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When the night is darkest 3 - Verschollen

von Tilajasar
GeschichteDrama / P16 / Gen
Caboose OC (Own Character) Rusty
29.06.2020
13.07.2020
10
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10.07.2020 1.544
 
Wie Caboose erwartet hatte, hatte Greaseball kein Interesse gehabt noch am selben Abend zu Tim zu fahren. Caboose konnte ihm das nicht verübeln. Es hatte wie aus Kübeln geschüttet, da konnte er sich auch besseres vorstellen, als freiwillig stundenlang umherzufahren.
Aber nun waren nur noch helle Wolken am blauen Himmel zu sehen und die Sonne lugte zwischen ihnen hindurch. Caboose schloss die Augen und genoss für einen Moment den Fahrtwind. Dann konzentrierte er sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe.

Er war noch immer in Gedanken versunken, als Greaseball plötzlich seinen Namen rief und nach vorn deutete.
„Da ist er!“
Caboose schaute an Greaseball vorbei und sah, dass Tim mitten auf den Gleisen stand und ihnen entgegenblickte. Das war unerwartet, denn sie waren noch ein ganzes Stück von seinem Yard entfernt.

Greaseball bremste und kam vor Tim zum Stehen. „Was machst du hier?“, fragte er ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. Aber Tim ignorierte ihn und richtete den Blick auf Caboose.
„Hallo Tim.“ Caboose machte sich nicht die Mühe zu lächeln.
„Hallo“, erwiderte Tim nur. Es war ihm deutlich anzumerken, dass ihn etwas beschäftigte. Er versuchte nicht einmal das zu verbergen. Caboose beschlich eine dunkle Vorahnung.
„Du weißt, warum wir hier sind?“, fragte er. Eigentlich hatte er geplant das Gespräch anders aufzuziehen, aber er spürte, dass es nicht nötig war Electra als Grund für ihren Besuch zu erwähnen. Tim schien ohnehin bereit zum Reden zu sein. Auch wenn es, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, keine guten Nachrichten sein würden.

Ein Lächeln huschte über Tims Gesicht. „Ihr sucht noch immer nach Rusty?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Caboose nickte. „Du weißt, wo er ist?“
Tim schaute ihn einen Moment ernst an, dann nickte er langsam.
„Dann raus mit der Sprache!“, mischte sich nun Greaseball ein.
Caboose sah ihn tadelnd an, aber Tim schien seine Worte zu ignorieren. Er blickte weiterhin zu Caboose.
„Wo ist er?“, fragte Caboose so ruhig wie möglich.
Tim holte tief Luft und gab ihnen eine Wegbeschreibung. „Nicht weit vom Schienenende steht ein Bunker. Die Türen sind offen.“
Caboose traute sich fast nicht die Frage zu stellen, aber er wollte es doch wissen. „Lebt er noch?“
Tim blinzelte ihn seltsam an, drehte sich dann um und raste davon.
„Bleib hier!“, brüllte Greaseball und spurtete sofort hinterher.
„Lass ihn fahren!“, rief Caboose. Greaseball zögerte kurz und das brachte der schnellen E-Lok genug Vorsprung um nicht mehr eingeholt werden zu können. Greaseball schien das auch zu merken, denn er kam wütend zurück.
„Warum soll er entkommen?“
„Es ist besser so“, antwortete Caboose. „Lass uns zu dem Bunker fahren.“
„Meinst du, er hat ihn umgebracht?“, fragte Greaseball zweifelnd.
„Ich hoffe es nicht.“
„Na dann los!“ Greaseball drehte ihm den Rücken zu und ließ ihn ankuppeln.

Dann fuhr er verhältnismäßig schnell die beschriebene Strecke entlang. Caboose fragte sich, ob er einfach neugierig war oder einen anderen Grund hatte so schnell zu fahren. Er selbst glaubte nicht, dass es einen Unterschied machen würde, ob sie nun fünf Minuten eher oder später ankämen. Aber er beschwerte sich nicht.

---

Einige Zeit zuvor…

Die Morgenluft war kühl und es nieselte leicht. Aber das merkte Tim kaum, als er die Strecke zum Bunker entlang fuhr. Er war schnell unterwegs, wenn auch nicht so schnell wie er eigentlich wollte. Bis zum Nebengleis war er tatsächlich gerast aber dann hatte er sich eingeredet, dass es auf ein paar Minuten jetzt nicht mehr ankam und die Geschwindigkeit gedrosselt. Es war wichtig, dass er genau wusste, was er wollte und dazu musste er nachdenken.

Denn seine Reaktion auf das kurze Gespräch mit Pitch eben war nicht die, die er erwartet hatte. Auch wenn er Pitch hasste, hätte er ihm zumindest ein bisschen dankbar sein sollen, dass er Rusty ein wenig aufgemischt hatte. Immerhin war er hier um bestraft zu werden. Aber stattdessen fühlte sich Tim von größter Sorge ergriffen. Natürlich wusste er, wozu Pitch im Suff fähig war. Das hatte er am eigenen Leib oft genug erfahren. Aber er spürte, dass es ihm nicht mehr nur darum ging, keinen Spaß mehr mit Rusty zu haben. Und das war verwirrend und sollte nicht so sein.

Tim war am Ende der Schienen angekommen und ging langsam zum Bunker. Er wusste, was passierte und dass er aufpassen musste. Es war nicht das erste Mal, dass er Gefühle für ein Opfer entwickelte, meist hatte er das aber sehr früh bemerkt und entsprechend gehandelt. Jetzt war es schon beinahe zu spät. Er öffnete die Bunkertür. Während er zu Rustys Zelle fuhr, ging er in Gedanken noch einmal all das Greul durch, was er infolge von Rustys Verrat hier erleiden musste und das half tatsächlich.

Bis zu dem Moment als er die Zellentür öffnete und Rusty sah. Er lag inmitten des Raumes regungslos auf dem Boden. Um ihn herum waren Blutspuren. Was hatte Pitch getan? Tim fuhr ins Zimmer und ging neben Rusty in die Hocke. Er atmete gleichmäßig. Tim war beruhigt. Er beobachtete ihn noch einen Moment, dann strich er ihm sanft über den Kopf. Rusty rührte sich nicht.
„Hey, wach auf“, flüsterte Tim und rüttelte ihn leicht.


Rusty stöhnte. Er versuchte seinen schönen Traum festzuhalten aber je wacher er wurde, desto stärker zogen ihn die Schmerzen in die Wirklichkeit zurück. Er machte ein gequältes Geräusch, als er wieder hin und her geschüttelt wurde. Augenblicklich wurde er in Ruhe gelassen aber die Schmerzen verschwanden nicht. Er atmete ein paar Mal tief durch. Es wurde nicht besser. Stattdessen fühlte er sich von Sekunde zu Sekunde elender. Da waren nicht nur die brennenden Schmerzen in seinen Händen, die pochenden Kopfschmerzen und die dumpfen Schmerzen in seiner Seite, auch die Erinnerungen an den letzten Tag drängten sich ihm wieder auf. Ihm wurde übel.

„Hast du Schmerzen?“, hörte er Tims Stimme.
Als ob ihn das je gestört hätte. Rusty öffnete mühsam die Augen. Er wollte sich hochstützen, sank aber kaum dass er eine Hand bewegt hatte, mit einem Schmerzensgeräusch wieder zu Boden.
„Zeig mal her“, sagte Tim.
Er rollte ihn ein wenig auf die Seite und zog seine Hand zu sich heran. Rusty stöhnte vor Schmerz aber er hatte keine Kraft sich zu wehren. Er sah, dass Blut zu Boden tropfte während Tim seine Handfläche betrachtete.

„Das haben wir gleich“, sagte Tim aufmunternd. „Beiß die Zähne zusammen.“
Rusty verstand erst, was er meinte, als ein stechender Schmerz seinen Arm entlang fuhr.
„Hör auf!“, presste er hervor und versuchte die Hand wegzuziehen.
„Halt still! Da sind Splitter drin, die müssen raus“, belehrte ihn Tim und machte weiter.
Rusty presste die Zähne zusammen. Als Tim ihn losließ, zog er die Hand zurück. Da war ziemlich viel Blut.
„Sieht schlimmer aus als es ist“, bemerkte Tim nur. „Was ist mit der anderen?“
Rusty versuchte sich aufzurichten ohne eine der beiden Hände zu benutzen. Unaufgefordert half Tim ihm. Rusty stöhnte. Das Sitzen war schmerzhaft, aber es schmerzte sowieso alles. Er überließ Tim seine andere Hand und schloss die Augen.
„Fertig“, verkündete Tim wenig später.
Rusty machte sich nicht die Mühe die Augen zu öffnen.
„Alles ok?“, fragte Tim.
Ob alles ok war, fragte er?
„NEIN!“, schrie Rusty ihn an. Er wusste nicht warum, aber er spürte auf einmal eine ungeheure Wut. „Du hältst mich hier tagelang gefangen, zwingst mich Drogen zu nehmen, damit ich Sachen mache, die ich nicht will, du überlässt mich Electra und dann fragst du, ob alles ok ist?!“
Er starrte Tim an, der noch immer sehr erschrocken aussah. „Nichts ist ok! Ich…“, er spürte wie seine Wut von einer Sekunde zur nächsten verschwand und einem Gefühl von tiefster Verzweiflung Platz machte. „Ich kann nicht mehr“, sagte er leiser. Er merkte wie ihm die Tränen in die Augen schossen und versuchte gar nicht dagegen anzukämpfen.
„Beruhige dich.“
Er spürte, wie Tim ihn am Arm berührte. Hastig zuckte er zurück.
„Fass mich nicht an! Fass mich nie wieder an!“, schrie er. Er wollte weiter zurückweichen, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel auf die Seite. Der Schmerz war heftig aber er spürte ihn kaum. Er versank in einem Meer der Verzweiflung.

---

Als Tim wieder in die kühle Morgenluft hinaustrat, war er sich nicht sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aber er hatte praktisch keine Wahl gehabt. Alles musste irgendwann enden. Er seufzte und machte sich auf den Weg zum Yard um seine Sachen zu holen.

Schon von der Ferne sah er, dass Greaseball und Caboose auf dem Weg zum Yard waren. Tim bremste. Wenn er seinen Weg fortsetzte, würde er sich ihnen wieder stellen müssen. Das Allerwichtigste hatte er dabei, es bestand kein zwingender Grund noch einmal zurückzukehren. Er könnte auch gleich die Flucht ergreifen. Das würde seine Chancen erheblich erhöhen. Andererseits…

---

Rusty wurde noch immer von Weinkrämpfen geschüttelt, aber die Intervalle in denen er einfach nur schwer atmend da lag wurden immer länger. Tim war wieder weg, würde aber wohl bald wiederkommen. Rusty schaute aus mit Tränen gefüllten Augen auf die Dose mit den roten Pillen, die er ihm hingestellt hatte.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so verzweifelt gefühlt. Wie lange würde das so weitergehen? Bis Tim die Lust an ihm verlor? Und was dann? Tim würde ihn nicht freilassen. Eher ihn hier zu Tode quälen. Darauf musste er nicht warten. Rusty griff nach der Dose. Er wollte das alles nicht mehr länger ertragen.
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