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When the night is darkest 3 - Verschollen

von Tilajasar
GeschichteDrama / P16 / Gen
Caboose OC (Own Character) Rusty
29.06.2020
13.07.2020
10
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06.07.2020 1.506
 
Am nächsten Tag hatte die Sonne den Zenit schon überschritten, als der Frachtzug mit Blacco an der Spitze in den Victoria einfuhr. Die Waggons zerstreuten sich nach und nach, bis nur noch Caboose und Blacco zusammenstanden.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte der schwarze Diesel.
Caboose lächelte. „Ich fahre jetzt zu Papa und spreche mit Greaseball sobald er mit dem Personenzug zurück ist. Das sollte am späten Nachmittag sein. Es wäre zweckmäßig, wenn du Liz erst danach informierst, denn ich vermute, dass Greaseball ablehnen wird heute noch zu fahren.“
„Dann fahre ich euch“, antwortete Blacco ohne zu zögern. „Ich kann das auch sofort machen. Je eher wir da sind, desto besser, oder?“
Caboose legte den Kopf schräg und überlegte. „Nein“, sagte er dann.
„Warum nicht?“, fragte Blacco verwundert.
Caboose seufzte. Er hasste es sich erklären zu müssen. „Wenn Tim mir auch nicht die Wahrheit sagt, so bin ich doch derjenige dem er am ehesten vertraut. Er wird es verdächtig finden, wenn ich mit einer anderen Lok als Greaseball komme.“
Blacco machte ein Geräusch, dass zeigte, dass er dieser Argumentation nicht folgen konnte. Aber das war Caboose egal. Sein Gefühl sagte ihm, dass es falsch wäre mit Blacco zu fahren. Auf eine Nacht kam es nun auch nicht mehr an.

„Und du meinst, er wird dir dann erzählen, wo Rusty ist?“ Blacco sah ihn zweifelnd an.
Caboose grinste. „Er vielleicht nicht. Aber ein Gleichgesinnter schuldet mir noch einen Gefallen.“
Die Verwirrung auf Blaccos Gesicht war nicht zu übersehen.
„Ich muss zu Papa“, verabschiedete sich Caboose und fuhr davon.

---

Rusty war in den letzten Stunden wieder viel mit Liz unterwegs gewesen. Auf seinen gewöhnlichen Touren, am Meer, sogar in den Bergen und an anderen Orten, die er gar nicht kannte und die es so wahrscheinlich auch gar nicht gab. Jedoch wurde es mit der Zeit immer schwerer bei Liz zu bleiben. Es stellten sich immer längere Perioden ein, in denen er einfach mit geöffneten Augen dalag und geradeaus starrte. Dabei versuchte er das allgemeine Unwohlsein zu verdrängen und einfach an nichts zu denken aber auch das wurde immer schwerer.

Ihm war so kalt, dass er am ganzen Körper zitterte. Sein Kopf schmerzte bei jeder Bewegung. Sein Magen krampfe sich zusammen, obwohl er vor nicht allzu langer Zeit extra etwas gegessen hatte, weil er sich so schwach fühlte. Hinzu kamen die Schmerzen, die auf Tims Einwirken zurückzuführen waren. Er fühlte sich so elend, dass er sich sogar wünschte, Tim hätte nicht alle Pillen aufgesammelt und mitgenommen. Aber das hatte er. Rusty erinnerte sich dunkel, dass er verzweifelt den Boden abgesucht hatte.

Er stöhnte und stütze sich hoch. Nun wurde ihm auch noch schwindelig. Er schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. Erst nach einer Weile verschwand der Schwindel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht setzte er sich auf und lehnte den Rücken an die Wand. Sie war unangenehm kalt aber er musste sich anlehnen, sonst hätte er keine Kraft gehabt sich aufrecht zu halten. Warum tat er das überhaupt? Er könnte genauso gut weiter liegen bleiben und warten, bis Tim endlich zurückkommen würde. Und dann… Rusty schloss die Augen. Er wollte nicht mehr.

Er nahm Liz bei der Hand, strich ihr durchs Haar und küsste sie. Sie lächelte und sah dann überrascht zur Seite. Rusty drehte den Kopf und sah Tim, der sie böse grinsend beobachtete. Nein! Rusty schüttelte den Kopf, Tim hatte in seinen Träumen nichts zu suchen!

Er kehrte zurück zu Liz und fuhr mit ihr in den Sonnenuntergang. Plötzlich stand Tim auf den Schienen. Rusty musste eine Vollbremsung machen und kam erst unmittelbar vor ihm zum Halten. Total erschrocken sah er sich um, ob es Liz gut ging, aber sie war verschwunden. Er stand allein mit Tim im Nirgendwo. Der Himmel schimmerte auch nicht mehr in romantischen Rottönen sondern senkte sich in bedrohlichem Grau auf ihn herab. Tim streckte böse lächelnd den Arm nach ihm aus. Rusty wollte zurückweichen aber er konnte sich nicht bewegen.

„Hey, schläfst du?“, drang eine erstaunlich reale Stimme an sein Ohr.
Er öffnete die Augen und sah Tim, der vor ihm hockte und seine Hand auf seiner Schulter liegen hatte. Rusty wollte ihn abschütteln, aber irgendwie fehlte ihm die Kraft. Zum Glück zog Tim seine Hand von allein weg.
„Bist du jetzt wach?“, fragte er und wenn Rusty es nicht besser gewusst hätte, hätte er geglaubt, einen besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen. Er nickte langsam.
„Fein“, sagte Tim und erhob sich.

Rusty sah, wie er zum provisorischen Tisch rollte, Wasser eingoss und mit dem Gefäß zurückkam. Er beugte sich wieder hinunter und schüttete ihm das Wasser schwungvoll ins Gesicht. Rusty hielt erschrocken die Luft an. Das hatte er nicht erwartet.
„Was soll das?“, fragte er empört und wischte sich mit zitternden Händen die Tropfen vom Gesicht.
Tim grinste ihn an. „Ich will nur sichergehen, dass du wirklich wach bist und es auch bleibst. Schließlich kommt jetzt die Überraschung.“
Rusty ahnte, dass Tims Überraschung für ihn nichts Gutes bedeuten konnte. Er hatte jedoch keine  Vorstellung, was es sein könnte und er wollte es auch gar nicht wissen.

„Um es für dich etwas interessanter zu gestalten…“, Tim sah ihn verschwörerisch lächelnd an und sprach leiser weiter, „wenn du ordentlich mitmachst, lass ich dich danach frei.“
Rusty starrte ihn an. Meinte er das erst? Er würde ihn fahren lassen? Das konnte er nicht glauben, aber er wollte es. Das würde bedeuten, er müsste nur noch dieses eine Mal durchhalten, dann könnte er Liz wiedersehen.
„Möchtest du das?“ Tim sah ihn erwartungsvoll an.
Rusty nickte.
„Gut. Dann haben wir einen Deal.“ Tim klatschte zufrieden in die Hände, richtete sich auf und fuhr zur Tür. Er öffnete sie weit und sah ihn breit grinsend an.
„Hier kommt die Überraschung!“
Rusty erstarrte.

---

„Hey Liz!“
Liz sah von ihrem bewusstlosen Patienten auf und blickte in Beccas überraschtes Gesicht.
„Was machst du noch hier? Ich dachte, du wolltest Tim zur Rede stellen.“
Liz seufzte und fuhr in ihrer Arbeit fort. „Das wollte ich auch. Und Greenard hätte mir sogar heute noch den Gefallen getan. Aber dann…“, sie machte eine hilflose Geste, „…dann kamen die beiden rein.“ Sie deutete auf die vor ihr liegende und eine weiter entfernt untergebrachte Lok.
„Oh, das sieht nicht gut aus.“
„Stimmt leider. Das war ein Frontalcrash. Da hat wohl einer nicht aufgepasst. Beide sind in kritischem Zustand. Da kann ich natürlich nicht wegfahren.“
Becca nickte langsam, aber Liz wusste, dass ihre Freundin an ihrer Stelle wohl anders gehandelt hätte. Sie wünschte, sie hätte eine Wahl gehabt.

„Ich habe Blacco vorhin gesehen. Gibt’s denn was Neues?“, fragte Becca.
Das war also der Grund, warum sie hier war. Liz richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Patienten. Während sie tat, was getan werden musste, antwortete sie auf Beccas Frage.
„Caboose hat erfahren, dass Electra bei Tim ist.“
„Wer ist Electra?“
„Electra ist Tims Onkel. Er war zur Zeit der Weltmeisterschaft und ein paar Wochen danach in Victoria. Rusty hatte damals kein gutes Verhältnis zu ihm“, klärte Liz sie auf.
„Aha.“ Becca wirkte noch immer verwirrt. „Blacco ist extra hierhergekommen um dir zu sagen, dass Tim Besuch von seinem Onkel bekommt? Das war alles?“
Liz seufzte. Natürlich konnte Becca nicht verstehen, was das möglicherweise bedeutete. Sie wusste ja nichts von der Wette. Sie erinnerte sich noch sehr gut, wie unglaublich schwer es Rusty gefallen war, allein ihr davon zu erzählen.
„Electra ist über sechshundert Kilometer von Tim entfernt stationiert. Caboose meint, es könnte etwas zu bedeuten haben, dass er gerade jetzt vorbeikommt“, führte Liz aus und wiederholte damit beinahe Wort wörtlich was Blacco ihr mitgeteilt hatte. Mehr konnte sie ihrer Freundin nicht sagen.

„Ok. Dann passiert jetzt endlich was?“, fragte Becca gespannt.
Liz zuckte die Schultern. „Ich hoffe es. Blacco meint, Greaseball fährt morgen mit Caboose hin. Blacco hätte ihn auch schon heute hingebracht, aber warum auch immer wollte Caboose das nicht.“
Becca rollte mit den Augen. „Der ist eh komisch. Wer weiß, ob er nicht wieder irgendwie in der Sache mit drin steckt.“

Liz sah sie erschrocken an. Daran hatte sie tatsächlich noch gar nicht gedacht. Nur weil Caboose so freundlich und hilfsbereit erschien, hieß das ja nicht, dass er nicht wieder ein doppeltes Spiel spielte. Allerdings… „Warum sollte er das tun?“
„Keine Ahnung was in seinem Kopf vorgeht. Warum hat er denn damals nicht die Nachricht überbracht, dass Rusty hier ist? Warum hat er ihm das Leben gerettet und sich dann auf Tims Seite gestellt? Ich glaube es macht ihm Spaß andere gegeneinander auszuspielen. Wer weiß, vielleicht hat Tim ihm ein tolles Angebot gemacht, damit er ihn nicht verrät.“
Liz schüttelte den Kopf. „Er war es doch, der den Verdacht überhaupt erst auf Tim gelenkt hat. Ich glaube nicht, dass er mit ihm gemeinsame Sache macht.“
„Hoffen wir, dass du Recht hast“, erwiderte Becca.
Liz nickte. „Ich werde auf jeden Fall, sobald ich hier weg kann zu Tim fahren. Jetzt muss ich weitermachen.“

Becca verabschiedete sich und Liz fuhr mit ihrer Arbeit fort. Bald musste sie aber innehalten. Wäre es wirklich möglich, dass sie einen fatalen Fehler begangen hatte, Caboose zu vertrauen?
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