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Die Wilden Hühner und die Türen der Welt

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
29.06.2020
20.08.2020
11
25.120
5
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14.08.2020 1.613
 
Sprotte wachte am nächsten Tag mit Kopfschmerzen auf.  Dabei hatte sie doch gar nicht so viel Alkohol auf der Party getrunken. Sie richtete sich auf und stöhnte. Nicht nur ihr Kopf tat ihr weh, sonder sie hatte auch ein Stechen im Herz. Ob man wohl auch einen Kater im Herzen bekommen konnte, wunderte sich Sprotte. Vielleicht Muskelkater von zu vielem und zu schnellem Schlagen.

Basti schnarchte seelig neben ihr. Stöhnend ließ  sich Sprotte wieder neben ihn ins Bett fallen und ließ die letzte Nacht revue passieren.  Ein Lächeln kroch über ihr Gesicht, als sie daran dachte wie sie mit Fred getanzt hatte. Es war schön gewesen. Wenn nicht Basti gekommen wäre. Basti. Sprotte drehte ihren Kopf zu Basit um und hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Ihr wurde übel. Es war nicht so als hätte sie Basti betrogen. Sie hatte lediglich mit Fred getanzt. Es war harmlos gewesen. Nicht so harmlos war die Enttäuschung, die sie gefühlt hatte als Basti aufgetaucht war. Es war als hätte Basti den Strom abgestellt, den Sprottes Herz zum rasen gebraucht hatte. Warum hatte sie sich nicht gefreut ihn zu sehen?  

Bevor Sprotte noch weiter grübeln konnte vibrierte ihr Handy. Bitte lass es eine Nachricht von Frieda sein, dachte Sprotte. Sie hatte das Gefühl, dass eine Nachricht von Fred gefährlich sein könnte. Zu ihrem Pech war es Freds Name, der auf ihrem Display aufleuchtete.

War schön, dass du letzte Nacht da warst.

Sprotte wurde nur noch schlechter. Instinktiv flüchtete sie ins Bad und musste sich prompt übergeben. Das ist auch eine Art die Schmetterlinge aus dem Bauch zu kriegen, dachte sie und sank jämmerlich neben der Toilette zusammen. Erschöpft lehnte sie ihr Stirn gegen den kühlen Rand der Badewanne.

Es klopfte an der Badezimmertür. Scheinbar hatte sie Basit aufgeweckt. Auf die Frage, ob er reinkommen dürfte, gab Sprotte nur ein klägliches ja von sich. Basti öffnete die Tür und ließ sich neben Sprotte nieder. Er hatte ihr ein Glas Wasser mitgebracht, welches Sprotte dankbar entgegen nahm. Während sie halb verdurstet das Wasser trank, streichelte er ihr sanft über den Rücken. Es war so eine rührende Geste, dass Sprotte ein einziger Haufen Gänsehaut hätte sein müssen, oder sich unter Strom gesetzt hätte fühlen müssen. Alles was sie fühlte war ein all vertrautes ziehen in ihrer Magengrube.

“Danke,” sagte sie nachdem sie das Wasser ausgetrunken hatte und legte ihren Kopf wieder auf den Badewannenrand. Basti nahm ihr das Glas ab und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sprotte spürte nichts.
“Du bist unglaublich,” sagte er.

“Weil ich von zwei Gläsern Punsch einen Kater habe?” fragte sie verwirrt.
Basti Lachte. “Nein. Weil du selbst mit einem Kater noch das schönste Mädchen bist, das ich kenne.”

“Dann musst du nicht viele Mädchen kennen,” presste Sprotte zwischen ihren Zähnen hervor. Ihr Kopf fühlte sich an als würde dort gerade das Video zu Miley Cyrus Wrecking Ball gedreht werden.  Basti schaute sie nur bewundernd an. Sprotte fühlte sich unwohl. Seine Augen glänzten richtig.

“Ich liebe dich!” sagte er schließlich.

Sprotte musste sich erneut übergeben. Wenn es nicht ihr eigenes Leben gewesen wäre, hätte Sprotte über das komödiantische Timing gelacht. Aber ihr war nicht nach Lachen zu mute. Gefühle schlugen ihr scheinbar noch mehr auf den Magen als Punsch.

“Sorry,” stammelte sie. Ein Schwall Erbrochenes war nicht gerade was man sich als Antwort auf ich liebe dich vorstellt. Sag es zurück, spornte sie sich selber an. Sag ich liebe dich zurück. Doch die Worte wollten nicht kommen. Wieso konnte sie es nicht sagen? Vermutlich war der Kater schuld, vermutlich brauchte sie einfach einen klaren Kopf um es zurück zu sagen. Basti schien es nicht zu stören.

“Ich mach dir mal einen magenfreundlichen Kräutertee,” sagte er und ließ Sprotte allein im Bad zurück. Langsam kroch Sprotte wieder in ihr Bett. Auf ihrem Kissen lag immer noch ihr Handy mit der Nachricht von Fred. Bevor sie sich wieder übergeben musste, steckte Sprotte ihr Handy schnell unter ihr Bett. Was war nur los mit ihr?

Basti kam kurz darauf mit einer Tasse Kräutertee herein und setzte sich zu Sprotte aufs Bett. Jetzt war der perfekte Moment um  ich liebe dichzurück zu sagen dachte Sprotte und setzte an. Doch alles was aus ihrem Mund kam war ein heißeres Danke. Basti lächelte sie sanft an.

“Auch wenn ich dich den ganzen Tag gerne bepumpeln würde, muss ich los,” sagte er nachdem Sprotte an ihrem Tee genippt hatte. Er schmeckte scheußlich. “Ich hab meiner Ma versprochen, dass ich mit ihr Frühstücke und ihr alles über Berlin erzähle.”

Sprotte nickte nur und versuchte mehr von dem widerlichen Tee zu trinken. Sie würde es nie zugeben, aber sie war froh, dass Basti los musste. Sie brauchte Ruhe und musste nachdenken.

“Ich hol dich morgen ab, ja?” verabschiedete sich Basti und gab ihr keinen schnellen Kuss auf die Lippen bevor er verschwand. Der Kuss schmeckte nach Zahnpasta. Sprotte zwang sich ihren nächsten Würgereiz zu unterdrücken. Sie versuchte logisch an die Situation heranzugehen. Die kalten, harten Fakten lauteten wie folgt:

Sprotte war mit Basti zusammen. Basti liebte Sprotte. Sprotte konnte aus nicht geklärten Gründen nicht  ich liebe dich auch sagen. Sprotte hatte mit Fred getanzt. Während des Tanzens war Sprotte überzeugt gewesen eine Herzrhythmusstörung zu haben. Basti hatte bei ihr kein Herzrasen verursacht.

Sprotte hatte Angst den Gedanken weiter zu verfolgen. Denn dann hätte sie zu dem Entschluss kommen müssen, dass Basti ihr noch nie Herzrasen gegeben hatte. Basti schien Sprotte eher zu beruhigen. Alles mit ihm war ein ruhiges Gefühl, ein stetiges Gefühl. Keine Aufregung, keine Nervosität, nichts. Basti war am Anfang dazu da gewesen Sprottes Schmerz zu betäuben. Nur manchmal hatte Sprotte das Gefühl, dass Basti sie nie aufgehört hatte zu betäuben.

Aber das musste ja noch lange nicht bedeuten, dass sie ihn nicht liebte. Sprotte hatte einfach noch nie ich liebe dich gesagt, kein Wunder, dass es ihr schwer fiel. Basti gab ihr Halt und Sicherheit und sie vertraute Basti. Und es war eine bessere Idee mit jemandem zusammen zu seinen, der einem kein Herzrasen gab, aber dem man vertrauen konnte. Mit Basti zusammen zu sein war eine kluge Entscheidung, Sprotte war sich sicher.

Glücklich zu diesem Entschluss gekommen zu sein schlief Sprotte wieder ein. Freds Nachricht ignorierte sie. Ebenso wie die kleine fiese Stimme, die flüsterte, vielleicht liebst du ihn einfach auch nicht.

***


“Bisexuell? Man sind wir doof, da hätten wir ja auch drauf kommen könne,” hörte Sprotte Frieda am Montag morgen sagen als sie ihre Freundinnen vor dem Unterricht begrüßte. Wilma erzählt gerade in jedem einzelnen Detail wie sie mit Maya zusammengekommen war. Frieda hatte durchaus Recht. So klein ihre Stadt war, solche Hinterwäldler waren die wilden Hühner nun auch nicht.

“Spätestens bei ihrem bisexuellen Pride Sticker, hätte es uns vielleicht auffallen sollen,” sagte Trude und alle lachten. Alle bis auf Melanie. Melanie starte in die Leere vor sich hin, Augenbrauen zusammengezogen als wäre sie tief in Gedanken.

“Alles okay Melli?” fragte Sprotte und Melanie schreckte hoch.

“Hmm? Oh ja, alles bestens,” sagte sie schnell. Sprotte war sich nicht sicher, ob das Stimme. Auch die anderen schienen nicht sonderlich überzeugt.

“Jetzt sag nicht, dass du biphobisch bist,” sagte Frieda mit strengem Blick.

“Was? Nein, nein überhaupt nicht,” antworte Melanie erschrocken. “Ich bin keine dumme 14-jährige mehr.” Sie schaute kurz auf ihre Uhr und fügte dann hinzu, “ich muss los. Biounterricht!”

Sprotte schaute ebenfalls auf ihre Uhr. Die erste Stunde würde erst in 10 Minuten anfangen, doch Melanie war schon weg.

“Eigenartig,” sagte Trude. “Was sie wohl hat?”

“Vielleicht ist sie traurig, dass sie die einzige von uns ist, die noch single ist?” schlug Wilma vor. Das erschien auch den anderen logisch. Sie plauderten noch weiter über die Party, aber zu Sprottes Erleichterung fragte niemand nach Fred und ihr. Vielleicht war es den anderen gar nicht aufgefallen, dass sie und Fred zusammen getanzt hatten. Sprotte hatte sich immerhin so gefühlt, als wären sie die beiden einzigen auf der Tanzfläche gewesen. Als hätte die Welt um sie herum still gestanden.

“Basti hat mir gesagt, dass er mich liebt,” platzte es aus Sprotte heraus. Sie brauchte Ablenkung von ihren Gedanken.

“Awwww Sprotte,” Frieda strahlte. Trude sah aus, als hätte sie Tränen in den Augen und Wilma klopfte Sprotte stolz auf die Schulter.

“Wie romantisch,” seufzte Trude. Sprotte lachte zur verwirrung ihrer Freundinen.

“Na ja, wenn du den Badezimmerfußboden nach dem ich mich übergeben habe für romantisch hellst.” Das brachte auch die anderen so zum Lachen, dass sie fast das Klingelzeichen überhöhten. Widerwillig begaben sie sich in ihre Kurse.

Zu Sprottes Erleichterung war Fred nicht da. Vermutlich hatte er einen Zwei Tage Kater. Sprotte hatte immer noch nicht auf seine Nachricht geantwortet. Größtenteils, weil sie nicht wusste was sie sagen sollte. Wenn sie einfach nur, ich auch zurück schrieb sendete es ein Signal. Nämlich, dass sie gerne mit Fred getanzt hatte. Dass sie vielleicht wieder gerne mit ihm tanzen würde. Sprotte hatte Angst, dass die zwei kleinen Worte förmlich DU BRINGST MICH DAZU DINGE ZU FÜHLEN, DIE ICH SONST NIE FÜHLE, schreien würden. Instinktiv griff Sprotte nach Bastis Hand unterm Tisch. Er gab ihr ein kurzes Lächeln und konzentrierte sich wieder auf den Unterricht. Sprotte hatte es immer noch nicht geschafft, ich liebe dich, zurück zu sagen. Es war gut, dass Fred heute nicht da war.

Als Fred am Dienstag wieder nicht da war, dachte Sprotte, dass er sich vielleicht erkältet hatte. Am Mittwoch erschien es ihr doch schon etwas seltsam. Und als Fred am Donnerstag immer noch nicht in der Schule war, antwortete Sprotte endlich auf seine Nachricht. Auf ihre einfach Frage, wo er sei, antwortete Fred nicht. Freitag kam und immer noch kein Lebenszeichen von Fred. Sprotte war besorgt.

Wo war Fred?
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