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Familienblut

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16 / Gen
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
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06.07.2020 2.217
 
Obwohl es noch hell war, lag das Haus bereits gänzlich im Schatten, als Harper wieder zurück war. Ganz wie Brielle es ihr geraten hatte, fuhr sie in die Garage und verschloss das Tor hinter sich, nachdem sie sicher gegangen war, dass ihr keine Tiere nach drinnen gefolgt waren.

Im Haus selbst lief sie durch alle Räume im Erdgeschoss, schaltete die Lampen ein und ließ die Jalousien herunter. Sie schaute zu der Treppe und beschloss schließlich, dass sie das Gästezimmer hier im Erdgeschoss beziehen würde. Es reichte völlig aus und ein wenig unheimlich fand sie es dann auch ganz allein in diesem riesigen Haus.

Harper holte ihre Reisetasche aus dem Wagen und machte es sich schließlich im Wohnzimmer bequem. Mrs. Caldwell hatte ihr die Zugangsdaten für das WLAN aufgeschrieben, sodass sie sich die Zeit mit Musik und Serien vertreiben konnte. Zum Glück hatte sie an ihren Laptop gedacht.

Mrs. Caldwell hatte den Kühlschrank gemäß ihrer Wünsche gefüllt und Harper holte sich einen Milchshake, bevor sie eine Comedyserie aufrief, um die Stille zu vertreiben. Ganz konzentrierte sie sich nicht auf den Inhalt. Immer wieder stellte sich ihr die Frage, was sie machen sollte, wenn sie das Haus nicht verkaufen konnte.

Natürlich konnte sie dann versuchen, es zu vermieten, um keine Verluste zu machen. Mrs. Caldwell konnte sich sicher weiterhin als Verwalterin um das Gebäude kümmern und auch Ansprechpartnerin für potenzielle Mieter sein. Aber Harper erinnerte sich genau an den Ausdruck in den Augen ihrer Mutter, als sie diese Möglichkeit ihr gegenüber erwähnt hatte.

Die Missbilligung hatte sie verstanden, die Resignation hingegen nicht. Und schon gar nicht verstand sie die Furcht, die sie immer wieder in den Augen ihrer Mutter aufblitzen sah, wenn es um das Haus ging. Wenn sie aber nachhakte, was denn los war, wollte ihre Mutter nicht darüber reden. Sie hatte ja auch schon nur mit großem Widerwillen über ihre Vergangenheit hier in Halfell gesprochen.

Dieses Geheimnis würde sie hier nicht lösen können, aber die Fragen ließen sie nicht los. Was war passiert? Warum hatte ihre Mutter ihr nie von Catherine und Halfell erzählt? Da musste einfach mehr dahinterstecken als bloß ein alter Familienstreit.

Sie überlegte, ihrer Mutter eine erneute Nachricht mit all ihren Fragen zu schicken, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Schon auf die letzten fünf Nachrichten dieser Art hatte sie keine Antworten bekommen. Da ihre Großmutter und auch ihr Vater bereits vor ihrer Geburt gestorben waren, blieb allerdings nur ihre Mutter, um ihr Antworten zu geben.

Sobald sie in New York war, wollte sie versuchen mit ihr zu reden. Im Moment ging es zunächst um das Haus. Harper stand auf und begutachtete den Kamin. Zwar war es zu warm, um ein Feuer zu machen, aber für einen kurzen Moment ging es gewiss. Ein Foto von dem Kamin mit dem prasselnden Feuer machte sich bestimmt gut für den Verkauf.

Da es durch die Bäume bereits dunkel im Wohnzimmer war und sie die Lampe eingeschaltet hatte, würde das Bild sicher eine gemütliche Atmosphäre vermitteln. Zumindest hoffte sie das, als sie den Kamin entzündete. Sie dimmte die Lampe ein wenig und machte schließlich ein paar Fotos, die sie gleich Amirah schickte. Danach löschte sie das Feuer wieder.

Etwas unschlüssig, was sie nun machen sollte, lief Harper das Wohnzimmer und die Küche ab. Es war noch zu früh, um ins Bett zu gehen, aber einen Spaziergang wollte sie auch nicht machen. Zu groß war die Angst, sie könnte dem Wolf begegnen, von dem schon andere berichtet hatten.

Sie warf einen Blick auf ihren Laptop, aber große Lust auf eine Serie oder einen Film hatte sie auch nicht. Das würden ein paar langweilige Tage werden. Halfell hatte auf sie nicht den Eindruck gemacht, dass man viel unternehmen konnte.

Da es noch hell war, beschloss sie doch einen kurzen Spaziergang ums Haus zu machen. Auch wenn ein Wolf gesichtet worden war, blieb er vielleicht von Häusern fern. Zumindest hoffte sie das.

Draußen war es angenehm warm und für einen Moment stand Harper einfach in der Sonne. Dann ging sie los, stellte aber schnell fest, dass ihre Ballerinas nicht geeignet waren für einen Spaziergang über die Wiese.

Grummelnd kehrte sie zur Veranda zurück und setzte sich auf die Holzbank, die hier stand. Sie dachte an ihre Mutter und versuchte sich vorzustellen, wie diese hier gelebt hatte und über die Wiese getobt war. Ob es hier oder hinten eine Schaukel und andere Spielgeräte gegeben hatte?

Es war ein schöner Ort. Halfell war zu klein für Harpers Geschmack, aber das kam sicher daher, dass sie in New York aufgewachsen war. Sie war einfach die Großstadt gewöhnt. Im Urlaub genoss sie es, an ruhigen Orten wie diesem zu sein.

Das Haus als Ferienhaus zu behalten, war allerdings keine gute Idee. Ein Haus verursachte Kosten und mit ihrem Gehalt konnte sie diese sicher nicht lange begleichen. Wenn sie das Haus vermietete, konnte sie es nicht als Ferienhaus nutzen, ganz abgesehen davon, dass ihre Mutter nicht begeistert sein würde, wenn sie die Pläne vom Verkauf einfach über den Haufen warf.

Es raschelte in einem der Büsche an der Hauswand und Harper zuckte zusammen. Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Da würde vermutlich kein Wolf drinstecken, sondern ein Vogel nach Futter suchen oder wie bereits vorhin ein Fuchs herumschleichen.

Neugierig stand sie auf und ging zur Seite. Im Busch raschelte es erneut, dann flog laut schimpfend eine Drossel davon. Harper lachte und lehnte sich an das Geländer der Veranda. An Tiere so direkt am Haus musste sie sich wohl gewöhnen, solange sie hier war.

Nach einer Weile richtete sie sich auf und streckte sich. Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen und auch wenn sie es nicht laut äußern würde, gruselte sie sich ein wenig in dieser einsamen Gegend.

Zwischen den Bäumen war es mittlerweile komplett dunkel. Wenn sich dort jemand aufhielt, würde sie ihn nicht sehen. Ein Schauder lief ihr über den Rücken und Harper kehrte rasch ins Haus zurück. Sie schloss die Tür hinter sich ab und schob die beiden Riegel vor.

Nach einem Blick auf ihre Ballerinas zog sie diese aus und ging in das Gästebad, um sie zu reinigen. Zum Glück hatte sie immer Ersatzschuhe im Kofferraum. Sie holte sie heraus und stellte sie im Hausflur ab.

Die Zeit bis zum Abend vertrieb Harper sich damit im Internet zu surfen und sich Ferienhäuser in der Umgebung anzusehen. Es gab da sehr schöne Häuser. Vielleicht ließ sich ihre Mutter doch dazu überreden, das Haus zu behalten und zu vermieten.

Schließlich ging sie ins Gästebad, um kurz zu duschen und sich die Zähne zu putzen, bevor sie ins Bett ging. Jetzt, ohne die Musik und das Geräusch des laufenden Laptops, fiel ihr erst auf, wie leise es war. Natürlich gab es Geräusche im und um das Haus. Möbel und Leitungen knackten, ein naher Zweig schlug irgendwo gegen die Hauswand oder ein Fenster.

Sie drehte sich auf die Seite und hoffte, dass sie trotz der für sie ungewöhnlichen Stille schlafen konnte. Der Lärm in der Stadt fiel ihr kaum noch auf, erst jetzt merkte sie, welche Geräuschkulisse sonst um sie herrschte.

Das Klopfen und Knarren im Haus hielt sie jedoch lange wach und schließlich gab sie den Versuch zu schlafen vorerst auf und stand wieder auf. Sie überlegte, sich einen Tee zu machen.

Etwas schlug gegen das Fenster und Harper zuckte heftig zusammen. Ein Zweig konnte das nicht gewesen sein, so tief hingen sie nicht. Vielleicht war ein Tier gegen das Fenster geflogen. Ob es hier Fledermäuse gab?

Harper schüttelte sich. Fledermäuse fand sie unheimlich. Zum Glück gab es eine Klimaanlage im Haus, sodass sie die Fenster nicht geöffnet hatte. Sie hätte nicht im Haus bleiben können, wäre eine Fledermaus hereingelangt.

Als es ruhig blieb, stand Harper auf und verließ das Zimmer. Nur im Licht ihrer Handylampe tappte sie in die Küche und schaltete hier das Licht ein. In einem der Schränke fand die Kamillentee. Sie füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein, dann setzte sie sich auf einen der Stühle und blickte zum Fenster. Da sie die Jalousien vorhin runtergelassen hatte, sah sie nichts, aber auch sonst hätte sie wohl nur ihre Spiegelung im Glas gesehen.

Harper schaute auf ihr Handy. Ihre Mutter hatte ihr bisher nicht geantwortet, auch wenn sie ihre Nachrichten gelesen hatte. Entweder interessierte sie einfach nicht, was Harper plante und wie sie wegen des Verkaufs vorging, oder sie wollte schlicht nichts mit dem Haus zu tun haben.

Der Wasserkocher stellte sich aus und Harper füllte ihre Tasse auf. Nachdenklich lehnte sie sich an die Küchenzeile. Ihre Großtante hatte allein hier gelebt, aber vielleicht gab es noch irgendwo Erinnerungsstücke an ihre Mutter und ihre Großmutter. Fotos waren ihr bei ihrem Rundgang zwar nicht aufgefallen, aber sie hatte in dem großen Schlafzimmer ein Regal mit Fotoalben gesehen.

Dort konnte sie anfangen. Wenn ihre Großtante ihre Mutter und sie als Erben in ihrem Testament aufgenommen hatte, dann hatte sie womöglich nicht alles vernichtet, was auf ihre Mutter hinwies. Morgen konnte sie sich dann auch den Keller und den Dachboden ansehen.

Harper ließ ihren Tee stehen und verließ die Küche. Im Flur macht sie Licht und ging nach oben. Auch hier machte sie erst einmal Licht im Flur und ging schließlich zu dem Schlafzimmer, das wohl Catherine bewohnt hatte.

Die Lampe im Schlafzimmer flackerte, da brauchte sie bald eine neue Glühbirne. Rasch holte Harper sich ein paar der Fotoalben und ging mit ihnen runter ins Wohnzimmer. Nachdem sie sich ihren Tee geholt hatte, machte sie es sich auf dem Sofa bequem.

Im ersten Fotoalbum gab es zwar Farbbilder, sie waren aber eindeutig einige Jahre alt. Die Kleidung, die Frisuren, alles wies auf die Siebziger hin.

„Volltreffer", murmelte Harper. Ihre Mutter war 1968 geboren, in den Siebzigern war sie ein Kind gewesen. Es gab auch tatsächlich Fotos eines kleinen Mädchens in bunten Kleidern und weiten, luftigen Hosen. Konnte das ihre Mutter sein?

Die Fotos waren nicht beschriftet und Harper erkannte niemanden bis auf Catherine und ihre Großmutter. Ihre Mutter hatte irgendwann nach langen Gesprächen ein Foto ihrer Tante herausgesucht und ihr gezeigt. Catherine sah ihrer Schwester Rachel, Harpers Großmutter, nicht sehr ähnlich.

Catherine war klein, zierlich und hatte blonde Locken, Rachel war zwar ebenfalls zierlich, aber größer und hatte dunklere, glatte Haare. Der Unterschied war allerdings in ihren Gesichtern noch deutlicher zu sehen. Während Catherine ein zartes Puppengesicht hatte, waren Rachels Züge derber und ihre Nase eindeutig zu groß für ihr Gesicht. Kurz schoss es Harper durch den Kopf, dass sie Glück hatte, dass sich diese Nase nicht durchgesetzt hatte.

Nachdenklich betrachtete sie die Bilder ihrer Großmutter und ihrer Großtante. Konnte das vielleicht bereits ein Hinweis darauf sein, warum ihre Mutter sich so seltsam verhielt? Waren die beiden womöglich Halbschwestern und hatten sich einfach nicht leiden können?

Harper erinnerte sich an eine Mitschülerin, die auch keinen Kontakt zu ihrer Halbschwester hatte. Sie gab ihr und ihrer Mutter die Schuld an der Scheidung ihrer Eltern. Es war durchaus möglich, dass in ihrer eigenen Familie etwas ähnliches geschehen war.

Sie seufzte leise. Im Gegensatz zu ihr konnte Amirah ihr all ihre Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten und sonstige Verwandte egal welchen Grades nennen, ihr deren Berufe und Lebensläufe aufzählen und dies bis zu ihrer Urgroßmutter, die sogar noch lebte. Harper kannte gerade einmal ihre Mutter und wusste selbst über sie kaum etwas, wie sie festgestellt hatte.

Sie griff nach dem nächsten Album und stellte fest, dass es sich um ein Hochzeitsalbum handelte. Catherine strahlte in ihrem schlichten weißen Hochzeitskleid in die Kamera, der Mann neben ihr musste wohl ihr Ehemann sein. Er lächelte beinahe so strahlend wie sie.

Hier war zwar auch nichts beschriftet, aber Harper vermutete, dass auf den ersten Seiten die Fotos mit der Familie zu sehen waren. Catherine und Rachel waren deutlich jünger als in dem ersten Album, anscheinend hatte ihre Großtante früh geheiratet.

Sie blätterte sich kurz durch das Album, legte es aber schnell beiseite. Die Leute waren ihr fremd und ihre Mutter war zu dem Zeitpunkt wohl noch nicht auf der Welt gewesen. Das dritte Album schließlich zeigte wieder viele Bilder von Rachel mit einem kleinen Mädchen.

Harper schätzte das Kind auf vielleicht vier oder fünf Jahre. Ihre Mutter hatte ihr nicht gesagt, wann sie mit ihren Eltern Halfell verlassen hatte, aber da es sonst kein Kind auf den Fotos zu sehen gab, musste dies ihre Mutter sein.

Das Album war nur zur Hälfte gefüllt, stellte Harper fest, als sie weiterblätterte. Das letzte Foto war eine Großaufnahme ihrer Mutter, die mit großen, kindlichen Augen in die Kamera blickte und weit lächelte. Verwirrt schaute Harper auf die beiden letzten Seiten des Albums.

Wenn Catherine die Fotos aufbewahrt hatte, waren ihr ihre Schwester und ihre Nichte sicher noch immer wichtig gewesen. Warum hatte es keinen Kontakt zwischen ihrer Mutter und ihr gegeben?

Harper seufzte und legte das Album weg. Sie griff nach ihrer Tasse, nur um festzustellen, dass ihr Tee mittlerweile kalt geworden war. Es störte sie nicht sehr, immerhin ließ er sich so leichter trinken.

Während sie an ihrem Tee nippte, dachte sie über die Bilder nach. Viel sagten sie nicht aus. Keine Beschriftung, nicht einmal Jahreszahlen, nichts. Sie hatte bloß ihre Vermutungen und sie bezweifelte, dass die restlichen Alben aufschlussreicher sein würden.

Nach einem Blick auf ihr Handy beschloss sie, schon jetzt in den Keller zu gehen. Vielleicht gab es dort irgendetwas, was für sie von Interesse war.
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