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Alte Liebe

von NOS26
KurzgeschichteAllgemein / P12
29.06.2020
29.06.2020
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17.809
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Anna war glücklich. Zusammen mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Sohn lebte sie in einer gemütlichen Vorstadt. Ihr Freund Tom und sie dachten sogar über ein zweites Kind nach und wollten es probieren. Ben, ihr gemeinsamer Sohn, war jetzt immerhin schon drei Jahre alt. Allerdings war alles nur so lange gut, bis Anna herausfand, dass Tom sie betrog. Für Anna brach mit einem Mal alles zusammen. Ihr gesamtes Leben, das sie sich aufgebaut hatte, gab es von jetzt auf gleich nicht mehr.




Anna war gerade auf dem Weg nach Hause. Sie hatte einen Arzttermin gehabt und wollte nun das Mittagessen vorbereiten, bevor sie Ben wieder aus dem Kindergarten abholte. Es war Sommer und Anna war zu Fuß unterwegs. Sie genoss das schöne Wetter. Die letzten zwei Wochen hatten sie und Tom gemeinsam mit Ben Urlaub gemacht. Heute war Tom wieder auf der Arbeit und Ben im Kindergarten. Anna nahm den Weg durch den kleinen Park. Und was sie dort sah, konnte sie nicht glauben. Sie sah Tom, ihren Freund, wie er eine andere Frau küsste. Erstarrt blieb Anna stehen und beobachtete die beiden. Allerdings waren Tom und die fremde Frau so mit sich selber beschäftigt, dass sie Anna nicht bemerkten. Als Anna sich aus ihrer Starre lösen konnte, machte sie sich, so schnell es ging, auf den Weg nach Hause. Als sie dort ankam, rief sie als erstes ihre Eltern an. Sie erzählte ihnen nicht, was sie gesehen hatte, sondern bat sie einfach darum, Ben aus dem Kindergarten zu holen. Ben sollte nicht dabei sein, wenn Tom nach Hause kam. Er sollte von allem nichts mitbekommen. Ihrer Mutter sagte Anna am Telefon, dass sie etwas mit Tom klären müsste und Ben dann später wieder abholen würde. Sie war erleichtert, als ihre Mutter nicht weiter nachfragte und sich dazu bereit erklärte, auf Ben aufzupassen. Nach dem Telefonat, ging Anna in das gemeinsame Schlafzimmer von Ben und ihr. Dort nahm sie seine gesamten Sachen aus dem Schrank und verstaute alles in Koffern und Reisetaschen. Ebenso, wie alles seine Dinge aus dem Bad. Anna packte so viel in die Koffer und Taschen, wie hinein passte. Danach setzte sie sich an den Küchentisch und wartete darauf, dass Tom nach Hause kam. Die Koffer und Taschen hatte sie erst einmal im Schlafzimmer gelassen. Dann hörte sie, wie jemand die Wohnungstür öffnete.
„Bin Zuhause!“, rief Tom in die Wohnung.
Anna rührte sich nicht, sie blieb einfach am Tisch sitzen. Dann kam Tom in die Küche.
„Wo ist Ben?“, fragte er sofort nach.
„Meine Mutter passt auf ihn auf. Setzt dich. Ich muss mit dir reden.“
Anna war noch sehr ruhig. Ganz anders, als es wirklich in ihr drinnen aussah. Aber sie wusste, dass sie ruhig bleiben musste. Immerhin wollte sie Antworten von Tom haben. Tom setzte sich zu ihr und sah sie an. Anna schaute nicht zu ihm, sie blickte auf die Tischplatte.
„Wo warst du heute?“, fragte sie ruhig nach.
„Auf der Arbeit. Wo soll ich denn sonst gewesen sein?“
„Warst du nicht. Ich habe dich gesehen.“
„Anna, was ist los?“
Jetzt schaute sie ihn an und Tom sah, dass sie weinte.
„Verdammt Anna! Sag mir, was los ist!“
Innerlich kochte Anna. Er schien also wirklich nicht zu wissen, was sie meinte.
„Ich könnte auch sagen, ich habe euch gesehen.“, sagte sie weiterhin ruhig.
„Was meinst du?“
„Lüg mich nicht weiter an! Du warst heute nicht auf der Arbeit! Du warst im Park! Ich habe euch gesehen!“
Nun sah Tom sie geschockt an. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Was… Was hast du im Park gemacht?“
„Das geht dich nichts an! Seit wann geht das schon?“
Tom schwieg.
„Ich will wissen, seit wann du mich betrügst!“
„Na ja… Also eigentlich schon ein paar Monate…“
Anna nickte. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, dass er sie schon längere Zeit betrog.
„Deine Sachen habe ich schon zusammen gepackt. Es steht alles im Schlafzimmer. Ich will, dass du jetzt gehst.“
„Was?“, fragte Tom geschockt nach.
„Ich will, dass du gehst!“
„Anna, das kann nicht dein Ernst sein!“
„Doch.“
„Nein! Du kannst mich doch nicht so einfach rauswerfen.“
„Kann ich.“
Anna stand auf und verließ die Küche. Tom folgte ihr. Er hielt die am Arm fest, so dass sie stehen blieb und sich zu ihm umdrehte.
„Was willst du noch? Ich habe dir gesagt, was du zu tun hast!“
„Anna, bitte. Denke an Ben!“
Nachdem Tom das gesagt hatte, spürte er nur noch ein Brennen auf seiner Wange. Anna hatte ihm eine Ohrfeige verpasst.
„Ich denke an Ben! Das was du getan hast, haben weder Ben noch ich verdient! Und genau deshalb gehst du jetzt!“
„Was wird aus uns?“
„Es gibt kein uns mehr! Du hast eine andere und gut ist!“
„Du weißt genau, dass das nicht so einfach ist. Wir sind eine Familie.“
„Nein! Wir waren eine Familie. Du hast dich dazu entschieden, mich zu betrügen, also musst du jetzt mit den Konsequenzen leben.“
„Was wird aus Ben?“
„Das werden wir dann sehen. Du gehst jetzt und ich werde Ben von meinen Eltern abholen.“
„Ich will ihn weiterhin sehen.“
„Du bist sein Vater und Ben braucht dich. Selbstverständlich darfst du ihn weiterhin sehen.“
Tom nickte und ging dann zum Schlafzimmer. Er nahm die ersten Taschen und ging zur Wohnungstür. Nachdem er alles im Auto hatte, kam er noch einmal zu Anna in die Wohnung.
„Es tut mir leid Anna. Wirklich. Ich wollte das nicht.“
„Das hättest du dir früher überlegen müssen. Dafür ist es jetzt zu spät. Du könntest mir dann übrigens noch die Schlüssel geben. Ich möchte nicht mehr, dass du sie hast.“
Tom griff nach seinem Schlüsselbund und machte die verschiedenen Schlüssel, für Haustür, Wohnungstür, Briefkasten und Keller, ab. Als er sie Anna gab, sah er ihr noch einmal tief in die Augen. Sie wirkte traurig und das konnte er nur zu gut verstehen.
„Ich liebe dich…“, flüsterte er.
Dann drehte er sich um und verließ die Wohnung. Es fiel ihm schwer. Natürlich liebte er Anna und Ben über alles. Aber das mit der Affäre hatte sich einfach so ergeben. Er wusste die ganze Zeit, dass es falsch war. Aber er hätte seine kleine Familie nie verlassen. Auch wenn Franziska es des Öfteren von ihm verlangt hatte. Sie war eine tolle Frau, das konnte er nicht abstreiten. Aber sie war eben nicht Anna. Er konnte Spaß mit ihr haben und fühlte sich wohl bei ihr, trotzdem war es nicht das gleiche, wie mit Anna. Aber jetzt würde er wohl erst einmal zu Franziska gehen müssen. Etwas anderes blieb ihm wohl kaum übrig.
Anna saß, nachdem Tom gegangen war, auf dem Sofa und weinte. Es tat einfach so unfassbar weh. Warum hatte Tom das getan? War er nicht mehr glücklich gewesen mit ihr? Hatte sie ihm nicht gereicht? Sie wusste nicht, wie es so weit kommen konnte. Immerhin wollten sie eigentlich ein zweites Kind haben. Das hatten sie gemeinsam entschieden. Was Tom noch nicht wusste, Anna war bereits wieder schwanger. Sie hatte vor dem gemeinsamen Urlaub mit Tom und Ben einen Schwangerschaftstest gemacht. Heute Morgen hatte sie es sich von ihrem Arzt bestätigen lassen. Als sie die Praxis verlassen hatte, war sie unglaublich glücklich gewesen und hatte sich schon darauf gefreut, dass sie Tom am Abend mit der Neuigkeit überraschen könnte. Aber als sie ihn dann mit dieser anderen Frau im Park gesehen hatte, war es vorbei gewesen. In diesem einen Moment, in dem sie Tom erkannt hatte, war ihr ganzes Leben zusammen gebrochen. Alles war kaputt gegangen.
Als Anna sich irgendwann wieder einigermaßen beruhigt hatte, fuhr sie zu ihren Eltern, um Ben abzuholen. Natürlich bemerkte ihre Mutter sofort, dass etwas nicht stimmte. Aber erst, als Anna sicher war, dass Ben nichts mitbekommen würde, erzählte sie ihrer Mutter alles. Na ja, die Schwangerschaft ließ sie weg. Aber das war ja auch nebensächlich. Tom hatte sie betrogen und das über mehrere Monate.
Ihre Mutter versuchte sie zu trösten, allerdings gelang das nicht wirklich. Zum Glück war Ben mit seinem Opa draußen im Garten und bekam von allem nichts mit.
„Ich will zu Ben…“, murmelte Anna und stand auf.
Als sie gerade an der Terrassentür angekommen war, zuckte sie zusammen, fasste sich an den Bauch und krümmte sich vor Schmerzen. Ihre Mutter war sofort bei ihr. Die Schmerzen ließen nicht nach und wurden auch nicht besser. Mittlerweile lag Anna auf dem Boden und krümmte sich. Da ihre Mutter sich nicht anders zu helfen wusste, verständigte sie den Notarzt. Anna kam ins Krankenhaus. Ihre Mutter begleitete sie und ihr Vater blieb bei Ben. Im Krankenhaus stelle man fest, dass Anna eine Fehlgeburt erlitten hatte. Es war wahrscheinlich einfach alles zu viel gewesen. Zum Glück erholte sie sich schnell, so dass sie auch schnell wieder zu Ben konnte, der seine Eltern natürlich vermisste. Anna musste ihm auch noch irgendwie erklären, dass sein Papa nicht mehr bei ihnen wohnte. Nachdem Anna von der Fehlgeburt erfahren hatte, hasste sie Tom nur noch mehr. Er hatte alles kaputt gemacht und war auch noch dafür verantwortlich, dass sie ihr Kind verloren hatte. Sie hasste ihn, für das, was er ihr angetan hatte. Erfahren würde er von dem Kind auf jeden Fall nichts. Das stand für Anna fest.







Die Monate vergingen. Tom wohnte mittlerweile bei Franziska und ihrem Sohn. Ferdinand war ein Jahr jünger als Ben. Eigentlich verstanden die beiden sich ganz gut. Oft sahen sie sich allerdings nicht, denn Franziska wollte das nicht. Ferdinands Vater interessierte sich nicht für seinen Sohn. Er zahlte nur. Immerhin war der Junge aus einem One-Night-Stand entstanden. Am liebsten wäre es Franziska gewesen, wenn Tom sich nur um Ferdinand kümmerte und nicht mehr um Ben. Ben war ihr ein Dorn im Auge.
Anna und Tom hatten eigentlich alles ganz gut geregelt. Also soweit es ging. Alle zwei Wochen holte Tom seinen Sohn für einen Tag ab. Ben freute sich immer sehr auf diese Tage. Anna wäre es lieber, wenn Tom etwas mehr Zeit in seinen eigenen Sohn investierte, aber daran konnte sie leider nichts machen. Sie hatte nur immer wieder den Ärger, wenn Ben zu seinem Papa wollte, es aber nicht konnte. Oder wenn Tom mal wieder absagte. Sie verstand nicht, was daran so schwer war, regelmäßig Zeit mit seinem eigenen Kind zu verbringen. Und wenn er es noch nicht einmal schaffte, Ben alle zwei Wochen abzuholen, war sie sauer. Die Trennung hatte sie ohnehin nicht gut verkraftet. Sie liebte Tom immer noch, auch wenn er sie ziemlich verletzt hatte. Aber damit musste sie leben und lernen umzugehen. Allerdings akzeptierte sie es nicht, wie Tom sich Ben gegenüber verhielt. Immer wieder hatte er andere Ausreden, weshalb er keine Zeit hatte oder die Termine nicht einhalten konnte.



Bens fünfter Geburtstag war an einem Dienstag. Anna hatte sich frei genommen, damit sie alles vorbereiten konnte. Nachmittags würden ihre Eltern und ihr Bruder kommen. Auch Toms Eltern wollten vorbeikommen. Ben freute sich wahnsinnig darauf. Immerhin sah er Toms Eltern mittlerweile nur noch sehr selten. Ob Tom seine neue Freundin und deren Sohn mitbringen würde, wusste Anna nicht. Tom hatte dazu nichts gesagt. Aber wahrscheinlich kamen sie nicht mit. Zu Bens viertem Geburtstag waren sie auch nicht gekommen und als Ferdinand vor kurzem vier Jahre alt geworden war, hatte Ben auch nicht dabei sein dürfen.
Am Nachmittag kamen nach und nach alle Besucher. Ben hatte schon am Morgen im Kindergarten seinen Geburtstag gefeiert. Jetzt freute er sich auf seine Familie.
Annas Bruder und seine Familie waren die ersten, die kamen. Michas Söhne waren zehn und acht Jahre alt. Danach kamen auch ihre Eltern und schließlich Toms Eltern. Nur Tom, der kam irgendwie nicht. Ben quengelte schon und fragte alle paar Minuten nach seinem Vater. In Anna wuchs die Wut. Das konnte nicht sein Ernst sein. Das durfte einfach nicht sein. Es war Bens Geburtstag und er tauchte nicht auf. Das Kaffeetrinken verlief komisch. Ben weinte immer wieder, weil sein Papa nicht da war, Anna sagte nicht viel, weil sie wütend war und der Rest traute sich nicht wirklich etwas zu sagen. Auch die Geschenke konnten Ben nicht wirklich aufheitern. Er war einfach viel zu enttäuscht.
Anna war gerade in der Küche, als Toms Mutter zu ihr trat.
„Wo ist eigentlich Tom?“, fragte sie Anna.
Anna zuckte mit den Schultern.
„Hat er sich nicht gemeldet?“
„Sei mir nicht böse, aber ich möchte einfach nicht mehr darüber reden.“
Damit war das Gespräch beendet. Toms Eltern waren die ersten, die wieder gingen. Michas Söhne hatten es geschafft, Ben etwas abzulenken und spielten nun mit ihm im Kinderzimmer. Die Erwachsenen saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa.
„Anna, warum ist Tom nicht hier?“, fragte ihre Mutter nach.
„Ich weiß es nicht. Er hat sich nicht gemeldet.“, gab Anna niedergeschlagen zu.
„Gar nicht? Hat er nicht mal angerufen?“
„Nein. Ich weiß nicht, wie ich das Ben erklären soll.“
Micha stand auf.
„Gib mir die Adresse! Ich fahre hin!“
Anna seufzte.
„Das bringt doch nichts, Micha. Er ist nicht hier. Das sagt doch schon alles.“
„Eben! Er ist nicht hier! Sein Sohn hat Geburtstag und er kommt nicht und ruft noch nicht einmal an! Ich fahre da jetzt hin!“
„Nein! Wenn, dann fahre ich zu ihm! Das ist meine Sache und nicht deine!“
„Okay. Dann fahr du halt hin. Wir bleiben so lange hier und passen auf Ben auf.“
Doch Anna schüttelte den Kopf.
„Nein. Heute lasse ich das. Ich fahre die Tage zu ihm.“
„Wie du meinst. Aber ich hoffe der Kerl hat eine gute Entschuldigung für sein Verhalten. Und hoffentlich ist dieses Jahr sein Geschenk besser, als letztes Jahr.“
„Ist es. Ich habe es besorgt und Tom gegeben. Ben hat sich doch das neue Handball-Trikot gewünscht. Ich habe es bestellt und es Tom gegeben, als er Ben das letzte Mal zurück gebracht hat.“

Irgendwann verabschiedete sich Annas Familie. An diesem Abend war es nicht leicht, Ben ins Bett zu bekommen. Er weinte viel und fragte immer wieder nach seinem Papa. Anna wurde mit der Zeit immer wütender. Also brachte sie Ben am nächsten Nachmittag zu ihren Eltern und fuhr dann zu Tom. Sie klingelte und als ihr die Haustür geöffnet wurde, stand Franziska vor ihr und schaute sie abwertend an.
„Was willst du?“
„Zu Tom. Ich muss mit ihm reden. Es geht um Ben.“
Franziska nickte und rief dann nach Tom. Dieser kam quasi sofort und schaute etwas erschrocken, als er Anna sah. Franziska zog sich in die Wohnung zurück.
„Anna, was ist denn?“
„Falsche Frage!“
„Warum?“
„Warum? Kannst du dich daran erinnern, was gestern war?“
Betreten schaute Tom zu Boden.
„Ich konnte nicht kommen…“, murmelte er dann.
„Das ist mir sowas von scheißegal, das glaubst du gar nicht. Ben war enttäuscht. Er hat fast den ganzen Nachmittag geweint. Immer wieder hat er nach dir gefragt. Was sollte das? Hättest du nicht wenigstens mal anrufen können?“
„Anna, es tut mir leid. Es ging nicht. Ich…“
„Ich will gar nicht wissen, warum du nicht da warst. Sieh zu, dass du dass mit Ben wieder auf die reihe bekommst! Dein Sohn ist enttäuscht und das zu Recht!“
Anna sah, wie sich hinter Tom etwas regte. Es war Ferdinand. Und was Anna dann sah, ließ sie noch wütender werden. Ferdinand trug das Trikot, das sie für Ben gekauft hatte. Sie zeigte an Tom vorbei auf den Jungen.
„Das ist nicht dein Ernst!“
Tom drehte sich um und sah zu Ferdinand.
„Anna, ich kann das erklären.“
„Ich will nichts hören! Wenn du mit Ben nichts mehr zu tun haben willst, dann musst es nur sagen! Wir kommen auch ohne dich gut zurecht!“
Anna wollte gehen, doch Tom hielt sie fest.
„Ich besorge Ben ein neues Trikot. Aber Ferdinand ist gestern hingefallen und hat sich verletzt. Irgendwie mussten wir ihn ja beruhigen.“
„Und dann muss das Geschenk für unseren Sohn herhalten? Überlegst du eigentlich auch mal irgendwann, was du machst?“
„Anna bitte. Ich mache es wieder gut.“
„Das hoffe ich für dich!“
„Ich hole Ben am Samstag morgens ab. Dann erkläre ich ihm alles und verbringe den Tag mit ihm.“
Anna nickte.
„Ich schwöre dir Tom! Wenn Ben noch einmal wegen dir weinen muss, dann siehst du ihn nie wieder!“
„Das kannst du gar nicht durchziehen.“
„Und wie ich das kann! Verlass dich drauf!“
Dann drehte sie sich um und ging wieder zu ihrem Auto. Als sie bei ihren Eltern ankam, spielte Ben gerade mit seinem Opa draußen. Sofort lief der Junge auf seine Mutter zu.
„Mama! Wann kommt Papa mich wieder abholen?“
„Am Samstag mein Schatz.“
„Bekomme ich dann mein Geburtstagsgeschenk?“
„Bestimmt!“
Anna ließ ihren Vater und Ben noch etwas draußen spielen und ging zu ihrer Mutter, um ihr von dem Gespräch mit Tom zu berichten. Als Anna alles erzählt hatte, seufzte ihre Mutter.
„Was ist eigentlich aus Ben geworden? Er war immer so liebevoll und fürsorglich. Ein perfekter Papa eben.“
„Hm. Ist er wahrscheinlich auch noch. Nur nicht mehr für Ben. Je länger er mit Franziska zusammen ist, desto weniger Zeit hat er für Ben. Anfangs hat er ihn öfter abgeholt und jetzt wird es immer weniger.“
„Das hat Ben nicht verdient.“
„Nein. Das hat er nicht. Ich habe Tom eben gesagt, dass er Ben nie wieder sieht, wenn er auch nur noch ein einziges Mal wegen im weint.“
„Ich hoffe, soweit kommt es nicht.“
„Leider doch. Ich wette mit dir, spätestens nächsten Monat ist es wieder soweit. Dann wartet Ben wieder auf Tom und er kommt nicht.“
„Hoffentlich nicht…“






Tom hatte Franziska inzwischen erklärt, dass er den Samstag mit Ben verbringen wollte.
„Das geht nicht! Am Samstag hat Ferdinand vormittags ein Fußballspiel!“
„Es muss gehen! Ich war gestern schon nicht da. Und gestern hatte Ben immerhin Geburtstag.“
„Trotzdem verlange ich von dir, dass du mit zu dem Spiel kommst! Ferdinand ist ansonsten wieder enttäuscht, wenn du nicht da bist!“
„Ben war gestern auch enttäuscht und er wird es auch am Samstag sein.“
„Mag sein. Aber du lebst nun mal mit Ferdinand und mir zusammen. Also hast du dich auch darum zu kümmern, was in diesem Haushalt passiert. Du kannst ja nach Ferdinands Spiel zu Ben.“
Tom seufzte. Natürlich könnte er auch danach zu Ben. Aber er hatte Anna gesagt, dass er ihn am Morgen abholen würde. Er war schon so oft mit zu Ferdinands Spielen gegangen, da war es doch eigentlich nicht schlimm, wenn er einmal nicht dabei war. Von Bens Handballspielen hatte er noch nicht eins gesehen. Da ging Anna immer mit ihm hin.
„Franzi, ich war fast bei jedem von Ferdinands Spielen mit. Dieses Mal kann ich eben nicht.“
„Du musst mitkommen! Erstens wäre Ferdinand sonst enttäuscht und außerdem will ich mir von den anderen Eltern nicht wieder anhören müssen, ob du mich verlassen hast. Jedes Mal, wenn ich alleine komme, fragen sie mich, ob du mich sitzen gelassen hast. Ich will das einfach nicht mehr hören.“
Erneut seufzte Tom.
„Okay. Aber nach dem Spiel fahre ich sofort zu Ben.“
„In Ordnung. Danke.“
Das Spiel würde um neun Uhr anfangen. Also wäre er spätestens um elf Uhr bei Anna und Ben. Das war immer noch morgens und er hatte Anna keine Uhrzeit genannt. Also würde er sie nicht anrufen. Denn das würde wieder nur unnötig Ärger geben.



Der Samstagmorgen entwickelte sich dann allerdings doch etwas anders. Tom machte sich mit Franziska und Ferdinand auf den Weg zum Fußballplatz. Erst als sie dort ankamen, erfuhr Tom, dass es sich nicht um ein Spiel, sondern ein Turnier handelte. Innerlich stöhnte er auf und hoffte einfach nur, dass er schnell wieder hier weg kam, damit er pünktlich bei Ben war.

Ben war natürlich schon den ganzen Morgen ziemlich aufgeregt. Er freute sich, dass sein Papa ihn abholen wollte und etwas mit ihm unternehmen wollte. Anna und er hatten in aller Ruhe gefrühstückt. Als Ben dann fertig angezogen war, hatte er sich vor das bodentiefe Fenster im Wohnzimmer gesetzt und die ganze Zeit auf die Straße geblickt, damit er sofort sehen konnte, wenn sein Papa kam. Immer wieder fragte er Anna, wann es denn endlich so weit sei.
Ann gab ihm immer wieder die gleiche Antwort: „Ich weiß es nicht genau. Papa hat keine Uhrzeit gesagt.“
Allerdings wurde sie selber auch immer unruhiger. Sie hoffte einfach, dass Tom kommen würde und Ben nicht schon wieder enttäuscht würde.
„Mama! Morgens ist jetzt vorbei!“, rief Ben.
Anna sah auf die Uhr und es waren tatsächlich schon nach zwölf. Sie wollte Tom anrufen, allerdings war sein Handy ausgeschaltet. Langsam schwand in ihr die Hoffnung, dass er noch kommen würde. Also begann sie für sich und Ben eine Kleinigkeit zu kochen.
„Ben! Kommst du essen?“
Ben trottete in die Küche. Er weinte wieder.
„Papa kommt wieder nicht…“
„Ach Ben. Er kommt bestimmt gleich. Vielleicht hat er nur Stau gehabt oder so.“
Sie wusste, dass das Blödsinn war. Auf dem kurzen Stück konnte er unmöglich so lange im Stau stehen. Wahrscheinlich würde er einfach mal wieder nicht kommen. Nach dem Essen setzte Ben sich wieder vor das Fenster. Als es klingelte wussten Anna und Ben, dass es nicht Tom sein könnte. Ben hätte ihn ansonsten von der Scheibe aus gesehen. Anna öffnete die Tür und davor stand Samuel. Ein Kindergartenfreund von Ben, der nebenan wohnte.
„Hallo Samuel!“, begrüßte Anna ihn freundlich.
„Hallo! Darf ich mit Ben spielen?“
Anna nickte und ließ den Jungen eintreten. Tom würde wahrscheinlich eh nicht mehr kommen. Dann ging sie zu Ben.
„Ben, es tut mir leid. Aber ich denke nicht, dass Papa noch kommen wird. Aber Samuel ist da und möchte mit dir spielen.“
Ben nickte traurig. Er weinte wieder, stand aber auf und ging zu Samuel.
„Mama? Dürfen wir auch raus?“
„Na klar!“
Anna war froh, dass Ben sich nun ablenken konnte. Es würde am Abend wieder schwer genug werden. Die beiden Jungen verließen das Haus und Anna versuchte noch einmal Tom zu erreichen. Aber das Handy war immer noch aus.
Dann klingelte es wieder. Ann öffnete die Tür und Tom stand davor. Er sah sie mit einem entschuldigenden Blick an.
„Hätte echt nicht gedacht, dass du noch kommst.“
„Es tut mir leid. Aber es ging nicht früher.“
Anna zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür. Es musste ja nicht jeder mitbekommen, dass sie miteinander stritten. Tom sah das als Einladung und ging weiter in die Wohnung. Er rief nach Ben, bekam allerdings keine Antwort.
„Ben ist nicht da!“
„Aber warum? Wir hatten abgemacht, dass ich ihn heute abhole!“
„Ja. Hatten wir. Aber du hattest gesagt, dass du ihn morgens holen willst! Jetzt ist es nach halb drei!“
„Ich habe doch gesagt, dass mit etwas dazwischen gekommen ist.“
„Das ist mir sowas von egal! Ben hat wieder geweint! Wegen dir!“
„Das wollte ich nicht. Aber…“
„HALT DEINEN MUND!“
„Anna…“
„NEIN! Ich will dich nicht mehr sehen! Ich hatte dich gewarnt! Du wirst Ben ab sofort nicht mehr sehen!“
„Das kannst du nicht machen!“
„Warum nicht? Dir müsste es doch eigentlich nur Recht sein. Großes Interesse hast du ja eh nicht an ihm! Deine neue Freundin und ihr Sohn scheinen dir wichtiger zu sein, als dein eigenes Kind! Aber ist ja schön, wenn man so eine heile Familie hat, oder? Und Ben wird nicht mehr darunter leiden! Er weint immer wegen dir und das lasse ich nicht mehr zu!“
„Anna bitte. Er ist unser gemeinsamer Sohn.“
„Da merke ich nichts von! Aber wahrscheinlich hat Ben dich einfach schon immer gestört!“
„Das stimmt nicht und das weißt du genau!“
Die beiden begannen sich anzuschreien und keiner wusste mehr, was er so wirklich sagte. Jeder bekam nur noch die Hälfte von dem mit, was der andere sagte. Sie waren wütend. Dann aber sagte Tom etwas, das Anna völlig ausrasten ließ.
„Du weißt ganz genau, dass Ben kein wirkliches Wunschkind war!“
Wirklich darüber nachgedacht, was er da sagte, hatte Tom nicht. Aber Anna hatte es genau gehört und holte nun aus, um ihm wieder eine Ohrfeige zu verpassen. Geschockt sah Tom sie an, fasste sich mit einer Hand an die schmerzende Wange. Anna liefen stumm die Tränen aus den Augen. Dann stemmte sie sich gegen Tom und schob ihn zur Wohnungstür.
„HAU AB! UND LASS DICH NIE WIEDER BLICKEN!“
„Anna…“
Bis jetzt hatte Tom sich nicht gewehrt. Er war viel zu geschockt über das gewesen, was er da gerade selber gesagt hatte.
„NEIN! HAU AB!“
„Aber Ben…“
Jetzt funkelte Anna ihn an. Einen solchen Blick hatte Tom bei ihr noch nie gesehen und es machte ihm Angst.
„Ben wirst du nie wieder sehen! Ich gehe gleich am Montag zum Jugendamt und beantrage das alleine Sorgerecht! Denn du hast kein Recht mehr auf irgendwas!“
„Anna nein!“
„Doch! Du willst Ben nicht! Du wolltest ihn nie! Und das hat Ben nicht verdient!“
Dann öffnete sie die Wohnungstür.
„GEH! VERSCHWINDE!“
Tom sah Anna an. Er wirkte traurig, aber das war ihr gerade völlig egal. Das was er getan und gesagt hatte, ließ sich nicht wieder gut machen.
„GEH! Und deine Zahlungen kannst du auch einstellen! Ich will dein Geld nicht mehr!“
„Anna…“
„HAU ENDLICH AB!“
Tom nickte traurig und ging dann. Anna schloss hinter ihm die Tür und sackte weinend auf den Boden. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte, aber irgendwann wurde ihr klar, dass sie sich beruhigen musste. Immerhin würde Ben bestimmt bald wieder nach Hause kommen und dann würde sie ihm erklären müssen, dass sein Papa nicht mehr kommen würde und würde für Ben stark sein müssen.
Einfach war es nicht gewesen, Ben die Situation zu erklären. Natürlich weinte er wieder und stellte viel Fragen, die Anna nicht alle beantworten konnte. Es tat ihr weh, ihren Sohn so zu sehen. Auch am nächsten Tag weinte Ben viel. Selbst als Anna mit ihm in den Zoo ging. Sie wollte Ben ablenken, aber das gelang ihr nicht. Ihre einzige Hoffnung war, dass er sich morgen im Kindergarten ablenken konnte und es dann nach und nach besser werden würde.





Tom war sofort wieder nach Hause gefahren. Er war wütend. In erster Linie auf sich selber, aber auch auf Anna. Sie nahm ihm seinen Sohn weg. Alles, was er eigentlich noch hatte. Zu Franziska war er doch damals nur gegangen, weil Anna ihn rausgeworfen hatte. Er hatte einfach nicht gewusst, wo er hin sollte. Seine Eltern hätten ihn nicht wieder aufgenommen. Zumindest nicht, wenn sie wussten warum. Und das war irgendwann nun mal raus gekommen.
Zuhause hatte er sich dann auch noch mit Franziska gestritten.
„Was machst du denn schon wieder hier?“, hatte sie gefragt, als er zur Tür herein gekommen war.
„Ich war zu spät, Ben hat geweint, Anna wollte ihr Drohung wahr machen, wir haben und gestritten, ich habe etwas dummes gesagt und am Montag will sie zum Jugendamt.“, zählte er alles auf.
„Was will sie beim Jugendamt?“
„Das alleinige Sorgerecht für Ben beantragen…“
„Dann musst du ja keinen Unterhalt mehr zahlen.“, freute sich Franziska etwas zu offensichtlich.
„Ich werde weiterhin für Ben zahlen. Auch wenn Anna es nicht will. Er ist mein Sohn. Außerdem lasse ich ihn mir nicht wegnehmen. Wenn Anna morgen wirklich zum Jugendamt geht, dann suche ich mir einen Anwalt.“
„Tu was du nicht lassen kannst. Aber das Geld, könnten wir auch gut gebrauchen.“
„Es geht um meinen Sohn und du denkst ans Geld? Sag mal spinnst du?“
„Nein. Denn wir leben zusammen und du gibst Unsummen für diesen Jungen aus!“
„Dieser Junge ist rein zufällig mein Sohn!“
„Den du so gut wie nie siehst!“
„Ja, weil du mir dafür keinen Freiraum lässt!“
Tom verließ eilig die Wohnung. Er fuhr etwas durch die Gegend. Einfach so und ohne Ziel. Irgendwann hielt er an. Er hatte sich alles selber kaputt gemacht. Seine Familie war kaputt gegangen, weil er etwas Spaß und Ablenkung bei Franziska gesucht hatte und jetzt musste er sogar noch Angst haben, dass er seinen Sohn gar nicht mehr sehen durfte. Als sein Blick auf den Beifahrersitz fiel, schnürte sich ihm der Hals zu. Dort lag das Päckchen für Ben. Bens Geburtstagsgeschenk. Er hatte ein neues Trikot für ihn gekauft. Dass es falsch gewesen war, Ferdinand das Trikot zu geben, hatte er von Anfang an gewusst. Aber dann war es zu spät gewesen. Irgendwie hatte er sich einfach nicht gegen Franziska durchsetzen können. Und genau das musste er ändern, wenn er um Ben kämpfen wollte. Anna hatte er schon verloren, als sie ihn und Franziska damals gesehen hatte. Aber Ben wollte er nicht auch noch verlieren. Also startete er den Motor wieder und fuhr zu seinem alten Zuhause, wo Anna und Ben immer noch wohnten. Er klingelte und Anna öffnete ihm die Tür. Als sie ihn sah, funkelte sie ihn wieder wütend an.
„Was willst du noch?“
Er hielt ihr das Päckchen hin.
„Kannst du das Ben geben?“
„Wieso?“
„Weil es sein Geschenk ist. Ich habe ihm ein neues Trikot gekauft.“
Anna nickte und nahm das Geschenk entgegen.
„Es tut mir wirklich leid Anna…“
Sie trat zu ihm nach draußen.
„Ich musste damit leben, dass unsere Beziehung kaputt gegangen ist, dass du eine andere hast. Ich habe es auch akzeptiert. Du hast mir damals verdammt weh getan, mich wahnsinnig verletzt. Aber ich werde nicht zulassen, dass es Ben ebenso geht, wie mir. Wenn dir Ferdinand wichtiger ist, dann ist das so. Nur Ben soll es nicht erfahren.“
„Ferdinand ist mir nicht wichtiger!“
„Ach? Ist das wirklich so? Warum hast du dann so wenig Zeit für Ben? Warum versetzt du ihn immer wieder?“
„Es tut mir leid Anna. Ich verspreche dir, dass ich mich besser.“
„Zu spät.“
„Ist das jetzt deine Rache? Willst du mich jetzt so dafür bestrafen, dass ich eine Affäre hatte?“
„Affäre? Das war keine Affäre! Sie ist deine Freundin! Also erzähl mir nichts von einer Affäre! Und nein! Ich will dich nicht bestrafen! Ich will einfach nur mein Kind schützen!“
„Wovor? Vor mir? Ich bin Bens Vater!“
„Ja leider. Du bist nämlich der größte Arsch, der mir je begegnet ist!“
„Anna, ich kann verstehen, dass du verletzt bist und dass dir auch unsere Trennung nicht leicht gefallen ist, aber…“
Anna unterbrach ihn. „Nicht leicht gefallen? Du hast mich betrogen! Über Monate!“
„Ich weiß. Und es tut mir verdammt noch mal leid!“
„Du bist so ein Arsch! Wir wollten ein zweites Kind!“
„Ich hätte dich nie verlassen Anna.“
„Nein? Wirklich nicht? Hast mich ja auch nur betrogen! Du hast alles kaputt gemacht!“
„Vielleicht hätten wir mit einem zweiten Kind alles noch mal hinbekommen…“
„Hätten wir nicht! Ein Kind rettet keine Beziehung!“
„Also hättest du mich trotzdem rausgeschmissen?“
„Ja!“
„Bist du dir da sicher? Dann wärst du mit zwei Kindern alleine gewesen.“
„Ganz sicher! Falls es dich interessiert: Ich war damals schwanger! An dem Tag, an dem ich dich und sie gesehen habe, kam ich gerade vom Arzt!“
Geschockt sah Tom Anna an.
„Du warst schwanger?“, fragte er irgendwann geschockt.
„Ja. Wir wollten noch ein Kind. Ich habe vor unserem Urlaub einen Test gemacht und bin danach zum Arzt gegangen.“
„Hast du es wegmachen lassen?“, wollte Tom vorsichtig wissen.
„Nein! Natürlich nicht! Du! Du ganz allein hast mein Baby auf dem Gewissen!“
„Ich?“
„Ja! Ich war beim Arzt, es war alles in Ordnung. Danach habe ich dich mit ihr gesehen, bin nach Hause, habe deine Sachen gepackt, dich raus geworfen und bin dann zu meinen Eltern. Das alles war wohl etwas viel. Ich hatte noch am selben Abend eine Fehlgeburt.“
Tom sah traurig aus.
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Was hätte es geändert? Du hattest eine andere und das Baby war tot.“
„Ich wäre für dich da gewesen.“
„Ich wollte dich nicht da haben.“
„Aber ich hätte ein Recht darauf gehabt, es zu erfahren. Es war auch mein Kind.“
„Du hast mich betrogen! Und jetzt geh! Du wirst entweder vom Jugendamt oder meinem Anwalt hören. Außerdem möchte ich nicht mehr, dass du noch einmal hierher kommst. Ich will dich nicht mehr sehen!“
„Anna…“
„Nein! Geh jetzt!“
Anna ging wieder rein und schloss die Tür. Kurz bleib Tom noch stehen, ging dann aber auch wieder.

In den nächsten Tagen versuchte Tom immer wieder Anna anzurufen. Allerdings ging sie entweder erst gar nicht an ihr Handy oder ans Telefon oder sie legte sofort wieder auf. Es hatte Tom schwer getroffen, dass Anna schwanger gewesen war. Sie hatten sich beide ein zweites Kind gewünscht. Alles hätte gut werden können. Aber das war es nicht. Anna hasste ihn und er konnte sie verstehen. Langsam fragte er sich auch immer öfter, was er eigentlich in Franziska sah. Ihm wurde klar, dass er eigentlich nur Anna liebte. Bei Franziska war er aus Bequemlichkeit. Anna hatte ihn damals raus geworfen und er war dann zu Franziska gegangen, weil er gewusst hatte, dass sie ihn aufnahm. Und als Anna ihn nicht mehr zurück haben wollte, war er einfach bei Franziska geblieben. Dann hatte Franziska ihn immer mehr für sich und Ferdinand beansprucht. Gemerkt hatte er das nicht. Erst jetzt wurde es ihm klar. Aber jetzt war es zu spät. Jetzt ließ es sich nicht mehr ändern. Er wollte Ben sehen, das war ihm klar. Sein Anwalt hatte ihm gesagt, dass er erst einmal abwarten sollte, was Anna machte. Also war er an einem Mittag zum Kindergarten gefahren und hatte Ben sehen wollen. Aber dort hatte ihm die Leiterin gesagt, dass es ihnen untersagt worden sei ihn zu Ben zu lassen. Tom war niedergeschlagen. Samstags hatte seine Mutter Geburtstag. Eigentlich nahm er Ben immer mit dorthin. Dieses Jahr nicht. Er fuhr mit Franziska und Ferdinand alleine dorthin. Seine Eltern hatten die Trennung von Anna irgendwie akzeptiert. Sie wollten sich nicht einmischen. Wichtig war ihnen nur gewesen, dass sie Ben weiterhin sehen konnten. Obwohl es sie störte, dass sie ihren Enkel nun deutlich seltener sahen. Bis jetzt war Ben ihr einziges Enkelkind. Toms jüngere Geschwister hatten noch keine Kinder. Sie liebten Ben und freuten sich jedes Mal, wenn sie ihn sehen konnten. Franziska akzeptierten sie irgendwie. Sie versuchten sich, ihr gegenüber normal zu verhalten. Bis jetzt hatte es auch nur einmal einen großen Streit gehabt. Bei diesem Streit ging es darum, dass Franziska es nicht verstand, dass Toms Eltern Ben anders behandelten, als Ferdinand. Aber Toms Eltern wollten Ferdinand nicht wie Ben behandeln. Er war eben nicht ihr Enkel. Und Franziska war auch nicht die Schwiegertochter, die sie sich wünschten. Für Toms Eltern war Anna die perfekte Frau an Toms Seite. Aber das hatte Tom selber kaputt gemacht. Verzeihen würden sie das ihrem Sohn niemals.
Tom kam mit Franziska und Ferdinand am Haus seiner Eltern an. Seine Geschwister waren schon da. Mal wieder waren sie die letzten. Das hatte mal wieder daran gelegen, dass Franziska nicht fertig geworden war. Toms Mutter öffnete ihnen die Tür. Tom begrüßte sie als erster und gratulierte ihr zum Geburtstag. Franziska und Ferdinand taten es ihm gleich. Dann gingen sie zu den anderen ins Esszimmer. Toms Mutter schaute noch einmal nach draußen. Sie suchte nach Ben. Tom und Franziska begrüßten drinnen die anderen und setzten sich dann. Als seine Mutter wieder zu ihnen kam, fragte sie sofort nach.
„Wo ist Ben?“
„Nicht mitgekommen…“, murmelte Tom.
„Aber warum denn nicht? Du bringst ihn immer mit zu unseren Geburtstagen.“
„Dieses Mal eben nicht. Es ging eben nicht.“
„Tom, wir sehen Ben sowieso schon so selten. Warum nimmst du uns dann auch noch diese Gelegenheiten?“
„Tom darf Ben nicht mehr sehen.“, warf nun Franziska ein.
Sofort drehten alle Anwesend ihre Köpfe zu ihr.
„Wie bitte?“, fragte Toms Vater geschockt nach.
„Anna verbietet es ihm.“, antwortete Franziska.
Alle waren etwas geschockt.
„Warst du deshalb nicht auf Bens Geburtstag? Anna hat mir nicht gesagt, weshalb du nicht gekommen bist.“, fragte Toms Mutter vorsichtig nach.
Tom war genervt. Das war seine Angelegenheit und niemand hatte sich da einzumischen. Er stand auf und verließ das Esszimmer, um durch die Terrassentür im Wohnzimmer nach draußen zu verschwinden. Im Esszimmer herrschte Schweigen. Irgendwann wollte seine Mutter ihm nachgehen, wurde allerdings von ihrem Mann aufgehalten.
„Lass mich das mal machen. Ich denke, dass ich mehr bei ihm erreiche.“
Tom saß neben der Gartenhütte und hatte sich mit dem Rücken dort angelehnt. Sein Vater setzte sich neben ihn.
„Was ist passiert?“
„Ich habe Scheiße gebaut…“
„Das haben wir uns schon gedacht. Ansonsten würde Anna die den Kontakt zu Ben niemals verbieten. Also? Was hast du gemacht?“
Tom seufzte.
„Eigentlich hat alles damit angefangen, dass ich damals was mit Franziska angefangen hab.“
„Das war das dümmste, das du jemals getan hast!“
„Ich weiß…“, seufzte Tom.
„Ich hab Anna geliebt. Keine Ahnung, was mich zu diesem Mist verleitet hat.“
„Ja, das frage ich mich auch…“
Tom schaute zu seinem Vater.
„Ich liebe Anna immer noch…“
„Warum bist du dann mit Franziska zusammen und nicht mit ihr?“
„Weil Anna mich damals rausgeworfen hat. Sie hasst mich für das, was ich getan hab. Und ich kann sie verstehen. Ich weiß nicht, ob ich ihr sowas hätte verzeihen können.“
„Meinst du nicht, dass ihr das noch einmal irgendwie hinbekommen hättet?“
„Ich weiß es nicht. Anna und ich wollten damals noch ein zweites Kind. Eigentlich war ich glücklich mit ihr und Ben. Wir wollten unsere Familie vergrößern, ein Geschwisterchen für Ben.“
Tom machte eine Pause und atmete tief durch. Sein Vater wartete still, bis er weiter redete.
„Letzt Woche habe ich Anna gefragt, ob es vielleicht doch wieder funktioniert hätte, wenn wir noch ein Kind bekommen hätten. Aber sie meinte, dass das nichts geändert hätte.“
„Na ja, dann wäre sie mit zwei Kindern alleine gewesen.“
„Das habe ich ihr auch gesagt. Aber Anna hätte mich trotzdem raus geworfen.“
„Bist du dir da sicher?“
Tom nickte.
„Sie war damals schwanger…“
„Was?“
„Anna war damals schwanger. Als sie Franzi und mich erwischt hat, kam sie gerade vom Arzt.“
„Was ist mit dem Kind?“
„Sie hat es verloren… Anscheinend war es alles etwas zu viel für sie… Am gleichen Tag hatte sie eine Fehlgeburt…“
„Oh man…“, hauchte Toms Vater. „Seit wann weißt du es?“
„Seit letzter Woche. Anna hat mir damals nichts gesagt. Sie wollte nicht, dass ich es weiß, wollte mich nicht da haben.“



Im Haus war Franziska genervt, dass Tom raus gegangen war. Toms Mutter bemerkte das.
„Was ist dein Problem Franziska?“
„Mein Problem ist, dass Tom sich verhält, wie er sich verhält!“
„Wie soll er sich denn verhalten? Er darf Ben nicht mehr sehen!“, warf Toms Bruder ein.
„Na und? Er hat doch Ferdinand und mich! Außerdem könnte er eine Menge Geld sparen, wenn er keinen Unterhalt mehr zahlen müsste!“
„Raus! Raus aus meinem Haus!“, sagte Toms Mutter bestimmt zu ihr.
Verwirrt sah Franziska sie an.
„Ich möchte, dass du sofort mein Haus verlässt!“
„Von mir aus. Komm Ferdinand! Wir gehen!“
Franziska stand auf und nahm die Hand ihres Sohnes. Toms Mutter folgte ihr. Franziska wollte ebenfalls in den Garten gehen.
„Tom bleibt hier! Du gehst! Und zwar jetzt sofort!“
„Wie denn? Wir sind mit seinem Auto hier!“
„Dann nimm dir ein Taxi! Aber du verlässt jetzt sofort dieses Haus!“
Beleidigt drehte Franziska sich um und verließ das Haus. Toms Mutter ging ebenfalls in den Garten.
„Ich habe Franziska rausgeworfen!“, sagte sie zu Tom.
Dieser nickte nur.
„Ich verstehe nicht, wie du dich jemals mit ihr einlassen konntest. Sie findet es gut, dass du Ben nicht mehr sehen darfst!“
Jetzt zuckte Tom mit den Schultern.
„Willst du nichts dazu sagen?“
„Was soll ich sagen, Mama? Ich bin es doch selber in Schuld. Anna hasst mich. Ich habe Dinge getan und Sachen gemacht, die ich sie mir nicht verzeihen kann. Ich habe es nicht anders verdient.“
„TOM! Es geht um deinen Sohn!“, sagte seine Mutter.
„Ich weiß. Aber… Ach scheiße! Ich hab immer weniger Zeit mit Ben verbracht, zu seinem Geburtstag bin ich nicht aufgetaucht und als ich ihn abholen wollte, bin ich zu spät gekommen. Anna war sauer. Sie hatte mir vorher schon gesagt, dass sie mir den Kontakt zu Ben verbieten würde, wenn er nur noch einmal wegen mir weinen würde. Und das hat er dann getan, als ich nicht da war.“
„Aber das war doch noch nicht alles, oder?“
„Nein…“, seufzte Tom. „Wir haben uns gestritten. Dann kam eins zum anderen und ich war ziemlich gemein.“
„Was hast du gesagt?“, wollte nun sein Vater wissen.
Wieder seufzte Tom.
„Ich habe nicht nachgedacht, was ich sage…“
„Tom! Was hast du gesagt?“, fragte seine Mutter streng nach.
„Dass sie genau weiß, dass Ben kein wirkliches Wunschkind war…“, murmelte Tom.
Seine Eltern sahen ihn geschockt an.
Da sie mittlerweile alle standen, verpasste seine Mutter ihm eine Ohrfeige.
„Danke, davon hat Anna in letzte Zeit schon genug verteilt.“
„Und das ja wohl mit Recht! Was bist du für ein Arschloch geworden?“, schrie seine Mutter ihn regelrecht an.
„Sieh zu, dass du das wieder auf die Reihe bekommst!“, sagte sein Vater dann und ging wieder ins Haus.
„Ohne Ben brauchst du hier nicht mehr auftauchen!“, bekam er noch von seiner Mutter gesagt, bevor auch sie wieder ins Haus ging.
Tom stand noch eine Weile draußen, bevor er auch wieder nach drinnen ging. Der Rest des Tages verlief komisch. Alle waren sehr ruhig und die Stimmung war sehr angespannt. Tom fuhr wieder nach Hause. Dort wartete Franziska bereits auf ihn. Sie saß im Wohnzimmer. Tom blieb im Türrahmen stehen.
„War es noch schön?“, fragte Franziska ironisch nach.
Tom schüttelte nur den Kopf.
„Ich schlafe heute Nacht auf dem Sofa und morgen werde ich ausziehen.“, sagte Tom zu ihr.
„Was?“
„Du hast schon richtig gehört.“
„Du verlässt mich?“
„Ich hätte mich nie auf eine Beziehung mit dir einlassen sollen. Das war alles ein Fehler. Schon unsere Affäre damals. Ich habe damit meine Familie zerstört. Und jetzt habe ich mich von dir soweit treiben lassen, dass ich meinen eigenen Sohn nicht mehr sehen darf.“
„Aber du hast doch jetzt Ferdinand und mich!“
„Ferdinand ist nicht Ben! Ferdinand ist nicht mein Sohn! Ben schon! Und du bist nicht Anna! Das warst du nie!“
Franziska sah ihn traurig an.
„Du liebst sie immer noch, oder?“
„Ja. Das mit uns war von Anfang an ein Fehler.“
Franziska stand auf und verließ das Wohnzimmer. Kurze Zeit kam sie zurück und legte Toms Bettzeug auf das Sofa.
Am nächsten Tag packte Tom seine wichtigsten Sachen und verließ das Haus. Den Rest wollte er irgendwann holen. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass er nicht ohne Ben kommen sollte. Also versuchte er es bei seinem Bruder. Irgendwo musste er ja hin. Sein Bruder war zum Glück dazu bereit ihn aufzunehmen. Jetzt erzählte er auch seinem Bruder alles. Dieser war geschockt. Geschockt, darüber, was alles passiert war und geschockt darüber, wie sein Bruder sich verhalten hatte.


Für Toms Eltern gab es an diesem Tag allerdings überraschenden Besuch. Anna kam mit Ben vorbei. Sie wusste ja, dass Toms Mutter Geburtstag hatte. Immerhin hatte Tom ihn mitnehmen wollen. Aber Anna hatte es nicht erlaubt. Da sie sich mit Toms Eltern immer noch gut verstand, fuhr sie mit Ben zu ihnen. Sie waren Bens Großeltern und Anna wollte ihrem Sohn nicht alles nehmen. Toms Eltern freuten sich wahnsinnig, dass Anna mit Ben gekommen war. Ben schenkte seiner Oma ein Bild von sich. Anna war mit ihm beim Fotografen gewesen. Sie freute sich wahnsinnig. Nachdem sie noch ein Stück Kuchen vom Vortag gegessen hatten, ging Ben mit seinem Opa zum Spielen in den Garten. Anna blieb mit Toms Mutter im Haus. Sie unterhielten sich und redeten über das, was geschehen war. Toms Mutter wusste von ihrem Mann, dass Anna damals schwanger gewesen war. Auch darüber redeten die beiden Frauen. Toms Mutter verstand Anna. Immerhin ging es darum, dass es Ben gut gehen sollte. Und Tom schien ihm im Moment nicht gut zu tun. Als Anna und Ben sich verabschiedeten, hielt Toms Mutter Anna noch einmal zurück.
„Anna, egal wie sich das mit Tom alles entwickelt, bitte versprich mir, dass wir Ben weiterhin sehen dürfen.“
Anna nickte.
„Ihr dürft immer vorbei kommen und Ben besuchen. Oder ich bringe ihn zu euch. Ich möchte nur nicht, dass er weiterhin Kontakt zu Tom hat. Ben weint jedes Mal, wenn er wieder ein Versprechen nicht hält. Und das passiert mittlerweile jeden Monat. Ich muss mein Kind schützen.“
„Ich verstehe dich. Zu Tom habe ich sowieso gesagt, dass er ohne Ben nicht mehr herkommen braucht. Wie werden ihm nichts sagen. Das muss er selber auf die Reihe bekommen.“
„Für Ben hoffe ich, dass er es irgendwann schafft. Ben braucht einen Vater. Aber Tom war in den letzten Monaten kein richtiger Vater. Ihm war immer alles andere wichtiger.“
„Besonders diese Franziska und ihr Sohn“, warf Toms Vater abwertend ein.
„Wir sehen uns. Ich melde mich bei euch wegen Ben.“, verabschiedete Anna sich.



In den nächsten Tagen versuchte Tom auch weiterhin Kontakt zu Ben oder Anna aufzunehmen. Allerdings scheiterte er auch weiterhin. Irgendwann fuhr er gemeinsam mit seinem Bruder zu seinen Eltern.
„Ich hatte doch gesagt, dass du ohne Ben hier nicht mehr aufzutauchen brauchst!“, wurde er von seiner Mutter begrüßt.
„Ich hab mich von Franzi getrennt und bin ausgezogen.“
„Wann?“, wollte seine Mutter wissen.
„Getrennt habe ich mich an deinem Geburtstag und einen Tag später bin ich ausgezogen.“
„Wo wohnst du jetzt?“
„Erst mal bei mir.“, warf sein Bruder ein.
Seine Mutter nickte und ließ ihre beiden Jungs ins Haus. Sie berichtete ihrem Mann sofort von Toms Trennung.
„Bist du also endlich schlau geworden?“, fragte dieser seinen Ältesten.
Tom antwortete ihm nicht. Er stand gerade vor dem Regal, auf dem seine Eltern Fotos aufgestellt hatten. Es waren auch viele Bilder von Ben dabei. Tom betrachtete jedes Bild von seinem Sohn ganz genau. Dann sah er ein Bild, das er nicht kannte. Es musste neu sein.
„Wo kommt das Bild her? Das kenne ich gar nicht.“
Seine Mutter trat neben ihn.
„Das hat Ben mir zum Geburtstag geschenkt.“
„Zum Geburtstag?“
„Ja. Er war letzten Sonntag hier. Anna ist mit ihm vorbei gekommen.“
Tom sah seine Mutter verletzt an. Sie hatte Ben gesehen, hatte anscheinend weiterhin Kontakt zu ihm und er konnte nichts machen. Er vermisste seinen Sohn.
„Ich vermisse ihn…“
„Das bist du selber in Schuld.“
„Ich weiß…“
„Das mit Anna hast du dir für immer versaut. Aber kämpfe wenigstens um dein Kind!“
Tom nickte.





Was das Sorgerecht für Ben betraf, hatten Anna und Tom alles über ihre Anwälte regeln lassen. Diese hatten ihnen nahegelegt, sich außergerichtlich zu einigen. Also trafen sich Anna und Tom gemeinsam mit ihren Anwälten. Anna brachte auch sofort ihr Anliegen vor.
„Ich möchte das alleinige Sorgerecht für meinen Sohn. Es würde vieles erleichtern. Die Zahnlungen kann Ben auch einstellen. Wir brauchen sein Geld nicht und kommen auch gut alleine klar.“
Tom schüttelte danach nur traurig den Kopf. Er wollte Ben nicht verlieren.
Weshalb?“, fragte Toms Anwalt nach.
„Ben braucht Beständigkeit in seinem Leben und die kann Tom ihm nicht geben.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Tom kümmert sich nicht so um Ben, wie er es tun sollte. Immer wieder kommt er zu spät zu Treffen oder erscheint gar nicht. Ben wird regelmäßig von ihm enttäuscht und ich muss dann sehen, wie ich das wieder hinbekomme. Er ist noch nicht einmal zu seinem letzten Geburtstag gekommen. Ben scheint Tom völlig egal zu sein.“
„DAS IST NICHT WAHR!“, schrie Tom auf. „Ben ist mein Sohn! Er ist mir alles andere, als egal!“
„Davon merke ich viel! Wie oft ist er bei dir? Wie oft besuchst du ihn? Du schaffst es ja noch nicht einmal anzurufen, wenn er Geburtstag hat!“
„Meinem Mandanten ist etwas Wichtiges dazwischen gekommen.“, versuchte Toms Anwalt die beiden zu beschwichtigen.
„Es war sein Geburtstag! Als Vater sollte einem nichts wichtiger sein, als das eigene Kind!“
„Da muss ich meiner Mandantin Recht geben. Besonders gut hat er sich nicht um seinen Sohn gekümmert.“, brachte sich nun auch Annas Anwalt ein.
„Eben! Weißt du eigentlich, wie oft Ben in den letzten Monaten geweint hat, weil du mal wieder nicht gekommen bist?“, machte Anna wütend weiter.
„Es tut mir leid Anna…“
„Schön! Aber dafür ist es zu spät!“
„Ich will Ben nicht verlieren…“
„Das hättest du dir früher überlegen müssen! Das letzte Mal hast du mir noch an den Kopf geknallt, dass Ben kein Wunschkind gewesen ist! Warum interessiert er dich jetzt auf einmal? Anscheinend wolltest du ihn ja sowieso nie haben!“
„Das stimmt nicht! Und das weißt du ganz genau! Ben ist das Beste, was mir je passiert ist und er ist mir verdammt wichtig!“
„Aber anscheinend nicht so wichtig, wie Ferdinand!“
„Wer ist Ferdinand?“, wollte nun Toms Anwalt wissen.
„Der Sohn seiner neuen Freundin. Im Übrigen ist sie die Person, mit der er mich damals betrogen hat.“
„Ist er ihr gemeinsamer Sohn?“, wurde Tom von seinem Anwalt gefragt.
„Nein. Ferdinand stammt aus einer früheren Beziehung von Franziska. Ich kenne seinen Vater nicht und er selber auch nicht. Der Kerl interessiert sich nicht für seinen Sohn.“
„Dann ist er ja wie du!“, maulte Anna ihn an.
„Ist er nicht! Mir ist Ben nicht egal!“
„Warum hast du dann nie Zeit für ihn? Franziska und Ferdinand sind dir wichtiger, als Ben!“
„NEIN! Anna, ich habe Scheiße gebaut. Ich habe verdammt große Scheiße gebaut. Aber das mit Franziska und mir, das war nie so wie mit uns. Ich bin doch damals nur zu ihr, weil ich nicht wusste, wo ich hin sollte.“
„Und bist dann einfach ganz da geblieben oder was? Erzähl keinen Mist Tom!“
„Was hätte ich denn machen sollen, als du mich rausgeworfen hast? Meine Eltern hätten mich nicht aufgenommen.“
„Warum bist du dann bei ihr geblieben? Du hast mit Franziska und Ferdinand heile Familie gespielt und dein eigener Sohn ist immer mehr in den Hintergrund gerückt!“
„Ich weiß… Und es tut mir leid…“
„Also stimmt das, was meine Mandantin gesagt hat?“
Tom nickte.
„Franziska hat mich einfach immer eingespannt. Sie wollte, dass ich für Ferdinand da bin. Das war ich auch immer gerne. Ich mag den Jungen. Aber dabei habe ich leider meinen eigenen Sohn etwas aus den Augen verloren.“
„Etwas aus den Augen verloren.“, wiederholte Anna seine Worte mit einem ironischen Unterton.
„Ich habe einen Fehler gemacht und es tut mir leid!“
„Toll. Aber dann kannst du diesen Fehler jetzt weiter ausführen! Heirate Franziska und adoptier Ferdinand. Dann hast du wieder einen Sohn! Mit Ferdinand verbringst du ja sowieso lieber deine Freizeit, als mit Ben!“
„Das stimmt nicht! Außerdem habe ich mich von Franziska getrennt.“
Daraufhin sagte Anna nichts mehr. Sie hatte es akzeptiert, dass Tom eine neue Freundin hatte. Sie musste es akzeptieren. Auch wenn es ihr verdammt weh tat. Aber dass er sich von ihr getrennt hatte, freute sie trotzdem. Immerhin hatte diese Frau ihre Beziehung und ihre Familie zerstört.
„Anna, ich habe gemerkt, dass einiges falsch läuft. Ich konnte das so einfach nicht mehr. Ben ist mir wichtiger als alles andere. Also habe ich mich von Franziska getrennt und wohne im Moment bei meinem Bruder.“
„Das ist mir egal! Ich bleibe bei meiner Meinung. Wenn du nicht freiwillig auf meinen Antrag eingehst, dann werde ich mich vor Gericht schon durchsetzen!“
„Ich denke, das führt hier zu nichts. Wir haben versucht, uns außergerichtlich zu einigen, aber das schein nicht zu funktionieren.“, sagte nun Annas Anwalt.
Sie beendeten das Treffen und niemand war mit dem Ergebnis zufrieden. Anna hatte wirklich gedacht, dass Franziska ihn soweit bearbeitet hatte, dass er ohne Probleme einwilligen würde.







Bis zum Gerichtstermin würde es leider noch etwas dauern. Da Tom um Ben kämpfen wollte, hatten seine Eltern ihn bei sich aufgenommen. Allerdings wusste Anna davon nichts. Sie hatten Angst, dass sie Ben ansonsten eventuell nicht mehr sehen durften. Zumindest würde Anna ihn nicht mehr ohne weiters bei ihnen vorbei bringen. Tom war zum Glück viel auf der Arbeit. Er stürzte sich quasi direkt in seine Arbeit, da er sich irgendwie ablenken wollte. Er wollte nicht zu oft an Anna, Ben und die aktuelle Situation denken. Nach der Trennung damals hatte er es genauso gemacht.
Anna hatte mittlerweile wieder einen neuen Freund. Niemand wusste von ihm. Nicht einmal Ben. Anna wollte erst sehen, wie sich alles entwickelte. Die beiden kannten sich schon länger und irgendwann hatte Anna sich auf eine Beziehung zu ihm eingelassen. Das mit Tom war immerhin schon länger vorbei. Auch wenn sie sich eingestehen musste, dass sie immer noch Gefühle für ihn hatte. Alex war ein netter Kerl. Er wusste, dass Anna einen Sohn hatte. Das hatte ihn nicht gestört. Er freute sich auch schon darauf, Ben irgendwann kennen zu lernen. Allerdings verstand er auch Annas Bedenken. Immerhin war die Situation auch für Ben nicht einfach. Anna wollte sich einfach sicher sein, dass diese Beziehung etwas länger hielt. Ben sollte sich nicht erst an Alex gewöhnen, wenn sie sich nicht sicher war und er eventuell irgendwann wieder weg war. Sicherlich wusste sie, dass ihr niemand eine Garantie dafür geben konnte, dass die Beziehung ewig halten würde. Aber sie sollte schon etwas länger andauern, wenn Ben und Alex sich kennen lernen sollten.
Irgendwann hatte Anna sich dazu durchgerungen, dass Alex und Ben sich kennen lernen sollten. Ben war anfangs etwas skeptisch gewesen, aber Alex fand schnell einen Draht zu dem Jungen. Anna war darüber mehr als erleichtert.
Toms Eltern wollten Ben übers Wochenende zu sich nehmen. Tom selber würde nicht da sein. Er hatte sich für eine Fortbildung angemeldet. Also war es perfekt. Anna fuhr Ben zusammen mit Alex zu Toms Eltern. Sie wollte ihnen sagen, dass es einen neuen Mann in ihrem Leben gab. Besonders begeistert waren Toms Eltern darüber nicht. Anna war immer noch ihre Wunschschwiegertochter. Sie hatten sie schon immer sehr gemocht. Aber sie wussten auch, dass Anna das Recht hatte, sich einen neuen Mann zu suchen. Also hatten sie Anna und Alex kurzfristig zum Abendessen eingeladen. Sie saßen gemütlich zusammen im Esszimmer und unterhielten sich. Dann schloss jemand die Haustür auf. Das bekam allerdings niemand mit. Und plötzlich stand Tom im Esszimmer. Er sah geschockt in die Runde. Die Anwesenden sahen ihn ebenso geschockt an. Nur Ben strahlte über das ganze Gesicht.
„PAPA“, schrie er.
Sofort sprang er von seinem Stuhl und lief zu seinem Vater. Tom nahm ihn sofort auf den Arm, drückte ihm einen Kuss auf die Haare und presste ihn feste an sich.
„Hey mein Großer…“
„Was machst du hier?“, fragte Anna mehr als geschockt.
„Ich wohne wieder hier. Die Frage ist wohl eher, was ihr hier alle macht und wer dieser Kerl ist?“ Dabei zeigte er auf Alex.
„Das ist Alex! Mamas Freund!“, berichtete Ben stolz.
Tom war geschockt. Annas Freund. Das konnte doch nicht sein. Das durfte nicht sein. Warum? Eigentlich war ihm ja klar, warum. Aber trotzdem schmerzte es. Er wusste, dass Anna jedes Recht hatte und er nicht. Und trotzdem tat es verdammt weh.
„Was machst du überhaupt hier? Ich dachte du hättest eine Fortbildung.“, wollte nun sein Vater wissen.
Tom zuckte mit den Schultern.
„Hab ich auch eigentlich. Bin auch hingefahren. Hatte dann aber keinen Bock mehr.“
„Seit wann wohnt er wieder hier?“, fragte Anna Toms Eltern.
Toms Mutter schaute betreten vor sich.
„Seit kurzem…“
„Und ich habe euch meinen Sohn anvertraut?“
„Anna, wenn Ben hier war, war Tom nie da. Er hat ihn überhaupt nicht gesehen.“
„Aber…“, wollte Anna widersprechen, wurde allerdings von Tom unterbrochen.
„Moment mal! Heißt das, dass Ben immer wieder hier war?“, fragte Tom leicht wütend nach.
„Ja. Wir wollten unseren Enkel sehen.“, antwortete ihm seine Mutter.
„Ich fasse es nicht! Ihr seid meine Eltern!“
„Aber auch Bens Großeltern!“, warf sein Vater ein. „Und nur, weil du nichts auf die Reihe bekommst und alles versaust, verzichten wir bestimmt nicht auf unseren Enkel!“
Jetzt stand Alex auf.
„Ich gehe lieber. Hiermit habe ich nichts zu tun.“ Dann gab er Anna einen Kuss. „Ich nehme mir ein Taxi. Sehen wir uns später?“
Anna nickte.
„Kannst du Ben mitnehmen? Er muss das hier ja nicht unbedingt mitbekommen.“
Alex nickte und ging dann zu Tom, um ihm Ben abzunehmen.
„Ben? Kommst du schon mal mit mir? Wir gehen schon mal nach Hause.“
Tom drehte sich demonstrativ von Alex weg. Ben hatte er immer noch auf dem Arm.
„Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass ich dir meinen Sohn mitgebe?“
„Doch. Anna möchte es so.“
„Ben bleibt hier!“
„Tom bitte! Soll er das wirklich alles mitbekommen? Das kannst auch du nicht wollen!“
„Nein. Aber Ben kann nach oben gehen und spielen. Er geht nicht mit diesem Kerl mit!“
Anna stand auf.
„Gut. Dann gehen wir jetzt alle drei.“
Sie ging auf Tom zu und wollte ihm Ben vom Arm nehmen. Allerdings drehte Tom sich noch weiter von ihr weg.
„Tom, mach jetzt bitte keinen Ärger! Gib mir einfach meinen Sohn. In ein paar Wochen ist der Gerichtstermin. Dann hat sich das sowieso erledigt.“
„Deinen Sohn? Ben ist unser Sohn! Und jetzt bleibt er hier!“
Ben hatte etwas Angst bekommen und fing an zu weinen. Anna wollte zu ihm, aber nun drehte sich nicht nur Tom von ihr weg, sondern auch Ben.
„Ben…“
„Will bei Papa bleiben!“, sagte er trotzig.
Anna seufzte und drehte sich zu Alex um.
„Alex, vielleicht wäre es besser, wenn du jetzt gehst. Ich muss das hier alleine regeln. Wir sehen uns morgen.“
Alex nickte nur und verließ dann das Haus. Tom ließ Ben herunter und wandte sich dann an Anna.
„Dein Ernst? Dieser Kerl? Was soll das Anna?“
Anna funkelte ihn wütend an. Dann verpasste sie ihm eine Ohrfeige.
„Halt einfach deinen Mund! Ich habe dich nicht betrogen! Immerhin sind wir seit langem getrennt! Ich habe jedes Recht mir einen neuen Partner zu suchen!“
Ben war weinend zu seiner Oma gelaufen. Diese hatte ihn nun auf dem Schoß und versuchte ihn zu beruhigen. Toms Vater trat zu ihnen.
„Ich werde jetzt mit Ben und deiner Mutter nach oben gehen. Und ihr beiden, ihr klärt das jetzt ein für alle Mal! Habt ihr das verstanden? Das was ihr veranstaltet, ist weder gut für euch beide, noch für Ben!“
Dann ging er wieder zu seiner Frau, um mit ihr und Ben den Raum zu verlassen. Anna und Tom schwiegen sich erst einmal an. Dann ergriff Tom das Wort.
„Anna, du kannst das alles nicht wollen. Nicht wirklich. Das bist doch nicht du. Hast du eben gesehen, wie Ben sich gefreut hat, als er mich gesehen hat?“
„Ja, das habe ich. Genauso hat er sich immer gefreut, wenn du ihn abholen kamst. Aber so schön das auch war, war es eben so schlimm, wenn er geweint hat und enttäuscht war, wenn du nicht gekommen bist und wieder mal ein Versprechen gebrochen hast.“
Tom seufzte.
„Ich weiß. Und es tut mir verdammt leid. Ben… Verdammt! Er ist mein Sohn! Ich liebe ihn mehr, als mein Leben! Du kannst ihn mir nicht wegnehmen!“
„Das hast du selber getan. Ich hatte dich gewarnt. Aber dir war es anscheinend egal.“
„Nein, das war es nicht. Aber ich hatte einfach Angst. Du hast mich verlassen. Dazu hattest du auch jedes Recht. Ich kann es verstehen. Aber danach hatte ich nur noch Franziska. Meine Eltern haben mich wahrscheinlich genauso gehasst, wie du. Ebenso meine Geschwister. Ich hatte einfach Angst, dass ich sie auch noch verliere.“
„Und dann setzt du lieber den Kontakt zu deinem Sohn auf Spiel? Was bist du eigentlich für ein egoistisches Arsch? Kannst du mir mal sagen, warum ich mich damals in dich verliebt habe? Warst du damals auch schon so? Dann muss ich blind gewesen sein.“
„Ich weiß, dass mein Verhalten scheiße war. Ich habe dich verletzt und Ben auch. Aber du musst mir glauben, dass ihr beide immer das Wichtigste in meinem Leben wart. Und das werdet ihr auch immer sein. Anna, ich liebe dich immer noch genauso wie früher. Ich habe nie aufgehört dich zu lieben. Das mit Franziska… Keine Ahnung was das genau war oder warum ich das gemacht hab.“
„Soll ich dir ein paar Möglichkeiten aufzählen? Ich war die zu langweilig, die Luft war raus, du wolltest mal was anderes austesten, mal was anderes machen, was Neues erleben? Brauchst du noch mehr?“
„Anna bitte. Trenn dich von diesem Kerl und lass und nochmal von vorne anfangen.“
„Ach so. Du meinst, weil du Schluss mit Franziska hast, soll ich jetzt mit Alex Schluss machen oder was? Deine kleine, heile Familie ist kaputt gegangen, dann probieren wir es mal mit der alten? Ist dir plötzlich aufgefallen, dass du noch ein Kind hast? Dass du schon mal eine Familie hattest? Was soll das alles Tom?“
„Ich habe Scheiße gebaut und bin gerade endlich dazu bereit, mir das einzugestehen! Gib uns bitte noch eine Chance.“
„Nein! Was willst du eigentlich? Willst du Kontakt zu Ben oder brauchst du wieder ne Freundin, damit du wieder das zum Vögeln hast?“
„Verdammt Anna! Nein! Ich brauche dich und Ben! Ihr seid meine Familie! Franziska und Ferdinand waren das nie! Immer nur du und Ben!“
„Genau! Deshalb hast du mich auch mit ihr betrogen und bist direkt danach zu ihr gegangen!“
„Ja, es war scheiße! Das weiß ich! Aber ich kann es nun mal nicht mehr ändern! Wenn ich die Zeit zurück drehen könnte, dann würde ich es anders machen!“
„Pass auf! Ich gehe jetzt. Ben bleibt bis morgen hier. Er soll sich beruhigen. Gegen Mittag hole ich ihn wieder ab. Genieß die Zeit mit ihm. Ich weiß nicht, wann ich dir das nächste Mal die Gelegenheit dazu geben.“
Dann ging Anna zur Tür.
„Anna!“, rief Tom ihr nach, aber sie reagierte nicht.

Als Anna Ben am nächsten Tag abholte, war es komisch. Ben wollte nicht wirklich mit ihr nach Hause. Er wollte gerne bei seinem Vater bleiben. Irgendwie konnte Anna ihren Sohn ja verstehen. Er vermisste seinen Vater. Ben hatte Tom immer vermisst, seitdem Anna ihn raus geworfen hatte. Aber Anna konnte oder wollte es einfach nicht mehr zulassen, dass Tom ihren Sohn weiterhin enttäuschte. Vielleicht war sie auch einfach selber viel zu enttäuscht von Tom. Immerhin hatte er sie betrogen und sich danach seiner Affäre zugewandt und sich fast nur noch um sie und ihren Sohn gekümmert. Für Ben war er kaum noch da gewesen und das hatte auch Anna extrem verletzt.
Als Anna mit Ben das Haus von Toms Eltern verließ, schaute Tom ihnen nach. Toms Mutter kam noch mit raus.
„Anna, es tut mir leid.“
Anna nickte nur und schnallte Ben an.
„Dürfen wir Ben auch weiterhin sehen?“, fragte Toms Mutter nun vorsichtig nach.
„Natürlich! Ihr seid seine Großeltern! Aber ich möchte nicht mehr, dass er zu euch kommt. Entweder ihr holt ihn ab und unternehmt etwas mit ihm oder ihr kommt zu uns.“
„Danke. Ben ist uns wirklich sehr wichtig.“
„Ich weiß.“
Dann stieg auch Anna ein und fuhr davon.

„Kommt Papa mich bald wieder holen?“, fragte Ben im Auto nach.
„Nein.“
„Aber warum denn nicht?“
Ben wirkte enttäuscht.
„Dein Papa hat viel zu tun und wenig Zeit.“
„Wegen Ferdinand?“
„Nein. Mit Ferdinand und Franziska hat das nichts zu tun. Papa wohnt wieder bei Oma und Opa. Mit Franziska ist er nicht mehr zusammen.“





Einige Wochen später war endlich der Gerichtstermin. Anna und Tom waren beide angespannt. Sie standen mit ihren Anwälten vor dem Saal und warteten darauf, dass sie rein konnten. Die Eltern der beiden waren ebenfalls da. Auch sie sollten eine Aussage machen. Ben war bei seinen Großeltern, die zusammen standen und versuchten, den Jungen abzulenken. Er wusste nicht, worum es hier ging. Verstehen würde er es eh nicht. Er wollte gerne zu seinem Vater, da er ihn in den letzten Wochen nicht mehr gesehen hatte. Allerdings hielten seine Großeltern ihn zurück. Tom und Anna sprachen jeweils mit ihren Anwälten und sollten sich auf den Termin konzentrieren. Als es dann endlich losging, waren die Aussagen sehr unterschiedlich. Tom machte immer wieder deutlich, wie wichtig ihm sein Sohn und auch Anna waren. Anna hingegen erklärte, wie sehr Tom Ben verletzt hatte und dass sie ihrem Sohn ein stabiles Umfeld bieten wollte und dass Tom dies nicht erfüllen konnte. Die Aussagen ihrer Eltern waren sehr unterschiedlich. Annas Eltern standen voll und ganz hinter ihr. Während Toms Eltern nicht wirklich auf einer Seite standen. Sie konnten verstehen, dass Tom seinen Sohn sehen wollte und weiterhin Kontakt zu ihm haben wollte. Aber sie konnten auch Anna verstehen. Immerhin war es oft schwer für sie gewesen, wenn Tom mal wieder einen Termin nicht eingehalten hatte. Zum Schluss sprach der Richter noch alleine mit Ben. Wirklich etwas sagte der Junge nicht, denn er hatte etwas Angst. Ben sagte nur, dass er seine Mama und seinen Papa lieb hatte und dass er seinen Vater vermisste. Das war wahrscheinlich dann auch der ausschlaggebende Punkt für das Urteil. Anna bekam nicht das alleinige Sorgerecht und die Treffen zwischen Tom und Ben wurden nun gerichtlich geregelt. Tom sollte an jedem zweiten Wochenende die Möglichkeit bekommen, seinen Sohn abzuholen und das Wochenende mit ihm zu verbringen. Anna war wütend und enttäuscht. Als sie fertig waren, stürmte sie regelrecht aus dem Saal. Tom rief ihr noch nach, aber das interessierte sie nicht. Draußen hatten ihre und Toms Eltern mit Ben gewartet. Sofort nahm sie ihren Sohn und verschwand mit ihm. Tom konnte so oft rufen, wie er wollte, sie blieb nicht stehen. Annas Eltern folgten ihr. Nun ließ Tom sich deprimiert auf einen der Stühle sinken. Seine Eltern setzten sich neben ihn.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte sein Vater vorsichtig.
„Wir haben weiterhin beide das gemeinsame Sorgerecht für Ben. Außerdem darf ich ihn jedes zweite Wochenende zu mir holen.“
„Aber das ist doch gut für dich!“, freute sich seine Mutter.
„Hm… Und trotzdem hasst Anna mich weiterhin. Wahrscheinlich sogar noch mehr, als vorher.“
„Das ist ja wohl auch verständlich.“, sagte sein Vater.
„Ich weiß…“, seufzte Tom. „Aber ich hatte einfach gehofft, dass sie vielleicht doch irgendwann wieder normal mit mir umgehen würde.“
„Dafür ist es zu spät Tom. Du hast ihr Vertrauen verloren.“
„Ich weiß. Aber ich liebe sie immer noch. Und dass ich Ben jetzt wieder sehen darf, hilft mir da auch nicht weiter.“
„Du weißt, dass Anna einen neuen Freund hat. Du musst es akzeptieren.“
„Sie hat Franziska auch nie akzeptiert.“
„Das ist ja wohl auch was völlig anderes!“, regte sich seine Mutter nun auf. „Das kannst du doch gar nicht miteinander vergleichen!“
„Wenn du meinst…“
Tom stand auf.
„Ich möchte jetzt gerne nach Hause.“
Auch seine Eltern erhoben sich und folgten ihm aus dem Gebäude.


In den nächsten Tagen meldete Anna sich nicht bei Tom. Nach einer Woche rief sie ihn jedoch an. Sie wollte mit ihm über sein Wochenende mit Ben sprechen.
„Es ist dein Wochenende. Du kannst ihn nach dem Mittagessen bei mir abholen und ihn am Sonntag gegen Nachmittag wieder zurück bringen.“
„Okay. Packst du ihm dann eine Tasche mit den wichtigsten Sachen?“
„Ja. Und enttäusch ihn nicht wieder.“
„Werde ich nicht. Ich werde ihn am Freitag holen und bis Sonntag bei mir lassen.“
„Ich hoffe es.“


Ann war noch nicht wirklich davon überzeugt, dass Tom das durchziehen würde. Aber er kam freitags tatsächlich pünktlich und brachte Ben auch erst sonntags wieder zu ihr. Anna öffnete ihm die Tür und Ben lief an ihr vorbei in die Wohnung.
„Können wir noch kurz reden?“, fragte Tom sie.
„Eigentlich nicht.“
„Bitte. Ich möchte mit dir nur einige Sachen klären. Zum Beispiel wegen den Ferien und dem Urlaub.“
„Also gut…“, seufzte Anna und ließ Tom in ihre Wohnung.
Die beiden setzten sich an den Esstisch. Tom sah sich unauffällig um. Viel hatte sich hier nicht verändert, seitdem er ausgezogen war.
„Kannst du mir aufschreiben, wann der Kindergarten zu hat? Also wann Ben Ferien hat?“
„Mache ich.“
„Danke. Wie hast du das sonst mit ihm in den Ferien geregelt?“
„Seit wann interessiert dich das?“
„Seitdem ich gemerkt habe, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich will mehr Zeit mit Ben verbringen.“
„Meistens habe ich mir Urlaub genommen, damit ich bei ihm sein konnte.“
„Aber dein Urlaub reicht nicht für alles, oder?“
„Nein. Die restliche Zeit war er meistens bei meinen Eltern.“
„Wir könnten uns die Ferien doch aufteilen. Das wäre für alle am einfachsten.“
„Wenn du das möchtest.“
„Ja. Das möchte ich. Ich habe in den letzten Jahren einiges falsch gemacht. Jetzt möchte ich es anders machen.“
„Ich hoffe nur, das bleibt auch so.“
„Wird es. Vertrau mir.“
Anna lachte kurz auf.
„Ich soll dir vertrauen? Glaubst du, dass ich das noch kann?“
„Nein. Nicht wirklich. Aber jetzt geht es um Ben und nicht um uns.“
„Es ging immer nur um Ben.“
„Bist du dir da wirklich sicher? Wolltest du mir nicht mit deinem Antrag und dem Gerichtstermin vielleicht einen auswischen?“
„Jetzt wirst du unfair!“
„Nein. Das ist einfach das, was ich denke.“ Tom sah vor sich. „Aber ich kann dich verstehen. Ich habe wirklich Scheiße gebaut. In den letzten Jahren habe ich wohl nichts richtig gemacht. Zumindest nichts, was dich und Ben angeht.“
„Fällt dir früh ein.“
„Ich weiß… Aber es tut mir wirklich leid…“
„Okay. Können wir uns jetzt wieder um das kümmern, weshalb du hier sitzt?“
Tom nickte.
„Wann hast du Urlaub. Ich versuche meinen dann noch umzulegen, falls es nicht passt.“
„Immer den ersten Teil der Ferien. Außer Weihnachten. Da habe ich komplett frei.“
„Okay. Dann schaue ich, dass ich die anderen Wochen frei bekomme.“
„Ich fahre mit Ben eine Woche weg.“, teilte Anna ihm nun mit.
„Nur mit Ben oder kommt dein Freund mit?“
„Nein. Nur Ben und ich. Alex und ich sind noch nicht soweit. Ich will Ben nicht überfordern. Er hat unter Franziska und Ferdinand schon genug gelitten.“
„Wie meinst du das?“
„Er hat immer wieder gefragt, ob es an Ferdinand liegt, dass du so wenig Zeit für ihn hast und ob du Ferdinand lieber hast, als ihn.“
„Scheiße…“, flüsterte Tom. „Anna, das wollte ich nicht! Wirklich nicht! Ferdinand war mir zu keinem Zeitpunkt wichtiger als Ben!“
„Und trotzdem hast du Ben immer wieder wegen ihm versetzt.“
Tom nickte.
„Ich weiß nicht, was mit mir los war. Ich habe mich einfach zu viel von Franziska beeinflussen lassen.“
„Ja, das hast du. Und Ben hat darunter gelitten.“
„Du auch.“
„Ja. Aber nicht so sehr wie Ben. Es tat nur einfach unwahrscheinlich weh, ihn immer wieder so enttäuscht und verletzt zu sehen.“
„Es tut mir leid Anna. Soweit werde ich es nie wieder kommen lassen.“
„Ich hoffe es. Noch einmal werde ich es auch nicht zulassen. Dann werde ich alles daran setzen, dass du Ben nie wieder siehst.“
„Ich weiß…“
„Gut. Wenn wir dann alles geklärt haben, kannst du ja wieder gehen.“
Tom nickte und stand auf.
„Ich verabschiede mich nur noch schnell von Ben.“
„Mach das.“
Tom ging ins Kinderzimmer, um sich von Ben zu verabschieden und verließ dann die Wohnung wieder.


Tom legte seinen Urlaub so, dass es mit Annas passte. Ben würde diese Zeit dann hauptsächlich bei Tom verbringen. Und da dieser immer noch bei seinen Eltern wohnte, konnte Ben automatisch auch viel Zeit mit seinen Großeltern verbringen. Diese freuten sich natürlich sehr darüber. Aber trotzdem wären sie froh, wenn Tom auch mal wieder ausziehen würde. Nachdem Tom mit seinen Eltern darüber geredet hatte, suchte er sich wieder eine eigene Wohnung. Dort richtete er auch ein Kinderzimmer für Ben ein. Dies freute auch Anna. Tom schien endlich bemerkt zu haben, dass er sich besser um Ben kümmern musste.

Nachdem Ben die Zweite Hälfte seiner Sommerferien bei seinem Vater verbracht hatte, ging es für ihn wieder in den Kindergarten. Die Woche über war er bei seiner Mutter und am Wochenende war er meistens bei seinem Vater. Wenn er ein Handballspiel hatte, kamen sie meistens beide. Anna freute sich, dass Tom sich geändert hatte.
Es war Samstag und Anna und Tom beobachteten wieder einmal ein Spiel von ihrem gemeinsamen Sohn.
„Kann ich gleich noch mit zu euch kommen?“, fragte Tom seine Exfreundin.
„Warum?“
„Ich würde gerne mit dir über etwas reden.“
„Um was geht es?“
„Können wir das bitte später besprechen? Es muss ja nicht jeder alles mitbekommen.“
Anna nickte.
„In Ordnung.“
Nach dem Spiel warteten die beiden darauf, dass Ben aus der Umkleide kam. Stolz lief der Junge auf seine Eltern zu. Er war mehr als glücklich, denn seine Mannschaft hatte gewonnen.
„Hey Großer! Ihr habt super gespielt!“, lobte Tom ihn.
Anna drückte ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange.
„Super gemacht!“, lobte sie ihn ebenfalls.
Dann schob Anna ihren Sohn aus dem Gebäude und Tom folgte ihnen. Als sie bei den Autos ankamen, sah Ben zu seinem Vater. Sein Blick wirkte traurig.
„Tschüss Papa… Bis nächste Woche…“
Dann wollte er ins Auto einsteigen.
„Papa kommt noch mit zu uns.“, sagte Anna zu ihrem Sohn.
Dieser sah sie erstaunt an. Aber man sah, dass er sich freute. Als sie bei Annas Wohnung ankamen, schloss Anna die Tür auf und ließ Ben und Tom eintrete.
„Spielen wir was?“, fragte Ben seinen Vater.
„Später vielleicht. Ich muss erst noch was mit Mama klären.“
Ben sah seinen Vater traurig an.
„Geh mal in dein Zimmer. Papa kommt nachher.“, sagte Anna zu Ben.
Ben befolgte die Anweisung seiner Mutter. Während Ben in sein Zimmer ging, gingen Anna und Tom in die Küche und setzten sich an den Esstisch.
„Also? Was ist los?“
„Es geht um Weihnachten und Silvester.“
Anna seufzte.
„Du willst mit Ben feiern.“
„Ja. Natürlich will ich das. Aber das ist nicht das einzige.“
„Was denn noch?“
„Du weißt, dass meine Familie seit Jahren über Weihnachten und Silvester in Urlaub fährt.“
„Ja. Aber was…“, Anna wollte nachfragen, was das mit Ben zu tun hatte, aber dann wurde es ihr klar. „Du willst Ben mitnehmen?“, fragte sie dann entsetzt.
Tom nickte.
„Das geht nicht!“, widersprach Anna ihm sofort.
„Warte! Lass mich erst erklären. Also du warst ja früher auch immer mit. Du kennst diese Urlaube. Ich möchte gerne, dass du auch mitkommst.“
„Was?“
„Anna, wir möchten beide mit Ben zusammen Weihnachten feiern. Also wäre das die einfachste Lösung.“
„Nein. Ich möchte nicht mit deiner Familie in Urlaub fahren!“
„Aber warum denn nicht? Früher bist du auch mitgekommen.“
„Ja, da waren wir aber auch ein Paar.“
„Na und? Wir haben immerhin noch einen gemeinsamen Sohn.“
„Was soll das bringen?“
„Wir würden beide zusammen mit Ben die Feiertage verbringen. So wäre es möglich. Außerdem würde Ben sich garantiert darüber freuen.“
„Es geht trotzdem nicht!“
„Warum nicht? Wegen deinem Freund?“
„Nein. Wir würden Weihnachten eh nicht zusammen verbringen.“
„Was ist dann dein Problem?“
Tom wurde langsam ungeduldig. Anna sprang auf und sah ihn wütend an.
„DU! Du bist mein Problem!“
„Was?“
„Du hast schon ganz richtig gehört!“
„Anna, was soll das?“
„Was das soll? Ich verbringe Ben zu Liebe Zeit mit dir und habe beschlossen, dass ich für ihn versuche mit dir klar zu kommen.“
„Dann kannst du doch auch Weihnachten mit Ben und mit verbringen.“
„Warum? Die letzten zwei Jahre warst du auch nicht da!“
„Anna, bitte. Ich versuche gerade, alles wieder irgendwie in die Reihe zu bringen. Lass es uns wenigstens versuchen. Wenn es total schrecklich ist, kannst du jeder Zeit früher nach Hause fahren. Mit Ben.“
Anna seufzte.
„Lass mir Zeit, um darüber nachzudenken. Ich kann das nicht jetzt einfach so entscheiden. Außerdem möchte ich mit Ben darüber reden.“
„In Ordnung. Sag mir dann einfach Bescheid.“
„Mache ich. Und jetzt geh noch ein bisschen zu Ben.“
Tom nickte, stand auf und ging zu seinem Sohn. Er spielte etwas mit Ben und verabschiedete sich dann wieder.
Nach einigen Tagen hatte Anna sich dazu durchgerungen, dass sie für Ben die Feiertage mit Tom und seiner Familie verbringen würde. Es würde mal wieder in die Berge gehen. Früher hatten sie schöne Skiurlaube miteinander verbracht und Anna hatte diese Zeit immer sehr genossen. Sie hoffte einfach, dass Ben die Zeit gut tun würde. Annas Eltern sahen es nicht gerne, dass Anna mit Ben mitfahren wollte. Sie hassten Tom für alles, was er Anna und Ben angetan hatte. Tom war froh, dass Anna sich dazu entschieden hatte, ihn zu begleiten. Er liebte Anna immer noch. Auch wenn er wusste, dass sie keine gemeinsame Zukunft mehr hatte. Dafür hatte er einfach zu viel falsch gemacht. Aber so konnte er wenigstens Zeit mit Anna und Ben verbringen. Denn diese gemeinsame Zeit zu dritt war auch weiterhin sehr rar.



Zwei Tage vor Weihnachten war es dann soweit. Tom brach mit seiner Familie zusammen in den gemeinsamen Urlaub auf. Ebenso wie Anna und Ben. Ben war total begeistert, dass sie alle zusammen Urlaub machen würden. Anna freute sich mittlerweile auch auf den Urlaub. Vielleicht würde es ein bisschen wie früher werden. Es ging in ein Hotel in Österreich. Dort hatten Toms Eltern kleine Apartments gemietet. Das einzige, das Anna störte war, dass sie sich mit Tom ein Apartment teilen musste. Aber Toms Eltern hatten ihnen ein Apartment mit drei Schlafzimmern gebucht. Also konnte sich jeder zurück ziehen. Als sie ankamen, bezogen alle ihre Zimmer. Anna war total begeistert von dem kleinen Apartment. Es war schön eingerichtet und man hatte alles, was man brauchte.
„Was sagt eigentlich dein Freund dazu, dass du mit uns in Urlaub fährst?“
„Nichts.“
„Wie nichts? Er muss doch irgendwas dazu gesagt haben.“
„Nein, hat er nicht. Was soll er auch dazu sagen, wenn er es nicht weiß.“
Tom sah Anna mit weit aufgerissenen Augen an.
„Er weiß es nicht? Wolltet ihr euch nicht mal treffen in den nächsten Tagen?“
„Er ist auf Montage und bleibt auch über Weihnachten weg. Das ist zwar nicht schön. Aber er hat keine Familie. Also muss er für sowas herhalten.“
„Oh… Das ist natürlich scheiße.“
„Kann man nix dran machen. Ist halt eben so.“
Tom nickte und ging in sein Zimmer, um seine Sachen wegzubringen.

Anna und Ben verbrachten mit Tom und seiner Familie schöne Tage. Das Weihnachtsfest war schön. Alle genossen es. Vor allem Tom. Es war das erste Mal, seit der Trennung von Anna, dass er mit ihr und Ben zusammen feierte. Und erst jetzt merkte er, was er in den letzten zwei Jahren verpasst hatte. Aber jetzt genoss er die gemeinsame Zeit umso mehr.
In den kommenden Tagen gingen sie immer wieder Skifahren. Tom und Anna versuchten immer wieder, Ben das Skifahren beizubringen. Er stellte sich auch gar nicht so schlecht an. Und am Silvestermorgen fuhr er dann die kleine Piste schon vorsichtig alleine runter. Anna und Ben hatten sich in diesen Tagen nicht einmal gestritten. Sie hatten sich einfach gemeinsam mit Ben beschäftigt. Nach dem Mittagessen sollte Ben sich etwas hinlegen, damit er am Abend fit genug war. Auch Anna und Tom ruhten sich etwas aus. Der Abend wurde schön. Alle hatten viel Spaß und nach dem Feuerwerk wollte Ben dann ins Bett. Also brachten Anna und Tom ihn gemeinsam in sein Zimmer. Danach gingen sie wieder zu den anderen. Sie feierten mit Toms Familie noch einige Zeit. Natürlich floss dabei auch eine Menge Alkohol. Auch Anna hatte einiges getrunken. Als alle ins Bett wollten, ging sie gemeinsam mit Tom in das Apartment. Gerade, als Anna die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, sah Tom sie an.
„Der Abend war schön… Und die letzten Tage auch…“, sagte er.
Anna nickte nur.
„Ich habe es genossen. Also mit dir und Ben.“, redete er weiter.
Jetzt sah Anna ihn auch an. Und was dann passierte, konnte sich keiner der beiden so wirklich erklären. Anna küsste Tom. Dieser ließ sich nur zu gerne auf den Kuss ein. Dieser endete dann in Toms Schlafzimmer. Die beiden verbrachten die Nacht miteinander. Wahrscheinlich hatte sie nur der Alkohol soweit getrieben. Tom hatte es sich zwar die ganze Zeit gewünscht, aber trotzdem hätte er es im nüchternen Zustand wahrscheinlich nie getan. Und Anna? Sie versuchte immer wieder zu verdrängen, wie sehr Tom sie verletzt hatte und wie sehr sie ich trotz allem noch liebte. Am nächsten Morgen war Anna ziemlich geschockt, als sie in Toms Armen wach wurde und komplett nackt war. Sie konnte sich an die letzte Nacht nicht mehr erinnern. Als sie sich aus seinen Armen lösen wollte, zog Tom sie fester an sich.
„Bleib hier…“, nuschelte er.
Anna wollte aber nicht. Sie löste sich aus seiner Umarmung.
„Anna…“
Sofort drehte sie sich zu ihm um. Tom blickte sie aus kleinen Augen an.
„Es war wunderschön…“, flüsterte er ihr zu.
„Kann mich an nichts erinnern…“, gestand Anna leise.
Das brachte Tom zum Schmunzeln.
„Schade. Es war nämlich wirklich schön.“
„Aber das war eine einmalige Sache.“
Anna wollte gehen, aber Tom setzte sich auf und hielt sie fest.
„Warum Anna? Du hast es ebenso genossen, wie ich. Ich weiß, dass ich dir nicht egal bin.“
„Ich war betrunken, ich kann mich an nichts erinnern und natürlich bist du mir nicht egal. Wir waren jahrelang ein Paar und haben ein gemeinsames Kind!“
„Das meine ich nicht und das weißt du auch genau!“
„Tom, bitte lass es. Ich bin mit Alex zusammen.“
„Verstehe…“
Dann ließ er sie los. Anna nahm ihre Sachen und ging in ihr eigenes Schlafzimmer. Sie wusste genau, was er meinte, aber sie konnte es nicht zulassen. Viel zu groß war die Enttäuschung, die sie durch ihn erfahren hatte. Es tat einfach immer noch verdammt weh. Dass sie Alex betrogen hatte, tat ihr komischerweise nicht wirklich leid. Das mit Alex war sowieso komisch. Es war anders als damals mit Tom. Aber sie liebte Tom ja auch immer noch. Alex war ein netter und attraktiver Kerl und sie empfand auch etwas für ihn. Aber es war eben nicht das Gleiche, wie mit Tom. Sie empfand anders.
Tom lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Die Nacht war wunderschön gewesen. Es war genauso gewesen, wie früher. Das war das, was er in den letzten Jahren vermisst hatte. Bei Franziska war es anders gewesen. Aber Franziska hatte er auch nie so geliebt, wie Anna.


Die letzten drei Tage des gemeinsamen Urlaubs verliefen wieder normal. Anna und Tom taten einfach so, als wäre nichts passiert. Sie gingen weiterhin gemeinsam mit Luca Skifahren oder unternahmen etwas anderes mit ihm.
Als sie wieder Zuhause waren, ging es weiter, wie vorher auch. Tom kam am Wochenende vorbei und holte Ben ab. Ben schlief bei ihm und die beiden unternahmen etwas zusammen. Anna genoss diese freien Wochenenden. Alex war noch bis Anfang Februar auf Montage. Erst dann kam er wieder zurück. Also hatte sie am Wochenende, wenn Ben bei seinem Vater war, genug Zeit für sich. Irgendwie vermisste sie Alex und langsam bekam sie ihm gegenüber auch ein schlechtes Gewissen. Immerhin war sie mit ihrem Ex im Bett gewesen. Wenn Alex das erfahren würde, würde er ihr das nie verzeihen. Aber sie wollte Alex nicht verlieren. Er gab ihr Halt und er war der erste Mann, nach Tom, den sie wieder an sich ran ließ. Wenn er zurück kam, dann wäre er über drei Monate weg gewesen. Es war schwer. Aber es war anders, als mit Tom. In der Beziehung mit Tom hätte sie eine solche Zeit wahrscheinlich gar nicht erst ausgehalten.



Als Alex zurück kam, freute sie sich wahnsinnig. In den letzten Wochen war sie sehr einsam gewesen. Auch Ben freute sich, als Alex wieder zu ihnen kam. Die beiden kamen wirklich gut miteinander klar. Allerdings hatte Anna einen Fehler gemacht. Sie hatte Alex nichts davon gesagt, dass sie mit Tom und seiner Familie in Urlaub gewesen war. Als Alex jetzt bei Ben nachfragte, wie das Weihnachtsfest gewesen war, erzählte der Junge natürlich sofort alles. Alex schaute irgendwann zu Anna. Er wirkte enttäuscht.
„Ben, gehst du mal in dein Zimmer? Ich möchte kurz mit deiner Mama reden.“
Ben nickte und verschwand. Anna war die ganze Situation mehr als unangenehm.
„Ihr wart gemeinsam im Urlaub?“
Anna nickte nur.
„Warum erzählst du mir das nicht?“
Jetzt zuckte sie mit den Schultern.
„Anna? Warum?“
„Ich weiß es nicht…“
„Ich kann verstehen, dass ihr beide Weihnachten mit eurem Sohn verbringen wollt, aber warum muss man dann unbedingt zusammen in Urlaub fahren? Wollt ihr dem Kleinen jetzt die heile Familie vorspielen, die er nicht mehr hat?“
„Nein. Aber Toms Eltern machen das jedes Jahr. Es fahren alle mit. Als Tom und ich noch zusammen waren, sind wir auch immer mitgefahren.“
„Ja, als ihr noch zusammen wart!“
„Alex, wir haben ein Kind zusammen. Da kann man sich nicht einfach so trennen. Gewissen Dinge muss man dann einfach auch weiterhin so machen. Und ich bin einfach froh, dass Tom wieder so für Ben da ist.“
„Das kann ich ja auch verstehen. Aber wenn dir dieser Urlaub so wichtig war oder wenn er dazu gehört, warum sagst du mir dann nichts davon?“
„Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Ich habe es halt eben einfach nicht getan.“
„Anna, ich liebe dich. Und ich will dich einfach nicht an Tom verlieren. Ich habe Angst, dass du wieder zu ihm zurück gehst. Vor allem, wenn du mir solche Dinge verheimlichst. Ich weiß, dass du noch a ihm hängst. Wenn er dich damals nicht betrogen hätte, dann hätte ich nie eine Chance bei dir gehabt.“
Jetzt bekam Anna wirklich ein schlechtes Gewissen. Alex hatte Angst, die zu verlieren und sie war einfach mit Tom ins Bett gegangen. Was sollte sie nun tun? Sollte sie es ihm sagen? Anna wusste nicht, was sie machen sollte. Alles kam ihr irgendwie falsch vor.
„Oder habe ich dich schon längt an ihn verloren?“
Nun begann Anna zu weinen.
„Ich weiß es nicht…“
„Verstehe…“
„Nein! Du verstehst gar nichts! Tom ist Bens Vater! Mir wäre es am liebsten, wenn ich ihn einfach nicht mehr sehen müsste. Dann würde es nicht jedes Mal so weh tun, weil er mich jedes Mal daran erinnert, was er getan hat.“
„Du liebst ihn noch…“
„Ich weiß es nicht…“
„Doch! Das weißt du! Du empfindest noch genau das gleiche für ihn, wie früher! Du willst es dir nur selber nicht eingestehen!“
Jetzt schwiegen beide und Anna weinte leise weiter.
„Anna, ich liebe dich. Ich will, dass du glücklich bist. Aber mit mir kannst du das anscheinend nicht.“
„Ich bin glücklich mit dir!“
„Nein, das bist du nicht. Denn selbst wenn du mich liebst, Tom liebst du mehr und damit muss ich klar kommen. Vielleicht ist es besser wenn wir uns trennen. Vielleicht schaffen wir es auch befreundet zu bleiben. Ich würde es mir wünschen, denn ich habe auch Ben sehr gerne und würde auch ihn vermissen.“
„Das meinst du nicht ernst?“
„Doch. Ich merke, wenn etwas vorbei ist oder nichts mehr bringt. Und das mit uns bringt nichts mehr. Denn du liebst Tom.“
„Nein…“
„Anna, gesteh es dir endlich selber ein! Geh zu ihm und rede mit ihm! Wenn du willst, dann kann auch ich es tun! Aber ihr müsst euch über eure Gefühle klar werden. Und dass er dich noch liebt, das merkt jeder!“
Anna schüttelte nur den Kopf. Sie begriff langsam, dass Alex Recht hatte. Aber sie wollte es nicht. Sie wollte endlich wieder glücklich werden. Am liebsten mit Alex, denn er hatte ihr beigestanden, hatte sie unterstützt und sie geliebt. Tom hatte sie verletzt und hintergangen. Das konnte sie ihm nicht verzeihen.
„Ich gehe jetzt. Wenn du etwas brauchst, dann kannst du dich melden. Ich bin immer für dich und Ben da. Und wenn du nicht mit Tom redest, dann werde ich es tun.“
Anna sagte nicht. Sie wartete einfach, bis er die Wohnung verlassen hatte und ging dann ins Wohnzimmer. Das musste sie erst einmal verdauen.

Auch die nächste Zeit wurde nicht leichter. Sie vermisste Alex. Ben hatte natürlich mitbekommen, dass etwas nicht stimmte. Also hatte sie es ihm erklären müssen. Dieser hatte es natürlich auch seinem Vater gesagt. Und Tom hatte sich darüber gefreut. Alex war ihm von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Allerdings sagte Anna ihm nicht, was vorgefallen war und weshalb die beiden sich getrennt hatten. Er wusste also nicht, ob es daran lag, dass er und Anna Sex gehabt hatten oder ob etwas anderes vorgefallen war.

Anna ging es auch ansonsten nicht besonders gut. Nach einigen Tagen fing sie an, sich Gedanken zu machen. Sie hoffte einfach, dass sich ihr Verdacht nicht bestätigen würde. Aber als sie den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, brach ihre Welt zusammen. Sie wusste genau, dass Alex nicht als Vater in Frage kam. Es konnte nur von Tom sein. Und genau das war das Problem. Sie waren getrennt und das seit Jahren. Eine einzige Nacht hatten sie miteinander verbracht und nun war sie schwanger. Genauso ungeplant wie Ben damals. Nur, dass sie damals unter anderen Umständen schwanger geworden war. Damals war sie wenigstens mit dem Kindsvater zusammen gewesen. Jetzt nicht. Anna machte sich einen Termin bei ihrem Frauenarzt, um sich auch wirklich sicher zu sein. Nach dem Termin war sie noch mehr am Boden. Alex hatte sie verlassen, sie bekam ein Kind von Tom und stand nun komplett alleine da. Auch wenn Alex gesagt hatte, dass er immer für sie da war, konnte sie sich jetzt nicht bei ihm melden. Sie hatte ihn betrogen und aus diesem Betrug war ein Kind entstanden. Nein, Alex war wirklich der Falsche. Sie musste mit Tom reden. Heute war Donnerstag und morgen Nachmittag würde er Ben abholen. Sie würde ihn einfach darum bitten, dass er sich Zeit für sie nahm.

Und das machte sie dann am nächsten Tag auch.
„Kannst du Ben morgen zu deinen Eltern bringen?“
„Warum? Das ist mein Wochenende!“
„Ich weiß. Aber ich muss mit dir reden. Ungestört und allein.“
„Können wir das nicht wann anders machen? Ich möchte meine Zeit gerne mit Ben verbringen.“
„Nein. Bring Ben bitte morgen zu deinen Eltern und komm dann hierher. Wir müssen reden. Es ist wirklich wichtig. Von mir aus kannst du ihn auch am nächsten Wochenende wieder abholen. Dann hast du noch mehr Zeit mit ihm. Aber wir beide müssen mit einander reden und zwar so schnell wie möglich.“
Tom seufzte und nickte dann.
„Okay. Dann bringe ich ihn morgen Nachmittag zu meinen Eltern und komme dann hierher.“
„Danke…“

Um kurz nach drei klingelte es am nächsten Tag an Annas Wohnungstür. Sie öffnete und Tom stand davor.
„Komm rein.“, sagte sie und trat bei Seite, damit er in die Wohnung konnte.
Gemeinsam gingen sie in die Küche und setzten sich an den Esstisch.
„Was gibt es denn so dringendes?“
„Du weißt, dass Alex sich von mir getrennt hat.“
„Ja, Ben hat es mir erzählt. Aber du wolltest mir nicht sagen warum.“
Anna nickte.
„Es hat nichts mit unserer Nacht zu tun. Alex weiß davon auch gar nichts. Ich wollte ihn nicht verletzen. Es war falsch. Wir haben einen Fehler gemacht.“
„Wenn du das so siehst…“
„Ja, das sehe ich so. Und jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben.“
„Du. Immerhin hat dein Freund sich von dir getrennt.“
„Ja, aber nicht deswegen.“
„Warum dann?“
„Das ist jetzt egal. Wir haben ein ganz anderes Problem.“
„Und was?“
„Ich bin schwanger…“
Entsetzt sah Tom seine Exfreundin an.
„Was?“
„Du hast schon richtig gehört.“
„Aber was habe ich damit zu tun, wenn du dich von deinem Typen schwängern lässt?“
„Es ist von dir…“
„Ja klar! Wir haben einmal mit einander geschlafen!“
„Ja! Aber das reicht verdammt nochmal aus, um schwanger zu werden!“
„Wie kannst du dir so sicher sein, dass es von mir ist?“
„Weil Alex drei Monate lang weg war!“
Tom nickte. Langsam wurde auch ihm klar, dass es tatsächlich so sein konnte. Anna stand auf und verließ die Küche. Zurück kam sie mit einem Ultraschallbild und legte es vor Tom auf den Tisch. Dieser griff nach dem Bild und sah es sich an. Anna setzte sich wieder hin.
„Wir wollten damals ein zweites Kind…“, murmelte er dann.
„Ja, das wollten wir. Aber jetzt nicht mehr. Wir sind seit über zwei Jahren kein Paar mehr.“
„Und trotzdem bist du jetzt von mir schwanger…“
„Ja!“
„Was machen wir jetzt?“, wollte Tom vorsichtig wissen.
„Was du machst, das weiß ich nicht! Aber ich werde dieses Kind bekommen! Ein Kind kann schließlich nichts dafür, wenn die Eltern zu blöd zum Verhüten sind!“
Tom schmunzelte.
„Genau das gleiche hast du damals bei Ben auch gesagt.“
„Ja, da hast du auch genau die gleiche dumme Frage gestellt.“
„Ich weiß.“ Tom sah zu Anna auf. „Wird es wieder wie früher?“
„Was?“
„Ich will wissen, ob es wieder wie früher wird? Ben war auch nicht geplant und trotzdem haben wir es zusammen hinbekommen. Wir sind eine Familie geworden.“
„Ja, das waren wir. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem du dir eine andere gesucht hast.“
Tom seufzte.
„Können wir es trotzdem wieder probieren?“
„Warum?“
„Anna, ich liebe dich! Ich habe dich die ganze Zeit geliebt. Mehr als alles andere. Auch wenn ich großen Scheiß gebaut habe. Und du weißt auch, dass du mich noch liebst.“
„Du hörst dich schon an wie Alex…“, murmelte sie.
„Was? Soll das heißen, dass er sich wegen mir von dir getrennt hat?“
„Nicht direkt. Aber er meinte, dass ich glücklich werden soll und dass ich das mit ihm nicht könnte und so…“
„Also ja quasi doch.“
„Ja. Tut dir das jetzt leid?“
„Nein. Ganz bestimmt nicht! Der Kerl hatte meine Familie!“
„Wir waren keine Familie mehr…“
Tom stand auf und ging zu Anna. Er hockte sich vor sie und sah ihr tief in die Augen.
„Können wir es wieder werden?“
Anna antwortete ihm nicht.
„Ich weiß, dass du sauer auf mich bist, dass du verletzt bist und dass du mich für alles hasst, was ich dir angetan habe. Aber lass es uns noch einmal probieren. Immerhin haben wir bald zwei Kinder.“
„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Bitte Anna. Nur ein Versuch. Ich will uns nicht aufgeben. Das wollte ich nie.“
Anna seufzte und nickte dann.
„Langsam. Ganz langsam. Stück für Stück.“
„Also gibst du uns noch eine zweite Chance?“
Erneut seufzte sie.
„Nicht direkt. Lass uns das alles langsam angehen. Wir dürfen auch Ben nicht überfordern.“
„Ich weiß. Er war ziemlich niedergeschlagen, als Alex sich von dir getrennt hat.“
„Ja, ich weiß. Die beiden haben sich gut verstanden. Ben hatte ihn gern.“
Tom nickte und stellte sich wieder hin.
„Tom, als wir uns damals getrennt haben, war Ben zwar erst drei, aber es war trotzdem schwer für ihn. Er hat nicht verstanden, warum sein Papa auf einmal woanders wohnt. Wenn das mit uns jetzt zu schnell geht, dann wird er es wieder nicht verstehen. Und noch weniger wird er es verstehen, wenn es dann nicht funktioniert.“
Wieder nickte Tom.
„Wie willst du es angehen?“, fragte er dann.
„Lass uns als Familie erst wieder ein bisschen zusammen wachsen. Wir unternehmen gemeinsam Sachen mit Ben. Auch ihn müssen wir langsam wieder daran heran führen. Er weiß doch gar nicht mehr, wie das war, als wir noch zusammen waren.“
„Ich weiß…“, seufzte Tom.
„Lass es uns langsam angehen. Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du deinen Eltern erst einmal nichts sagst.“
„In Ordnung.“
„Uns sonst auch niemandem.“
„Alles klar. Aber zu den Untersuchungen darf ich schon mit oder?“
„Warum?“
„Weil ich das will! Ich bin immerhin der Vater!“
„Okay. Ich sag dir dann Bescheid.“
„Danke.“
„Haben wir dann alles geklärt?“
Tom nickte. „Ich fahre dann wieder und hole Ben.“
Jetzt nickte Anna. Sie standen beide auf und gingen zur Tür. Tom drehte sich noch einmal um.
„Darf ich dich küssen?“, fragte er vorsichtig.
„Tom…“
„Schon okay. Ich wollte nur fragen. An Silvester hat dir das schließlich auch nichts ausgemacht.“
„Da war ich auch betrunken.“, seufzte Anna.
„Soll das heißen, dass du mich nur betrunken küssen würdest?“
„Nein. Aber…“
„Schon gut. Betrinken wirst du dich in den nächsten Monaten ja sowieso nicht.“
Er drehte sich um und wollte gehen, aber Anna hielt ihn am Arm zurück.
„Lass es uns langsam angehen. Vielleicht beim nächsten Mal.“
Tom nickte und ging.



In den nächsten Wochen verbrachten sie gerade an den Wochenenden viel Zeit miteinander. Oft unternahmen sie etwas mit Ben. Dieser freute sich natürlich, dass er oft seine Mama und seinen Papa an seiner Seite hatte. Toms und Annas Eltern wussten noch von nichts. Es war ein Samstagabend und Tom brachte Ben zu seinen Eltern, weil er dort schlafen sollte. Anna und Tom wollten gemeinsam ins Kino gehen. Davon wussten Toms Eltern allerdings nichts.
„Mit wem gehst du denn aus?“, fragte seine Mutter ihn.
„Mit einer Frau. Warum fragst du?“
„Du hast in letzter Zeit viel mit Anna gemacht. Ich hatte gehofft, dass ihr euch wieder annähern würdet. Ihr wart immer ein tolles Paar.“
„Ja, das waren wir.“
„Warum gehst du dann jetzt mit einer anderen Frau weg?“
„Das ist meine Sache.“
„Willst du es mit Anna nicht noch einmal versuchen?“
„Mama, dazu gehören immer zwei!“
Seine Mutter seufzte.
„Bringt ihr Ben morgen zu mir oder soll ich ihn holen?“
„Wir können ihn bringen. Sollen wir ihn erst noch einmal zu dir bringen oder direkt zu Anna?“
„Nein. Ich bringe ihn immer erst gegen sieben Uhr zurück. Die Zeit bis dahin will ich noch mit ihm genießen.“
„In Ordnung. Ich denke wir bringen ihn dann nach dem Mittagessen zu dir.“
„Alles klar. Dann bis Morgen.“
Tom fuhr wieder nach Hause und machte sich dann fertig, bevor er Anna abholte.

„Meine Eltern finden es nicht gut, dass ich mit einer Frau ausgehe.“
„Warum das denn? Das ist doch deine Sache.“
Tom lachte.
„Meine Mutter meinte zu mir, dass wir beide doch ein schönes Paar gewesen wären und ob ich es nicht noch einmal mit dir versuchen wollte.“
„Also weiß sie nicht, dass wir beide zusammen weggehen?“
„Nein. Und das wird sie auch erst erfahren, wenn du das willst. Ebenso wir Ben.“
„Danke.“, sagte Anna mit einem Lächeln auf den Lippen.
Dann küsste sie Tom kurz und die beiden machten sich auf den Weg ins Kino. Nach dem Besuch im Kino lief es wirklich gut für Tom. Anna ging noch mit zu ihm. Sie ließen den Abend entspannt ausklingen und Anna öffnete sich ihm wieder ein bisschen mehr. Es wurde ein langer und schöner Abend, an dessen Ende sie gemeinsam und eng aneinander gekuschelt in Toms Bett lagen.
„Ich liebe dich…“, hauchte Tom noch, bevor er einschlief.
Am nächsten Tag wurde Anna wach, weil es klingelte. Sie schälte sich aus dem Bett und zog sich schnell etwas über. Tom regte sich nur langsam und konnte nicht mehr verhindern, dass Anna zur Tür ging. Als sie öffnete schaute sie geschockt auf die Personen, die davor standen. Allerdings wurde sie ebenso geschockt angesehen.
„Anna?“, fragte Toms Mutter entsetzt.
„Äh… Was macht ihr denn hier?“, fragte Anna verwirrt.
„Ben zurück bringen. Das war mit Tom so abgemacht.“
Anna nickte dann und sah sich um, konnte ihren Sohn aber nicht entdecken. Jetzt trat Tom zu ihr.
„War Anna deine Verabredung?“, fragte sein Vater nun.
„Ja, war sie.“
„Und warum sagst du uns sowas nicht?“
„Weil es ganz allein unsere Sache ist!“
Nun taucht auch Ben in Annas und Toms Blickfeld auf. Er kam die Treppe hoch und schaute seine Eltern kurz an, ging aber dann zu ihnen.
„Mama! Was machst du denn hier?“
„Komm erst mal rein Großer! Wir erklären dir das gleich.“, wies Tom seinen Sohn an.
Ben ging in die Wohnung.
„Bekommen wir auch eine Erklärung?“, fragte Toms Mutter.
„Seid uns nicht böse, aber dürften wir das erst einmal mit Ben klären? Ihr bekommt eure Erklärung noch.“, sagte Anna.
Toms Eltern nickten und gingen dann wieder.
Anna und Tom gingen ins Wohnzimmer. Dort saß Ben schon auf dem Sofa und schaute seine Eltern abwartend an. Sie setzten sich jeweils auf eine Seite von ihm.
„Papa? Was macht die Mama hier?“
„Das erklären wir dir jetzt.“, antwortete Tom seinem Sohn.
„Ben, was würdest du sagen, wenn wir wieder eine richtige Familie werden?“, wollte Anna wissen.
„So richtig, dass Papa wieder bei uns wohnt?“
Anna nickte. „Ja, irgendwann würde der Papa auch wieder bei uns wohnen. Also wenn alles gut geht.“
„Habt ihr euch wieder lieb?“
Tom zog Ben auf seinen Schoß und rückte etwas näher zu Anna.
„Die Mama und ich hatten uns immer lieb. Aber ich hab was blödes gemacht und dann war die Mama böse auf mich.“
Ben schaute zu seiner Mutter.
„Bist du jetzt nicht mehr böse auf Papa?“
„Nicht mehr so schlimm.“
„Wenn der Papa wieder bei uns wohnt, ist er immer da oder?“
„Ja, außer wenn er arbeiten muss.“
„Das wäre schön…“
„Also würdest du dich freuen, wenn ich wieder bei euch wohnen würde und wir wieder eine richtige Familie werden?“, fragte Tom.
Ben nickte und kuschelte sich an seinen Vater.
„Und was würdest du sagen, wenn du noch ein Geschwisterchen bekommen würdest?“, fragte Anna.
Tom sah sie entsetzt an. Eigentlich hatten sie noch warten wollen, bis sie es Ben sagen. Aber jetzt hatte Anna es einfach getan. Er wusste, dass es ihr Recht war, aber er hatte einfach nicht damit gerechnet.
„Bin ich dann großer Bruder?“
Anna und Tom lachten.
„Ja, das bist du dann.“, sagte Tom.
„Das ist cool!“
„Also freust du dich?“, wollte Anna wissen.
Wieder nickte Ben.
„Aber Ben, das ist noch unser Geheimnis. Du darfst es noch niemandem verraten. Auch nicht Oma und Opa.“, sagte Anna zu Ben.
Dieser nickte wieder.
„Du darfst es wirklich niemandem sagen!“, wieder holte sie.
„Mach ich nicht!“
„Dann ist ja gut.“



Ein paar Tage später hatte Anna ihre und Toms Eltern zum Kaffeetrinken eingeladen. Sie und Tom wollten ihnen die Wahrheit sagen. Die beiden verbrachten mittlerweile wieder viel Zeit miteinander und Tom schlief auch meistens in Annas Wohnung. Ben schien das richtig gut zu tun. Und auch Anna und Tom wirkten glücklich.
Toms Eltern trafen als erstes ein. Sie waren nicht verwundert darüber, dass auch Tom anwesend war.
„Bekommen wir nun endlich eine Erklärung von euch?“, fragte Toms Vater sofort.
„Ja. Sobald auch meine Eltern anwesend sind.“
Als Annas Eltern dann eintrafen, war Tom gerade im Bad.
„Was machen denn Toms Eltern hier?“, fragte Annas Mutter leicht verwirrt.
„Das werdet ihr gleich erfahren.“
Dann kam Tom wieder ins Wohnzimmer. Annas Vater schaute ihn an und verzog das Gesicht.
„Und was will der hier?“, fragte er abwertend.
Anna seufzte, ging zu Tom und stellte sich neben ihn.
„Tom und ich sind wieder ein Paar.“
Annas Vater sprang auf.
„Das ist nicht dein Ernst! Hast du vergessen, was er dir angetan hat?“
„Nein, das habe ich nicht! Aber es ist trotzdem unsere Entscheidung! Wenn ihr das nicht akzeptiert, dann ist das euer Problem!“
„Anna, ich bitte dich. Was ist denn mit Alex? Er war so ein netter Mann.“, warf Annas Mutter nun ein.
„Ja, das war er. Alex und ich hatten auch eine schöne Zeit. Das will ich auch gar nicht abstreiten. Aber für mehr hat es eben nicht gereicht.“
„Und deshalb gehst du wieder zu ihm zurück? Das kann nicht sein Ernst sein!“, regte ihr Vater sich nun weiter auf.
Ben saß etwas verängstigt auf dem Sofa. Tom sah zu ihm.
„Ben, kommst du mal zu mir?“, fragte er.
Ben stand auf und ging zu seinem Vater.
„Gehst du mal in dein Zimmer?“
Jetzt schüttelte Ben den Kopf.
„Bitte Großer…“
„Nicht streiten…“, murmelte Ben.
Tom seufzte. Dann kniete er sich vor Ben.
„Es wird alles wieder gut. Das verspreche ich dir. Gehst du jetzt in dein Zimmer?“
Ben nickte und ging. Tom stand wieder auf und sah zu den anderen.
„Auch wenn Ben jetzt erst einmal in seinem Zimmer ist, können wir uns jetzt trotzdem erst einmal wieder beruhigen.“
„Was willst du eigentlich?“, regte sich Annas Vater weiter auf. „Hast du nicht in der Vergangenheit schon genug angerichtet?“
„Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe. Aber das alles ist ganz alleine Annas und meine Sache.“
„Anna, bitte. Überleg dir das noch mal.“, versuchte es ihre Mutter nun etwas ruhiger.
„Nein.“, sagte Anna nur.
„Anna, ich weiß, dass er Bens Vater ist. Das wird er auch immer bleiben. Aber das heißt doch nicht, dass du ihn wieder zurück nehmen musst. Du hast es doch bis jetzt mit Ben alleine auch geschafft. Such dir doch lieber einen Mann, der besser zu dir passt und dich zu schätzen weiß.“
„Mama, das ist unsere Sache.“
„Bis du dann wieder bei uns sitzt und dir die Augen aus dem Kopf heulst, weil der dich betrogen hat. Wir wollen doch nur das Beste für dich.“
„Ich bin alt genug!“
„Anscheinend ja nicht!“, regte sich Annas Vater wieder auf. „Ich werde das nicht akzeptieren!“
„Schön! Dann ist das eben so! Aber du brauchst nicht daran zu denken, dass du deine Enkelkinder dann noch einmal siehst!“, warf Anna ihm an den Kopf.
Toms Eltern, die bis jetzt still gewesen waren und alles nur beobachtet hatten, sahen nun zu Anna und Tom. Sie hatten genau verstanden, was Anna da gesagt hatte.
„Enkelkinder?“, fragte Toms Mutter vorsichtig nach. „Heißt das, dass du schwanger bist?“
Anna und Tom sahen zu ihr und nickten beide. Tom hatte dabei ein sehr breites Grinsen auf dem Gesicht. Er stellt sich hinter Anna, legte seine Arme um sie und streichelte ihr über den Bauch.
„Ja, wir bekommen noch ein Baby.“, sagte er voller Stolz.
Nun waren erst einmal alle so perplex, dass sie nichts mehr sagen konnten. Irgendwann stand Annas Vater auf.
„Ich gehe!“
Dann ging er zur Tür. Seine Frau blieb sitzen und schaute zu Anna und Tom.
„Meint ihr, dass das jetzt wieder funktionier mit euch?“, fragte sie dann nach.
„Eine Garantie gibt es nie. Aber wir werden unser Bestes tun. Das vom letzten Mal wird sich auf jeden Fall nicht wiederholen.“, antwortete Tom ihr.
„Ich hoffe es…“
Nachdem der erste Schock sich gelegt hatte, holte Tom Ben wieder hinzu. Nun saßen alle, bis auf Annas Vater, zusammen am Tisch und aßen den Kuchen, den Anna extra gebacken hatte. Sie unterhielten sich anfangs viel über das Baby und wie Anna und Tom sich nun alles vorgestellt hatte. Danach sprachen sie auch wieder über andere Dinge. Anna war etwas enttäuscht, dass ihr Vater gegangen war. Aber sie hatte gewusst, dass seine Reaktion alles andere als positiv sein würde. Nun musste sie damit leben. Als Toms Eltern und Annas Mutter gegangen waren, setzten Anna und Tom sich auf die Couch.
„Das mit deinem Vater tut mir leid.“
„Schon gut. Ich wusste, dass er es nicht positiv auffassen wird. Du kannst nichts dafür.“
„Na ja, eigentlich ja schon. Ich habe damals immerhin Mist gebaut.“
„Ja, aber jetzt ist es eben anders. Es ist unsere Entscheidung und nicht dir unsere Eltern.“
„Da hast du Recht.“
„Ja, das habe ich.“



Annas Vater beruhigte sich auch in den nächsten Wochen nicht. Als Tom dann endgültig wieder zu Anna und Ben zog, bekam er einen richtigen Wutanfall. Anna war das relativ egal. Sie hatte im Moment andere Sorgen. Immerhin mussten sie noch das zweite Kinderzimmer einrichten. Dafür musste aber erst einmal das Büro weichen. Tom hatte bereits den Schreibtisch und den PC ins Wohnzimmer gestellt. Ein Regal würde noch im Flur seinen Platz finden und der Rest musste noch irgendwie ins Wohnzimmer oder ins Schlafzimmer.
„Die Wohnung ist einfach zu klein.“, seufzte er. „Wir sollten uns ein Haus anschaffen.“
Anna umarmte ihn und drückte sich so weit an ihn, wie es mit dem Babybauch ging.
„Lass uns erst mal eins nach dem anderen machen. Jetzt bekommen wir erst mal ein Kind und wenn das dann alles läuft, dann können wir immer noch nach einem Haus gucken.“
Tom nickte.
„Dann bekommen meine beiden Prinzessinnen ein Schloss.“
Anna grinste ihn an.
„Spinner!“
„Ey! Nicht frech werden!“
Die beiden küssten sich.
Seit einiger Zeit wussten sie, dass sie ein Mädchen bekommen würden. Sie wollten es Emily nennen. Ben wäre ein Bruder zwar lieber gewesen, aber mittlerweile hatte er sich damit abgefunden, dass er eine Schwester bekommen würde.


Anna und Tom waren einfach wieder glücklich. Sie waren wieder eine Familie. Auch Annas Vater beruhigte sich wieder. Seine Frau hatte ihn nach der Geburt einfach mit ins Krankenhaus genommen, obwohl er nicht gewollt hatte. Dort hatte er sich sofort in seine Enkelin verliebt und konnte nun auch Tom ein wenig verzeihen. Immerhin hatte er nun ein zweites Enkelkind. Das verdanke er nur der Tatsache, dass Anna und Tom sich wieder versöhnt hatten. Die genauen Umstände, um ihre Beziehung, die Trennung von Alex und die Schwangerschaft, kannten weder Annas, noch Toms Eltern.
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