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Die Wilden Hühner und die Türen der Welt

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
29.06.2020
20.08.2020
11
25.120
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Dieses Kapitel
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13.07.2020 2.125
 
Trotz des ganzen Schulstresses kamen die Herbstferien schneller als erwartet. Es war Anfang Oktober. Die Blätter an den Bäumen hatten sich in ein warmes orange rot gefärbt, so als hätten sie alle Sommersonnenstrahlen aufgesogen um sich zu verwandeln. Kastanien fielen von den Bäumen, Speisekarten waren überfüllt von dem Wort Kürbis und trotz der noch hell strahlenden Sonne war es Zeit sich in Schale einzuwickeln.

Sprotte holte tief Luft, spürte die frische Herbstluft in ihren Lungen und seufzte zufrieden. Sprotte liebte Herbst. Nicht einmal Oma Slättberg konnte Sprotte ihre gute Laune vermiesen. Zwar gab OS ihr Bestes und scheuchte Sprotte durch den Garten, aber Sprotte war einfach glücklich.

Es war der Freitagnachmittag vor den Herbstferien, Sprotte hatte schon drei Klausuren hinter sich und alle waren eigentlich ganz gut gelaufen. Basti hatte ihr aus lauter Gewissensbissen frisch gebackenes Kürbisbrot mit gebracht bevor er gleich nach Unterrichtsschluss nach Berlin gefahren war. Und für den Sonntagnachmittag hatten die Wilden Hühner einen Kinobesuch geplant.

“Also man könnte meinen du wärst die 80-Jährige, so langsam wie du dich bewegst,” meckerte OS.

Sprotte rollte nur mit ihren Augen und beeilte sich die restlichen Kartoffeln in eine Kiste zu packen. Zwei andere Kisten standen bereits im Garten und waren bis obenhin mit Kopfsalat, Rotkohl, Möhren und Radieschen gefüllt. Sprotte fragte sich schon wie sie das alles nach Hause transportieren sollte mit dem Fahrrad also OS noch hinzugefügte, “Und vergiss nicht die Kürbisbeete hinter dem Schuppen.”  

Sprotte hatte ein ganz übles Gefühl und eine schlimme Vermutung. Ihre Vermutung bestätigte sich als sie hinter den Schuppen schaute und vor sich ein Feld mit mindestens 10 riesigen, runden Kürbissen fand.

Sprotte spürte wie ihre ihre gute Laune langsam aus den klammen Fingern glitt. Sie würde niemals alle drei Kisten und die Kürbisse in einem Mal mit dem Fahrrad nach Hause bringen können.

“Gott, ich muss vermutlich mindestens sechsmal hin und her fahren, um das alles nach Hause zu bringen,” stöhnte Sprotte.

“Du kannst ja deinen Amerikaner fragen, ob er dir hilft,” sagte OS, die plötzlich hinter Sprotte aufgetaucht war. Vor Schreck machte Sprotte einen Satz nach vorne.

“Du kannst dich doch nicht so anschleichen,” sagte sie vorwurfsvoll. “Und ich hab doch gesagt, dass Basti schon nach Berlin ist.”

OS zuckte nur mit den Schultern und humpelte wieder Richtung Haus.

“Du kannst ja den Fuchsschopf anrufen, ob er dir hilft,” rief sie über ihre Schulter hinweg Sprotte zu.
Sprotte rollt ihre Augen. Obwohl die Idee gar nicht so abwegig war. Fred hatte immerhin einen Fahrradanhänger und er wohnte eh näher am Wochenmarkt als Sprotte. Fred um Hilfe zu bitten war deutlich weniger schlimm als die Alternative, endlos zwischen OSs Garten und Sprottes Wohnung hin und her zufahren. Sprotte holte ihr Handy aus ihrer Hosentasche und wählte Freds Nummer.

Fred nahm ab und versprach Sprotte in ungefähr 15 Minuten mit seinem Anhänger bei OS anzukommen. Sprotte war ihm sehr dankbar, legte auf und machte sich daran die Kürbisse zu ernten. Sie war gerade damit beschäftigt einen besonders hartnäckig Kürbis von seiner Wurzel zu trennen als sie hörte wie die Gartenpforte quietschte.

“Hallo Frau Slättberg,” hörte sie Fred sagen, “Ich bin hier um Sprotte mit den Kürbissen zu helfen.”

“Ach hallo Friedrich,” sagte OS. Sprotte musst grinsen. Ihre Oma nannte Fred immer nur bei seinem vollen Namen und Sprotte konnte hören wie ihre Oma allen Charm in ihre Stimme packte. Warum war sie nur von Fred so angetan? Eine Strähne löste sich aus Sprottes Haar und fiel ihr Mitten ins Gesicht.

Leicht genervt pustete Sprotte ein Haarsträhne fast genauso widerspenstig wie der Kürbis, aus ihrem Gesicht.

“Sprotte ist hinter dem Schuppen, aber kann ich dir vielleicht etwas anbieten? Kaffee? Limonade? Ein Marmeladenbrot?” fragte OS.

“Vielen Dank, aber ich bin gut abgefrühstückt,” hörte Sprotte Fred sagen und zwei Sekunden später tauchte sein roter Wuschelschopf hinter dem Schuppen auf.

“Na Oberhuhn, dein Retter in Nöten ist hier,” grinste Fred frech.

Sprotte rollte mit den Augen und pustete ihre Haarsträhne, die ihr schon wieder ins Gesicht gefallen war, weg.

“Klopf keine dummen Sprüche, komm und hilf mir lieber,” sagte sie. Demonstrative zog Sprotte  mit aller Kraft am Kürbis, aber er wollte nicht nachgeben. Und schon wieder fiel ihre diese dämliche Strähne ins Gesicht.

“Argh!” rief sie verärgert.

“Schon gut, schon gut, “ sagte Fred, “Ich komme ja schon.”

Mit zwei schnellen Schritten stand er vor ihr, beugte sich runter und strich Sprotte die lose Haarsträhne sanft hinter ihr Ohr. Seine grünen Augen starrten intensive in ihre blaugrauen und ein leichtes Lächeln umspielte Freds Lippen. Sprotte konnte spüren wie ihre Wangen anfingen zu glühen und farblich machte ihr Gesicht vermutlich gerade jedem Kürbis Konkurrenz. Fred war nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.

“Nicht mit dem Haar du Blödmann,” sagte sie und richte sich auf. Sie probierte so genervt wie möglich zu klingen um das Zittern ihrer Stimme zu überspielen. “Du sollst mir mit dem Kürbis helfen.”

“Schon klar,” Fred hatte immer noch ein Lächeln im Gesicht. Ohne den Augenkontakt zu Sprotte abzubrechen zog er sein Taschenmesser hervor und Schnitt den Kürbis von seinem Stiel los.

“Danke,” sagte Sprotte und drückte prompt Fred den schweren Kürbis in die Arme. “Den kannst du ja schon mal zum Anhänger bringen.”

“Aye aye Käpt’n,” witzelte Fred und trug den Kürbis davon. Sprotte atmete aus. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie ihren Atem angehalten hatte. Das hatte gar nichts zu bedeuten. Sie hatte lediglich eine Haarsträhne im Gesicht gehabt, die Fred ihr lediglich aus dem Gesicht gestrichen hatte. Und das hatte er lediglich auf seine typische, scherzhafte Fred Art gemacht.  Alles war total normal. Und Sprotte war auch nicht rot geworden, weil Fred ihr so nahe gekommen war. Nein, Sprotte war lediglich rot vor Anstrengung. Na wenn das dir heute beim Einschlafen hilft, flüsterte die fiese Stimme in Sprottes Hinterkopf. Sprotte ignorierte die Stimme, schnappte sich einen Kürbis und trug ihn zum Anhänger.

Mit Freds Hilfe waren alle Kürbisse schnell geerntet und verladen. Sehr zu Oma Slättbergs Enttäuschung, sie hätte Fred am liebsten noch für den Rest des Tages bei sich behalten. Doch Fred musst auch noch das Gemüse von seinem Großvater abholen und verabschiedete sich.

“Grüß deinen Großvater von mir,” rief ihm OS nach.

“Werde ich machen,” versprach Fred und schwang sich auf sein Fahrrad. “Ich seh dich dann ja morgen, Oberhuhn,” sagte er mit einem Zwinkern und fuhr davon.

Sprotte, die sich nicht noch eine Predigt darüber anhören wollte wie toll doch Fred war, verabschiedete sich auch schnell.

Als Sprotte zuhause ankam warte ihre Mutter vor dem Computer schon auf sie.

“Chinesisch oder Mexikanisch?” fragte Sprottes Mutter sie. Selbst nach dem sie sich von dem Klugscheiser endgültig getrennt hatte, hatte Sprottes Mutter trotzdem immer noch nicht richtig kochen gelernt. Sprotte konnte zwar inzwischen einigermaßen okay kochen, vor allem dank ein paar Kochstunden von ihrem Vater, aber Freitag Abend war Bestelltag. Sprotte und ihre Mutter würden sich viel zu viel zu essen bestellen, sich zusammen aufs Sofa kuscheln und Actionfilme und alte Comedyserien schauen.

“Mexikanisch,” entschied Sprotte und ließ sich aufs Sofa fallen. Sie schnappte sich die Fernbedienung und fing an Netflix zu durchforsten. “Film oder Serie?” fragte sie.

“Serie,” kam es von ihrer Mutter zurück, die sich konzentriert  durch das Bestellmenü klickte.

Sprotte entschloss sich für Gilmore Girls und fing an sich ein paar Kissen in den Rücken zu stopfen.

“So fertig bestellt,” sagte Sprottes Mutter und kuschelte sich zu Sprotte aufs Sofa. Als beide eine bequeme Position gefunden hatten, drückte Sprotte auf play. Es hatte etwas beruhigendes zusammen mit ihrer Mutter eine Serie über eine Mutter und ihre Tochter zu schauen, fand Sprotte. Auch wenn sie überhaupt keine Rory Gilmore war. Halbwegs durch die erste Episode wurde ihr Essen geliefert. Sprotte fiel hungrig über ihren Burrito her während ihre Mutter genüsslich Tortillachips mit Guacamole und Queso aß.

“Ach übrigens, bevor ich's vergesse,” sagte Sprottes Mutter zwischen zwei Bissen, “ich habe vorhin noch mit deinem Vater telefoniert. Er ist Weihnachten wieder hier und ich hab ihn eingeladen mit uns zu feiern.”

Sprottes Mutter sah Sprotte nervös an, als ob sie Angst hätte Sprotte würde lauthals anfangen zu protestieren. Aber Sprotte freute sich, sie hatte ihren Vater seit Monaten nicht mehr gesehen.

“Cool,” sagte sie, “Oma wird sich bestimmt auch freuen.”

Das brachte ihre Mutter zum Lachen. “Ich sag ihm einfach er soll sich eine Schleife umbinden und unterm Tannenbaum warten, dann muss ich ihr nichts schenken,” witzelte sie und auch Sprotte musste lachen. Dann wandten sich die beiden wieder ihrem Essen und Gilmore Girls zu. Eigentlich wollte sich Sprotte wirklich auf die Episode konzentrieren, doch ein Gedanke schwebte ihr im Kopf herum.

“Sag mal Mam,” fragte sie vorsichtig. “Wie hast du es eigentlich geschafft meinem Vater zu verzeihen?”

Ihre Mutter runzelte die Stirn und sah Sprotte verwundert an.

“Wie kommst du denn jetzt darauf?” frage sie, aber Sprotte zuckte nur mit den Schultern.

“Wie hast du es denn geschafft ihm zu vergeben?” fragte Sprottes Mutter Sprotte zurück.

“Das ist doch eine ganz andere Sache,” antwortete sie.

“Finde ich nicht.”

Sprotte bereute es schon ihre Mutter überhaupt gefragt zu haben. Aber sie wusste sie würde keine Antwort bekommen solange sie nicht ebenfalls die Frage ihrer Mutter beantwortete.

“Ich war eigentlich immer nur deinetwegen sauer. Weil er dich hat sitzen lassen. Und als ich gesehen habe, dass du ihm vergeben hast und dass du glücklich warst, habe ich ihm halt eben auch vergeben,” sagte sie schließlich ohne ihre Mutter anzuschauen.

Ihre Mutter kaute nachdenklich auf ihren Tortillachips herum und Sprotte dachte schon fast sie würde Sprottes Frage ignorieren.

“Es war nicht einfach,” sagte sie schließlich. “Ich meine es war so viel kaputt gegangen zwischen uns und das ganze Vertrauen war weg. Was natürlich geholfen hat waren die 13 Jahre in denen wir uns nicht gesehen haben. Zeit heilt ja alle Wunden am besten. Und naja,” Sprottes Mutter zögerte.
“Ich glaube ja nicht wirklich an die eine Person oder Seelenverwandtschaft. Aber dein Vater….er ist halt die Liebe meines Lebens. Und als ich ihn wieder gesehen habe hat mein Herz nicht aufgehört zu klopfen. Gott klingt das kitschig,” unterbrach sie sich selber und lachte.
“Liebe ist nicht alles. Er musste viel an sich arbeiten und ich musste mich überwinden seine Entschuldigung anzunehem und ihm zu verzeihen. Aber das Verliebt sein hat dabei definitiv geholfen. Wahre Liebe kann man nicht so einfach loslassen und vergessen.”

Sprotte nickte nur und drehte sich wieder zum Fernseher hin. Wahre Liebe? Ihre Mutter hatte recht, das war wirklich eine kitschige Erklärung gewesen. Auf der anderen Seite wusste Sprotte ganz genau wie sich Herzklopfen anfühlte, dass nicht aufhören wollte. Wie es war jemanden anzusehen und sich zu wünschen man wäre die letzten beiden Menschen auf dieser Erde.

“Und woher wusstest du, dass der Klugscheiser doch nicht der Richtige für dich war?” Sprottes Mund hatte ohne ihre Erlaubnis gesprochen. Was dachte sie sich eigentlich dabei solche eigenartigen Fragen zu stellen.

Ihre Mutter schien etwas ähnliches zu denken, aber beantwortete dennoch Sprottes Frage.

“Mit Thorben habe ich mich sicher gefühlt. Er war nett und zuvorkommend und ich wusste ich würde nicht eines Morgens aufwachen und er würde weg sein. Er war zuverlässig. Aber nett sorgt bei dir nicht für Herzklopfen und von zuverlässig kriegst du keine Schmetterlinge im Bauch. Ich dachte immer ich wollte Sicherheit und dann kam dein Vater und ich wusste, dass Sicherheit mir einfach nicht reicht,” erklärte sie Sprotte.

Sprotte fühlte sich auf einmal leicht schlecht, vielleicht hatte sie zu viel gegessen. Ihre Mutter schien zu merken, dass etwas nicht stimmte.

“Du musst mit 18 noch nicht die Liebe deines Lebens getroffen haben,” sagte sie. “Mit 18 sollst du Spaß haben und dich ausprobieren und Leute daten für die du in dem Moment etwas empfindest,” sagte sie und legte ihren Arm um Sprotte. “Außerdem läuft es doch super zwischen dir und Basti.”

Sprotte war ihr sehr dankbar und nickte. In ihrem Kopf waren die Gedanken bereit los zu rasen und die Gefühle in ihrem Magen zu schwirren, doch Sprotte versuchte sich zu beruhigen. Sie hatte schon genug Wirrwarr gehabt seit das Schuljahr begonnen hatte. Und nur weil Fred größtenteils die Ursache ihres Gefühlschaoses war musste sie deswegen ja noch lange nicht ihre Beziehung mit Basti anzweifeln. Basti liebte sie und sie war ebenfalls fest in ihn verliebt. Sie war über Fred hinweg und wollte absolut nichts mehr von ihm.  Da war sich Sprotte sicher. Fast sicher. Es war doch normal, dass man manchmal seine Beziehung hinterfragte. Oder?

Sprotte schüttelte ihren Kopf und kuschelte sich an ihre Mutter an. Heute Nacht wollte sie nicht über Beziehungen und Gefühle nachdenken, auch wenn sie mit dem Thema angefangen hatte. Heute nacht wollte sie einfach nur sehen wie Lorelai und Rory unmengen an Kaffee tranken und fragwürdige Lebensentscheidungen trafen. Das Gefühlschaos würde leider morgen auch noch dasein.
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