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Harpunenbaum

von Ormoe
KurzgeschichteHumor, Poesie / P12 / Gen
28.06.2020
28.06.2020
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2.208
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Hallöchen, das ist mein kleiner Beitrag zu dem Projekt Story Cubes-Alea iacta est von andi0106. Meine gewürfelten Begriffe waren: Pfeil, Baum, Gehstock und herabbaumeln, springen, sich strecken und nach etwas greifen. Ich hoffe, euch gefällt meine kleine Geschichte, für Feedback bin ich immer zu haben :)





Harpunenbaum

Ihm war langweilig. Seit Tagen tat er nichts anderes, als auf dem Schaukelstuhl vor der Veranda zu sitzen. Wie ein alter Mann. Der er war. Er hasste die Langeweile. Sie brachte ihn dazu, über seine restliche Zeit nachzudenken. Sein Leben lang hatte er auf dem Schiff verbracht und jetzt, da er pensioniert war, sass er nur auf dem verdammten Stuhl herum. Tag ein, Tag aus fragten ihn die Nachbarn, ob er Hilfe brauche. Nein, er brauchte sie nicht. Dass er das regelmässig sagte, änderte nicht an ihrem Verhalten. Er wusste ja, alle meinten es gut, aber er wollte nicht hilflos erscheinen. Da er an einem Gehstock ging, gelang ihm das nicht wirklich. Leider war seine Zeit auf den grossen Kriegsschiffen nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Durch einen unglücklichen Unfall, in dem ein Putzeimer und stürmische See einen grosse Rolle spielten, hatte er sich das Bein gebrochen. Nun humpelte er. Es war nichts, worauf er besonders stolz war.

So in Gedanken versunken, bemerkte er Ms. Walsh erst, als es schon zu spät war. "Mister Brown, Mister Brohooowwwnn, ich habe Ihnen etwas mitgebracht", trällerte die ältere Dame. In ihrer Hand hielt sie eine grosse Plastiktüte, die prall gefüllt war. Gequält lächelnd sass er also in seinem Schaukelstuhl, den Gehstock schützend vor sich aufgestellt. "Das ist aber sehr freundlich von Ihnen, Ms. Walsh. Ich hoffe doch, es ist nicht ihr berühmter Tomatenkuchen?", fragte er, während er tatsächlich hoffte, nicht den scheusslichen Tomatenkuchen zu bekommen.

"Ahhhh, Sie sind aber ein Fuchs. Jetzt haben Sie meine Überraschung bereits erkannt. Das ziemt sich nicht!", sagte Ms Walsh genau dann, als er seinen Gedanken fertiggedacht hatte. "Wollen wir ihn nicht zusammen essen, Mister Lewis?" Sein Lächeln wurde immer gequälter, jetzt hatte sie ihn bereits mit seinem Vornamen angesprochen. "Nein, nein, das geht leider nicht. Ich muss leider zu meinem Arzt. Und zwar gerade jetzt. Und ich kann den Termin nicht verschieben. Auf Wiedersehen, Ms Walsh." Während er also Ms Walsh abwimmelte, stand er auf und flüchtetet so schnell er konnte, ohne unhöflich zu erscheinen, zu seinem Auto. Als er dort angekommen war, bemerkte er, dass er den Autoschlüssel nicht hatte und humpelte Richtung Tür zurück. Leider stand Ms Walsh nun genau davor. "Lewis, ich glaube, Sie wollen mich loswerden", schniefte sie," ich wollte Ihnen doch nur eine Freude machen. Und jetzt lassen Sie mich einfach hier stehen." Innerlich verzweifelnd, lud er nun also Ms Walsh in sein Haus ein und ass mit ihr zusammen den Kuchen. Dass er nur ein einziges, sehr kleines Stück davon ass, fiel ihr zum Glück nicht auf. Nach etwa drei Stunden schweigen von seiner Seite und drei Stunden geplauder von der anderen, verliess ihn Ms Walsh wieder. Damit er zu seinem Arzt konnte. Sein Lächeln war mittlerweile nicht mehr wirklich zu erkennen.

Mal wieder sass er auf seinem Schaukelstuhl, allerdings nun hinter seinem Haus, um nicht mehr so einfach überrascht werden zu können. Seine Gedanken waren noch düsterer als am Tag zuvor, als er sich streckte und nach der Zeitung griff, die auf einem kleinen Tischchen rechts von ihm lag. Als er sie aufschlug, stach ihm eine Anzeige entgegen: "Boot mit Kajüte zu verkaufen". Sofort schaute er nach dem Preis und der Adresse des Verkäufers. Ohne gross zu überlegen, stieg Lewis in sein Auto und fuhr an die Küste.

"Und Sie sind sich sicher, dass Sie das Boot wollen. Ich meine nur, ihn Ihrem Alter.", fragte der Verkäufer. Es war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit bereits angegrautem Haar, der ihn skeptisch musterte. Empört blickte Lewis zurück. Natürlich wurde er wieder wie ein Urgrossvater behandelt. Am liebsten hätte er seinen Gehstock als Waffe missbraucht. Allerdings hielt er sich zurück. "Ja, ich bin mir sicher. Mein Leben lang habe ich auf See verbracht, ich will auch mein Ende darauf verbringen. Und meine Nachbarn treiben mich in den Wahnsinn. Also, hier ist das Geld. Ich würde nun gern das Geschäft abschliessen!" Immer noch skeptisch nahm der Mann das Geld und überreichte ihm den Schlüssel für die Kajütentür. "Wenn das so ist…ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit Ihrem Boot. Sie können es bis morgen hier stehen lassen, nachher ist der Platz leider wieder besetzt." Mit diesen Worten verschwand der Verkäufer kopfschüttelnd.

Wieder zuhause angekommen, packte Lewis alles ein, was ihm auf See nützlich sein konnte. Sein alter Kompass und eine Seekarte verschwanden als erstes in seinem grossen Rucksack. Dazu kamen noch eine Sturmlaterne, ein Sextant, ein Sturmfeuerzeug, ein Taschenmesser und seine Angelausrüstung. Dann nahm er noch einen Satz Kleider,  ein paar Konservendosen und Trinkwasservorräte mit. Als er das alles in sein Auto gepackt hatte, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und humpelte noch einmal zurück. Dann stecke sich seine alte Pfeife in die Hosentasche. Als er schon fast wieder zur Tür hinaus war, drehte er sich um, seufzte tief und schrieb einen kurzen Brief, den er auf den Esstisch legte. Darin stand nur, dass er nicht mehr in das Haus zurückkehren und von nun an Reisen würde. Dass er das auf einem Schiff tat, erwähnte er nicht. Nun endlich schloss er seine Haustür ab und stapfte entschlossen zu deinem Auto.

Seit drei Tagen war er nun auf dem kleinen Segelboot und er genoss es. Der Seewind umblies ihn sanft und er kam gut voran. Auch bei Flaute würde er nicht sitzenbleiben, denn ein kleiner Motor war eingebaut. Auch das Frischwasser würde ihm nicht ausgehen, da es eine kleine Anlage zur Frischwasserzubereitung gab. Diese war nicht mehr die beste und produzierte auch nicht mehr allzu viel Wasser, aber er war allein. Für ihn würde es reichen.

Natürlich reiste er zum Spass, trotzdem hatte er eine ungefähre Route im Kopf. Er wollte nach Schottland reisen und von dort aus die Überfahrt nach Norwegen probieren. Was er danach machen wollte, lies er offen. Denn Lewis war sich bewusst, dass er nicht besonders legal unterwegs war. Aber ein letztes Abenteuer war ihm das Wert. Auch hatte er schon sein Leben lang einmal von der Polizei gejagt werden wollen. Für ihn gab es kein schlechtes Ende seiner Reise.

Allerdings gab es schlechtes Wetter. Der Wind frischte auf und dunkle Wolken sammelten sich am Horizont. Doch Lewis war nicht verunsichert. Er zurrte alles fest, entzündete seine Sturmlaterne und begann, sich eine Pfeife anzustecken. Fröhlich paffend liess er den Sturm über sich ergehen. Das kleine Boot schaukelte heftig, doch trotzdem hatte Lewis keine Angst. Wieso sollte er auch. Es lag nicht an ihm, wie stark die Wellen wellten. Er hätte auch nichts ändern können. Ruhig legte er sich also in seine Hängematte und schlief ein.

Er wachte auf, als das Schiff plötzlich zum Stillstand kam. Es knirschte und knackte und dann bewegte sich nichts mehr. Verwundert strich er sich über das Gesicht und stand auf, um nachzusehen, was passiert war.  Auf Deck angekommen, wunderte er sich nicht mehr. Der Sturm hatte das Boot in die Nähe der Küste gebracht und jetzt war es auf Strand gelaufen. Nach kurzem Überprüfen war klar, dass nur der Lack ein bisschen was abbekommen hatte, der Rest des Bootes war immer noch ganz. Als also das Wichtiges angeschaut war, sah Lewis sich um. Er war auf einer kleinen Insel gelandet, die nicht mehr beherbergte als einen einsamen Baum, ein bisschen Strand und ein paar Felsen und Wiese.

Weil er sowieso nichts Besseres zu tun hatte, sprang er von dem Boot runter, nur um gleich darauf wieder erinnert zu werden, dass er nicht mehr der Jüngste war. Seine Knochen knackten hörbar. Fluchend richtete er sich wieder auf und humpelte Richtung Fels. Danach machte er sich an den Aufstieg, der lächerlich einfach war. Denn der Fels war nicht grösser als etwa zwei Meter. Als Lewis nun also darauf stand, blickte er über seine neu entdeckte Insel. Und da er nicht wusste, wie sie hiess, taufte er sie auch gleich. Von nun an würde sie "Tomatus Exilius" heissen. Er fand es sehr lustig. Ms Walsh vielleicht weniger. Aber ihm war das egal.

Seufzend betrachtete Lewis seinen Sextanten. Er war nicht mehr besonders ganz und hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen. Im Geiste setzte er zu den zerstörten Gegenständen neben den Lack auch noch den Sextanten. Im Sturm war das Gerät wohl etwas zu heftig mit der Bordwand zusammengekracht und war dann zerbrochen. Nun stand er vor einem kleineren Problem: Er wusste nicht, wo er war.

Nach längerem Überlegenen und vermehrtem Fluchen hatte er beschlossen, sich nicht mehr länger darüber aufzuregen. Der Sextant war kaputt und er würde ihn nicht mehr reparieren können. Danach überlegte er weiter. Er hatte genug Verpflegung und auch an Wasser würde es ihm nicht Mangel. Sowieso hatte er sich ein Abenteuer gewünscht, wieso war er jetzt enttäuscht, wenn es da war? Ein Grinsen huschte über sein verwittertes Gesicht und Lewis rieb sich die Hände. Ja, jetzt war er tatsächlich ein Seemann, allein auf dem Meer und auf Entdeckungsfahrt. Das war sogar noch besser als eine Jagd mit der Polizei.  Stolz stapfte nun also der neu entdeckte Entdecker über seine Insel und begutachtete sie noch einmal. Mehr als vorhin war nicht drauf, aber als gewissenhafter Entdecker musste er nach Gold und Edelsteinen suchen.

Eine Inspektion später hatte er tatsächlich etwas gefunden. Es war zwar kein Gold, aber trotzdem sehr interessant. Ein riesengrosser Pfeil lag unter Sand begraben am Strand. Dieser Pfeil war aus Metall und eine lange Eisenkette hing daran. Nun, es wäre eine lange Eisenkette drangehangen, wenn diese nicht vollkommen durchgerostet gewesen wäre. Der Pfeil war kaum mehr als ein solcher zu erkennen und von Rost bedeckt. Lewis war sich nicht sicher, aber er glaubte, eine Harpune gefunden zu haben. Eine Harpune zum Walfang. Angewidert verzog er das Gesicht. Er liebte das Meer und seine Bewohner und oft hatten Delfine und Wale die Schiffe begleitet. Jedes Mal war dies ein unglaubliches Ereignis gewesen.

Es dauerte lange, bis er die Harpune ausgegraben und auf die Insel gebracht hatte. Beinahe hatte er sich an der aufgerauten Oberfläche verletzt, doch er schaffte es ohne Kratzer den kleinen Hang hinauf. Als er die Harpune aufgestellt hatte, begann er, sie mit Gras zu bedecken. Es baumelte herab und begann, dem todbringenden Werkzeug eine neuen Sinn zu geben. Er hatte die vielen Vögel gesehen, die um die Insel flogen und wollte ihnen eine Brutmöglichkeit bauen. Plötzlich kam ihm eine besondere Idee. Er ging zu dem Baum, zwickte einen kleinen Ast ab und pflanzte ihn neben die Harpune ein. Dann befestigte er den Ast mit einem kleinen stück Draht an dem Pfeil und trat zurück. Wenn er alles richtig gemacht hatte, würde hier in ein paar Jahren ein Baum stehen, der um die Harpune wuchs. Glücklich sah er sein Werk an, von dem er hoffte, es würde neues Leben ermöglichen.

Es war Abend geworden. Am Horizont begann ein prächtiges Farbenspiel. Die Sonne versank im Meer und goldenes Feuer umgab sie. Am Himmel standen bereits Sterne und hüllten das Meer in ein silbernes Licht. Lewis schaute über seine Insel und war glücklich. Schon lange hatte er ein neues Abenteuer gesucht, und jetzt, wo er es gefunden hatte, wurde ihm erst bewusst, wie sehr er es vermisst hatte. Das Meer rauschte und Seemöwen kreischten über ihm. Es war friedlich und niemand war da, der diesen Frieden zerstörte. Mit einem breiten Grinsen legte Lewis sich auf die Wiese und blickte in den Himmel. Es schien ihm, als würde er das erste Mal seit Jahren die Sterne wiedersehen. Die Sternbilder standen klar und deutlich dort und der Mond warf sein Licht darüber. Doch Lewis schaute weiter. Er suchte nach den fremden Planeten und den Galaxien, die sich weit entfernt versteckten. Ihm war es, als würde er durch den Himmel reisen. Nebel in unzähligen Farben umschlossen ihn und er hörte eine Melodie, so warm und vertraut, dass sie ihm eine Gänsehaut den Rücken hinab jagte. Sternschnuppen tanzten um ihn herum und da! Wale schwebten durch den Himmel, majestätisch und uralt. In tiefem Blau drehten sie sich und sangen zusammen mit dem Mond und den Sternen das Lied des Lebens. Überwältigt von alledem schloss Lewis die Augen, während ihm Tränen über die Wangen rollten.

Am nächsten Morgen wachte er mit der Sonne zusammen auf. Ihr Licht kitzelte ihn an der Nase. Leicht fröstelnd ging Lewis zurück zu seinem kleinen Boot und schob es zurück in das Wasser. Dann kletterte er zurück an Bord. Lange stand er am Heck und beobachtete, wie seine Insel immer kleiner und kleiner wurde, bis sie schliesslich hinter dem Horizont verschwand. Dann drehte sich Lewis um und ging zum Bug. So weit sein Auge reichte, war Wasser zu sehen. Die Möwen begleiteten ihn am Himmel und mit einem Lächeln bemerkte er die Delfine, die neben seinem Schiff herschwammen. Entschlossen packte er das Steuer und segelte Richtung Westen. Er würde sich sein nächstes Abenteuer suchen.
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