ein. Sie und Catherine waren seit Schulzeiten befreundet.“

„Aber Caroline ist selber krank, hast du gesagt. Ich will sie nicht aufregen.“

„Sprich mal mit Carolines Tochter. Die kann es sicher gut einschätzen, ob ihre Mutter fit genug für solch ein Gespräch ist.“ Lindsey gab ihr die Telefonnummer von Wendy Jeffrey und Harper legte auf, nachdem sie sich bei Lindsey bedankt hatte. Sie sah auf die Uhr.

Für einen Anruf war es noch nicht zu spät. Sie zögerte dennoch einen Moment, bevor sie sich einen Ruck gab. Wendy Jeffrey meldete sich schon beim ersten Klingeln, als hätte sie das Telefon in der Hand gehabt.

„Hallo. Mein Name ist Harper Solomon, ich habe Ihre Telefonnummer von Lindsey Caldwell bekommen.“

„Ah, ja. Catherines Großnichte. Warum rufen Sie an?“

„Also, es ist so.“ Harper leckte sich über die trockenen Lippen und kam sich plötzlich total bescheuert vor. Einfach bei einer Fremden anzurufen, um sie über ihre eigene Familie auszufragen, konnte man doch auch nicht anders nennen als bescheuert. Dann aber sprudelte es nur so aus ihr hervor und sie erzählte Wendy, was sie bereits Lindsey erzählt hatte. Wendy seufzte leise.

„Da musst du nicht mit meiner Mutter sprechen, ich weiß auch einige Geschichten. Aber …“ Sie schwieg einen Moment und seufzte erneut. „Wenn deine Mutter nicht mit dir darüber sprechen will, dann ist es nicht an mir oder anderen, dir alles zu erzählen.“

„Also ist etwas vorgefallen. Ich wusste es!“ Harper stand auf und begann im Wohnzimmer auf und ab zu laufen. „Warum wollen Sie nicht darüber reden?“

„Zunächst einmal, du kannst mich ruhig duzen. Und dann … nun, es gibt Sachen, die sollte man von seiner eigenen Familie hören.“

„Von der nicht mehr viele übrig sind. Nur meine Mutter und ich. Und meine Mutter will mir einfach gar nichts über ihre Zeit hier erzählen. Auch nicht über unsere Familie. Gar nichts. Als ich sie nach Sarah fragte, wurde sie auf einmal total hektisch und hat das Telefonat einfach abgewürgt.“

„Nur noch zwei. Und dabei waren die Solomons mal so eine große Familie.“ Wendy seufzte. „Nein, es liegt nicht an mir dir alles zu erzählen. Das ist Sache deiner Mutter. Aber sie scheint es lieber alles beenden zu wollen. Das ist natürlich ihr gutes Recht.“

„Beenden? Was will sie beenden? Bitte, Wendy, wenn du was weißt, dann sag es mir. Ich muss es einfach wissen und meine Mutter erzählt mir doch nichts.“

„Ich kann nicht. Es tut mir leid.“ Damit beendete Wendy das Gespräch und Harper starrte zum zweiten mal an diesem Abend völlig fassungslos auf ihr Handy.

„Ihr seid doch alle bekloppt“, murmelte sie und sackte auf das Sofa zurück. Nun hatte sie zwar noch mehr Sicherheit darüber erlangt, dass es hier ein Geheimnis gab, aber sie tappte weiterhin im Dunkeln.

Frustriert lehnte sie sich zurück und starrte an die Decke. Was auch immer das für ein Geheimnis war, es musste mindestens ein Mord sein, wenn ihre Mutter und Wendy sich so sehr weigerten, ihr davon zu erzählen.

Sie schnaubte leise. Vielleicht war es ja auch genau das. Vielleicht hatten Catherine und Rachel jemanden umgebracht, ihn irgendwo im Garten verscharrt und waren danach so sehr darüber in Streit geraten, dass Rachel Halfell verlassen hatte.

Nein, das passte nicht. Von einem Mord hätte Rachel ihrer Tochter auch nichts erzählt. Lindsey hatte erwähnt, dass Rachel und ihr Mann wohl kurzzeitig getrennt gewesen waren. Hatte Rachel eine Affäre gehabt und war deswegen gegangen? Hatte sie in Montreal mit einem anderen Mann zusammengelebt?

Auch das erschien Harper unwahrscheinlich. Ihre Mutter blockte immerhin, wenn es um ihre Familie und Halfell ging. Über Rachel hatte sie Harper zwar nur wenig erzählt, aber immerhin mehr als über den Ort ihrer Geburt.

Es brachte nichts. Sie konnte noch so sehr über diese Sache nachdenken, die Lösung würde sie so nicht finden. Ihre Mutter kannte die Antworten. Irgendwie musste Harper sie zum Sprechen bringen. Wenn sie nur gewusst hätte, wie.
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