Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Drama / Wunden

Wunden

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
29.06.2020
01.07.2020
3
1.667
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
30.06.2020 472
 
Die Farben konnten nicht ansatzweise ihre Schönheit einfangen. Piotr tauchte den Pinsel in das rostrot und zeichnete einzelne Haarsträhnen nach. Seine Hand zitterte. Die Kette um sein Handgelenk rasselte. Falls sie es bemerkte, nahm sie keine Notiz davon. Ihr Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schulter. Einzelne Haarsträhnen kitzelten sie im Gesicht, als sie sich über den Tisch beugte. Genervt strich sie sie zurück. Piotr konzentrierte sich jetzt auf die Augen. Er mischte blau und grün, gab dann silber hinzu. Runzelte missmutig die Stirn und fing von vorne an.

„Bist du es nie leid?“ Sie beugte sich noch immer über den Tisch und studierte den Plan. „Wochenlang mischt du Farben, zeichnest Linie um Linie und hast am Ende nicht mehr als ein schlechtes Abbild deiner Feinde.“ Piotr säuberte seinen Pinsel und schaute auf. Direkt in ihre Augen. Er erschauerte. Atemberaubend schön und eiskalt. Sie lächelte, aber es lag keine Wärme darin.
„Ich weiß nicht, was du hast Ayaris, der Junge ist gut.“ Nicolai Kaayi stand im Türrahmen. Sein Gesicht zierte ein jugendliches Grinsen, das seine Augen belustigt strahlen ließ. „Nur deine grausame Ader hat er nicht getroffen – aber mit ein bisschen Üb –„ „Wo ist er?“ unterbrach Ayaris ihn. Piotr erschauerte wieder. Er. „Woher bei den Göttern soll ich das wissen?“ „Du sollst das nicht immer sagen!“ Kaayi verdrehte die Augen. „Entschuldige, ich vergaß, natürlich seid ihr die einzigen Götter und es existiert niemand mächtigeres als ihr.“ „Es gibt keine Götter.“ schloss Ayaris ohne auf den ironischen Ton Nicolais einzugehen. Kaayi sah bedeutungsschwer zu ihm herüber. Piotr verkniff sich ein Grinsen. Er mochte den Söldner. Vielleicht lag es an seiner Abstammung. Halbblut. Halb die, halb Rotblut. Auch Piotr war ein Rotblut. Damit stand er von Geburt an über den anderen. Aber die Welt war nicht mehr die, in die er hineingeboren wurde. Die Rasse, über die er früher nur Gerüchte gehört hatte und als Wilde bezeichnet hatte, ließen sich jetzt von ihm das Essen zubereiten, die Wäsche waschen und ließen ihn auspeitschen, wenn er es nicht zu ihrer Zufriedenheit tat. Er stand schon lange nicht mehr über ihnen. Der Aufstand im Nordosten des Landes, auf Valaar hatte alles verändert. Piotr wusste nicht, wie es seiner Familie ging. Seinem Vater, seiner Mutter, seinen Stiefmüttern. Er wusste auch nicht genau, wie lange er schon hier war. Mehr als ein Monat oder weniger?
„Piotr, hörst du mir nicht zu?“ Piotr schreckte auf, der Pinsel hatte einen hässlichen schwarzen Fleck unterhalb des linken Arms hinterlassen. Alle Mühe war umsonst gewesen.
„Entschuldigen Sie, Sir. Ich war in Gedanken, Sir.“ Demütig senkte er den Kopf. „Der Junge ist nutzlos, wir sollten ihm die Zunge rausschneiden. Oder am besten gleich töten.“ „Erklärst du ihm das oder muss ich das machen?“ Ayaris schwieg.
„Komm Piotr“, fuhr der Söldner fort „der Feldherr schickt nach dir.“ Piotr blieb keine Wahl.
Review schreiben