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When the night is darkest 3 - Verschollen

von Tilajasar
GeschichteDrama / P16 / Gen
Caboose OC (Own Character) Rusty
29.06.2020
13.07.2020
10
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08.07.2020 1.144
 
Am Abend beobachtete Pitch wie Tim den Yard verließ und die ältere E-Lok, die ein gutes Stück vor der Einfahrt gewartet hatte, zum Fahren aufforderte. Pitch spuckte auf den Boden, als er die beiden zusammen sah. Diese verdammten E-Loks! Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, die er in der Hand hielt, und sah ihnen hasserfüllt nach. Anders als er erwartet hatte, schlugen sie nicht wie ein paar Stunden zuvor den Weg zum Bunker ein, sondern fuhren in Richtung des nächsten, größeren Yards. Oha, Tim geht feiern, dachte Pitch bei sich und nahm noch einen Schluck. Die Gelegenheit würde er nutzen.

So schnell es ihm in seinem Zustand möglich war, fuhr er zum Bunker. Dieses Mal war die Außentür nicht verschlossen. Pitch nickte zufrieden. Er trank seine Flasche mit großen Schlucken aus, warf sie achtlos beiseite und rollte dann langsam in den Bunker. Nachdem er Licht gemacht hatte, sah er, dass er in einem langen Gang stand, der an einer Tür endete. Er rollte hin und stellte erfreut fest, dass sie nur verriegelt war. Was versteckte Tim hier nur? Neugierig öffnete Pitch die Tür aber dahinter befand sich wieder nur ein Gang. Na so ein Mist. Pitch holte seine Reserveflasche aus der Tasche und nahm einen Schluck. Dann rollte er zur nächsten Tür. Auch diese war verriegelt. Während er sie entriegelte und öffnete, nahm Pitch noch einen Schluck und hätte vor Überraschung beinahe die Flasche fallen gelassen.

Auf einer Matte am Rande des kleinen Raumes lag halb aufgerichtet eine junge Dampflok in desolatem Zustand und starrte ihn erschrocken an. Das hatte Pitch nicht erwartet. Er nahm noch einen großen Schluck und rollte in den Raum.


Rusty versuchte zu begreifen, was gerade geschah, aber es fiel ihm schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Ganz offenbar wirkten die Drogen noch. Wie sonst konnte es sein, dass er einen bedrohlich aussehenden Diesel mit einer Flasche in der Hand sah. Das musste eine Halluzination sein.

„Puh, hier mieft’s ja“, stellte die dunkle Lok fest und ließ ihren Blick kurz durch den Raum schweifen. „Wenn ich eins gar nicht mag, dann sind es stinkende Dampfloks. Warum versteckt Tim dich hier?“
Rusty blinzelte verwirrt. Das Auftreten des Diesels wirkte sehr real. Und so elend wie er sich fühlte, konnte er nicht mehr allzu stark unter Drogen stehen. Aber warum sah er dann etwas, was unmöglich war? Oder hatte Tim etwa den Diesel geschickt, um…

„Hey, ich rede mit dir!“, sagte die Lok so laut, dass Rusty zusammenfuhr. Jetzt kam er auch noch näher. Rusty wurde immer unwohler. Zum Glück blieb er in einigem Abstand zu ihm stehen und trank aus seiner Flasche.
„Verstehst du mich?“, fragte er dann.
Rusty nickte kurz. Dabei bemerkte er, dass die Tür hinter dem Diesel noch offen stand. Konnte er die Gelegenheit vielleicht nutzen und versuchen zu fliehen? Hatte er dazu genug Kraft?
„Gut, dann kannst du mir auch antworten. Was machst du hier?“ Seine Stimme klang energisch, als könne er keine Geduld aufbringen noch länger auf eine Antwort zu warten.
Rusty sah den Diesel an. „Tim…“ Er musste sich räuspern, weil seine Stimme so heiser klang. „Tim hat mich hier eingesperrt.“
„Und warum das?“, fragte die Lok neugierig.
Rusty sah zu Boden.
„Ich bin kein Freund von Tim, also sag schon!“
Der Diesel nahm noch einen langen Zug aus der Flasche während Rusty versuchte den Nebel, der noch immer seine Gedanken behinderte zurückzudrängen, um eine Antwort zu formulieren.

Plötzlich kam der Diesel auf ihn zugefahren, packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich heran. Erschrocken sah Rusty ihn an und versuchte instinktiv den Griff des Diesels zu lockern, aber dafür fehlte ihm die Kraft.
„Antworte endlich! Ich will wissen, warum Tim dich hier versteckt!“
„Lass mich los!“, rief Rusty und versuchte weiter sich zu befreien. Er sah, dass die Lok nun ihre Aufmerksamkeit auf seine Hände richtete. Sie ließ ihn tatsächlich los und Rusty hatte Mühe stabil stehen zu bleiben. Kaum hatte er es geschafft, packte der Diesel seinen rechten Unterarm und zog ihn zu sich heran. Rusty versuchte seinen Arm aus der Umklammerung zu ziehen, während der Diesel sein wundes Handgelenk betrachtete.
„Das ist ja interessant“, sagte er langsam und musterte ihn. Rusty war das mehr als unangenehm.
„Lass mich los!“, sagte er noch einmal und tatsächlich ließ die Lok ihn los.
„So eine dunkle Seite hätt ich ihm gar nicht zugetraut.“
Rusty wich bis zur Wand zurück und beobachtete wie die Lok mehrere Schlucke aus ihrer Flasche trank. Dann sah sie ihn an und schien zu überlegen. Rusty blickte zur Tür. Er musste versuchen zu fliehen. Langsam bewegte er sich an der Wand entlang.

Der Diesel beobachtete ihn einen Moment stumm, dann fuhr er ihm ein Stück entgegen.
„Was wird das?“, fragte er schroff.
„Lass mich hier raus, bitte!“
Der Diesel lachte kurz auf. „Ich bin doch nicht blöd! Jetzt hab ich endlich was in der Hand gegen Tim.“
Er setzte wieder die Flasche zum Trinken an und Rusty wusste, dass das seine letzte Gelegenheit sein würde zu entkommen. So schnell er konnte fuhr er seitlich an der Diesellok vorbei. Aber er war zu langsam. Der Diesel packte ihn am Arm. Rusty versuchte sich aus dem Griff zu winden, aber es gelang ihm nicht.
„Du bleibst hier!“, zischte der Diesel und begann ihn zurückzuziehen.
Nein! Rusty verlagerte sein Gewicht und trat der Lok mit ganzer Kraft in die Seite. Der Diesel brüllte auf, das Geräusch von zersplitterndem Glas war zu hören und der Griff um Rustys Arm lockerte sich. Er riss sich los und wollte zur Tür spurten. Doch wieder war der Diesel schneller. Mit einem Schmerzensschrei ging Rusty zu Boden.
„Du dreckige Kohleschleuder!“, brüllte der Diesel wütend und trat nach ihm.
Rusty rollte zur Seite, konnte aber dem Tritt nicht gänzlich entkommen. So schnell er konnte, versuchte er sich aufzurichten, aber der Diesel packte ihn. Mit voller Kraft trat er ihm in den Bauch und schleuderte ihn zur Seite. Rusty schrie auf als sich die auf dem Boden liegenden Scherben in seine Hände bohrten.


„Wenn ich eines noch mehr hasse als E-Loks, dann sind es stinkende Dampfloks!“ Pitch spürte, wie sich immer mehr Wut in ihm anstaute. Da mochte ihn der Kleine noch so ängstlich ansehen, er würde jetzt seinen Hass zu spüren bekommen. Dampfloks gehörten auf den Schrott!
Er trat die Lok noch einmal kraftvoll in die Seite, woraufhin sie regungslos liegen blieb. Ach, jetzt stellte sie sich schon tot? Das war doch lächerlich.

„Komm, steh auf! Vielleicht lasse ich dich ja doch gehen?“
Tatsächlich regte sich die Dampflok. Aber offenbar war sie zu schwach um sich aufzurichten. Schrott, eben. Pitch machte ein verächtliches Geräusch und trat noch einmal kräftig zu.
Er sah auf die bewegungslos daliegende Lok hinab. Jetzt kannte er Tims Geheimnis und konnte ihn erpressen. Und nicht nur das. Womöglich hatte er sogar sein Spielzeug kaputt gemacht. Pitch musste grinsen.
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