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Familienblut

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16 / Gen
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
1
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23.07.2020 3.107
 
„Also, erst die Bücher oder erst die Führung?" Harper sah Brielle fragend an und die grinste.

„Wenn du so fragst – erst die Führung."

„Okay." Harper schmunzelte und wies mit einer ausladenden Handbewegung auf die Küche und den Übergang zum Wohnzimmer. „Also, wie unschwer zu erkennen, haben wir hier eine offene Wohnküche mit angrenzendem Wohnzimmer. Es gibt Schiebetüren, um die Küche zu schließen. Das ist sehr von Vorteil, wenn man geruchsintensiv kocht und nicht alles im Wohnzimmer haben will." Brielle lachte leise auf.

„Wenn Brody sein Haus mal verkauft, heuer ich dich als Maklerin an."

„Ich bin aber Bankangestellte." Harper kicherte. „Ich war aber Übungsobjekt für meine Freundin Amirah. Die ist nämlich tatsächlich Maklerin und hat vor ihren ersten Führungen an mir geübt." Sie führte Brielle durch das Erdgeschoss, zeigte ihr die verschiedenen Räume und beantwortete ihre Fragen.

In der zweiten Etage hielten sie sich länger auf, da Brielle die altmodische Einrichtung und die Betten aus massivem Holz bewunderte. Sie seufzte entzückt, als sie den Schaukelstuhl in Catherines Schlafzimmer sah.

„Der ist wirklich toll. Den im Wohnzimmer am Kamin, eine kuschelige Decke, ein heißer Kakao und ein gutes Buch – ein Traum." Sie stupste den Schaukelstuhl an und er setzte sich lautlos in Bewegung. „Und gut gepflegt ist er auch noch."

„Du kannst ihn gerne haben. Wer weiß denn, ob potentielle Käufer ihn haben wollen? Am Ende kommt er noch in den Müll. Das wäre doch schade, oder?"

„Wie viel willst du für ihn?"

„Gar nichts. Wie gesagt, eventuell käme er ohnehin weg. Hol ihn einfach ab oder nimm ihn mit. Sicher sind in der Garage noch Gurte, dann können wir ihn auf dein Autodach schnallen."

„Das geht doch nicht", widersprach Brielle. „Ich kann den nicht einfach so nehmen."

„Doch. Ich will ihn nicht und mögliche Käufer werfen ihn vielleicht eh weg. Oder versuchen ihn teuer zu verkaufen. Und ich glaub, bei dir hätte er ein gutes Zuhause." Harper grinste leicht und Brielle seufzte.

„Führe mich nicht in Versuchung."

„Schau, wie sanft er schaukelt. Das ist nicht nur im Winter mit Decke und Kakao ein Traum. Der ist das ganze Jahr ein Traum. Stell dir vor, du hast irgendwann Kinder. Ich stelle es mir ganz entspannend vor, mit meinem Kind hier zu sitzen und es zu stillen, während ich etwas schaukle." Ein wenig verblüfft sah Brielle sie an.

„Die Vorstellung hatte ich tatsächlich immer, wenn ich mal nach Schaukelstühlen geguckt habe." Sie seufzte. „Aber einfach so ..."

„Hey, immerhin bist du hergekommen, um mir mit all den Büchern zu helfen. Nimm ihn als kleinen Dank dafür."

„Ich hab die Führung schon als Dank dafür gesehen."

„Muss ich ihn dir erst selbst aufs Autodach schnallen?" Harper sah Brielle gespielt drohend an und die lachte.

„Ich glaub, das würde mir auffallen beim Einsteigen. Aber okay, okay, ich gebe mich geschlagen. Danke. Die nächsten Kaffees und Muffins gehen dann auf mich. Nein, jetzt keine Widerworte." Brielle drohte Harper spielerisch mit dem Zeigefinger.

„Okay, abgemacht." Nach ihrem Handel gingen sie weiter und stiegen auf den Dachboden. Brielle bestaunte die Bilder und verglich einige mit der Aussicht aus den Dachfenstern. Als Harper ihr erzählte, dass die Bilder von Catherine und deren Freundin Caroline waren – das zumindest hatte sie von Lindsey erfahren – nickte Brielle.

„Ich habe mal gehört, dass sie schon immer gemalt hat." Sie stellte vorsichtig eines der Bilder zurück und Harper erinnerte sich an ihre Frage.

„Weißt du, an wen ich mich wenden muss, wenn ich wissen will, wo sich ein bestimmtes Grab befindet?"

„Du willst das Grab deiner Großtante besuchen?" Brielle sah sie etwas verwundert an. „Hat es dir niemand erzählt?"

„Was denn?"

„Na ja." Brielle wirkte etwas unsicher. „Also, sie hat sich verbrennen und die Urne hinterm Haus im Wald vergraben lassen. Die Solomons haben da ihren eigenen Friedhof."

„Was?" Verdutzt sah Harper Brielle an und die zuckte mit den Schultern.

„Das weiß hier jeder. Ich dachte, irgendwer hätte es dir auch schon erzählt. Spätestens Lindsey."

„Nein, bisher wusste ich davon gar nichts. Da hätte ich gestern ja lange auf dem Friedhof suchen können."

„Ich kann dich hinführen." Brielle lächelte verlegen. „Jugendsünden. Ich glaube, fast jeder war mal als Kind oder Jugendlicher auf dem Friedhof der Solomons. Es ist ja auch nicht direkt verboten. Jedenfalls hatte deine Großtante nie etwas dagegen, wenn da jemand hingeht. Sie hatte meinen Bruder erwischt und ihm auf seine Entschuldigung hin gesagt, dass es okay sein. Friedhöfe seien schließlich öffentliche Flächen."

„Hm, in den Unterlagen stand nichts von einem Friedhof. Das werde ich mir mit Amirah und dem Anwalt wohl noch einmal ansehen müssen." Harper seufzte. „Ich glaube nämlich nicht, dass jemand ein Haus mit einem Friedhof kauft."

„Wahrscheinlich nicht." Brielle lächelte schief. „Schon gar nicht einen Friedhof einer Familie. Wobei ich nicht einmal weiß, ob er wirklich deiner Familie gehört. Er ist vom Friedhof aus sichtbar, aber zwischen beiden Friedhöfen liegt eine Wiese. Ich zeig es dir einfach, dann siehst du es ja. Komm."

„Und die Wölfe?"

„Ach, mach dir wegen denen nicht so einen Kopf. Die sind scheuer, als manche Leute einen Glauben machen wollen." Sie machten sich auf den Weg nach unten und verließen das Haus. Harper schloss hinter ihnen ab und folgte Brielle dann in den Wald.

Da es noch so früh war, war es auch entsprechend hell und der Wald wirkte nicht annähernd so unheimlich wie abends. Es gab einen Pfad, den Harper nur als solchen erkannte, weil Brielle sie auf ihn aufmerksam machte. Brennnesseln und andere Sträucher, die Harper nicht namentlich benennen konnte, wuchsen am Rand. Alleine hätte sie sich wohl einen anderen, leichteren Weg gesucht, wäre sie überhaupt hier in den Wald gegangen.

Sie liefen ein ganzes Stück zwischen den Bäumen entlang und der Pfad wurde immer überwucherter. Hier waren wohl nicht oft Leute entlanggekommen. Schließlich endete der Pfad auf einer Lichtung, die ihrerseits an einer hohen Steinmauer endete. Ein hohes, zweiflügeliges Eisentor befand sich in der Mauer.

Brielle hielt auf das Tor zu und öffnete es ohne zu zögern. Harper trat nach ihr durch das Tor und blieb dann erstaunt stehen. Die hohen Bäume, die an drei Seiten um die Mauer wuchsen, waren das einzige Anzeichen, dass sie sich noch im Wald befanden. Der Friedhof selbst sah aus wie jeder Friedhof, den Harper bisher gesehen hatte.

In sauberen Reihen, wenn auch mit größeren Abständen, als Harper es von anderen Friedhöfen kannte, standen hier meist graue Grabsteine, manchmal durchbrochen von schwarz oder weiß. Es gab Statuen, niedrige, sauber gestutzte Büsche und Rosenhecken an der Mauer und in jeder Ecke des Friedhofs ein Mausoleum. Mittig zwischen den Gräbern befand sich eine kleine Kapelle.

„Es ist schön hier." Harper lief an den ersten Gräbern vorbei und betrachtete die Grabsteine. Die Namen sagten ihr nichts, auch wenn auf jedem Grabstein Solomon stand. Aber die Daten reichten weit zurück. Jedes dieser Gräber war aus dem 18. Jahrhundert.

„Ich weiß nun nicht, wo genau sich die Urne deiner Großtante befindet", erklärte Brielle, die neben ihr ging und ebenfalls die Grabsteine betrachtete. Sie kamen an dem ersten Mausoleum vorbei und eine kleine Tafel verriet Harper, dass es 1867 erbaut worden war und sechs ihrer Vorfahren als Ruhestätte diente.

„Das sind ganz schön viele Solomons", stellte sie fest und sah sich um. Es war zwar ein kleiner Friedhof, aber für eine einzelne Familie immer noch groß.

„Ich glaube, deine Familie war eine der Gründerfamilien von Halfell. Oder kam zumindest schon sehr früh hier an." Brielle zuckte mit den Schultern. „Ich hab da nie so gut aufgepasst in der Schule. Jeremiah kann dir da mehr drüber erzählen. Halfell wurde jedenfalls ungefähr Mitte des 17. Jahrhunderts gegründet. Frag mich aber nicht nach der genauen Jahreszahl. 1747 oder 1749 oder so."

„Aber das Haus wurde erst irgendwann am Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut. Steht zumindest in den Unterlagen."

„Das neue Haus. Davor stand da ein anderes. Es brannte nieder. Während eines Sturms schlug ein Blitz ein." Brielle lächelte schief. „Das konnte ich mir merken. Ich habe mal ein Referat über große Katastrophen in Halfell gehalten. Dieser Sturm gehörte dazu. Er war beinahe wie ein Tornado und forderte Dutzende von Menschenleben. Das war 1897. Der große Sturm von Halfell. Er verwüstete Felder, zerstörte Häuser und Blitzschläge sorgten für Brände und Tote."

„Das klingt nicht schön."

„Nein. Die Menschen haben lange gebraucht, um sich davon zu erholen. Und wie gesagt, das Haus wurde dann zwar neu gebaut, aber die Solomons lebten schon immer hier. Samt ihrem eigenen Friedhof."

„Verstehe. Auch wenn ich jetzt neugierig bin, warum sie so außerhalb der Stadt gebaut haben."

„Na ja, das war ja früher alles etwas weitläufiger. Da waren viele Häuser außerhalb der Stadt, wenn du so willst. Davon gibt es jetzt nur noch das Haus der Solomons, also deins, und die alte Ruine der McLanes. Der Erbe kümmert sich so gar nicht und lässt es seit Jahren verfallen." Sie gingen weiter und nun entdeckte Harper auch die ersten Grabsteine vom Anfang des 19. Jahrhunderts.

„Okay, das hatte ich jetzt nicht bedacht, dass vielleicht anders gebaut worden ist. Also weitläufiger." Sie kannte nur die Enge der Stadt, Häuser dicht an dicht und Hochhäuser, wohin man schaute. Das Krankenhaus mit seinen vier Etagen war das höchste Gebäude in Halfell.

„Da war halt viel Platz. Wozu sich also zu sehr auf die Pelle rücken?" Brielle lächelte und wies auf die Kapelle. „Wollen wir uns die ansehen? Jetzt, wo ich wieder hier bin, bin ich neugierig. Bei meinem ersten und letzten Besuch hier war ich nicht drin."

„Klar." Harper war ebenfalls neugierig. Sie ging vor und betrachtete die Kapelle dabei. Das Gebäude war aus Stein gebaut und erschien ihr gerade groß genug für vielleicht ein Dutzend Menschen – wenn die dicht zusammenstanden. Auf der Seite, die sie von dem Weg aus sehen konnte, gab es ein Fenster, das klein und schmal war. Da passte auf jeden Fall niemand durch, daher wunderte sie sich über die Eisenstange, die das Fenster einmal quer versperrte.

Die alte Tür war aus dunklem, massivem Holz, in das ein Kreuz eingebrannt war. Unter dem Kreuz stand etwas, aber sie verstand die Inschrift nicht. Vielleicht war es Latein. Sie hatte mal gelesen, dass Bibeln lange Zeit in Latein verfasst worden waren.

Es gab weder ein Schloss noch einen Riegel, nur eine Klinke, die Brielle nun beinahe zögernd herunterdrückte. Die Tür schwang mit einem lauten Knarren auf. Offensichtlich war sie lange nicht bewegt worden.

Die Kapelle war leer und es lag ein wenig Staub auf dem Boden. Harper konnte keine Spuren entdecken, was zu ihrem Verdacht passte, dass die Tür lange nicht geöffnet worden und kein Besucher in der Kapelle gewesen war.

Gegenüber der Tür befand sich ein kleiner, steinerner Altar. Alte Reste von Wachskerzen standen da, meist zu einem kleinen Stumpf niedergebrannt, manche aber noch beinahe eine Handbreit hoch. Über dem Altar war ein Holzkreuz an der Wand angebracht, an dem ein Rosenkranz hing. Auch hier lag Staub. Natürlich. Wenn niemand hierherkam, entstaubte auch niemand den Altar und das Kreuz.

Es gab bloß vier schmale Bänke und auf einer entdeckte Harper einen vertrockneten Blumenstrauß. Sie überlegte, ihn mitzunehmen und draußen zu entsorgen, verwarf den Gedanken aber wieder. Sicher gab es jemanden, der sich sowohl um den Friedhof als auch um die Kapelle kümmerte. Dass es hier so staubig war, hieß vielleicht nur, dass dieser Jemand etwas nachlässig gewesen war.

„Schau mal. Das lag unter der Bank." Brielle hielt ihr ein Armband aus angelaufenem Silber hin. „Der Verschluss ist kaputt. Vermutlich hat die Besitzerin nicht mal gemerkt, dass es abgefallen ist."

„Ob es Sinn macht, es ins Fundbüro zu geben? Hier dürfte ja Monate niemand gewesen sein. Und wenn es ohnehin der Friedhof meiner Familie ist, könnte es sogar Jahre hier liegen."

„Es müsste doch eigentlich einen Verwalter oder einen Gärtner oder so geben. Der Friedhof sah zu gepflegt aus. Der ist nicht sich selbst überlassen. Aber die Kapelle ... Ich weiß nicht. Vielleicht hat deine Familie sich selbst um sie gekümmert. Und deine Großtante hatte dann irgendwann einfach keine Kraft mehr dafür." Brielle wickelte das Armband in ein Taschentuch und steckte es ein. „Ich gebe es einfach bei der Polizei ab. Glaub zwar auch nicht, dass es jetzt noch jemand sucht, aber einfach wegwerfen kann ich es doch auch nicht."

„Könnte ich wohl auch nicht." Nachdem sie die Kapelle verlassen hatten, kehrten sie zu den Gräbern zurück, bei denen sie zuvor gewesen waren. Harper hoffte, dass sie so zu den jüngsten Gräbern und damit auch dem von Catherine kommen würden.

Tatsächlich erfüllte sich ihre Hoffnung. Die Jahreszahlen auf den Grabsteinen stiegen an und schließlich erreichten sie die jüngsten Gräber. Marie Rachel war ihre Großmutter gewesen, die sie nie kennengelernt hatte. Den Daten nach war Michael vermutlich Maries Ehemann gewesen. Er war zehn Jahre vor seiner Frau verstorben. Danach folgte ein Jeffrey.

Der Name sagte ihr aus ihrer Familie nichts. Seinem Geburtsdatum nach konnte er ein Bruder ihrer Großmutter sein und wenn Harper bedachte, dass ihre Mutter ihr schon nichts von ihrer Großtante erzählt hatte, hätte sie sich auch nicht über einen verschwiegenen Großonkel gewundert. Vielleicht war er aber auch Catherines Mann.

Das danebenliegende Grab entlockte Brielle ein leises „oh nein". Harper trat zu ihr und erkannte gleich, was Brielle so bestürzte. Hier lag ein Kind, Sarah. Sie war mit gerade einmal fünf Jahren verstorben, ein Jahr, bevor Harpers Mutter geboren worden war. Ob Sarah Catherines Tochter gewesen war? Oder lag hier womöglich die ältere Schwester ihrer Mutter?

Das nächste Grab schließlich war das von Catherine. Der Grabstein war genauso schlicht gestaltet wie alle davor. Nur ihr Name, ihr Geburtsjahr und ihr Todesdatum waren in den grauen Stein eingemeißelt.

Sie hatte nicht erwartet, viel zu empfinden, wenn sie an Catherines Grab stand. Immerhin kannte sie die Frau gar nicht. Daher war sie auch nicht überrascht, dass sich nichts weiter als ein leises Bedauern einstellte, dass sie nichts von Catherine gewusst hatte.

Eine Weile betrachtete sie das Grab schweigend, dann ging sie weiter. In dieser Reihe folgten keine weiteren Gräber. Am Ende des Weges stand ein weiteres Mausoleum. Auf einer kleinen Messingtafel standen vier Namen und hinter jedem war das gleiche Todesjahr eingraviert: 1897. Harper sah zu Brielle.

„Wann war noch mal dieser schreckliche Sturm?" Sie wies auf die Tafel und Brielle nickte.

„1897, ja. Ich sage ja, es gab viele Opfer. Vielleicht haben sie versucht das Feuer zu löschen und dabei kam es zu weiteren Blitzschlägen oder ein Baum stürzte um oder etwas in der Art."

„Schrecklich, gleich so viele Familienmitglieder auf einmal zu verlieren." Langsam gingen sie weiter und bogen auf den nächsten Weg ein. Hier gab es nur auf einer Seite Gräber und den Grabsteinen nach waren dies die ältesten, die es auf diesem Friedhof gab. Sie stammten vom Ende des 17. Jahrhunderts. Auf diesen Grabsteinen war noch weniger eingraviert, teilweise fehlte sogar das Geburtsjahr.

Harper blieb schließlich vor einer Statue stehen. Sie zeigte eine Frau, die mit heiterem Lächeln in die Ferne blickte. Am Sockel der Statue gab es eine Messingtafel, auf der etwas stand, aber Harper verstand die Worte nicht. Sie erinnerten sie aber an den Satz an der Tür zur Kapelle.

„Ob das eine Solomon ist?" Harper lächelte schief und sah zu Brielle, die leise lachte.

„Möglich. Vielleicht von einem liebenden Ehemann in Auftrag gegeben, damit jeder sie auch nach ihrem Tod sehen konnte." Brielle seufzte tief. „Irgendwie eine seltsame, aber auch romantische Vorstellung."

„Kannst du das hier lesen?"

„Nein. Klingt aber ein bisschen wie das an der Tür. Bei der Kapelle war doch auch so ein Schriftzug."

„Dachte ich mir auch grad. Vielleicht ist es ja Latein. Das war doch die Kirchensprache. Oder ist es noch?"

„Hm, möglich. Jedenfalls ist es weder Französisch noch Italienisch. Das sind die einzigen Fremdsprachen, die ich kann. Na ja ... sagen wir beim Italienisch eher, die ich noch bruchstückhaft kann."

„Meine Mutter hat auch drauf bestanden, dass ich in der Schule Französisch lerne. Ich kann mich inzwischen nur noch vorstellen und fragen, wie es dir geht." Harper lachte. „Ich hatte es nie mit Fremdsprachen. Wenn mir einer sagt, das da wäre Chinesisch, würde ich es auch glauben." Sie schüttelte leicht den Kopf. „Na ja, egal. Ich denke, es ist irgendein Bibelzitat."

Sie machten sich auf den Rückweg, wobei Harper versuchte den Weg zu finden, falls sie noch einmal zum Friedhof kommen wollte. Es war gar nicht so schwer. Der Pfad mochte etwas überwuchert sein, aber er war noch gut zu erkennen. Es fiel ihr jetzt wohl auch leichter, weil sie vorher schon darauf geachtet hatte.

Zurück im Haus gingen sie gleich in den Keller, um sich die Bücher anzusehen. Den meisten Sachbüchern räumte Brielle kaum eine Chance ein, da sie einfach zu alt waren und da inzwischen neue Erkenntnisse gewonnen waren. Bei den Romanen war sie sich hingegen sicher, dass sie dafür Abnehmer finden würden.

Brielle erklärte, dass sie einen befreundeten Buchhändler aus Montreal anrufen würde. Er führte neben seinem Buchladen auch ein Antiquariat und konnte vermutlich einige der Bücher besser einschätzen als sie.

„Ist es okay, wenn er sich die Bücher ansieht?"

„Wenn er es bis Samstag schafft. Voraussichtlich fahre ich am Sonntag bereits wieder nach New York."

„Okay, könnte schwierig werden. Lindsey verwaltet doch das Haus, oder? Lindsey Caldwell?" Als Harper auf ihre Frage nickte, grinste Brielle. „Gut, dann mach ich das mit ihr aus, wenn es okay ist."

„Klar. Du, die Bücher kämen ohnehin weg. Ich schau ja grad, was bleiben kann und was nicht. Die Bücher und alles, was private Sachen von Catherine waren, kommen weg. Also, wenn sie sich gar nicht verkaufen lassen, lass Lindsey sie mit dem Rest entsorgen."

„Um die Romane wäre es schade. Und die Sachbücher könnten vielleicht auch den einen oder anderen Sammler anlocken. Nicht wegen ihres Inhalts, einfach weil Sammler halt alles sammeln aus ihrem Lieblingsbereich." Brielle zuckte mit den Schultern. „Aber da weiß John mehr drüber."

„Gut, dann überlass ich die Bücher einfach dir. Hast du Lindseys Nummer?"

„Ja, klar. Sie ist eine Nachbarin von Brodys Eltern." Nachdem sie abgeklärt hatten, wann Brielle den Schaukelstuhl abholen würde, beschlossen sie noch gemeinsam eine Pizza zu essen. Harper hätte es nicht laut ausgesprochen, aber sie war froh, dem Haus wieder eine Weile zu entkommen. Je länger sie hier war, desto unheimlicher erschien es ihr, obwohl es dafür gar keinen Grund gab.
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