Die Wilden Hühner und die Türen der Welt

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Charlotte Slättberg /Sprotte Frieda Goldmann Friedrich Baldwein / Fred Melanie Klupsch Trudhild Bogolowski / Trude Wilma Irrling
29.06.2020
20.08.2020
11
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29.06.2020 1.357
 
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Nur kurz vorne ab, ich habe super die Legasthenie also sorry für alle Rechtschreibfehler und jetzt viel Spaß beim Lesen.
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Wie ein markerschütternder Schrei riss das Klingeln des Weckers Sprotte aus ihrem Schlaf. Ihr Zimmer war bereits in Licht gehüllt. Zu helles Licht für September fand Sprotte, patsche mit ihrer Hand auf ihr Handy um ihren Alarm auszuschalten und drehte sich wieder im Bett um.

Ich könnte einfach nicht hingehen, dachte sie. Ich könnte einfach im Bett
liegen bleiben, die Decke über meinen Kopf ziehen, und so tun als würde die Welt da draußen nicht existieren. Es war ein verlockender Gedanke.

Doch leider, wie so oft, kam die Realität Sprotte zuvor. Diesmal in Form ihrer

Mutter, die Laut an Sprottes Tür klopfte und rief, “Aufstehen Sprotte! Du willst doch nicht zu spät zum letzten ersten Schultag deines Lebens kommen!”

Der letzte erste Schultag ihres Lebens, wie albern das klang, fand Sprotte. “Ich komme gleich,” rief sie zurück, nur um sich ihre Decke noch mehr über den Kopf zu ziehen. Sie wollte einfach nicht aufstehen. Denn dann müsste sie zur Schule, sich damit abfinden, dass sie kurz vor dem Abi stand, ihre Kindheit und Teenagerzeit endgültig vorbei sein würde, und sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie mit ihrem Leben überhaupt anfangen wollte. Und am schlimmsten war, sie wusste sie war damit ganz allein. Jede einzelne von ihren Freundinnen hatte einen Plan, und selbst alle Pygmäen wussten, was sie nach dem Abi machen wollten.

Frieda, die zusammen mit Trude ins sprachliche Profil gegangen war, würde für Unicef arbeiten. Und Trude hatte schon einen festen Ausbildungsplatz als Goldschmiedin, ihr Kindertraum ging endlich in Erfüllung. Melanie hatte sich ursprünglich wegen der süßen Jungs im Physikkurs für das naturwissenschaftliche Profil entschieden.  Zu jedermanns Überraschung hatte sie dann in der Oberstufe ein beeindruckendes Talent für Chemie entwickelt und plante nach dem Abi ein Pharmazeutika Studium. Wenn sie eines mehr liebte als Make Up, war es die Möglichkeit ihr eigenes Make Up zu erstellen. Wilma natürlich war ins Kunstprofil gegangen und hatte es geschafft mit ihrer Helikoptermutter einen Deal auszuhandeln. Wenn Wilma ein Abi mit 1,0 schaffen würde, dürfte sie eine Schauspielschule besuchen und zwei Jahre nach ihrem Abschluss versuchen erfolgreich in die Branche einzubrechen. Sollte ihr das nicht gelingen, würde Wilma Jura studieren und Staatsanwältin werden.

Steve war ebenfalls ins Kunstprofil gegangen und hatte fest vor eine Ausbildung als Konditor zu machen, ähnlich wie Torte, der ihnen aus Dänemark mitgeteilt hatte nach dem Abi wieder nach Deutschland zu kommen, um dort Koch zu werden. Willie, wie es sich als Freds Leibwächter gehört, war seinem Anführer ins gesellschaftswissenschaftliche Profil gefolgt. Sehr zu Friedas Ärger, wollte Willie zur Marine gehen. Es war ein dauerhafter Streitpunkt in ihrer Beziehung, doch abgesehen davon, waren die beiden das Traumpaar des Jahrgangs.

Nur was Fred nach dem Abi vorhatte, wusste Sprotte nicht. Sie waren zwar “befreundet” und im gleichen Profil, aber viel reden miteinander taten sie nicht. Und das, obwohl sich Sprottes Oma und Freds Großvater zusammen getan hatten mit ihren Gärten und Sprotte und Fred nun jeden Samstag auf dem kleinen Wochenmarkt der Stadt an einem Stand gemeinsam das Gemüse ihrer Großeltern verkauften. Über jeden Kunden waren sie glücklich, denn Kunden bedeuten sie mussten nicht miteinander reden. Was sollte man denn auch sagen zu dem Typen, der einen betrogen hatte, nur weil man noch nicht bereit war mit ihm zu schlafen? Es herrschte eisiges Schweigen um das Thema ihrer Trennung. Sprotte und Fred taten so, als wären sie nie zusammen gewesen, als hätte er sie nie betrogen, und als wäre Sprotte nicht nach ihrem Sommer in den USA mit dem nächstbesten Typen zusammen gekommen nur um Fred zu zeigen, dass sie über ihn hinweg war. Zumindestens sah Fred das so. Sprotte hingegen war sich sicher so tief und fest in Basti verliebt zu sein, dass der Marianengraben wie eine Pfütze im Vergleich erschien.

Trotzdem hätte sie ihn am liebsten gerade erwürgen wollen, denn auch er klopfte gerade an ihre Tür.

“Charlie, come on,” rief er, “oder du wirst keine Zeit mehr für den leckeren Tee  haben, den ich dir gekocht habe”. Genau wie Sprotte hatte Basti (eigentlich Sebastian) einen Vater, der in den USA lebte, aber ursprünglich aus Deutschland kam. Und dieser Vater war zufällig mit Sprottes Vater befreundet. Für Basti war es Liebe auf den ersten Blick, für Sprotte eine willkommene Ablenkung von dem Herzschmerz den ihr Fred auf der Klassenfahrt verursacht hatte. Basti war das komplette gegenteil von Fred. Er war ernst, klopfte nie dumme Sprüche und er nannte sie Charlie. Sprotte mochte es, dass er sie anders nannte, anders wahrnahm, anders behandelte. Er war genau, was sie brauchte. Eigentlich hatte Sprotte nur geplant eine Sommerromanze zu haben, aber sie war überrascht von sich selber wie glücklich sie war, als Basti vorschlug, seinen Schulabschluss in Deutschland zu machen. Immerhin vermisste er seine Mutter und wollte unbedingt mehr von Europa sehen.

Alles was er allerdings jetzt sah, war eine müde Sprotte, die sich in ihrem Bett  verkroch. Er rollte mit den Augen, ging dann aber zu Sprottes Bett, stupste sie zur Seite und setzte sich neben sie.

“Morgen,” murmelte sie und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

“Morgen,” sagte er sanft und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sprotte, wollte für immer so bleiben. Warm und kuschelig im Bett mit Basti. Ein Marmeladenglasmoment wie Frieda sagen würde. Doch Basti schien nichts von Marmelade, oder Gläsern, oder im Bett bleiben zu halten.

“Komm schon, Charlie,” sagte er, “der Grünbaum sitzt bei uns in der mündlichen Prüfung, da können wir jetzt nicht zu spät zu seinem Unterricht kommen”.

Sprotte seufzte. Basti hatte natürlich recht. Widerwillig ließ sie sich von ihm aus dem Bett ziehen, und nur als er versprach ihr ein Schokobrötchen zu besorgen, konnte sich Sprotte endlich dazu bringen sich anzuziehen. Als sie eine schwarze Jeans aus ihrem sehr unaufgeräumten Kleiderschrank zog, fiel ein ganzer Berg an anderen Klamotten ebenfalls heraus. Na toll, dachte sie und fing an ihre Klamotten wieder in den Schrank zu stopfen, als ihr Blick an etwas hängen blieb. Vor ihr auf dem Fußboden, unter unterschiedlichen Socken, einem grauen T-Shirt, und ein paar Unterhosen, lag Sprottes alte Tigerhose. Sprottes Hand schwebte über der Hose, fast als hätte sie Angst, die Hose würde zu Staub zerfallen sobald sie sie anfassen würde. So ein Schwachsinn, Sprotte schüttelte ihren Kopf und hob die Hose hoch. Doch anstatt sie in den Schrank zurück zu packen, schaute Sprotte ihre Hose nur an.

Es war als hätte die Tigerhose sich in einen Schlüssel verwandelt und eine Tür, hinter der Sprotte alle ihre Erinnerungen gut versteckt und verdrängt hatte, aufgesperrt. Sprotte fühlte sich überwältigt. Bilder von Nachmittagen am Wohnwagen, Nächte in Hühnerställen, und auf Ketten gezogene Feder spielten sich vor Sprottes Augen ab. Ihr war als könnte sich Lachen hören und Waldboden riechen und angestarrt werden von einem Paar wiesengrüner Augen.

“Charlie, wir müssen jetzt wirklich– ,” Basti kam zurück und unterbrach Sprottes Gedanken. “Was hast du denn da,” fragte er und deutete auf ihre Leopardenhose.

“Ach nichts,” stotterte Sprotte und verbarg ihre Hose hinter ihrem Rücken,  “nur ne’ alte Hose, die aus dem Schrank gefallen ist. Ich brauch nur noch meine Tasche dann komme ich, okay?”

“Okay, ich warte unten.”

Basti verließ ihr Zimmer und Sprotte atmete auf. Es hätte sich nicht richtig angefühlt Basti die Hose zu zeigen. Die Hose gehörte zu einem Leben in dem es keinen Platz für Basti gegeben hätte. Und in ihrem jetzigen Leben gab es keinen Platz für die Tigernhose oder romantisierte Erinnerungen, dachte sich Sprotte und stopfte die Hose in ihre Schultasche. Sie würde sie endlich nach der Schule entsorgen. Nur weil es ihr letzter erster Schultag war, war sie so von Nostalgie überschwemmt worden. Nostalgie, was für ein scheiß Konzept, dachte sich Sprotte.

Auf ihrem Weg nach draußen drückte sie schnell ihrer Mutter einen Kuss auf  die Wange, bevor sie die Treppe runter rannte wo Basti bereit mit seinem Fahrrad auf Sprotte wartete. Obwohl sie spät dran waren lächelte er Sprotte strahlend an als sie losfuhren. So strahlend, dass Sprotte fast den bohrenden Blick von grünen Augen in ihrem Kopf vergass.
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