7 stages of our Love – Ein Maschinenmann zu Weihnachten

von aurely
KurzgeschichteRomanze, Sci-Fi / P16 Slash
29.06.2020
04.07.2020
6
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29.06.2020 1.162
 
Mein Beitrag zu Limonettas Projekt „7 stages of our Love“

Einzubringende Aspekte in Kapitelreihenfolge:
1. eyes
2. books
3. snow
4. fingertips
5. scars
6. lips
7. flowers
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Lautes Kinderlachen schallte nach oben.
„Onkel Rys, Onkel Rys, hast du uns etwas mitgebracht?“
Andris konnte sich gut vorstellen, wie sich seine beiden Nichten 2. Grades am Saum der Jacke ihres Onkels festklammerten und mit großen Augen zu ihm aufsahen.
„Jetzt lasst ihn doch erst einmal ankommen.“ Die Worte ihrer Mutter konnte er dagegen kaum verstehen.
Dann erschallte erneut helles Kichern. Bevor es in einem Schrei erstarb.
Waren die Mitglieder der Familie Oakwood gerade noch dabei gewesen, das Festmahl des heutigen Tages vorzubereiten, waren sie nun alle im Hausflur, Hände an den Waffen, Türen und Fenster im Blick. Totenstille.
„Alles in Ordnung!“, vernahm man Rys‘ dröhnenden Bass von unten. „Ich habe nur einen Gast mitgebracht und meine liebe Schwägerin übertreibt mal wieder.“
Erst kam Thea nach oben, die ihre beiden Töchter vor sich herschob. Sie war bleich im Gesicht und schüttelte den Kopf.
Rys‘ Schritte hörte man immer deutlich auf der Holztreppe. Da musste aber auch eine zweite, viel schwerere, Person sein, die hinter ihm herstapfte. Sein Onkel betrat das Zimmer, so beständig und breit wie ein alter Baum. Auch sonst hatte er viel mit einem gemein, wenn man es recht bedachte.
Andris‘ Griff um seinen Dolch wurde fester.
Dann sah er, was Thea einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Mit schief gelegtem Kopf stand es auf dem ausgeblichenen roten Teppich, seine Seite reflektiert von dem großen Spiegel mit dem großen Sprung.
„I…Ist das ein Zombie?“, wollte Lea wissen. Vielleicht war es auch Lia, er sah sie viel zu selten und verwechselte sie andauernd. Jedenfalls lugte sie hinter Theas Rücken hervor.
„Nein.“ Rys Gelächter vibrierte durch den Raum. „Auch wenn ich zugeben muss, dass er ziemlich mitgenommen aussieht. Das ist ein Maschinenmann. Er hat mir im Totensumpf das Leben gerettet und seitdem reisen wir zusammen. Sein Name ist Avon. Na ja, eigentlich hat er sich als A1 vorgestellt, aber das ist doch kein Name. Und ich dachte mir ‚A-One, Avon‘ …“ Er sah breit grinsend in die Runde. „Jedenfalls schön, euch alle wiederzusehen. Bin ich pünktlich? Fürs Essen?“
Oliver fluchte, dann hörte man eilige Schritte, die sich Richtung Küche entfernten und ein geknurrtes, „Katharina, das Essen!“
Der Blick von Andris‘ Cousine Katharina wanderte an dem Maschinenmann auf und ab, erst dann setzte sie sich in Bewegung. Auch die anderen fuhren mit ihren Arbeiten fort.
„Jedes Jahr dasselbe“, kam es von Cousine Yasmin.
„Ich weiß auch nicht, was bei deinem Bruder noch schiefer gelaufen ist, als bei dir.“ Das war Walter, der Vater von Yasmin und Rys und von Hendrik, Theas Mann, der vorletztes Jahr an einer Lungenentzündung gestorben war.
„Wird es – er auch hier übernachten?“ Andris verlagerte sein Gewicht und lehnte immer noch im Türrahmen, sodass Rys nicht vorbeikonnte.
Der Hüne sah auf ihn herab. „Hm? Natürlich. Du hast doch wieder den Dachboden für dich allein? Ich dachte mir, der ist doch groß genug für zwei.“
„Klar dachtest du dir das. Er ist dein Gast. Er kann bei dir schlafen.“
„In mein Zimmer passt gerade mal ein Bett, Dris.“
„Du musst es auch jedes Jahr aufs Neue übertreiben, oder?“ Und alle anderen würden es wieder ausbaden müssen. Wobei sich ‚alle anderen‘ gerade auf ihn beschränkte.
„Jedes Jahr? Was war denn letztes Jahr?“ Sein Blick war zur Decke gewandert, die 10 Zentimeter über ihm schwebte, während seine rechte Hand durch seinen buschigen hellbraunen Bart fuhr.
„Die Ratte, die du den Zwillingen geschenkt hast.“
„Das war keine Ratte, das war eine Katze.“
„Das war eine Mutantenratte.“
„Ihr seid alle so engstirnig hier. Ist Avon auch nur eine Mutantenratte für dich? Stell dich nicht so an.“ Mit diesen Worten trat er vorwärts, schob ihn aus dem Weg und verschwand im Haus.
„Ich kann auch – draußen schlafen. Wenn du willst.“
Ein Schauer rann ihm den Rücken hinunter. Zombie traf es vielleicht ganz gut, wenn man dieses metallische, heisere Grollen hörte. Und sich diesen von Hautfetzen bedeckten Körper so ansah. Mehr Maschine als Mann, was man gut erkennen konnte, da er nur mit einer Hose und einem langen offenen Mantel bekleidet war. Als er seine Augen betrachtete, kam ihm jedoch das Wort ‚faszinierend‘ in den Sinn, bevor er es verhindern konnte. Wie die Nacht, durchzogen von Blitzen, schwarz, mit unzähligen hellen Linien.
A1 beugte sich nach vorne, was Andris aus seiner Trance riss. Ihm war nicht aufgefallen, dass er sich dem Maschinenmenschen genähert hatte. „Tut mir leid, ich wollte nicht …“
Er richtete sich langsam wieder auf. „Schon gut. Es würde mir – nichts ausmachen.“
„Was? Nein. Ich werde einen Gast garantiert nicht vor die Tür setzen. Du kannst natürlich oben schlafen.“
„Ich bin nicht – dein Gast. Nur Rys‘.“
„Ich habe doch schon gesagt, dass es in Ordnung ist. Die Familie Oakwood setzt keinen Gast vor die Tür.“
Ein Zischen entwich A1s Lippen. „Dein Mund sagt – ja. Dein Körper schreit – nein.“
„Andris? Kommst du essen?“

Rys hatte A1 nach dem Essen praktisch die Treppen nach oben gezogen, dann eine dünne Schaumstoffmatratze und einen Schlafsack ausgerollt und sie mit den Worten, „Viel Spaß, aber nicht zu viel, ja?“, alleine gelassen. Das hatte A1 dazu gebracht, wieder so ein Zischen auszustoßen.
Andris stand etwas ratlos neben ihm. Im Dunkeln sah man die hellen Linien in seinen Augen noch deutlicher. Er runzelte die Stirn. Sie schienen zu flackern, aufzuleuchten und wieder zu erlöschen.
A1 legte den Kopf schräg und Andris hob die Schultern. „Deine Augen sind … faszinierend.“
„Sprünge.“
„Sprünge?“
„Und Kratzer. Im Material.“
Andris zuckte zusammen. Er hatte ein Talent, in Fettnäpfchen zu treten. „Kannst du dann überhaupt noch etwas sehen?“
„Ich sehe gut – genug.“
„Tut mir leid.“
„Schon gut. Es ist gut. Das einzig faszinierende – an mir.“
Andris schüttelte leise lachend den Kopf. „Das ist garantiert nicht das einzige, was faszinieren ist.“
„Nur das einzige – das nicht abstoßend – ist.“
Das hatte er nicht gesagt. Nicht gemeint. Nicht gedacht. Wahrscheinlich. Vielleicht. Durch Andris‘ Kopf flatterte die Frage, ob er selbst nicht lieber draußen schlafen sollte, wenn er schon ihren Gast nicht vor die Tür setzen durfte.
„Gute Nacht.“ A1 drehte sich um, durchquerte das Zimmer, stellte seinen Beutel ab und legte sich auf seinen Platz, den Rücken zu ihm gedreht.
Andris schloss die Tür, spiegelte sich in der Glasfläche auf ihrer Rückseite. Seine rechte Hand war zu seinem Handgelenk gewandert, umschloss dort fest das Armband.

Es war seltsam, hier nicht alleine zu sein. Hier oben gab es keine Heizung und es zog immer durch irgendwelche Ritzen. Der Dachboden war sanierungsbedürftig, aber die gesamte Familie legte auch so schon zusammen, um sich ihr altes Familienhaus leisten zu können.
In dieser Nacht herrschte eine andere Geräuschkulisse auf dem Dachboden. Irgendetwas knackte und raschelte hier oben immer, aber heute traten diese Laute in den Hintergrund. Leise summte und tickte die Maschinerie des Mannes und seine lidlosen Augen sorgten für ein wenig Licht.
Es war auf eine Art gemütlich, die Andris überraschend schnell in den Schlaf lullte.
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