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Die Wilden Hühner und die Türen der Welt

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
29.06.2020
20.08.2020
11
25.120
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Dieses Kapitel
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08.08.2020 2.376
 
Die Kürbisse stellten sich als Verkaufserfolg heraus am nächsten Tag. Ihr orang-kupfernes Leuchten zog die Kunden zu Sprottes und Freds Stand wie Kleinkinder zu einem Süßigkeitengeschäft. Gegen 1 Uhr nachmittags war der Stand fast komplett ausverkauft, die Kürbisse verschwunden und Sprotte und Fred erschöpft. Müde ließen sie sich auf die zwei Stühle am Stand fallen.

“Ich würde ja rüber zum Kaffeestand laufen und uns zur Belohnung einen Kaffee holen,” stöhnte Fred, “aber ich bewege mich nie wieder!”

“Ich auch nicht,” sagte Sprotte. Der normalerweise unglaublich unbequeme, harte, winzige Campingklappstuhl kam Sprotte inzwischen vor wie das kuscheligste Bett der Welt. Aufstehen war unmöglich, undenkbar, unmachbar.

“Ich glaub ich muss Frieda anrufen,” murmelte Sprotte, “sie soll mich zum Kino tragen.” Fred lachte.

“Ist eine Sänfte nicht selbst für ein Oberhuhn zu dekadent?” neckte er sie.

Faul versuchte Sprotte ihn auf den Oberarm zu hauen, da sie sich aber weigerte aufzustehen befand sich Fred zu seinem Glück außerhalb ihrer Reichweite.  “Du bist doof,” sagte sie, konnte sich aber nicht ganz ihr Grinsen verkneifen.

“Und was schauen du und Frieda sich im Kino an?” frage Fred.

Sprotte seufzte. Wären nur sie und Frida ins Kino gegangen hätte sich der richtige Film schnell gefunden. Sprotte mochte alle Arten von Film. Zwar hatte sie eine schwäche für Action entwickelt wie ihre Mutter, aber es gab wenig Filme, die Sprotte nicht mochte. Sie liebte einfach das Kino. Bei allen wilden Hühnern gestaltete sich das ganze aber durchaus schwierigere.  Trude wollte immer eine romantische Schnulze sehen, Frida ein Drama oder eine Dokumentation, Wilma irgendetwas mit viel Aktion am besten Science Fiction und Melanie war es relativ egal Hauptsache die männliche Hauptfigur war heiß und zog ihr Oberteil an einem Punkt aus. Erschwerend kam hinzu, dass Trude auch noch Steve und Frida Willi mitbringen würden. Steve war besessen von Fantasy und Adam Sandler Komödien (Sprottes schlimmster Albtraum) und zu jedermanns Überraschung mochte Willi am liebsten auch Dramen ohne viel Gewalt, aber mit viel Gefühl. Er sagte immer, dass er bei sich schon genug Action im Leben gehabt hatte. Bei einem Vater, der ein fast 17 Jahre lang schlägt war es nachvollziehbar.

“Wissen wir noch nicht genau,” sagte Sprotte, “sind ja nicht nur Frida und ich sondern auch die anderen plus zwei Pygmäen.”

Fred grinste, “Okay, ihr werdet also euch alle am letzten Herbstferientag entschieden haben, was ihr sehen wollt.”

“Ich dachte eher so an den Anfang der Weihnachtsferien, scheint mir realistischer,” gab Sprotte lachend zu.
“Warum kommst du nicht mit, dann können wir Ostern anstreben,” schlug sie vor.

Fred höre auf zu lachen und schaute Sprotte überrascht an. Fred hatte zwar vorgeschlagen, dass sie zusammen ins Kino gehen, aber er hatte  nicht damit gerechnet, dass Sprotte sein Angebot wirklich annehmen würde.

“Wirklich?”, fragte er leicht verunsichert.

Sprotte zuckte lediglich mit den Schultern. Es war ja nicht so als würde sie beide alleine zusammen ins Kino gehen. Und die anderen beiden Pygmäen waren sowieso da. Es war harmlos, es war nur ein Kinofilm mit allen ihren Freunden.
“Klar, hatten wir doch eh vor,” sagte Sprotte. “Wir treffen uns um 17 Uhr.”

Die beiden blieben noch eine halbe Stunde am Stand bevor sie auch wirklich alles verkauft hatten. Glücklich, dass sie heute drei Stunden früher nach Hause konnte schwang sich Sprotte auf ihr Fahrrad.

Zuhause war ihre Mutter gerade dabei irgendwelchen erwachsenen Papierkram zu erledigen, vermutlich ihre Steuererklärung so wie sie stöhnte.

“Oh du bist schon da,” rief sie überrascht aus ihrem Zimmer als Sprotte die Wohnungstür auf schloss.

“Ja, sind heute früher fertig geworden,” rief Sprotte zurück und ging in die Küche um sich die Reste von gestern Nacht warm zu machen. Während sie aß holte sie ihr Handy hervor und checkte instagram. Ihre Aufmerksamkeit blieb an einem Bild hängen, das Basti gerade gepostet hatte. Es war ein Gruppenbild mit all den anderen Praktikanten. Basti stand neben einem hübschen Mädchen, sein Arm um ihre Hüfte geschlungen. Sie schmiegte sich förmlich an Basti, beide lachten.

“Oh je, bist du eifersüchtig?” Sprotte zuckte zusammen. Sie hatte nicht gemerkt wie ihre Mutter sich an sie heran geschlichen  und über ihre Schulter gespäht hatte.

Sprotte und die Eifersucht waren alte Bekannte. Das grüne Monster hatte sich oft in ihrem Magen umgedreht, ihr ins Ohr geflüstert und ihr Schauer den Rücken herunter gejagt. Die Frage ihrer Mutter war vollkommen berechtigt. Doch zu ihrer eigenen Überraschung fühlte Sprotte nichts. Kein Kneifen im Magen, keinen Druck auf ihrem Herzen, nichts.

“Nö, ich vertraue Basti,” sage sie schnell zu ihrer Mutter.

“Schön,” antwortete ihre Mutter und wuschelte Sprotte kurz durchs Haar. “Ich freue mich, dass ihr so eine gesunde, erwachsene Beziehung habt.”

Sprotte nickte nur. Spürte sie wirklich keine Eifersucht weil sie Basti vertraute? Fred hatte sie damals auch vertraut und trotzdem war sie ständig so eifersüchtig gewesen. Vielleicht hatte ihre Mutter Recht, vielleicht wurde Sprotte einfach nur langsam erwachsen. Es war auf jeden Fall positiv, dass Sprotte nicht eifersüchtig war. Man konnte es einfach nur positiv sehen. Und es hatte überhaupt nichts mit lauwarmen Gefühlen und fehlendem Herzrasen zu tun.

“Aber nett sorgt bei dir nicht für Herzklopfen und von zuverlässig kriegst du keine Schmetterlinge im Bauch”, die Worte ihrer Mutter klangen in Sprottes Gedanken nach. Sie schüttelte sich. Sie musste überhaupt nicht eifersüchtig sein nur um irgendjemandem oder sich selbst zu beweisen, dass sie in Basti verliebt war. Sie war einfach erwachsener und reifer und das war es dann auch schon.


Sprotte war froh, dass sie fürs Kino verabredet war. Sie konnte die Ablenkung wirklich gut gebrauchen. Auf Sprottes Weg zum Kino sagte allerdings schon das erste Huhn ab. Melanie war zu sehr mit packen beschäftigt. Sie war noch nie auf den kanarischen Inseln gewesen und konnte sich einfach nicht entscheiden was sie für ihren ersten exotischen Urlaub einpacken sollte. Sprotte war nur leicht enttäuscht, immerhin eine Stimme weniger darüber welcher Film geschaut werden sollte. Sprotte fühlte sich deutlich geknickter als kurz darauf Wilma ebenfalls absagte. Sie hatte nur 13 Punkte in der letzten Deutschklausur geschrieben und ihre Mutter war am Austicken.

Sprotte war erstaunlich pünktlich und die erste, die am Kino ankam. Neugierig schaute sie sich den Spielplan an. Sie hatte die Qual der Wahl zwischen Maleficent 2, der sicher Steve und Trude zusagen würde, Brittany Runs A Marathon von dem Frieda schon lange geschwärmt hatte, und ihrem eigen heimlichen Favoriten Parasite. Allerdings bezweifelte Sprotte, dass sie ihre Freunde für den koreanischen Indie Film gewinnen konnte. Seufzend drehte sie sich um und sah wie Fred auf sie zu kam. Sie winkte und er winkte zurück. Kurz bevor Fred sie erreicht hatte klingelte Sprottes Handy. Zur gleichen Zeit zog Fred sein Handy aus der Tasche.

Es war Frieda, die Sprotte anrief.

“Hey, Sprotte,” sagte Frieda und Sprotte wusste sofort, dass etwas passiert war. So etwas konnte sie Frieda immer anhören.

“Willi und ich waren doch heute Vormittag bei meinen Großeltern und jetzt sind wir mit dem Auto auf dem Rückweg liegen geblieben,” stammelte Frieda.

“Oh je, geht es euch gut, seid ihr verletzt?” fragte Sprotte besorgt.

“Ne alles gut,” antwortete Frieda schnell, “uns ist nur der Reifen geplatzt und wir haben uns tierisch erschrocken.”

Sprotte atmete erleichtert auf. Frieda und Willi ging es gut.

“Aber wir werden es leider nicht zum Kino schaffen.”

“Schon gut, so lange ihr okay seid.” sagte Sprotte. Sie war zwar froh, dass Frieda und Willi nichts passiert war, aber dass drei von den fünf wilden Hühner abgesagt hatten knickte sie schon. Vor allem würden Fred und sie jetzt das dritte und fünfte Rad zu Trudes und Steves Wage sein.

“Das war Frieda,” teilte sie Fred mit nachdem sie aufgelegt hatte. “Sie und Willi schaffens leider nicht.”

Fred nickte, “Steve und Trude haben bei mir auch gerade abgesagt, haben sich beide scheinbar mit der ersten Herbstgrippe angesteckt.”

Sprotte spürte wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Keine wilden Hühner, keine Pygmäen. Nur Fred und sie.

“Wo sind denn Wilma und Melanie?” frage Fred und schaute sich um.

“Kommen auch nicht,” brachte Sprotte gerade noch so hervor.

Fred drehte sich wieder zu Sprotte um. Falls er davon genauso verstört war wie Sprotte ließ er sich nichts anmerken. Zu sagen sie würde alleine mit Fred ins Kino gehen, war eine ganze andere Sache als es in Wirklichkeit tun zu müssen. Wären Sprottes Gedanken nicht am rasen gewesen wäre ihr die leichte Röte, die sich auf Freds Wangen legte vielleicht aufgefallen.

Wir haben noch keine Karten gekauft, dachte Sprotte. Noch können wir gehen. Noch müssen wir nicht zusammen ins Kino. Noch…

“Dann müssen wir uns immerhin nicht mit fünf anderen um den Film streiten,” sagte Fred grinsend.
Verdammt. So viel zum Weggehen.

“Ich wollte nämlich unbedingt Parasite sehen, aber glaube kaum, dass wir die anderen da rein bekommen hätten,” fügte Fred hinzu und studierte ebenfalls den Spielplan.

Sprotte hätte Schreien können. Es war eine Sache zusammen Gemüse zu verkaufen und nett zueinander zu sein. Aber mit ihrem Exfreund zusammen ins Kino gehen, ganz alleine? Das verstieß gegen jegliche ungesprochene und gesprochene Regel. Auf der anderen Seite fing sich Sprottes und Freds Freundschaft langsam an wieder zu erholen und Fred wollte auch Parasite sehen. Warum musste eigentlich immer alles so kompliziert sein.

Fred sah sie erwartungsvoll an. Sprotte verfluchte sich, Fred und die Gesamtsituation noch einmal und antwortete, “Ich auch. Die nächste Vorstellung ist in 15 Minuten.”

Das brachte Fred zum lächeln. “Perfekt,” sagte er, “gehen wir.”

Im Kino war es dunkel, warm und roch nach Popcorn. Sprotte atmete tief ein, sie liebte Kino einfach. Wie für einen Samstagnachmittag zu erwarten war es sehr voll. Fred und Sprotte reihten sich in die endlose Schlange Menschen ein. Das Kino war so gefüllt mit Menschen, dass Sprotte förmlich gegen Fred gedrückt wurde. Der Geruch von Wald übertönte für einen kurzen Moment den von Popcorn. Sprotte spürte wie sie Gänsehaut bekam. Schnell machte sie einen Schritt zurück.

“Ich kann uns schon mal Popcorn besorgen und du die Tickets, dann verpassen wir nichts vom Film,” schlug Sprotte vor und bevor Fred etwas sagen konnte drehte sie sich um und stellte sich in die Popcorn und Süßigkeitenschlange. Zum Glück würden sie und Fred während des Filmes nicht reden müssen. Sie würden still nebeneinander sitzen können und so tun als würde der andere nicht existieren. Und wenn der Film vorbei war, könnte Sprotte so tun als hätte ihr ihre Mutter eine SMS geschrieben, dass Sprotte unbedingt nach Hause kommen soll. Sprotte entspannte sich. Sie konnte das, es war nur ein Film. Sie würde das schon hinkriegen.

Gerade als sie das Popcorn bezahlt hatte (50% salzig, 50% süß, die perfekte Combo), hatte Fred auch die Tickets gekauft, reichte Sprotte eins und nahm ihr das Popcorn ab.

“Oh, erste Reihe,” stellte sie erstaunt fest.

“Ist doch deine Lieblingsreihe,” sagte Fred und fing an Popcorn zu naschen. Sprotte nickte nur. Sie saß tatsächlich am liebsten in der ersten Reihe, wo man fast von der Leinwand verschluckt wurde. Allerdings wusste sie auch, dass Fred am liebsten immer in der letzten Reihe saß. Und immer wenn Fred die Tickets gekauft hatte, hatte er sie für die letzte Reihe gekauft. Es war erstaunlich nett von ihm gerade jetzt Tickets für die erste Reihe zu kaufen. Doch bevor sich Sprotte noch mehr den Kopf darüber zerbrechen konnte fing der Film auch schon an. Er war fantastisch, eigenartig, gesellschaftskritisch, spannend, witzig, Sprotte vergaß alles um sich herum.

Als sie aus dem Kinosaal heraus stolperte war es ihr ziemlich egal ob sie schnell nach Hause kam oder nicht. Eigentlich wollte sie nur mit Fred über den Film reden.

“Wow,” sagte Fred geplättet hinter ihr. “Das nenne ich mal einen Film.” Sprotte nickte. Sie war komplett ausgelaugt von den ganzen Eindrücken. Innerhalb von Sekunden waren sie und Fred tief in eine Diskussion über den Film vertieft.
“...und wie der Stein am Ende geschwommen ist weil er aus Plastik war, ist so eine gute Symbolik für….” Fred stockte plötzlich mitten im Satz und blieb wie angewurzelt stehen. Sprotte folgte verwirrt seinem Blick und sah, dass sie mitten vor Vera standen. Fred wurde blass und auch Sprotte fühlte sich eigenartig ertappt. Vera musterte die beiden mit zusammengekniffenen Augenbrauen und zischte lediglich ein “ich wusste es” bevor sie wütend davon stapfte nur um zu einem Typen aus der Parallelklasse zu gehen und seine Hand in ihre eigene zu nehmen. Sprotte war leicht wütend.

“Ihr habt noch nichtmal einen Monat Schluss gemacht und schon hat sie jemand neuen? Wie dreist ist das bitte,” sagte sie säuerlich. Fred erwiderte immer noch nichts, er ging stur zum Ausgang.

“Vor allem warum sie so sauer und was meinte sie mit ‘ich wusst es’?” fragte Sprotte als die beiden nach draußen traten.

“Ich hab keine Ahnung,” murmelte Fred und vermied es Sprotte anzusehen. Sprotte hatte Fred noch nie so aus der Fassung gesehen. Normalerweise war er immer cool, ruhig, klopfte dumme Sprüche. Jetzt aber war er verdammt still und hibbelig. Er sah aus als hätte er einen Geist gesehen und müsste sich gleich übergeben.

“Komm, lass dir von ihr nicht den Tag verderben,” sagte Sprotte und klopfte ihm auf den Rücken. Fred zuckte zusammen als hätte Sprotte ihm stattdessen ein Messer in den Rücken gerammt.

“Mach ich nicht,” sagte er knapp. Er sah Sprotte immer noch nicht an. “Ich muss dann auch los,” fügte er hinzu und ohne weiteres drehte er sich um und ging.

Sprotte schüttelte ihren Kopf. Irgendetwas verschwieg ihr Fred über seine Trennung mit Vera. Aber was? Und vor allem warum? Würde es ihn schlecht dastehen lassen, wenn Sprotte die Wahrheit wüsste? Vielleicht hatte er Vera doch betrogen und wusste, dass das bei Sprotte alte Wunden aufkratzen könnte. Das würde auch erklären warum Vera so wütend war. Allerdings hatte Vera schon fast so getan als hätte Fred sie mit Sprotte betrogen. Irgendetwas war definitiv faul  und Sprotte wollte Antworten.


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Hallo, keine Sorge ich lebe noch. Sorry, dass das so lange gedauert hat mit dem Kapitel aber ich hatte echt verdammt viel Erwachsenenkram zu erledigen während der letzten paar Wochen (top Tip zieht nicht während einer globalen Pandemie um die Wohnungssuche ist der Horror) werde jetzt aber wieder mehr regelmäßig  Posten da ich mir zu eurem Glück einen Bänderriss zugezogen habe und nicht wie geplant an einem einsamen Strand an der Ostsee liegen kann. Hoffe, das Kapitel hat euch gefallen und genießt das tolle Wetter.
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