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Die Wilden Hühner und die Türen der Welt

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
29.06.2020
20.08.2020
11
25.120
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11.07.2020 1.755
 
Wilmas gute Laune schien selbst vom Montagmorgen nicht vertrieben werden zu können. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Sprotte beneidete Wilma. Sie hatte sich wieder einmal nur mit Mühe aus dem Bett quälen können. Hinzu kam noch, dass Fred jetzt Sprotte zu ignorieren schien. Beim reinkommen hatte Sprotte ihm freundlich zugenickt und er hatte so getan als würde er sie nicht sehen. Wilma hingegen saß fröhlich auf Sprottes und Friedas Tisch und schwärmte von Maya.

“...und sie spielt Ukulele, wie cool ist das bitte?” sagte Wilma ganz aufgeregt.

Frieda lächelte, “sehr cool.”

Sprotte drehte sich noch einmal zu Fred um, doch der wich mit aller Mühe ihrem Blick aus. Was war denn in ihn gefahren fragte sich Sprotte.

“Tja, zu schade, dass Maya nur auf Jungs steht,” grummelte Sprotte und sowohl Friedas als auch Wilmas Lächeln verschwand. Sprotte fühlte sich automatisch schlecht. Nur weil sie selber nicht die beste Laune hatte, musste sie sie noch lange nicht den anderen verderben.

“Tschuldigung,” murmelte sie verlegen und schaute zum Fußboden.

“Du hast leider schon recht,” sagte Wilma kühl und sprang von Sprottes und Friedas Tisch herunter. “Aber ihr wisst ja, Gefühle lassen sich nicht einfach auf Knopfdruck abstellen.”

“Toll gemacht,” zischte Frieda Sprotte zu nachdem Wilma auf ihren Platz zurückgekehrt war. Sprotte fühlte sich noch lausiger. Nicht mal Basti, der tröstend seinen Arm um Sprotte legte, konnte sie auf munteren. Sprottes Gefühle wurden nur noch schlimmer als Grünbraun das Klassenzimmer betrat.

“Guten Morgen. Ich hoffe Sie haben das Wochenende genutzt um sich mit Descartes vertraut zu machen,” begrüßte er seine Klasse. Sprotte rutsche leicht ihren Stuhl herunter. Sie hatte das Essay von Descartes gelesen und vermutlich mehr verstanden, wenn es auf japanisch gewesen wäre.

“Charlotte, warum gehen Sie nicht an die Tafel und fassen schnell die drei Ideen von Descartes zusammen?” fragte Grünbaum und hielt Sprotte ein Stück Kreide hin. Der heutige Tag konnte nicht mehr schlimmer kommen.

Doch da hatte Sprotte die Rechnung ohne ihre Lehrer gemacht. In fast jeder Stunde hieß es:

“Und denken Sie daran, die Klausur in zwei Wochen…”
“Die Klausur…”
“....in der Klausur….”
“Hausaufgaben”
“Referate”
“Mündliche Prüfungen”
“Klausur”

Sprotte wollte schreien. Ihren Mitschülern schien es ähnlich zu gehen. Nach jeder Unterrichtsstunde sahen sie trübseliger und trübseliger aus. Nur Basti und Wilma schienen unbekümmert, immerhin waren die beiden Jahrgangsbeste und lernen war für sie so einfach wie atmen.

“Im Studium werden Sie sich dieses Arbeitspensum noch sehnlichst zurück wünschen,” belehrte sie Frau Rose nachdem sich der Deutschkurs über die Menge an Texten beschwerte hatte, die sie in der Klausur abfragen würde.

Aber auch nur wenn ich studieren würde, dachte sich Sprotte. Sie wusste immer noch nicht was sie mit ihrer Zukunft anfangen wollte. Der Plan für jetzt lautete die Zukunft einfach zu ignorieren. Aber die Zukunft hatte nicht vor Sprotte zu ignorieren und klopfte Sprotte in Form von Bastis Herbstferien Plänen auf die Schulter, um Sprotte zu erinnern, dass die Zukunft immer noch existierte.

“Du willst nach Berlin?” fragte Sprotte entgeistert als Basti ihr seine Ferienpläne in der nächsten Pause mitteilte.

“Ich weiß wir wollten eigentlich uns zusammen eine schöne Zeit machen, aber ich dachte nicht, dass ich dieses Praktikum bekommen würde,” erklärte Basti schuldbewusst.

“Kannst du dein Praktikum nicht absagen?” Sprotte verschränkte ihre Arme und drehte sich halb von Basti weg. Sie war nicht oft wütend auf Basti, eigentlich war sie es noch nie gewesen, aber jetzt gerade hatte sich die Wut in jegliche Ecke ihres Körpers geschlichen.

“Charlie, das Praktikum ist super wichtig für meine Karriere,” sagte Basti und umarmte Sprotte sanft von hinten um sie zu beruhigen. “Du könntest doch auch mitkommen.”

Sprotte schnaubte. Sie hasste laute Großstädte und außerdem war mitte Oktober die Hauptverkaufszeit auf dem Markt. Sie konnte ihre Oma und Fred nicht alleine lassen. Sie löste sich genervt aus Bastis Umarmung.

“Um dann alleine durch Berlin zu irren und den ganzen Tag auf dich zu warten? Nur damit du dann nach deinem Praktikum früh ins Bett gehen kannst, weil du müde bist? Klingt nach super Herbstferien,” sagte sie verärgert.

Basti seufzte. “Ich machs wieder gut, versprochen!”

Sprotte ignorierte Basti nur. Sie hatte sich wirklich auf zwei Wochen faul sein mit Basti gefreut. Zwei Wochen mal nicht an Schule zu denken und ohne ende Filme im Bett zusammengekuschelt mit Basti zu sehen.

“Ich weiß, dass du wütend bist,” sage Basti und machte einen Schritt in Richtung Schulgebäude, “aber mich einfach nur anschweigen statt mit mir zu reden ist echt kindisch Charlie.” Basti wartete einen Moment, aber als Sprotte immer noch nichts sagte ging er.

Sprotte biss sich auf die Lippe. Sie hasste es wenn Basti recht hatte, sie verhielt sich wirklich kindisch. Aber sie war zu stur um es jemals zu zu geben. Außerdem müsste sie sich dann bei Basti für ihr Verhalten entschuldigen und dafür war sie noch zu gekränkt, dass er ihre Ferienpläne hatte sausen lassen. Immerhin hatte Sprotte ja noch die wilden Hühner.

Oder auch nicht, wie sie Sprotte mitteilten. Melanies Vater hatte mit seinem Job endlich genügend Geld zusammen gespart für einen Familienurlaub. Auch Trude und ihre Familie fuhren in den Urlaub. Frieda und Wilma waren zwar noch da, aber würden beide mit extra Theaterproben beschäftigt sein. Außerdem wollte Frieda auch noch mit Willi für ein paar Tage an die Ostsee fahren und Wilma würde unter Aufsicht ihrer Mutter die restliche Zeit sowieso lernen müssen.

“Toll, dann sind es wohl nur meine Mutter und ich in den Herbstferien,” seufzte Sprotte. Frieda legte tröstend ihren Arm um Sprotte.

“Wilma und ich finden bestimmt etwas Zeit für dich,” versprach sie.

Wilma nickte eifrig. “Und wenn es hart auf hart kommt, kannst du ja immer noch Zeit mit Fred verbringen und ins Kino gehen, der hat doch auch bestimmt nichts vor,” scherzte Wilma.

“Haha, sehr witzig,” gab Sprotte zurück. Obwohl sie ganz genau wusste, dass Wilma nur Spaß gemacht hatte, spukte der Gedanke ihr im Kopf weiter herum. Obwohl sich Fred ihr in der vergangen Woche mehr und mehr angenähert hatte, ignorierte er sie jetzt wieder. Sprotte wurde aus seinem Verhalten nicht schlau. Erst hatte Sprotte behandelt als wären sie ganz gewöhnliche Freunde gewesen, ohne jegliche Vorgeschichte und nun war wieder Funkstille? Selbst wenn Sprotte Fred fragen würde ober er mit ihr ins Kino gehen wollen würde, würde er vermutlich nein sagen. Sprotte wusste außerdem überhaupt nicht ob sie überhaupt mit Fred ins Kino wollte. Sie schüttelte ihren Kopf. Sie und Fred hatten schon genug Regeln gebrochen. Und nur weil Basti nicht da war würde sie bestimmt nicht mit Fred fragen ob er mit ihr ins Kino gehen wollte. Es würde sich falsch anfühlen. Auch wenn nichts zwischen ihr und Fred war und Fred eh nein sagen würde, Sprotte konnte einfach nicht Fred  fragen. Vielleicht sollte sie auch Fred lieber dankbar sein, dass er sie ignorierte. Vielleicht war es ganz gut, dass er wieder die altvertraute Distanz zwischen die beiden gebrachte hatte nach seinen Annäherungsversuchen. Obwohl Sprotte hätte erleichtert sein sollen, war sie nur verwirrt und leicht angesäuert über Freds verhalten. Fast noch mehr als über Bastis Verhalten. Aber Sprotte hatte aufgeben aus ihren Gefühlen irgendeinen Sinn schließen zu können. Seit beginn des Schuljahres war sie einfach nur Durcheinander, nichts war logisch nichts machte irgendeinen Sinn mehr. Ob ihr Gefühlschaos eine zweite Pubertät war? Gab es sowas überhaupt? Oder vielleicht eine viel zu verfrühte Menopause hergeführt durch den Abistressen?

Das Klingelzeichen riss Sprotte aus ihren Gedanken. Während die anderen sich beeilten zu ihren Kursen zu kommen trotte Sprotte deprimiert in den Aufenthaltsraum für ihre Freistunde. Natürlich, weil das Universum Sprotte so wahnsinnig lieb hatte, saß Fred bereits in einem der alten, grünen, vom Flohmarkt gesammelten Sesseln und laß in seiner Ausgabe von Much Ado About Nothing. Als er aufblickte und Sprotte sah fromte sich ein schelmisches Lächeln auf seinen Lippen.

What, my dear Lady Disdain! Are you yet living?” begrüßte er Sprotte. Seine Worte waren  in einen deutschen Akzent gehüllt wie Feuer in Rauch.  

Sprotte wurde nur von Sekunde zu Sekunde verwirrter.

“Ähm, was?” fragte sie und setzte sich in den Sessel gegenüber von Fred.

“Das sagte Benedick zu Beatrice wenn sie sich zum ersten mal begegnen,” lachte Fred und deutete auf sein Buch. “Du hast scheinbar nicht die Hausaufgaben gemacht und nicht Akt 1 Szene 1 gelesen.”

Eigentlich schon, aber Sprotte war so von Freds plötzlicher Aufmerksamkeit überrumpelt worden, dass ihr Gehirn nicht gleich die Richtige verbindung gemacht hatte.

“Ich war nur überrascht, dass du wieder mit mir sprichst,” sagte sie und verschränkte ihre Arme.

Fred zog eine Augenbraue hoch.

“Ich dachte wir müssen uns jetzt immer in der Schule ignorieren,” sagte Fred. “Ansonsten wird doch dein Freund eifersüchtig.”

Sprotte wurde rot und fühlte sich ertappt. Verdammt, Lügen hatten wirklich kurze Beine.

“Ich hab noch mal mit Basti geredet,” log sie.

“Ach?”

“Na ja und er ist jetzt entspannter. Außerdem hat er gerade unsere Ferienpläne platzen lassen, also Schuldet er mir was.” Warum Sprotte ausgerechnet Fred von ihrem Liebeskummer erzählte, war ihr selber ein Rätsel. Aber Fred kriegte immer alles aus ihr heraus und das alleine nur durchs Zuhören.

“Ah, das tut mir leid,” sagte Fred und tätschelte Sprottes Arm. Sprotte musste sich bemühen nicht zusammen zu zucken. Ihr Arm fühlte sich an als hätte Fred 100 Volt Strom mit seiner bloßen Berührung geladen. Sprotte konnte nicht anders als Freds Hand auf ihrem Arm anzustarren. Fred musste gespürt haben, dass Sprotte nicht ganz wohl war und nahm seine Hand wieder weg. Sprotte konnte fühlen wie sie schon wieder rot wurde. Was war verdammt nochmal los mit ihr?

Fred lehnte sich zurück in seinen Sessel und Sprotte zwang sich ihn anzulächeln. Fred lächelte automatisch zurück.

“Danke,” brachte Sprotte zwischen ihren Zähnen hervor. “Kann ich halt die Ferien damit verbringen meine Karaoke Version von All By Myself zu üben,” witzelte sie.
Fred lachte.

“Deine armen Nachbarn,” neckte er sie und wand sich seinem Buch wieder zu. Sprotte hohlte ihre Ausgabe ebenfalls aus ihrer Tasche und fing an zu lesen. Immerhin wollte sie im Englischunterricht nicht ganz dumm da stehen. Sie hätte sich vermutlich besser konzentrieren können, hätte sie nicht bemerkt wie Fred sie über den Rand seines Buches anschaute.

“Was?” fragte sie und ließ ihr Buch sinken.

“Nichts, nichts,” sagte Fred und schaute hastig wieder in sein Buch. Ohne seinen Blick von den Seiten zunehmen fügte er noch hinzu, “Wenn dir super langweilig wird während der Ferien kannst du ja immer noch mit mir ins Kino.”

Sprotte war so überrascht, dass, alles was sie sagen konnte, war: “Okay.”

“Cool,” war alles was Fred dazu zu sagen hatte.

Na soviel also zum Distanz halten, dachte Sprotte.
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