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Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
16
36.351
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19.08.2020 2.425
 
Sie erreichten Halfell am späten Abend. Das Haus lag in tiefe Schatten gehüllt da und Harper schauderte. Jetzt, da sie die Wahrheit über ihre Familie und das Haus wusste, erschien es ihr noch unheimlicher als zuvor. Sie stellte sich vor, dass Geister hinter den Fenstern standen und die Neuankömmlinge beobachteten, abwogen, ob sie sie ins Haus lassen oder sie verjagen sollten.

Aber die Geister waren vermutlich keine Gefahr. Wenn es weitere Geister außer dieser Maire gab, waren es sicherlich Familienmitglieder und würden ihnen nichts tun. Samuel war die wahre Gefahr und der lag unter der Kapelle.

Ihre Mutter wies sie an, auf dem Stellplatz zu halten. Harper wollte den Wagen lieber in die Garage fahren, da sie an die Wölfe dachte, aber ihre Mutter schüttelte den Kopf.

„Falls hier tatsächlich fremde Werwölfe sind, könnte es sein, dass wir schnell wegmüssen. Da können wir uns nicht mit dem Garagentor aufhalten.“ Die Erklärung gefiel Harper nicht, aber sie widersprach nicht und parkte vor der Garage. Ihre Mutter starrte durch die Windschutzscheibe eine Weile zu dem Haus, dann schnallte sie sich ab und sie stiegen aus.

Gerade als sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum holten, trat jemand zwischen den Bäumen hervor. Es war zu dunkel, um ihn auf die Entfernung zu erkennen, aber Harper hoffte, dass es einfach Brody war, der wieder mit Whistle joggen war.

„Wer ist da?“ rief ihre Mutter und hob eine Hand. Die Gestalt blieb in einiger Entfernung stehen.

„Caelan Foster. Hi, Harper. Und Sie müssen Harpers Mutter sein.“

„Das ist er“, raunte Harper ihrer Mutter zu. „Ich erkenne seine Stimme.“

„Ein Foster. Nun, dann komm, wenn du wirklich ein Foster bist.“ Harper schnappte nach Luft, als sich vor Caelan eine schimmernde Wand erhob. Er ging weiter, direkt durch die Wand hindurch, und ihre Mutter nickte. „Also tatsächlich ein Foster.“

„Natürlich, Mrs. Solomon.“ Caelan erreichte sie und nun konnte Harper ihn in der Dämmerung auch erkennen. „Schon wieder zurück. Und wohl doch mit deiner Mutter gesprochen, hm?“

„Ich hatte wohl keine Wahl, nachdem irgendein Werwolf Harper alles erzählt hat“, murrte ihre Mutter und wies auf Caelan. „Glücklich bin ich darüber immer noch nicht.“

„Na, sie wollte es doch wissen.“ Caelan zuckte mit den Schultern und nahm sich zwei der Taschen. „Ich helfe euch. Und dann sollten wir machen, dass wir reinkommen. Wir haben Vampire um Halfell gewittert.“

„Vampire“, keuchte ihre Mutter auf.

„Es hat sich herumgesprochen, dass kein Solomon mehr hier lebt.“ Caelan zuckte mit den Schultern und ging auf das Haus zu. Harper folgte ihm mit der letzten Tasche und schloss die Tür auf. Im Hausflur stellte Caelan das Gepäck ab und hob die Nase, als wolle er schnüffeln. Vermutlich tat es das auch. „Keine Eindringlinge.“

„Nun, eine Solomon gibt es hier noch“, erklärte Harpers Mutter, die ihnen langsam ins Haus folgte und die Tür hinter ihnen schloss. „Auch wenn sie nicht lebt. Aber es reicht, um den Schutz über das Haus noch eine Weile zu halten.“ Sie legte eine Hand auf die Tür, schloss die Augen und verharrte einen Moment in ihrer Position. Caelan machte derweil Licht in der Küche und im Wohnzimmer. Harper sah fragend zu ihrer Mutter.

„Alles okay?“

„Nur eine kleine Erneuerung des Schutzzaubers“, murmelte ihre Mutter und öffnete die Augen wieder. Sie lächelte. „Ein Vampir kommt so oder so nicht rein, aber sie haben auch ihre menschlichen Verbündeten. Da muss man sicher gehen.“

„Also stimmt es, dass man Vampire hereinbitten muss?“

„Ja. Leider kann jeder sie hereinbitten, weshalb sie dazu übergegangen sind, sich Menschen als Sklaven zu halten und sie als Einbrecher in ein Haus vorzuschicken. Die Menschen bitten sie dann herein und sie können in aller Ruhe über die Bewohner des Hauses herfallen. Von jedem nur ein bisschen Blut, dann werden sie getötet und es sieht alles nach einem Überfall aus.“ Ihre Mutter schnaubte und folgte Caelan in die Küche. „Widerliche tote Brut.“

„Meine Worte.“ Caelan sah zu ihnen und jetzt bemerkte Harper, dass seine Augen gelb schimmerten. Harper schluckte und sah lieber wieder zu ihrer Mutter. „Meine Freunde sind draußen. Sie werden uns warnen, sollten die Vampire doch noch näherkommen. Bisher haben sie Halfell gemieden.“

„Hattet ihr schon einen Zusammenstoß?“

„Nein. Das ist ja das Seltsame. Sie sind da, kommen aber nicht näher. Es sind mal vier, mal fünf, bisher nie mehr.“ Caelan zuckte mit den Schultern. „Uns stört es nicht. Sind vielleicht auch nur auf der Suche nach einem neuen Revier und überlegen noch, ob sie uns angreifen sollen oder nicht.“

„Oder sie wissen von Samuel“, murmelte Harpers Mutter mit düsterer Miene. „Gehen wir lieber davon aus.“

„Und warum seid ihr hier? Ich dachte, ihr verkauft das Haus.“

„Meine Tochter ist eben durchgeknallt.“

„Hey …“

„Wie würdest du es denn sonst nennen?“ Ihre Mutter sah Harper wütend an. „Dein Vorhaben ist verrückt und ich sehe keine Erfolgschancen.“

„Was hast du vor?“ Harper seufzte bei Caelans Frage leise auf.

„Na ja, ich dachte mir, wenn Samuel doch gefangen und gelähmt ist, dann können wir versuchen ihn zu verbrennen. Er hat doch nun schon ewig kein Blut gehabt und heilt in diesem Zustand vielleicht nicht so gut.“ Sie sah von ihrer Mutter zu Caelan, der ihren Blick nachdenklich erwiderte.

„Einen Versuch ist es wert“, meinte er schließlich. „Wir haben uns das auch schon überlegt, aber wir kommen ja nicht zu ihm. Keine Ahnung, wo ihr Solomons den Zugang versteckt habt.“

„Hier im Haus. Aber ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn euch zeigen soll.“ Ihre Mutter lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und Harper stöhnte leise auf.

„Mom, wir sind doch nicht hierhergefahren, damit du jetzt wieder bocken kannst.“

„Ich will nicht, dass du dich in Gefahr bringst. Auch wenn du das so oder so bist. Ach, das ist alles einfach nur ein riesengroßer Mist. Warum bist du auch auf den Friedhof gegangen?“

„Na, hätte ich gewusst, was da lauert, wäre ich nicht hingegangen. Aber jemand dachte ja nicht daran, mir alles zu erzählen.“

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass du das Grab einer dir völlig Fremden besuchen willst!“

„Nachdem ich so neugierig war, hättest du dir das doch eigentlich denken können!“

„Schreit bitte nicht“, knurrte Caelan. „Mir klingeln die Ohren.“ Harper sah ihn überrascht an und ihre Mutter lachte leise auf.

„Entschuldige. Wenn es um Harpers Sicherheit geht, geht es manchmal mit mir durch.“

„Ich hörte schon, dass Dämonen da sehr eigen sind. Manche jedenfalls.“ Caelan trat an das Fenster. „Ich schlage vor, ihr seht euch Samuels Grab an. Wenn er nun ohnehin von ihr weiß, kommt es darauf auch nicht mehr an. Ich warte hier.“

„Über diese Schwelle kommen ohnehin momentan nur Werwölfe und Menschen, die nicht von Vampirblut infiziert sind. Die Gefahr ist also gering.“ Ihre Mutter trat an die Kellertür und öffnete diese. Harper folgte ihr nach unten.

„Hier unten ist keine Tür“, erklärte sie. „Ich war doch unten. Sowohl alleine, als auch mit Brielle und Lindsey. Und zumindest Lindsey wüsste von einer Tür.“

„Nicht von dieser.“ Ihre Mutter ging zu einem der Regale, auf dem Kartons mit alten Gardinen standen. Sie begann die Karton herunterzunehmen, dann wies sie Harper an, ihr mit dem Regal zu helfen. Gemeinsam schoben sie es zur Seite.

„Und nun?“ fragte Harper und verschränkte die Arme vor der Brust, als sie sich einer Steinwand gegenübersahen. „Da ist keine Tür, sag ich doch.“ Ihre Mutter schnaubte, dann hob sie die Arme und begann leise zu summen.

Die Melodie kam Harper vertraut vor und unwillkürlich, begann sie mit zu summen. Schließlich erkannte sie die Melodie auch: Es war eines der Schlaflieder, die ihre Mutter ihr früher vorgesungen hatte.

Harper verstummte, als die Steinwand zu schimmern begann. Vor ihren Augen wurde der Stein durchlässig, ließ eine tiefe Schwärze hinter sich erahnen, und löste sich nach einigen Herzschlägen gänzlich auf. Das Licht im Keller reichte nicht weit, aber Harper wurde bewusst, dass hier der Gang lag, von dem ihre Mutter gesprochen hatte.

„Keine Tür, hm?“ Ihre Mutter lächelte amüsiert. „Aber nun brauchen wir Licht. Das habe ich nie wirklich gemeistert.“ Harper verkniff sich die Frage, was sie damit meinte. Sie hatte gerade beobachtet, wie ihre Mutter eine Tür aus dem Nichts erscheinen ließ. Vermutlich gab es Möglichkeit, genauso Licht erscheinen zu lassen.

„Hier waren Taschenlampen, aber ich weiß nicht, ob sie noch funktionieren.“ Harper holte die Taschenlampen aus dem Schrank, doch als sie den Schalter drückte, tat sich nichts. „Wäre ja auch zu schön gewesen.“

„Kerzen tun es auch. Wenn sie nichts geändert hat, sind in der Küche welche.“ Ihre Mutter ging nach oben und kam nach einer Weile mit zwei hohen Gläsern wieder, in denen lange, weiße Kerzen brannten.

„Ein bisschen wenig“, murmelte Harper, als sie eines der Gläser entgegennahm und ihrer Mutter in den finsteren Gang folgte. Es war kühl hier und ein muffiger Geruch lag in der Luft. Nun erkannte Harper, dass der Stein nicht natürlichen Ursprungs war. Es waren bearbeitete Steinplatten, in die Rankenmuster, Bäume und Rosen eingraviert waren.

Sie erinnerte sich an ihren Besuch mit Brielle bei dem Friedhof und fühlte sich unbehaglich bei dem Gedanken, die ganze Strecke nun unter der Erde zu gehen. Gleichzeitig fragte sie sich, wie man so etwas hatte bauen können, ohne dass jemand es merkte. Ihre Mutter lachte leise, als sie diese Frage laut stellte.

„Darüber wunderst du dich? Magie, Harper, ganz einfach. Unsere Vorfahren haben die Erde einfach dazu gebracht den Gang und die Räume zu formen.“ Sie strich mit einer Hand über die Steinwand. „Ich könnte es nicht, aber ich bin ja auch mehr Sukkubus als Druidin. Aber ich spüre die Magie, die noch immer in diesem Gang weilt.“

„Du willst mir also sagen, dass … sich die Erde selber bewegt hat? Aber sowas muss man doch merken. Es hat doch sicher Erdbeben gegeben. Und selbst wenn nicht, diese Massen an Erde müssen doch irgendwohin.“

„Über Erdbeben weiß ich nichts. Aber was meinst du, warum es hier diese kleine Anhöhe gibt? Das Erdreich hat sich hier einfach verschoben und verändert. Ich kenne die Geschichten. Die Menschen hatten das Gebiet noch nicht besonders gut erschlossen, denen fiel nichts auf. Aber die Werwölfe waren zornig über diese Änderungen. Einer der Gründe für den Streit zwischen uns.“

„Gruselig. Ich meine die Vorstellung, dass jemand das Land einfach so verändern kann.“

„Einfach so nun auch nicht. Ein Druide alleine schafft nur kleine Änderungen. Die ganze Familie hat sich damals zusammengetan, auch die Kinder.“

„Trotzdem gruselig.“ Zumal sie sich einfach immer noch nicht vorstellen konnte, wie das funktionieren sollte. Sie hatte auch keine Ahnung, was ihre Mutter im Keller gemacht hatte. In ihren Augen hatte sie einfach nur dagestanden und gesummt.

Doch das waren Fragen für ein anderes Mal. Nun wollten sie zu Samuel gelangen. Harper stöhnte auf, als ihr bewusst wurde, dass sie kein Benzin dabeihatten. Die Kerzen allein würden vermutlich nicht reichen, wenn er schon sonst nicht zu töten war.

„Darum kümmern wir uns dann. Erst einmal will ich sehen, wie stark der Schutz um sein Grab noch ist.“ Ihre Mutter sah sie ernst an. „Es macht mir Sorgen, dass Vampire hier sind. Sie haben Halfell immer gemieden, aus gutem Grund. Werwölfe hassen Vampire noch mehr als Druiden. Sie zerfetzen sie, sobald sie ihnen begegnen. Und auch Druiden sind nicht sehr gut auf Vampire zu sprechen. Also alles in allem kein Ort, an den ein vernünftiger Vampir kommt.“

„Du meinst, es hängt mit Samuel zusammen.“

„Das ist sehr wahrscheinlich. Wenn er in der Lage ist, sie aus seinem Gefängnis heraus zu rufen, ist die Magie doch deutlich schwächer, als ich befürchtet habe.“

„Sie wissen aber nicht, wo er ist, oder?“ Beunruhigt sah Harper ihre Mutter an und die hob die Schultern.

„Vermutlich nicht. Aber wer kann das schon sagen? Sie wissen zumindest, dass er irgendwo in Halfell gefangen ist. Und ganz sicher vermuten sie ihn auf dem Grundstück der Solomons.“ Sie blieb stehen und obwohl der Gang nur wenige Schritte vor ihnen weiter in Dunkelheit lag, fühlte Harper sich unwohl. Es war das gleiche Gefühl wie bei Caelan, nur ungleich stärker.

„Ist es da?“ krächzte sie und musste sich zusammenreißen, um nicht herumzufahren und wegzulaufen. Ihre Mutter nickte.

„Die Magie ist schwächer, aber noch immer stark genug, dass er sich nicht befreien kann.“ Sie sah Harper prüfend an. „Du spürst sie, oder? Seine Feindseligkeit?“

„Auf jeden Fall wäre ich gerade doch lieber woanders“, gab Harper zu. „Auf dem Friedhof habe ich nichts bemerkt.“

„Dort sind mehr Schutzsteine, um Samuels Gefängnis zu verschleiern. Sonst würden die Vampire ihn gleich finden. Hier unten hat man darauf verzichtet. Der Gang als solches ist ja bereits durch das Haus geschützt.“

„Also sind wir jetzt unter dem Friedhof?“ Ein Schauer lief Harper über den Rücken.

„Ja, unter einem der Wege, die zur Kapelle führen.“ Ihre Mutter berührte wieder die Steinwand. „Auch die Toten wachen über Samuel.“

„Das ist jetzt nicht gerade ein Satz, den ich in einem Gang unter der Erde und einem Friedhof hören möchte“, murrte Harper und sah sich nervös um.

„Sie werden sich nur erheben, um zu verhindern, dass Samuel befreit wird.“

„Mom? Danke, wirklich. Ich versuche mir gerade keine Zombies vorzustellen und du redest munter weiter davon.“

„Sie sind keine Zombies. Sie sind einfach Tote, die sich zu einem bestimmten Zweck erheben werden. Untote, wenn du so willst, aber keine Zombies. Ich weiß, was man sich gemeinhin unter Zombies vorstellt, und das sind sie nicht.“

„Es ist trotzdem gruselig.“

„Das wäre es nicht, wärst du damit aufgewachsen.“ Ihre Mutter sah sie mit einer Mischung aus Bedauern und Trauer an. „Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht, als ich alles vor die geheim hielt.“ Sie drehte sich um und machte sich auf den Rückweg. Harper folgte ihr schnell.

„Und was jetzt?“

„Nun, ich probiere es mit deinem Plan. Samuel soll dich dabei nicht an meiner Seite spüren. Wenn es misslingt, wird sich seine Wut nur gegen mich richten. Sollte er dann doch irgendwann freikommen, hoffe ich einfach darauf, dass er mich in Ruhe lässt. Vampire meiden Auseinandersetzungen mit Dämonen.“ Ihre Mutter schürzte die Lippen.

„Aber du bist eine Halbdämonin, oder? Dann versucht er es vielleicht doch.“

„Ich erwähnte es vorhin schon. Dämonen sind sehr wild, wenn es um ihre Kinder geht. Und mein Vater lebt noch. Ich denke, er wäre nicht sehr erbaut, wenn ein Vampir mir etwas tut. So wie ich nicht erfreut wäre, wenn dir jemand etwas antut.“ Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Glaub mir, wenn ich sage, ich würde denjenigen zerfetzen, meine ich das genauso, wie ich es sage.“ Harper schluckte. Ihre Mutter als Dämonin zu sehen, die für sie über Leichen gehen würde, war genauso unheimlich wie die Vorstellung von Toten, die ihre Gräber verließen.

Es war sogar unheimlicher.
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