Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.08.2020 2.253
 
Eine Woche. Es war gerade einmal eine Woche her, dass Harper zum ersten Mal nach Halfell gekommen war. Sie konnte nicht glauben, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hatte.

Ihr neues Wissen über ihre Familie und damit sich selbst verunsicherte sie, doch mehr noch erschreckte sie zu sehen, wie kalt und abweisend ihre Mutter über Menschen dachte und sprach. Dass sie oft etwas harscher auf ihre Mitmenschen reagierte, hatte Harper schon immer gewusst, aber sie hatte nie erwartet, dass sie ihr so gleichgültig waren.

Allerdings war es sicherlich kein neuer Zug an ihrer Mutter, sondern bloß einer, den sie Harper bisher nicht auf diese Weise gezeigt hatte. Vielleicht waren die Geheimnisse doch nicht so schlecht gewesen.

Das Licht des Kellers riss sie aus ihren Gedanken und Harper seufzte leise auf. So viel besser war sie vermutlich auch nicht. Immerhin hatte sie, ohne irgendwas über Vampire zu wissen, beschlossen Samuel zu töten. Andererseits ließ ihre Mutter keinen Zweifel daran, dass Vampire nichts weiter als wilde Raubtiere waren. Wer wusste, welchen Schaden ein so mächtiger Vampir anrichten konnte.

Vielleicht war es auch eine Art Instinkt, der sie zu ihrem Entschluss getrieben hatte. Auf Caelan hatte sie auch instinktiv mit Furcht reagiert, auch wenn sie in seinem Fall unbegründet war.

Auf den letzten Metern beeilte Harper sich und atmete erleichtert auf, als sie im hellerleuchteten Keller stand. Ihre Mutter folgte ihr nach oben und machte sich sofort auf den Weg in die Garage. Caelan sah sie fragend an.

„Und?“

„Wir waren nur vor seinem Gefängnis. Es ist furchtbar da unten.“

„Wollt ihr euren Plan noch durchführen?“

„Ich für meinen Teil schon“, antwortete Harper zögernd. „Auch wenn ich echt verdammt viel Angst hatte, als wir vor dem Gefängnis standen.“

„Ich kenn das“, sagte Caelan zu ihrer Überraschung. „Jedes Mal wieder, wenn ich vor einem Vampir stehe. Es ist einfach etwas, was in uns verankert ist. So wie deine Angst vor mir und meinen Freunden, auch wenn sie unnötig ist.“

„Hast du auch Angst vor Druiden?“ Neugierig musterte sie ihn und er lachte leise auf.

„Nein. Aber vor Hexen und Dämonen. Meine Mutter hat es mir damit erklärt, dass vor Urzeiten Werwölfe und Hexen verfeindet waren. Warum, das weiß sie nicht. Auch nicht, wann und warum diese Feindschaft beigelegt wurde. Aber in manchen Werwölfen ist die Furcht vor Hexen einfach immer noch da.“

„Wenn ihr mit eurem Plausch fertig seid, könntet ihr mir mal helfen.“ Harper drehte sich zu ihrer Mutter um, die gerade eine Sackkarre in die Küche schob, auf der sich zwei Kanister befanden. Sie musste nicht fragen, was in ihnen war. Caelan nahm ihr die Sackkarre ab und trug sie in den Keller. Harper nahm die beiden Gläser mit den Kerzen und folgte ihm, bevor ihre Mutter Einwände erheben konnte.

„Da also.“ Caelan stellte die Sackkarre vor dem Eingang zum Tunnel ab. „Ich vermute, ich soll hierbleiben.“

„Nun, es braucht nur eine Person, um Samuel mit Benzin zu übergießen und anzuzünden.“ Ihre Mutter sah sie scharf an und Harper zuckte mit den Schultern.

„Wenn du das Ding schiebst, hast du keine Hand mehr für die Kerzen frei.“ Ihre Mutter wollte etwas entgegnen, aber Caelan kam ihr zuvor und nahm Harper die Gläser ab.

„Ich gehe mit. Ihr fangt nur an, euch anzukeifen, fürchte ich.“ Er sah zu Harper. „In der Garage ist eine Axt. Bring sie mir. Nur für alle Fälle.“ Harper sah ihn verdutzt an.

„Ja, ein Foster durch und durch“, sagte ihre Mutter. „Geh und hol die Axt, Harper. Es ist eine gute Idee.“ Für einen Moment zögerte Harper noch, dann lief sie die Treppe hoch und in die Garage. Sie brauchte einen Moment, um die Axt zu finden, sie lehnte an einem Regal mit Gartengeräten. Schnell kehrte sie in den Keller zurück und reichte Caelan die Axt, der sie in seinen Gürtel hängte.

„Also, dann wohl los, hm?“

„Ja, gehen wir. Harper, bleib in der Küche. Maire wird dich warnen, sollte irgendwas schiefgehen.“

„Okay.“ Harper wollte nicht streiten und wenn sie ehrlich war, war sie froh, nicht zu Samuels Gefängnis zurückkehren zu müssen. Sie sah ihrer Mutter und Caelan nach, die in den dunklen Gang traten. Bald wirkte das Kerzenlicht wie ferne Glühwürmchen und Harper ging wieder in die Küche hoch.

Sie versuchte sich mit ihrem Handy abzulenken, surfte im Internet, fing verschiedene Spielchen an und beendete sie auch gleich wieder. Schließlich lief sie nervös in der Küche auf und ab. Sie ließ die Jalousien herunter, damit niemand zu ihr hineinblicken konnte, und begann schließlich zu zählen.

Jedes Mal, wenn sie die Hundert erreichte, warf sie einen kurzen Blick in den Keller. Aber weder hörte sie von dort etwas, noch sah sie ihre Mutter oder Caelan. Ihnen zu folgen war Unsinn. Sie würden schon zurückkehren, sobald sie mit ihrer Tat fertig waren.

Wieder begann sie zu zählen und fuhr heftig zusammen, als es an der Haustür klingelte und jemand gleich darauf kräftig gegen diese hämmerte. Einen Moment stand sie erstarrt da, dann hörte sie, wie jemand nach Caelan rief. Sie schlich zur Haustür und schaute durch den Spion nach draußen.

„Harper, ich rieche dich, mach auf.“ Einer von Caelans Freunden stand dort draußen. Harper zögerte, dann dachte sie an die Worte ihrer Mutter: Nur Werwölfe und Menschen, die nicht von Vampiren beherrscht wurden, konnten momentan das Haus betreten. Sie öffnete die Tür und Caelans Freund schob sich an ihr vorbei ins Haus.

„Was ist los?“ fragte sie im gleichen Moment, in dem er „Wo ist Caelan?“ fragte. Er knurrte leise.

„Die Vampire kommen rasend schnell näher. Einen haben meine Freunde bereits zerrissen, aber das kümmert den Rest nicht. Schlimmer noch – ich rieche noch mehr von ihnen.“

„Oh nein.“ Harper wies auf die Küche. „Caelan ist mit meiner Mutter auf dem Weg zu Samuels Gefängnis. Sie wollen ihn verbrennen.“ Caelans Freund sah sie überrascht an, dann schnaufte er.

„Feuer ist immer gut gegen dieses widerliche Pack. Okay, also, wenn du irgendwelche Druidentricks kennst, dann nutze sie.“

„Ich weiß erst seit vorgestern, was ich bin. Ich kenne keine Tricks.“

„Schlecht.“ Er ging an ihr vorbei zur Garage. Sie folgte ihm und beobachtete ihn dabei, wie er die Bürste von einem Besen abschraubte. „Hier.“ Er reichte ihr den Stiel und sie nahm ihn verwirrt entgegen. „Nur zur Sicherheit. Einfach zustechen, wenn so einer dir zu nahekommt.“

„Was?“

„Am besten direkt in die Brust. Vampirkörper sind nicht so widerstandsfähig wie menschliche Körper, alles dringt leicht in sie ein. Zumindest, wenn sie noch so junges Pack sind wie die da draußen. Sind noch nicht lange verwandelt.“

„Kannst du das auch riechen?“

„Ja. Sie riechen noch nicht so faulig, wie alte Vampire. Also, wie gesagt, einfach zustechen. Kannst du mit Messern umgehen?“

„In der Küche …“

„Was frage ich auch. Dann kein Messer. Fehlt noch, dass du dich selbst verletzt.“ Er nahm einen schweren Hammer mit langem Griff von einem der Regale, schwang ihn prüfend und nickte zufrieden. „Eine Axt wäre nicht schlecht, aber der tut es auch.“

„Caelan hat die Axt. Ich weiß nicht, ob hier noch eine ist.“

„Schon gut, wie gesagt, der tut es auch.“ Der Mann sah sie ernst an. „Also, was auch passiert, geh nicht raus. Vampire können ein Haus nur betreten, wenn sie eingeladen wurden und ich vermute, niemand hat sie hier eingeladen, aber wer weiß das schon. Vielleicht haben sie auch jemanden dabei, der keine Einladung braucht. Ich rieche jedenfalls auch Menschen im Wald.“

„Vielleicht Spaziergänger oder so.“ Harper wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Es war verrückt. Vor einigen Tagen noch hatte sie sich bloß um den Verkauf dieses Hauses kümmern wollen, nun stand sie hier und hörte sich Warnungen vor Vampiren an.

„Vielleicht oder auch nicht, keine Ahnung. Besser davon auszugehen, dass sie zu den Vampiren gehören. Sollte ein Mensch hier hineingelangen, kann er sie einladen.“

„Meine Mutter hat irgendwas gemacht. Sie meint, hier kommen nur Werwölfe herein und Menschen, die nicht von Vampiren beherrscht sind.“

„Okay, das klingt gut.“ Der Mann ging wieder ins Haus zurück, trat in die Küche und schaltete das Licht aus. Sie hörte, wie er im Dunkeln weiterging, dann surrten die Jalousien in die Höhe. „Bleib hier, lausche auf alles, was von draußen kommt und rühr dich nicht. Ah, nicht das Licht anmachen. Sie sollen dich doch nicht von draußen sehen können.“ Harper senkte ihre Hand, die sie gerade nach dem Lichtschalter ausgestreckt hatte.

„Warum nicht? Wenn sie doch nicht reinkommen können, ist es doch egal?“

„Dass sie nicht reinkommen können, heißt nicht, dass sie nicht ins Haus schießen können.“ Der Mann klang ernst und Harper schluckte. Daran hatte sie bisher nicht gedacht. Sie trat zur Seite, als er auf sie zukam, und folgte ihm ins Wohnzimmer. Auch hier schaltete er das Licht aus.

„Können sie denn im Dunkeln nicht auch gut sehen?“

„Nein. Keine Ahnung, wo das mit den ausgeprägten Sinnen der Vampire herkommt, aber ihre Sinne sind nicht besser als die eines Menschen. Kein Wunder, sie waren ja mal Menschen.“ Sie erahnte in der Dunkelheit nur, dass er sich zu ihr umdrehte und sie ansah. „Sie sind stärker, ja, manche auch schneller, und ihre Witterung für Blut ist sehr gut. Manche haben auch psychische Fähigkeiten, können dir Dinge, Bilder vorgaukeln, dich hypnotisieren. Aber das funktioniert nur bei direktem Blickkontakt. Sollten sie also vor den Fenstern auftauchen, schau ihnen nicht in die Augen.“

„Okay. Also still verhalten und keinem Vampir in die Augen schauen. Sollte irgendwer hier drin auftauchen, der nicht zu euch gehört, mit dem Stock zuschlagen.“ Sie war sich noch nicht sicher, ob sie das konnte. Bisher hatte sie sich nie mit jemandem geprügelt und fürchtete, dass sie Hemmungen haben würde zuzuschlagen. Allerdings ging es hier wohl um ihr Überleben, nicht um eine Schulhofstreitigkeit.

„Das ist eine gute Zusammenfassung. Ich geh wieder raus und helfe meinen Freunden.“ Sie brummte nur zustimmend und folgte ihm zur Tür, um sie hinter ihm zu schließen.

Vampire. Werwölfe. Vermutlich ein Kampf. Nein, nicht nur vermutlich. Der Kampf fand gerade statt. Irgendwo dort in den Wäldern bekämpften sich die Werwölfe mit den Vampiren.

Harper schluckte und tastete sich durch die Dunkelheit in die Küche und zur Kellertür. Das Licht aus dem Keller schien ihr seltsam tröstlich und sie beschloss, runter zu gehen. Dann konnte sie ihre Mutter und Caelan sofort warnen, wenn sie zurückkehrten.

Die Kellertür schwang hinter ihr zu, als sie sie gerade schließen wollte, und Harper zuckte zusammen. Maire. Das musste sie gewesen sein. Harper atmete tief durch und ging die Stufen langsam runter, immer darauf gefasst plötzlich eine durchscheinende Gestalt zu sehen, aber nichts tat sich.

Unten angekommen sah sie sich um und setzte sich auf eine der Kisten. Den Besenstiel balancierte sie auf ihren Beinen. Jetzt konnte sie nur abwarten.

Nervös lauschte sie, ob von oben Geräusche kamen, aber dort tat sich nichts. Auch in dem Tunnel bemerkte sie keine Veränderung. Kein Licht, das sich näherte.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier saß, als sie dann doch einen schwachen Lichtschein im Tunnel ausmachte. Erleichtert und zugleich nervös sprang sie auf.

Was, wenn es nicht geklappt hatte?

Das Licht kam näher und schließlich erkannte sie ihre Mutter und Caelan. Sie sahen zerzaust aus und ihre Mutter humpelte, aber ansonsten schienen sie unversehrt.

„Es hat geklappt“, rief ihre Mutter, noch bevor sie gänzlich im Keller waren. „Caelan hat ihn geköpft und wir haben ihn verbrannt. Es ist nur noch Asche übrig. Morgen werde ich Weihwasser holen und ihn damit übergießen. Was willst du mit dem Stock?“ Bevor Harper antworten konnte, hob Caelan schnüffelnd die Nase und knurrte leise.

„Vampire!“

„Ja. Einer deiner Freunde war hier und hat mich gewarnt. Er …“ Verwirrt sah sie Caelan nach, der die Kellertreppe nach oben lief. „… ist wieder draußen. Aber das wusste er wohl.“ Ihre Mutter sah sie fragend an.

„Und was sollst du mit dem Stock? Du schlägst dir nur selber auf den Fuß.“

„Danke für das Vertrauen.“

„Gib ihn mir. Sie können zwar nicht rein, aber wer weiß, ob sie Handlanger dabeihaben.“

„Hat Caelans Freund auch gesagt. Er meinte, es seien auch Menschen draußen. Und deutlich mehr Vampire als bisher.“ Sie reichte ihrer Mutter den Besenstiel.

„Mehr?“ Ihre Mutter seufzte. „Ich schaue, ob ich ihnen helfen kann. Dämonen verstören Vampire immer so schön.“

„Das klingt bei dir so, als sei das alles gerade ein Riesenspaß.“

„Ein wenig ist es das für mich auch.“ Ihre Mutter sah sie ernst an. „Ich bin damit aufgewachsen. Das hier“, sie machte eine ausholende Handbewegung, „das ist meine Welt. Auch wenn ich sie vor dir geheim gehalten habe, ist sie mir vertrauter als das relativ sichere, ruhige Leben als Mensch.“

„Für mich ist alles nur verwirrend und erschreckend“, gab Harper zu und folgte ihrer Mutter nach oben. Zumindest einer dieser Schrecken war nun vernichtet. Ihr Plan, mehr eine vage Idee als alles andere, hatte funktioniert.

„Ich denke, wir werden viel zu reden haben, wenn das hier vorbei ist.“ Ihre Mutter drückte kurz ihren Arm. „Bleib aber jetzt hier. Gegen Vampire kannst du so viel ausrichten wie ein Kätzchen gegen einen Bulldozer.“ Harper schnaubte, aber natürlich hatte ihre Mutter Recht. Vermutlich würde sie vor Schreck erstarren, wenn sie einem Vampir gegenüberstand.

Im Dunkeln tastete sie sich zu einem Stuhl, während ihre Mutter die Küche verließ. Sie fragte sich, wie nah die Vampire wohl inzwischen am Haus waren. Würden sie versuchen ins Innere zu gelangen? Hatten sie tatsächlich jemanden dabei, der sie hineinbitten konnte? Harper schauderte bei dem Gedanken. Wenn das geschah, war sie hier drinnen auch nicht sicher. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass ihre Mutter, Caelan und dessen Freunde mit der Gruppe Vampire fertig wurden.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast