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When the night is darkest 3 - Verschollen

von Tilajasar
GeschichteDrama / P16 / Gen
Caboose OC (Own Character) Rusty
29.06.2020
13.07.2020
10
13.318
 
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01.07.2020 1.588
 
Liz erwachte am Morgen sehr zeitig. Sie hatte wenig und schlecht geschlafen. Aber sie wusste auch, dass sie nicht wieder in den Schlaf finden würde. Also stand sie auf und machte sich für die Arbeit bereit. Das würde sie ablenken.

Während sie durch die kalte Morgenluft zur Reparaturhalle fuhr, musste sie wieder an das Gespräch mit Caboose denken. Es hatte sie selbst überrascht, wie geschockt sie war von Cabooses lockerer Bestätigung dessen, was Rusty ihr damals auch schon angedeutet hatte. Offenbar hatte sie ihm die Geschichte doch nicht hundertprozentig geglaubt. Wie hätte sie das auch tun können. Sie hatte Tim als liebenswerte, hilfsbereite Lok kennengelernt, die mit Höchstgeschwindigkeit durch die Nacht gerast war, um seinen Freund zu retten. Wer hätte ahnen können, dass er hinterhältig bösartige Pläne verfolgte. Sie hoffte inständig, dass Caboose sich irrte und er nichts mit Rustys Verschwinden zu tun hatte.

„Guten Morgen Liz“, grüßte sie Becca.
„Morgen. Warum bist du so früh schon unterwegs?“
„Ach“, Becca winkte ab. „Ich drehe nur eine Runde. Mach ich gern wenn noch nicht so viele unterwegs sind.“
Liz sah sie verwundert an aber sie sagte nichts. Ihr war eigentlich auch egal, warum Becca so früh schon draußen war.
„Gibt’s schon was Neues?“, fragte Becca neugierig.
Liz schüttelte den Kopf. „Leider nicht.“
„Keine Spur?“
Liz seufzte. „Einige denken, Tim könnte dahinter stecken und ich fürchte das auch.“
„Tim? Die E-Lok wegen der Rusty damals seinen Yard verlassen hat?“
Liz nickte. „Er wurde damals versetzt und könnte das Rusty anlasten.“
„Ein Racheakt?“ Becca machte ein bestürztes Gesicht. „Aber was…“
„Ich weiß es nicht und ich will darüber nicht nachdenken“, unterbrach Liz sie. „Caboose nimmt sich der Sache an. Ich kann leider überhaupt nichts tun.“ Sie sah Becca hilflos an.
Becca nickte verständnisvoll. „Ja, wenn wir Loks wären, wäre vieles einfacher. Aber lass den Kopf nicht hängen. Vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, wie du glaubst. Gib mir Bescheid, wenn ich irgendetwas tun kann.“
Liz dankte ihrer Freundin, verabschiedete sich und setzte ihren Weg fort.

---

Greaseball und Caboose kamen erst als es schon beinahe dunkelte in Tims neuem Yard an. Niemand war zu sehen.
Greaseball kuppelte Caboose ab und schaute sich genervt um. „Ich hoffe, er ist auch da. Nicht, dass die ganze Fahrerei ganz umsonst war.“
Caboose sah sich ebenfalls um. Er war schon ein paar Mal hier gewesen, kannte den ein oder anderen Waggon und auch einen der Diesel. Er überlegte, wen er zuerst aufsuchen sollte um sich nach Tim zu erkundigen. Da kam ihnen ein junger Schlafwagen entgegen. Caboose setzte sein freundlichstes Lächeln auf und fuhr auf den Waggon zu.

„Hi Sleepy“, grüßte er freundlich. „Wir sind gerade auf der Durchreise und dachten, wir schauen mal bei euch vorbei.“
„Hi Caboose.“ Sleepy lächelte kurz und blickte dann misstrauisch zu Greaseball. „Was wollt ihr?“
Caboose seufzte. „Ich habe gehört, dass es Tim hier nicht so gut geht, da dachte ich, ich schau mal nach ihm.“
Gespannt beobachtete er Sleepys Reaktion. In ihren Augen funkelte es wütend. „Ich mag ihn nicht, und das tun die wenigsten hier. Mit Recht.“
Caboose tat erstaunt und Sleepy setzte erklärend hinzu: „Er ist eine E-Lok und die haben immer zwei Seiten.“
Caboose musste lächeln. Offenbar wurde Tim hier schon durchschaut. Er würde es riskieren, sie auszufragen. „Hat er sich die letzten Tage irgendwie seltsam verhalten?“
Als Sleepy ihn nur mit fragenden Augen ansah, fügte er hinzu: „Ist er vielleicht öfter unterwegs gewesen als sonst?“
„Ich führe kein Buch über seine Bewegungen. Ich gehe ihm wie viele hier aus dem Weg.“ Sie überlegte kurz. „Sonst hing er abends immer mit ein paar anderen Waggons rum. Mit denen hab ich ihn die letzten Tage nicht mehr gesehen. Aber wer weiß, was da zwischen ihnen vorgefallen ist.“
Caboose nickte. „Danke, Sleepy. Kannst du uns noch sagen, wo sein Depot ist?“
Sleepy deutete in eine Richtung und gab eine kurze Beschreibung. „Aber ich glaube er ist noch mit den Frachtwaggons unterwegs. Müsste aber bald zurück sein.“
„Wir warten“, sagte Caboose, nickte ihr zu und kehrte zu Greaseball zurück.
„Es sieht gut aus“, flüsterte er. „Also, wir machen es wie besprochen.“
Greaseball nickte leicht genervt.

Caboose drehte sich noch einmal zu Sleepy um. Sie hatte sich schon entfernt, stand nun aber mit dem Diesel, der der Grund war, warum Caboose es für eine gute Idee hielt Tim hierher zu versetzen, zusammen. Er sah grimmig in ihre Richtung und Caboose wandte sich wieder ab.

„Kennst du sie?“, fragte Greaseball und nickte in Richtung der beiden.
Caboose lächelte. Was für eine Frage? Ab wann kannte man jemanden? Wenn man einmal mit ihm gesprochen hatte oder um all seine Geheimnisse wusste. Caboose bevorzugte letztere Definition.
„Ein wenig“, antwortete er. „Sleepy ist ein gewöhnlicher Schlafwagen mit Vorurteilen gegen E-Loks. Aber Pitch…“ Caboose überlegte kurz, wie er es formulieren sollte. „…Pitch ist gefährlich.“
„Er ist ein Diesel“, erwiderte Greaseball als ob das alles erklären würde.
Caboose nickte langsam. „Ja, ein Diesel, der gern auch mal etwas Höherprozentiges tankt und dann seinen Hass auf E-Loks auslebt. Das jedenfalls erzählt man sich.“
Greaseball sah hinüber zu Pitch, sagte aber nichts.

Wenige Minuten später rollte Tim tatsächlich mit ein paar Frachtwaggons ein. Als er Caboose und Greaseball sah, zögerte er kurz, fuhr dann aber strahlend auf sie zu.
„Hi ihr beiden, schön euch zu sehen. Das ist ja eine Ewigkeit her. Wie geht’s?“
Caboose lächelte ebenso herzlich und sah, dass auch Greaseball erstaunlich überzeugend freundlich grüßte. Nachdem sie ein wenig Smalltalk betrieben hatten, beugte sich Caboose verschwörerisch näher zu Tim. „Ich muss mit dir reden“, flüsterte er ernst.
Tim sah ihn erstaunt und ein wenig besorgt an, dann nickte er. Caboose entschuldigte sich bei Greaseball und fuhr mit Tim ein Stück weg.

„Was gibt’s denn?“, fragte Tim neugierig.
Caboose sah ihn erst ernst an, dann lächelte er. „Rusty ist verschwunden.“ Er wartete auf Tims Reaktion, aber der sagte nur „Aha“ und sah ihn weiterhin erwartungsvoll an. Caboose behielt sein Lächeln bei. „Du hast nicht zufällig etwas damit zu tun?“
„Ich?!“ Tim wirkte überrascht. „Ich hab ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, jedenfalls nicht aus der Nähe.“
Caboose wurde wieder ernst. „Dann ist ja gut. Bei uns auf dem Yard glauben nämlich alle, dass du dahinter steckst.“
„Und deshalb seid ihr hergekommen? Um mich zu warnen?“, fragte Tim misstrauisch.
Caboose nickte so unschuldig wie möglich. „Ich weiß doch, wie du zu ihm stehst. Ich hielt es auch nicht für unwahrscheinlich, dass du ihn verschleppt hast.“
„Das habe ich nicht. Das kannst du deinen Freunden sagen. Sie müssen wohl woanders suchen.“
Caboose nickte verstehend. „Schade für Greaseball. Ich hatte ihm schon Hoffnungen gemacht, dass er sich Rusty bald wieder vornehmen kann.“ Er grinste fies und brachte Tim zu einem zumindest bösen Lächeln. Tim zuckte entschuldigend die Schultern. „Da kann ich leider nicht helfen.“
Caboose zwinkerte ihm zu und fuhr ohne ein weiteres Wort zu Greaseball zurück. Der sah ihn erwartungsvoll an. Caboose schüttelte den Kopf und er machte ein enttäuschtes Gesicht.
„Wir sehen uns!“, rief Caboose Tim zum Abschied zu und ließ sich von Greaseball aus dem Yard ziehen.

Als sie außer Sichtweite waren, bremste Greaseball und wandte sich an Caboose. „Was jetzt?“
Caboose machte ein nachdenkliches Gesicht. „Tim spielt sehr raffiniert. Ich durchschaue ihn nicht.“
„Also fahren wir jetzt zurück.“
„Nein.“ Caboose schüttelte entschieden den Kopf. „Jetzt, wo wir schon mal hier sind, will ich es genau wissen. Wir schleichen uns an und beobachten ihn.“
„Das ist nicht dein Ernst?!“ Greaseball sah ihn entsetzt an. „Es ist bald Abend und ich muss noch zwei Stunden zurückfahren.“
„Das weiß ich“, entgegnete Caboose ruhig. „Aber nur so können wir herausfinden, ob Tim sich auffällig verhält. Und wenn wir es nicht tun, entgeht uns eine Riesenchance.“
Greaseball machte ein genervtes Geräusch. „Und wie lange willst du ihn beobachten?“
„So lange bis ich sicher bin, dass er nichts im Schilde führt.“
„In spätestens einer Stunde fahre ich zurück“, sagte Greaseball entschieden.
Caboose nickte. Nach dem Gespräch mit Tim war er sich zwar nicht mehr so sicher, dass er etwas mit Rustys Verschwinden zu tun hatte wie zuvor, aber es war die plausibelste Erklärung. Er musste einfach hoffen, dass Tim sich durch sein Verhalten irgendwie verriet.
Also kehrten sie im Schutze der Dunkelheit in den Yard zurück und verbargen sich hinter einem Gebüsch mit gutem Blick auf Tims Depot. Das Licht darin brannte und dann und wann sahen sie einen Schatten. Aber sonst tat sich nichts.

-

„Caboose“, flüsterte Greaseball energisch, „ich will hier nicht erfrieren!“
Es war inzwischen schon das dritte Mal, dass er zum Aufbruch drängte und Caboose konnte es ihm nicht verübeln. Es war tatsächlich etwas kühl geworden. Er selbst hatte auch keine rechte Lust mehr noch länger zu beobachten, wo es offenbar nichts zu beobachten gab. Oder ging Tim doch raffinierter vor als er gedacht hatte?
„Also ich fahre jetzt. Du kannst ja hierbleiben“, sagte Greaseball entschlossen und zog sich langsam zurück.
„Na gut. Lass uns fahren“, willigte Caboose widerwillig ein.

Als er hinter Greaseball durch die kalte Nacht sauste, ärgerte er sich, dass sie so viel Zeit in der Kälte verschwendet hatten ohne nennenswertes Ergebnis. Dabei war er sich sicher gewesen, dass Tim sich verraten würde. Er war sogar ganz konkret sicher gewesen, dass Tim sie zu Rusty führen würde. Sollte er sich so in ihm geirrt haben? Hatte Tim etwa nur einmalig und dafür endgültig Rache genommen? Nein, diese Art der Brutalität schlummerte nicht in der jungen E-Lok. Oder hatte er tatsächlich nichts mit Rustys Verschwinden zu tun? Wer sollte Rusty sonst in eine Falle gelockt haben?
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