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Der Traum von einer "Heilung"?

KurzgeschichteHorror, Tragödie / P16 / Gen
OC (Own Character)
28.06.2020
28.06.2020
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2.170
 
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Bevor du liest:
Da es sich hierbei um einen Traum von mir handelt, beinhaltete die Geschichte auch entsprechende Logik. Ich bitte das zu beachten XD
Ich habe ihn mit einigen Details ausgeschmückt um die Szenerie lebendiger zu gestalten und doch ein wenige mehr Logik in die Geschichte zu bringen.
Und jetzt viel Spaß!
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Wie von selbst führen Anjas Arme das geheime Klopfzeichen aus. Es klingt hohl auf der verrosteten Tür, von der sich jeder wunderte, warum sie nicht bereits seit sehr, sehr langer Zeit aus den Angeln gerissen ist.
In ihrem Magen macht sich Vorfreude breit, als sie die Schritte ihres treuen Freundes hört. Mit einem gequälten Kreischen öffnet sich die Tür und ein großer, schlanker Mann mit dunkler Haut und noch dunkleren Augen lächelt ihr entgegen. Sie lächelt zurück. Es ist viel Zeit vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen haben und sie haben sich sicher viel zu erzählen.
„Anja! Komm doch rein.“ Sagt er fröhlich und tritt zur Seite.
„Nick, wie geht es dir? Wie geht es Brandon?“ Sie kommt auf ihn zu und nimmt ihn in eine herzliche Umarmung, bei der sie ihm kaum bis zur Brust reicht.
„Uns geht es gut. Wirklich.“ Versichert er. Aus den Augenwinkeln sieht Anja das kleine Energiebündel, das sie so lieb gewonnen hat. Brandon, Nicks kleiner Bruder, kommt auf sie zugelaufen und drückt sie herzlich.
„Hey mein Kleiner, wie geht es dir? Bist du auch schön artig?“
Brandon nickt eifrig und zeigt ihr seine strahlend weißen Zähne in einem breiten Lächeln.
Anja legt den Kopf etwas schief.
„Was hast du denn da?“ fragt sie, als sie eine Art Konsole in der Hand des Jungen entdeckt.
Er reckt das Spielzeug stolz in die Höhe.
„Das hat Nick mir gekauft, weil ich so lieb war. Soll ich es dir zeigen?“
Seinem Welpenblick kann sie einfach nicht widerstehen.
„Aber natürlich.“
Sie folgt ihm ins spärlich eingerichtete Wohnzimmer. Es ist weder groß, noch sauber. Die Tapete hängt in Fetzen von den Wänden (Nicht das sie sonderlich schön wäre) und gibt den blanken Putz frei. Der Teppich ist von Flecken übersäht und eines der wenigen Möbelstücke der winzigen Wohnung, die Couch, hat auch schon bessere Tage gesehen.
Nick geht in die Küche und kehrt mit drei Gläsern Wasser zurück, stellt sie auf den kleinen Holztisch und setzt sich auf die Couch, die einen verzweifelten Quietschton von sich gibt.
Anja setzt sich mit Brandon auf den Teppich und sieht ihm über die Schulter zu, wie er das Gerät einschaltet. Es hat anscheinend einen Wackelkontakt und erst beim dritten Versuch leuchtet das Display hell auf.
Bald darauf steuert Brandon eine Ninja-Schildkröte, die versucht durch irgendwelche Abwasserkanäle zu kommen, dabei aber immer wieder von anderen Mutanten oder Menschen aufgehalten wird.
Es ist tatsächlich ein echtes Spiel.
Sie sieht Nick an.
„Du hast ja wirklich keine Kosten und Mühen gescheut, oder?“
Der Unterton in ihrer Stimme ist ihr bewusst. Solche Spiele sind in der Quarantänezone unglaublich teuer und nur sehr schwer zu bekommen. Nick musst viel Geld ausgegeben haben um Brandon das zu ermöglichen.
Anja weiß genau, dass er das Geld dafür nicht hat und es auch für lebenswichtigere Dinge braucht, wie Nahrung, sauberes Wasser oder Kleidung.
Sein hart verdientes Geld für so etwas Luxuriöses auszugeben sieht Nick nicht ähnlich.
Dieser zuckt nur mit den Schultern.
„Er hat es sich nun mal verdient.“
Noch immer ein wenig skeptisch dreht sie sich zurück zu Brandon, dessen Spielfigur bereits zum widerholten Mal von einem Mutanten gefressen wurde. Ihm scheint das jedoch nichts auszumachen.
„Du bleibst ja so ruhig.“ Stellt sie mit einem Schmunzeln fest und erinnert sich an den kleinen Wutball, den sie noch von einigen Monaten kennengelernt hat.
„Ja, früher war ich oft wütend.“ Antwortet er ohne aufzusehen.
„Aber das ist jetzt anders.“
Anja kichert.
„Und wie kommt das?“
Brandon beginnt zu erzählen:

Die Welt um sie herum war grau und verlassen. Einst belebte Straßen waren verrottet, einst geliebte Menschen schon lange gestorben oder zu Monstern geworden.
Zwei kleine Gestalten huschten die zerfallenen Treppen eines Hochhauses hoch. Sie hatten die Quarantänezone schon lange hinter sich gelassen.
„Komm weiter, Brandon! Wir sind gleich da! Das wirst du nicht glauben!“ rief Luke unvorsichtig. Er achtete nicht darauf, ob ihn jemand hören konnte. Er kannte die Gefahren nicht, die in den Schatten lauerten. Ein Grinsen hatte sich auf seinem Gesicht breit gemacht, als er seinen Freund immer weiter mit sich zog.
Dieser war sich nicht so sicher, war aber bereits zu weit gekommen um nun zu zögern.
Oben angekommen stürzte Luke los und ließ ihn weit hinter sich zurück.
„Komm schon! Sieh dir das an!“ seine Stimme hallte von allen Wänden wieder.
Brandon gab sich alle Mühe hinter ihm her zu kommen, stürmte in die weiträumige Halle und sein Mund blieb ihm offen stehen.
Kein Stein stand mehr auf dem Anderen. Der Boden war übersäht mit Trümmern und Müll, den jemand vor Jahrzehnten auf den Boden geworfen hatte. Alte Tische und Stühle waren in den Ecken gestapelt worden. Geräte, die einst Computer gewesen sein mochten, lagen ausgeweidet und nutzlos auf dem Boden herum.
Doch was am verfallensten war, war die Wand selbst. Eine Außenwand war komplett in sich zusammengefallen und wo einst ein Fenster gewesen sein mochte, prangerte jetzt ein riesiges Loch.
Der Wind fuhr Brandom durch die luftige, viel zu große Kleidung, als er sich neben Luke stellte.
Der Ausblick war Atemberaubend. Das war es also, was er ihm hatte zeigen wollen: Die Welt.
Hochhäuser standen wie Bäume in einem Wald dicht an dicht nebeneinander. Bis zum Horizont, so  weit das Auge reichte ragten diese beeindruckenden Bauwerke in die Höhe. Kratzen am Himmel selbst, machten den Vögeln ihr Territorium streitig. Auf den Straßen standen verstreut alte Autowraks herum. An den Stellen, wo der Asphalt aufgebrochen oder zerstört worden war, blühten grüne Wiesen und bunte Blumen, die Brandon von seinem Standpunkt nur als Grüne Punkte erahnen konnte. In weiter, weiter Ferne konnte er Schneebedeckte Berge sehen, die im Blau des Himmels verschwanden. Er hatte bisher nicht mal gewusst, dass sie da waren. Er hatte nichts von der Welt gewusst. Hatte kein Verständnis für ihre Größe gehabt.
Ein Lächeln stahl sich auf Brandons Gesicht, etwas, das nicht oft passierte in der heutigen Zeit.
Er wollte sich zu Luke umdrehen und etwas Bedeutungsvolles und vielleicht auch Kitschieges sagen, doch dieser war plötzlich verschwunden.
„Luke?“ rief Brandon verwundert. Noch war er zu jung und zu unerfahren um sich all die schrecklichen Dinge ausmalen zu können, die seinem Freund passiert sein könnten. Etwas Sorge machte sich dennoch in ihm breit.
Er machte sich auf die Suche und wurde schneller fündig, als er geglaubt hatte.
Hinter einem Stapel Tische kam Luke hervorgekrochen.
„‘tschuldige. Aber guck mal was ich gefunden habe!“
Er schliff etwas hinter sich her, zog es hinter den Tischen hervor in Brandons Sichtfeld. Mit einem spitzen Schrei drehte er sich weg. Das Blut gefror ihm in den Adern und ihm wurde übel.
„Was zum…!“ zu mehr war sein Gehirn nicht mehr fähig.
„Das ist doch cool oder? Eine echte Leiche! Ich wette sie ist infiziert!“ Lukes Lächeln war mehr als unangebracht und seine Freude über seinen Fund noch mehr.
Der Körper, der wohl einst einem Menschen gehört haben mochte, war auf die groteskeste Art verzerrt. Sie war mehrere Wochen alt und stank so entsetzlich, das Brandon derart von Ekel übermannt wurde, dass sein Körper von ganz allein mit einer unüberwindbaren Übelkeit reagierte. Er brauchte seine ganze Willenskraft um seinen Magen von seinem Vorhaben abzubringen. Auf einmal hatte er das Gefühl, sein ganzer Körper wäre dreckig und vom Tod überzogen. Am liebsten hätte er sich mit der Hand über den Mund gefasst oder sich die Nase zu gehalten um dem Gestank zu entkommen, doch seine Hände fühlten sich an als hätten sie die Leiche selbst berührt und wären ebenso Infiziert.
Ihr Gesicht war schrecklich vertrocknet und eingefallen und die Augen waren von Ungeziefer gefressen worden.
Ihr Körper war von Uralten Wunden übersäht und eine Axt steckte noch in ihrer Brust. Doch was noch viel schlimmer war waren die kleinen, fast unauffälligen Pilzfasern, die ihren Körper überzogen.
„Luke ich will hier weg.“ Presste er hervor und wich mit Tränen in den Augen in Richtung eingestürzter Wand zurück, um diesem unerträglichen Gestank zu entkommen.
Luke dagegen lachte, als er an der Axt zerrte, die sich mit einem schmatzenden Geräusch von der Leiche löste.
„Wieso denn?“ klirrend fiel die Klinge auf den Boden, sie war zu schwer für die Arme des Jungen.
„Das macht doch Spaß! Ich frage mich…“ der Rest verblieb in seinen Gedanken.  In seinen Augen ein wenig zu viel Neugier für ein Kind, das grade eine Leiche betrachtete. In Brandons Magen machte sich das Gefühl breit, dass gleich etwas Schreckliches geschehen würde.
„Hast du dich jemals gefragt, wie so ein Ding von Innen aussieht?“
Brandon schüttelte den Kopf und wich wieder einige Schritte zurück.
„Nein, das will ich nicht wissen. Luke ich hab Angst. Lass und gehen.“ sagte er mit weinerlicher Stimme „Bitte.“
Doch Luke dachte gar nicht daran und schleifte die Axt Richtung Kopf.
„Meine Eltern sagen, dass die Krankheit in deinen Kopf wandert.“
Er stellte sich breitbeinig auf und hievte die Waffe über seine Schulter.
„Ich will wissen, ob das wirklich so ist.“
Brandon versuchte noch weiter von seinem „Freund“ weg zu kommen, doch er spürte den Boden unter ihm bröckeln und als er hinter sich blickte, sah er, dass er am Rande des erbarmungslosen Abgrundes stand, wo einzelne Steine scheinbar für immer in die Tiere fielen. Er konnte keinen Zentimeter mehr zurück.
Mit einer schrecklichen Mischung aus einem Knacken und Schmatzen schnitt die Axt den Kopf der Leiche in Zwei.
Es war als hätte eine Bombe eingeschlagen, als sich der Druck, der sich im Schädel der Leiche aufgebaut hatte, explosionsartig löste.
Ein Knall war zu hören und eine riesige Welle aus Sporen und verschimmeltes Hirn wurden in die Luft gewirbelt.
Luke reagierte nicht, nur Brandon zog die Sporen tief in seine Lunge und schrie sich die Seele aus dem Leib. Er stolperte rückwärts und stürzte in die Tiefe.

Der Raum war groß, weiß und kalt. Jede Einrichtung fehlte, bis auf ein einzelner Tisch in seiner Mitte.
An diesem saß Brandon, ihm gegenüber zwei muskelbepackte Männer und eine rundliche Frau. Sie hatte blonde, kurze Haare und einen strengen Gesichtsausdruck.
Sie alle trugen feine, makellose Anzüge, bis auf Brandon, der mit Krankenhausklamotten gekleidet war.
„Du hast dich in den letzten Wochen sehr gebessert Brandon.“ Lobte die Frau mit dem Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht, das jedoch viel zu schnell wieder verschwand.
„Jedenfalls habe ich das gedacht.“
Sie holte einen Teller mit großen Plätzchen hervor. Es waren die besonders leckeren mit den Schokostückchen. Die Frau jedoch schien nicht sonderlich begeistert von ihnen zu sein.
„Ich hatte wirklich Hoffnung mit dir, aber dann hast du diese Kekse gebacken.“
Sie zerbrach einen der Plätzchen und in dessen inneren sprießte der Schimmel.
Sie sah Brandon energisch in die Augen und sah die erste Reaktion, die er während dieses Gespräches von sich gegeben hatte.
Sein zuvor leerer Blick fixierte sie, in der Art und Weise wie ein Raubtier seine Beute fixierte. Seine Augen waren eingefallen. Seine Haut war blass zu einem Punkt, in der sie fast grün aussah und sein Kopf begann zu zucken. Ein ungesundes Zucken, das jedem anderen ein Schauer über den Rücken gejagt hätte.
„Ich werde dich wieder hinkriegen! Egal was es kostet, das schwöre ist!“ versprach sie ihm.
Wie auf einen Befehl griffen sich die zwei großen Männer den Jungen, der sich wand, schrie, fauchte und zu beißen versuchte.
Sie stecken ihn in eine Maschine, die während ihres Gespräches hinter ihm aufgerollt worden war.
Sie erinnerte stark an eine Eiserne Jungfrau und war vielleicht tatsächlich eine Umgebaute Version dessen.
Sobald der Junge die Rückwand der Maschine berührte schnappten metallene Fesseln um seine Arme und Beine.
Ein unmenschliches Kreischen erklang aus seiner Kehle bevor sich der Sarkophag hämmernd schloss.
Den infizierten Jungen umgab völlige Finsternis, doch er hörte wie sich Metall an Metall rieb und sich einzelne Riegel langsam in Bewegung setzten.
Er zappelte, riss an den Fesseln und schrie voller Wut und Wahnsinn.
Ein Zahnrad griff ins nächste. Ein riesiger Bolzen schoss durch sein Gehirn und ließ nichts davon übrig.
Das Kreischen verstummte.
Langsam, Stück für Stück, machte sich die Maschine an die Arbeit und ersetzte jedes einzelne Körperteil durch eine perfekte Kopie.

Anja rührt sich nicht. Kalter Schweiß rinnt ihr den Rücken hinab, Ihre Eingeweide krampfen sich zusammen, ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals, doch sie rührt sie nicht.
Nick sitzt neben ihr. Die Arme um sie und dessen, was einst sein Bruder gewesen sein mochte, ausgebreitet. Er lächelt zufrieden und sieht zu ihm.
Plötzlich erkennt Anja in Brandons Augen keine kindliche Freude mehr sondern einprogrammierte Reaktionen. Sie meint bei jeder Bewegung mechanische Geräusche zu hören. Wie hatte sie sich so täuschen lassen können?
Eine Gänsehaut überfährt ihren Körper.
Sie muss hier raus!


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Und hier bist du am Ende meines Traumes angelangt.
Du verstehst jetzt bestimmt was ich mit "Traumlogik" meinte.
Ich hoffe es hat dir trotzdem gefallen.
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