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Familienblut

GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
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28.08.2020 2.564
 
Als sie Geräusche an der Tür hörte, sprang Harper auf. Waren das ihre Mutter und die Werwölfe oder wollte jemand einbrechen? Mit rasendem Herzen nahm sie sich einen der Küchenstühle und schlich in den Flur.

„Harper? Wir sind es." Erleichterung durchflutete Harper und sie stellte den Stuhl rasch ab, um die Tür zu öffnen. Ihre Mutter humpelte herein und schaltete das Licht ein. Ihr folgten Caelan, seine Freunde – und Brielle und Jeremiah.

„Was ...?" Verdutzt sah Harper die beiden Geschwister an. Sie trugen beide Waffengürtel, in denen Pistolen und Messer steckten, Brielle hatte einen Bogen in der Hand und einen Köcher umgeschnallt und Jeremiah trug eine wuchtige Axt bei sich.

„Hi." Brielle lächelte schief.

„Okay. Noch mehr Geheimnisse, scheint mir." Harper ging den anderen nach in das Wohnzimmer, wo sich Brielle und Jeremiah zunächst ihrer Waffen entledigten.

„Sie waren zwei der Menschen, die wir gewittert haben", erklärte einer der Werwölfe. Jack stand neben ihm, die Arme verschränkt und ein breites Grinsen auf den Lippen.

„Allerdings keine Handlanger von ihnen wie der Rest. Ich wusste nicht, dass es hier noch Vampirjäger gibt."

„Wusste wohl niemand", meinte Brielle. „Wir haben den Buchladen von unserer Tante übernommen und sie hatte sich nie mit der Vampirjagd beschäftigt. Sie hatte von Kindheit an ein schwaches Herz, das war nichts für sie. Von Halfell wusste sie, dass es hier ruhig und sicher ist. Und dass es einen gefangenen Vampir gibt. Sie wollte beobachten und die Familie informieren, sollte etwas passieren."

„Aber es ist nie etwas passiert", stellte Caelan fest. „Wir sind ja auch noch da."

„Richtig. Also blieben wir und beobachteten genauso. Und hin und wieder halfen wir an anderen Orten, wenn es dort Probleme mit Vampiren gab." Brielle lachte leise. „Das waren dann unsere Geschäftstermine außerhalb."

„Nun, jetzt habt ihr aber nichts mehr zu beobachten. Wir haben Samuel verbrannt. Ich hole morgen Weihwasser, um die Asche damit aufzulösen."

„Ihr konntet ihn verbrennen?" Brielle sah Harpers Mutter verdutzt an und die nickte.

„Harper hatte diese Idee. Sie meinte, dass er doch nun schon seit langer Zeit ohne Blut in seinem Gefängnis lag und vielleicht geschwächt ist. Keine Ahnung, warum noch niemand diese Idee hatte, aber sie erwies sich als richtig. Caelan hat ihn geköpft und wir haben ihn verbrannt.

„Wir hörten Geschichten über einen Vampir namens Samuel", begann Jeremiah und sah Harper und ihre Mutter prüfend an. „Er soll sehr alt und mächtig sein. So mächtig, dass seine Wunden sich sofort schlossen, noch bevor die Klingen aus seinem Fleisch entfernt waren."

„Ja, diese Geschichten kennen wir auch. Deswegen wurde er hier damals von meinen Vorfahren eingesperrt."

„Wir hörten auch, dass Samuel vor seiner Verwandlung ein Druide war." Jeremiah hob eine Augenbraue. Harper sah ihn irritiert an und blickte dann zu ihrer Mutter, die mit den Schultern zuckte.

„Und wenn schon? Vampir ist Vampir."

„Dann hat ihn nicht nur seine Macht als Vampir geschützt, sondern auch sein Blut als Druide. Oder ist es nicht so, dass die Solomons das Land bei ihrer Ankunft hier an sich banden?"

„Was soll das heißen?" warf Caelan ein. „Willst du sagen, Samuel war ein Solomon?"

„Ein verstoßener Solomon." Die Stimme kam aus dem Nichts, dann schimmerte es an der Tür und eine Frauengestalt in einem altmodischen Kleid erschien dort. „Ich bin Maire Solomon. Samuel war mein Bruder." Obwohl sie ein Geist war, erschien sie Harper durchaus fest und stofflich, so wie alle anderen im Raum. Maire rückte ihr Schultertuch zurecht und blickte in die Ferne. „Er wandte sich bereits früh der Dunkelheit zu. Ich versuchte natürlich, ihn von diesem Pfad abzubringen, aber ich scheiterte. Mir blieb nichts weiter, als Vater zu sagen, was Samuel trieb."

„Er rief einen Dämon", fuhr Harpers Mutter an Maires Stelle fort. „Eine Kunst, die Druiden nur lernen, um zu wissen, wie sie Dämonen bannen können. Sie rufen sie nie selber. Normalerweise." Sie lachte heiser auf. „Aber manche tun es doch."

„Richtig." Maire sah sie traurig an. „Samuel wollte mehr Macht, um die Werwölfe endgültig zu vertreiben. Er sah keine friedliche Lösung. Und er war es auch, der die Vampire nach Halfell lockte."

„Und unsere Vorfahren haben sich noch mit den Solomons verbündet damals, um gegen Samuel zu kämpfen." Caelan sah Maire empört an. „Dabei haben die den Kerl überhaupt erst hierhergebracht."

„Er war kein Solomon mehr, nicht, nachdem er sich diesen dunklen Künsten zuwandte", entgegnete Maire. „Unsere Familie verstieß ihn. Er lernte bei dem Dämon und fand auf diese Weise wohl heraus, dass er als Vampir über besondere Macht verfügen würde. Menschen, die zu Vampiren werden, sind nicht besonders stark, für Werwölfe stellen sie kein Problem dar. Aber ein Druide, der an das Land gebunden ist, schöpft seine Kraft auch als Vampir noch aus diesem. Deswegen konnte er nicht verletzt werden."

„Wenn ihr das wusstet, warum habt ihr den Werwölfen dann nichts gesagt?" knurrte Caelan. „Ich kenne die Geschichten. Es gab unzählige Tote und niemand konnte etwas gegen Samuel ausrichten."

„Sie wussten es nicht", antwortete Maire schlicht. „Es ist mir mit der Zeit erst bewusst geworden. Ich bin nicht an das Haus gebunden und streifte oft durch Halfell. Dabei traf ich Lucille." Sie sah zu Brielle und Jeremiah.

„Unsere Tante." Brielle sah Maire verwundert an. „Sie hat nie von dir erzählt."

„Vermutlich hielt sie mich für einen gewöhnlichen Geist. Ich erzählte ihr nur, dass ich Opfer eines Vampirs gewesen war und deswegen noch hier verweilte, weil er noch nicht vernichtet ist." Maire lächelte traurig. „Was auch beinahe stimmt. Ich war Samuels erstes Opfer nach seiner Verwandlung in einen Vampir. Er tötete mich und warf mich unseren Eltern vor die Füße."

„Und was hatte es jetzt mit dieser Lucille auf sich? Hat sie dir gesagt, wie man Samuel vernichten kann?" Caelan sah Maire scharf an und diese nickte.

„Ja. Aber Catherine war bereits alt und schwach und lag im Sterben. Sie konnte es nicht mehr tun. Und Harper wusste von nichts, als sie hierherkam." Maire lachte leise. „Du hast es nicht einmal bemerkt, als ich versuchte Kontakt zu dir aufzunehmen. Einfach vor dir erscheinen wollte ich nicht, ich wollte nicht, dass du sofort abreist."

„Na ja ... da waren irgendwelche Geräusche und dann die Kellertür, die von alleine aufging. Warst du das also?"

„Ja. Aber ich war mir auch sicher, dass du mir nicht zuhören und schon gar nicht helfen würdest." Maire wirkte unsicher und verlegen. „Also habe ich mir anderswo Hilfe geholt und meine verbliebene Macht genutzt, um das, was ich von Lucille erfahren habe, in die Tat umzusetzen."

„Und was war das?" Harpers Mutter sah Maire argwöhnisch an. „Du redest sonst auch nie um den heißen Brei herum, Maire. Was hat Lucille dir erzählt?"

„Um einen Vampir zu vernichten, der vorher kein Mensch war, braucht es sein eigenes Blut oder zumindest das Blut seiner Nachfahren", erklärte Maire. „Ich habe dich in einer Nacht so tief schlafen lassen, Harper, dass du es nicht gemerkt hast, als meine Helferin ins Haus kam und dir Blut abnahm." Harper keuchte auf.

„Was hast du gemacht?" brüllte ihre Mutter. „Du gehst an meine Tochter und verletzt sie?"

„Du wolltest ja nie wieder hierherkommen und ich kann Halfell nicht verlassen. Es war für mich in dem Moment der einzige Weg. Meine Helferin hat eine Spritze benutzt und Harper hat davon sicher auch nichts gemerkt."

„Das stimmt", gab Harper zu. „Aber das Blut alleine hat wohl kaum geholfen, wenn da noch ein Körper war, um ihn zu verbrennen."

„Natürlich nicht. Aber es hat Samuel geschwächt. Um seine Macht über das Land zu halten, durfte er nie Blut von seiner Familie trinken. Dadurch, dass meine Helferin es ihm aber einflößte, zerfiel dieses Band. Es gab nichts mehr, was ihn schützte. Und von da an war er ein einfacher Vampir. Alt, ja, aber nicht mehr so mächtig wie zuvor. Bei weitem nicht."

„Deshalb ging die Axt durch seinen Hals wie durch Butter. Ich war ja skeptisch nach allem, was ich über Samuel gehört hatte." Caelan grinste. „Geschwächt durch seine Familie, armer Kerl."

„Davon wussten wir auch nichts", sagte Jeremiah mit nachdenklich. „Also, dass man Vampire so schwächen kann."

„Es gilt nicht für alle Vampire", entgegnete Maire ernst. „Es ist etwas, was nur bei Druiden und Hexen funktioniert. Und dementsprechend unbekannt, denn kaum mal wurden Druiden oder Hexen in Vampire verwandelt. Unsere Abscheu Vampiren gegenüber ist zu groß, als das wir das wollten."

„Und es ist wohl auch nur nötig, wenn der Druide mit dem Land verbunden ist, oder? Das Land hat Samuel geschützt. Wäre er also nicht mit dem Land verbunden gewesen, wäre er von vornherein nur ein gewöhnlicher Vampir gewesen?" Jack sah Maire fragend an und sie nickte.

„Er wurde zwar verstoßen, aber seine Bindung zum Land konnte unsere Familie nicht lösen." Sie sah zu Harper und ihrer Mutter. „Einmal eingegangen, kann der Druide sie nur selber lösen." Harpers Mutter schnaufte.

„Aber bei Samuel konnte sie jetzt doch gelöst werden", stellte Brielle fest.

„Das Land schützt jeden Solomon, der mit ihm verbunden ist. Dadurch, dass Samuel Harpers Blut getrunken hat, hat das Land ihn abgestoßen, denn er ist bereits tot, während Harper lebt."

„Aber ... Moment, ich bin doch gar nicht mit dem Land verbunden. Oder? Ich meine, wenn man da was machen muss ... ich hab gar nichts gemacht." Harper sah Maire verwirrt an und die lächelte amüsiert.

„Oh doch. Unbewusst zwar, aber du hast bereits bei deiner Ankunft hier tief in das Land gegriffen. Es ist einfach dein Erbe, deine Magie, Harper. Du magst sie nie erlernt haben, aber sie ist da."

„Solange Juniordruidin nicht noch andere Dinge macht, ohne zu wissen, was sie tut." Caelan grinste und Harper warf ein Sofakissen nach ihm.

„Du hast es doch gehört, es ist unbewusst passiert, war also keine Absicht." Sie sah fragend zu ihrer Mutter. „Ist das schlimm? So eine Verbindung, meine ich."

„Nein." Ihre Mutter musterte sie nachdenklich. „Sie ist eben da. Und das erklärt nun auch, warum die Vampire heute Nacht nicht näher an das Haus kamen. Das Land hat ihre Sinne verwirrt, um dich zu schützen. Ich hätte es mir gleich denken können."

„Da das soweit geklärt ist, wüsste ich gerne, was wir nun mit den Handlangern der Vampire machen", warf Jack ein. „Wir können sie nicht laufenlassen."

„Wir überlassen sie der Polizei", erklärte Jeremiah. „Sie wollten hier einbrechen und wir haben sie auf frischer Tat ertappt, gefesselt und die Polizei gerufen. Das sollten wir dann aber gleich machen. Und wir sollten die Waffen vorher wegschaffen, bevor blöde Fragen kommen."

„Ich kenn ein gutes Versteck. Ruft schon mal die Polizei. Nehmt die Sachen und folgt mir." Harpers Mutter stand auf und humpelte in die Küche. Jeremiah und Brielle nahmen ihre Waffen auf und folgten ihr. Harper sah unschlüssig zu Caelan und dessen Freunden.

„Sollten wir nicht mehr absprechen? Zum Beispiel, was ihr alle hier macht, so mitten in der Nacht?"

„Wir haben eine Runde im Wald gedreht und bemerkten diese Gestalten bei eurem Haus. Das ist nah genug an der Wahrheit, dass wir uns wohl auch später nicht widersprechen werden." Caelan zog grinsend sein Handy aus der Hosentasche und rief die Polizei ein.

Während er sprach, lehnte Harper sich zurück und starrte an die Decke. Dann fiel ihr etwas ein und sie richtete sich ruckartig auf. Maire stand noch immer neben der Tür.

„Maire? Wer hat dir geholfen?" Maire lächelte vergnügt.

„Lindsey. Sie kann Geister sehen und wusste schon immer von mir. Also habe ich sie eingeweiht. Sie erschien mir die beste Lösung." Lindsey also. Das ergab Sinn. Lindsey hatte die Schlüssel fürs Haus und konnte jederzeit hereinkommen. Wobei das wohl keine Rolle spielte – Maire hätte ihr die Türen auch öffnen können.

Harper sah auf, als ihre Mutter, Brielle und Jeremiah ins Wohnzimmer zurückkehrten. Caelan erklärte kurz, wie sie ihre Geschichte der Polizei gegenüber darstellen wollten, und dies gerade rechtzeitig, denn er hatte noch nicht geendet, da klingelte es bereits. Gemeinsam mit ihrer Mutter ging er nach draußen und Harper wollte ihnen bereits folgen, als sie hörte, wie sie mit den Besuchern ins Wohnzimmer kamen.

Maire war verschwunden und Harper sank auf das Sofa zurück. Caelan begann mit ihrer Geschichte und ihre Mutter, Brielle und Jeremiah warfen gelegentlich etwas ein. Die Beamten hörten ihnen aufmerksam zu und machten sich Notizen. Einer der Männer brummte leise.

„Hab's Catherine so oft gesagt, dass sie sich so eine Alarmanlage anschaffen soll", sagte er. „Wären Sie nicht zufällig alle hier gewesen, hätte es wohl ein anderes Ende nehmen können."

„Den Rat geben wir den nächsten Eigentümern auch weiter", erklärte Harpers Mutter. „Schrecklich, einfach schrecklich. Da wollte ich mein Elternhaus nun doch noch ein letztes Mal besuchen und dann das." Harper bemühte sich, ihre Mutter nicht verdutzt anzusehen. Sie klang so überzeugend. Aber vielleicht lernte man so etwas, wenn man kein Mensch war. Sie hatte sich vermutlich schon mehr als einmal verstellen müssen.

„Dann machen Sie sich noch ein paar schöne Tage, Mrs. Solomon. Versuchen Sie den Schrecken mit etwas Angenehmen zu überdecken."

„Das werde ich." Das Lächeln, das ihre Mutter den beiden Beamten schenkte, war warm und charmant. „Danke, dass Sie so schnell gekommen sind. Mir ist viel wohler, jetzt da ich weiß, dass die Polizei sich um diese Kerle kümmert." Harper merkte, wie Jeremiah ihre Mutter versonnen musterte, während Caelan und seine Freunde den Blick zu ihr mieden.

Was ging jetzt schon wieder vor?

Nach einigen weiteren Fragen, die ihre Mutter mit weicher Stimme und weiterhin warmen Lächeln beantwortete, führten sie und Caelan die Beamten nach draußen. Jeremiah sah ihr nach und Brielle stieß ihn kräftig an.

„Du sabberst gleich", sagte sie grinsend und Jack lachte.

„Wir hätten euch wohl vorwarnen sollen", meinte er. „Mrs. Solomon ist zur Hälfte ein Sukkubus."

„Was?" Jeremiah sah ihn entgeistert an.

„Ein Sukkubus?" wiederholte Brielle. „Nun, wir jagen nur Vampire, bei Dämonen sehen wir keinen Handlungsbedarf. Außer zu sabbern, scheint mir. Zumindest bei meinem Bruder."

„Dann hat meine Mutter gerade irgendwas gemacht? Etwas ... na ja, sukkubusartiges?" Harper sah verwirrt zu Jack und der lachte erneut.

„Ein bisschen Charme und Pheromone versprüht, ja. Das war das erste Mal, das ich so etwas miterlebt habe. War ja schon interessant."

„Interessant würde ich das nun nicht bezeichnen", murrte einer seiner Freunde. „Verwirrend eher."

„Solange es wirkt und die Polizisten ihr verfallen sind und ihr aus der Hand fressen, ist es egal, ob interessant oder verwirrend." Jack grinste und sah Harper fragend an. „Kannst du das auch?"

„Ich glaube nicht. Vorgestern wusste ich ja nicht einmal, dass meine Mutter ein Sukkubus ist." Harper schüttelte den Kopf. Besonderen Erfolg bei Jungs und Männern hatte sie nie gehabt. Vermutlich waren die Sukkubusgene bei ihr nicht sehr ausgeprägt.

Sie wusste auch nicht, ob sie unbedingt lernen wollte, Charme und Pheromone zu versprühen, wie Jack es ausgedrückt hatte, auch wenn es bei ihrem grantigen Chef sicher von Vorteil sein konnte. Beinahe hätte sie gelacht.

Mr. Scott, der ihr verfallen war, wäre ein köstlicher Anblick gewesen.
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