Familienblut

von Nynaeve
GeschichteMystery, Übernatürlich / P16
30.06.2020
11.09.2020
16
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Harper ließ den Wagen ausrollen, den Blick auf das Haus vor sich gerichtet und die Augenbrauen hochgezogen. Ihre Mutter hatte ihr zwar gesagt, dass es groß war, aber nicht, wie groß. Harper hielt den Wagen an, atmete tief durch und stieg aus.

Sofort versank sie in dem aufgeweichten Boden und fluchte leise. Ihre sommerlichen Ballerinas waren nicht für diesen Boden geeignet. Sie hatte nicht erwartet, dass sie hier mitten in der Wildnis landen würde.

Sie blieb einen Moment auf dem Weg stehen und betrachtete das Haus auf der Anhöhe. Es war aus grauem Stein erbaut und auf den ersten Blick in gutem Zustand. Durch die Kiefern, die um das Haus herum wuchsen, lag das Gebäude selbst etwas im Schatten. Vermutlich kam selbst im Sommer die Sonne nur in die obersten Räume herein.

Schließlich ging Harper auf das Gebäude zu und wühlte in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln. Sie zuckte zusammen, als es im Gebüsch raschelte, musste dann aber lachen, als sie einen Fuchs sah. Neugierig tappte er über die Wiese vor dem Haus und verschwand gleich wieder im nächsten Busch.

Harper trat auf die Veranda und öffnete die schwere Eingangstür aus massivem Holz. Drinnen erwartete sie ein dunkler Flur, von dem ein paar Türen abgingen und an dessen Ende eine Treppe lag.

Gleich rechts lag eine große, offene Küche. Die Möbel und Wandverkleidungen waren aus dunklem Holz, nur ein paar der Geräte hellten den Raum durch ihr Metall auf. Die dunkle Einrichtung setzte sich auch in den nächsten Räumen fort. Es herrschte ein gewisser Charme und Harper war sich sicher, dass Amirah das Haus sicher schnell verkaufen konnte.

Langsam ging Harper weiter, schaute sich die anderen Räume im Erdgeschoss an und stieg anschließend in den ersten Stock hinauf. Auch hier herrschten die dunklen Möbel vor, nur zwei Räume, die nebeneinander lagen und eindeutig Kinderzimmer waren, waren heller eingerichtet.

In dem größten Schlafzimmer auf dieser Etage gab es einen Balkon und Harper genoss für einen Moment die Aussicht auf den Wald. Halfell musste auf der anderen Seite liegen. Sie würde wohl später in die Stadt zurückkehren und sich etwas zu essen holen. Hätte sie gewusst, dass das Haus so weit außerhalb der Stadt lag, hätte sie sich dort ein Zimmer genommen.

Bei ihrer weiteren Erkundung sparte sie bloß den Keller und den Dachboden aus. Zurück im Wohnzimmer stellte sie ihre Handtasche auf dem Sofa ab und holte ihr Handy raus. Schnell machte sie ein paar Fotos, die sie Amirah schickte, gleich darauf rief sie ihre Freundin an.

„Hey, die Zimmer sehen top aus", begrüßte Amirah sie. „Also, zumindest auf eine altmodische, romantische Art und Weise."

„Der Rest sieht genauso aus. Glaubst du, du kannst das loswerden?"

„Ich habe eine Kundin, die so etwas ähnliches sucht, aber eher an der Ostküste. Aber ich glaub, Melvin hat Kunden, die was in Kanada suchen. Vielleicht gefällt ihnen das. Kannst du mir noch ein paar Bilder schicken? Bad, Schlafzimmer und Küche wären gut. Und vielleicht eines aus einem der Fenster auf den Garten."

„Klar, mach ich gleich. Das Haus ist allerdings etwas außerhalb der Stadt."

„Genau das Richtige für Leute, die ein ruhig gelegenes Haus suchen. Oder für Urlauber." Amirah lachte leise. „Denk noch mal drüber nach, ob du es nicht doch als Ferienhaus vermietest. Momentan läuft das ganz gut."

„Mom und ich sind uns einig. Wir wollen es verkaufen." Harper ging zum Fenster und blickte nach draußen. Es war noch hell, aber wie sie es bereits vermutet hatte, wurde es im Wohnzimmer schnell dunkel. Zumindest standen die Kiefern etwas auseinander, sodass man sehen konnte, ob sich dort jemand oder etwas bewegte.

Derzeit sah sie dort nichts, aber sie stellte es sich unheimlich vor, abends im Wohnzimmer zu sitzen. Es gab allerdings in allen Räumen Jalousien, wie sie gesehen hatte.

„Okay. Ich hab ja alle Unterlagen hier, zusammen mit den aktuellen Fotos sollte das eigentlich schnell gehen."

„Gut. Wie gesagt, ich mach gleich die Fotos. Dann hol ich mir was zu essen und verbarrikadiere mich dann hier. Ich glaub, abends wird es allein hier etwas unheimlich." Harper lachte. „Ja, ja, ich weiß, ich blöde, abergläubische Nuss. Aber ich kann es nicht ändern. Ehrlich, Amirah, das sieht hier aus wie eines dieser Spukhäuser in einem Horrorfilm."

„Hm, das packen wir aber nicht in die Beschreibung." Auch Amirah lachte leise.

„Also, wir hören uns. Ich will nicht in der Dunkelheit unterwegs sein. Und durch die Bäume wird es schneller dunkel auf der Straße." Sie verabschiedeten sich und Harper machte zunächst noch die Fotos. Nachdem sie diese Amirah geschickt hatte, verließ sie das Haus und ging zu ihrem Wagen.

Bis nach Halfell war es nicht weit und sie parkte vor dem ersten Diner, das sie entdeckte. Die Gäste sahen neugierig auf, als sie den Laden betrat und sich einen Platz suchte. Vermutlich war das hier einer der Orte, an den selten Fremde kamen.

Es dauerte nicht lange, bis sie ihren Hamburger und ihren Kaffee vor sich stehen hatte. Während sie aß, schickte sie ihrer Mutter eine kurze Nachricht, dass sie Amirah bereits die Fotos geschickt hatte. Sie wunderte sich noch immer, warum ihre Mutter sich so vehement geweigert hatte, mit ihr nach Halfell zu kommen.

Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. Vielleicht hatte sie hier einen alten Verehrer, dem sie nicht begegnen wollte. Nachdem Harper von dem Erbe erfahren hatte, hatte ihre Mutter ihr erzählt, dass sie in Halfell aufgewachsen war, etwas, was sie nie vorher erwähnt hatte. Harper hatte immer gedacht, ihre Mutter sei in Montreal aufgewachsen, da sie nie von einer anderen Stadt gesprochen hatte. Mit ihrer Großtante hatte Harper keinen Kontakt gehabt – sie hatte nicht einmal gewusst, dass es diese Großtante gab.

Wieder einmal schüttelte sie den Kopf über all diese Neuigkeiten, die über sie hereingebrochen waren. Der Brief des Anwalts über das Erbe, die Gespräche mit ihrer Mutter über Halfell und die unbekannte Großtante – es kam ihr alles vor wie in einem Film.

„Hi." Überrascht sah Harper hoch und in das Gesicht einer jungen Frau. „Darf ich mich setzen? Ich hab Sie beim Haus der Solomons gesehen und bin offen neugierig." Harper musste lachen.

„Ja, dann. Gerne."

„Danke." Die Frau stellte ihren Kaffeebecher ab und setzte sich. „Ich bin Brielle. Brielle Auvray."

„Harper Solomon."

„Verwandt mit Catherine Solomon?" Brielle nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, verzog das Gesicht und griff nach dem Zuckerstreuer.

„Sie war meine Großtante." Harper winkte schnell ab, bevor Brielle etwas sagen konnte. „Aber ich kannte sie gar nicht. Ich bin auch nur hier, um Bilder vom Haus zu machen. Es soll verkauft werden."

„Oh." Brielle hielt beim Rühren in ihrem Kaffee inne und sah Harper überrascht an. „Ist es sehr frech, wenn ich nach dem Preis frage?" Nun war es Harper, die überrascht schaute.

„Nein, es soll ja verkauft werden. Laut Gutachten ist das Grundstück samt Haus über eine Million wert." Ihr wurde immer noch schwindelig bei diesem Betrag. Ihre Mutter hatte hingegen nur mit den Schultern gezuckt und bereits erklärt, dass sie das Geld nicht wollte. Harper sollte den gesamten Erlös bekommen. Schon deswegen hatte sie es letztlich auch übernommen, sich um den Verkauf zu kümmern.

„Okay, wow. Ich frag einfach, weil mein Bruder und ich das Haus schon immer toll fanden." Brielle lächelte leicht. „Leider reicht da unser Erspartes nicht. Und unser Haus können wir nicht verkaufen, da haben wir unseren Laden drin. Aber sicher findest du da schnell einen Käufer."

„Wenn nicht, hab ich ein Urlaubsziel für nächstes Jahr." Harper lachte. Es war mehr im Scherz gemeint, aber wenn es tatsächlich so kam, dass das Haus bis dahin nicht verkauft war, konnte sie es sich doch vorstellen. Es war auf jeden Fall etwas anderes als die Städtetrips mit Amirah.

Die Wälder luden zum Wandern ein, es war ruhig und auf der ausgedehnten Wiese hinter dem Haus konnten sie genauso gut die Sonne genießen wie irgendwo am Strand. Sie selber schwamm ohnehin nicht gerne, einen Strandurlaub vermisste sie daher nie.

„Wenn du es ruhig und gemütlich magst." Brielle grinste, wurde aber gleich darauf ernst. „Im Moment rate ich aber von langen Wanderungen ab. Seit etwa einem Monat wird immer wieder von einem Wolf berichtet, der hier herumläuft. Und wenn du mich fragst, könnte es auch ein ganzes Rudel sein."

„Wölfe?" Harper sah Brielle entgeistert an.

„Ja. Ich hab bisher keinen gesehen, aber ich geh auch kaum mal wandern. Ein Freund meines Bruders hat neulich einen gesehen und ein paar andere Leute." Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist möglich. Aber mach dir keine Sorgen. Sie bleiben sicher im Wald."

„Na ja, das Haus ist ja etwas außerhalb." Harper verzog das Gesicht.

„Lass die Türen geschlossen und park in der Garage", riet Brielle ihr mit mitfühlendem Blick. „Aber ich glaube nicht, dass sie ans Haus kommen werden."

„Danke, dass du mir das gesagt hast. Mrs. Caldwell hat gar nichts davon erwähnt."

„Lindsey? Na ja ..." Brielle zog die Nase kraus. „Sie ist der Meinung, dass alle spinnen und es hier keine Wölfe gibt. Deswegen hat sie es wohl auch nicht erwähnt."

„Würde mich ja freuen, wenn es so wäre, aber ich geh erst einmal davon aus, dass die Leute tatsächlich einen Wolf gesehen haben." Harper lächelte gequält. „Dann werde ich nicht leichtsinnig." Vorhin hatte sie noch vor dem Haus auf der Wiese geparkt. Nun würde sie sich aber Brielles Rat zu Herzen nehmen und den Wagen in die Garage fahren.

„Es ist wahrscheinlich nur halb so schlimm." Brielle sah sie schuldbewusst an. „Angst wollte ich dir nun sicher nicht machen."

„Ach, was, nein. Alles ist gut. Ich bin ja froh, dass du es mir gesagt hast." Harper winkte ab. „Ein Wolf ist nur etwas anderes als Gangstreitigkeiten." Jetzt, da sie es selber aussprach, wurde ihr bewusst, dass sie in New York auch nicht sicherer war als hier. Ein Wolf war auch keine andere Gefahr als der hektische Verkehr oder ein Überfall mit einer Waffe.

„Okay. Kommst du aus Montreal?" Ein wenig überraschte sie der Themenwechsel, aber Brielle hatte ja gleich am Anfang gesagt, dass sie neugierig war. Da war es wohl doch nicht so seltsam, dass sie direkt zum nächsten Thema überging.

„Nein. Oder ... na ja, ich bin dort geboren, aber meine Mutter ist schon früh mit mir nach New York gezogen."

„Ah. Ich hatte gehört, dass Mrs. Solomons Schwester nach Montreal gezogen ist. Hier wird gerne getratscht." Brielle lachte und Harper stimmte mit ein. Das überraschte sie nun gar nicht.

„Ich muss zugeben, ich weiß wirklich nicht viel über die Familiengeschichte. Klar, dass Mom in Montreal aufgewachsen ist, wusste ich, aber sonst war das nie ein Thema. Ich sagte ja, ich kannte meine Großtante gar nicht. Und von dem Haus wusste ich auch nichts, bis der Brief vom Anwalt kam."

„War vermutlich ein ziemlicher Schock. Stell ich mir jedenfalls so vor. Ich mein, wenn man auf einmal hört, dass es da eine Tante oder Großtante gab ..." Brielle zuckte mit den Schultern. „Hat was von einem Film."

„Das hab ich mir auch schon gedacht." Ihre Mutter half ihr auch nicht sehr, mit der Situation zurechtzukommen. Sie wollte nicht über Halfell reden und hatte ihr einfach nur ein paar Kleinigkeiten erzählt, nachdem Harper immer weiter gebohrt und nachgehakt hatte.

„Hey, Brielle." Ein junger Mann gesellte sich zu ihnen und schenkte Brielle ein liebevolles Lächeln, bevor er Harper neugierig musterte.

„Brody, hi." Die Art, wie Brielle ihn anstrahlte, verriet Harper, dass dieser Brody wohl ihr Freund war. Ihre nächsten Worte bestätigten dies auch. „Das ist Harper Solomon. Und das hier ist mein ständig zu spät kommender Freund Brody." Brody brummelte, grinste dabei aber.

„Ich kann es nicht ändern. Whistle ist wieder abgehauen."

„Und wer hat ihm nochmal beigebracht, wie man Türen öffnet?" gab Brielle neckend von sich und wandte sich Harper zu. „Whistle ist Brodys Hund und Brody fand es lustig, ihm ein paar Tricks beizubringen. Unter anderem Türen zu öffnen. Seitdem findet man ihn oft bei den Nachbarn."

„Solange er nicht auch deren Türen öffnet, ist es nicht so schlimm", lachte Brody. Brielle stand auf und zwickte Brody in die Seite.

„Wir müssen los. Bleibst du länger in Halfell?"

„Noch ein paar Tage. Ich will Fotos machen und mit Mrs. Caldwell abklären, ob was renoviert werden müsste."

„Wenn du mal Lust auf einen Kaffee hast, komm zu uns in den Laden. Auvrays Büchereckchen. Kannst du nicht verfehlen, ist direkt hier die Straße runter an der nächsten Kreuzung." Brielle lächelte und sie verabschiedeten sich voneinander. Harper bestellte sich noch einen Kaffee zum Mitnehmen, bevor sie das Diner ebenfalls verließ und zu ihrem neuen Haus zurückkehrte.
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