Am Anfang war die Finsternis

von eve001
GeschichteAllgemein / P18
Vampire
28.06.2020
23.09.2020
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16.09.2020 6.104
 
Hallo meine Lieben!

Etwas später an diesem Mittwoch als geplant kommt hier nun das neue Kapitel. Es ist das vorletzte. Nächste Woche folgt dann noch der Epilog, der die Verknüpfung zur "Fortsetzung" ist.

Ich hoffe, dass euch die Geschichte bis jetzt gefallen hat und dass ihr auch nächste Woche zum Abschluss noch mal reinschaut.

Liebe Grüße

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Am Anfang war die Finsternis

Kapitel 12 – Ende und Anfang


Der Mensch zu Annas Füßen senkte den Kopf. „Cassandra“, wiederholte er leise. Er schien über den Namen nachzudenken.
Währenddessen fing Anna Boros‘ überraschten Blick auf. Sie rechnete damit, dass er sie fragen würde, warum sie dem Vampirjäger einen falschen Namen genannt hatte, doch er sagte nichts. Wahrscheinlich wollte er einen passenderen Zeitpunkt abwarten.

Anna war mit ihrer Namenswahl zufrieden. Vor über 50 Jahren hatte sie der Blutgräfin und auch dem Grafen prophezeit, dass sie eines Tages ihre gerechte Strafe für ihre Taten erhalten werden. Daraufhin hatte die Blutgräfin gemeint, Anna sollte eher „Cassandra“ heißen, wie die Seherin, deren Prophezeiungen niemand Glauben schenkte.
Bei der Erinnerung an das Gespräch huschte Anna ein Lächeln über die Lippen. Die Blutgräfin war bereits tot und eines Tages würde auch der Graf für sein Verhalten büßen müssen. Der Gedanke hatte etwas zutiefst Befriedigendes an sich.

Der Vampirjäger schwieg, doch Anna hatte noch ein paar Fragen, auf die sie so schnell wie möglich eine Antwort haben wollte. Deshalb stellte sie sich wieder direkt vor den Vampirjäger, stemmte die Hände in die Hüften und blickte abschätzig auf ihn herab.
„Da du jetzt meinen Namen kennst, wäre es an der Zeit, dass du mir den deinigen verrätst“, meinte sie.
Hochmütig wie er war, schnaubte der Vampirjäger nur verächtlich und setzte zu einer weiteren Beleidigung an, die er aber nicht aussprechen konnte, weil in dem Moment die Tür des Rittersaals geräuschvoll aufflog.
Ein bis auf die Knochen durchnässter Graf betrat den Rittersaal. Sein Erscheinen veränderte die Atmosphäre im Raum schlagartig. Die Vampire verneigten sich demütig und waren erleichtert, dass ihr Meister unversehrt zurückgekehrt war. Ihre Freude über seine Rückkehr wurde jedoch schnell von der Angst vor seiner schlechten Laune getrübt. Die Vampirjäger spürten sofort die Gefahr, die vom Grafen ausging und schienen gespannt den Atem anzuhalten.
Der Blick seiner kalten Augen schweifte durch den Raum. Er streifte zuerst Anna und blieb dann auf den Vampirjägern hängen. Selbst der bisher so mutige Anführer der Menschen schluckte sichtbar und vermied es, dem Grafen in die Augen zu blicken.
Draculas Wut war körperlich spürbar, sodass Anna instinktiv vor ihm zurückwich, als er auf sie zukam. Auch sie neigte ihren Kopf. Das war nicht der richtige Moment, um den Grafen ein weiteres Mal herauszufordern oder aufsässig zu sein. Er war unberechenbar, wenn er wütend war. Ein kleiner Teil von ihr war sogar froh, ihn zu sehen. Das bedeutete hoffentlich, dass niemand verletzt worden war.
„Sind das alle?“, fragte er und musterte jeden der am Boden knienden Männer mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck.
Anna nickte. „Sind die anderen wohlauf?“, wollte sie wissen.
Der Gesichtsausdruck des Grafen verfinsterte sich. Er brachte Anna mit seinem Blick sofort zum Schweigen.
Daraufhin verkniff sie sich jede weitere Frage. Seine Reaktion hatte nichts Gutes zu bedeuten. Von dieser Erkenntnis wurde ihr flau im Magen.
Der Vampirjäger hatte Anna und den Grafen heimlich beobachtet. Auch er schloss aus der Reaktion des Grafen, dass nicht alle Vampire unverletzt geblieben sind. Er konnte sich ein gehässiges, leises Lachen nicht verkneifen.
Der Kopf des Grafen schnellte herum. Er hatte das Geräusch gehört. Mit seinem Blick durchbohrte er förmlich den Vampirjäger, der schnell den Kopf einzog, doch nicht schnell genug. Der Graf verpasste ihm einen so kräftigen Kinnhaken, dass der Mann das Gleichgewicht verlor und auf die Seite kippte. Er blieb liegen und stöhnte schmerzerfüllt auf. Der Geruch von frischem Blut breitete sich im Raum aus, denn seine Unterlippe war aufgeplatzt.
„Keine Sorge, zu dir komme ich gleich noch“, zischte der Graf.
Das ist ihr Anführer“, erklärte Anna dem Grafen. „Und der Kleine da hinten hat ihren Plan ausgeplaudert.
Und sich dabei vor Angst angepisst.“ Angewidert rümpfte der Graf seine Nase. Er konnte Schwäche nicht leiden, egal in welcher Form.
Anna machte eine unbedachte Bewegung und verzog sogleich das Gesicht. Ihr Bein schmerzte immer noch.
„Du bist verletzt. Geh“, befahl der Graf.
„Es ist nur ein Kratzer“, meinte Anna abwehrend. „Nicht der Rede wert.“ Sie wollte vor den Gefangenen keine Schwäche zeigen.
Der Graf schwieg, doch sein Blick sprach Bände. Er war wirklich nicht in der Stimmung, nachsichtig zu sein oder eine Anweisung zwei Mal zu wiederholen. Anna wollte kein weiteres Mal seine Wut zu spüren bekommen, deshalb neigte sie demütig ihren Kopf und verließ den Rittersaal. Im Vorbeigehen nickte sie Boros zu. Er wirkte besorgt und Anna konnte es ihm nicht verdenken.
Als sie die Tür des Rittersaals hinter sich schloss, hörte sie schon die ersten Schreie.

***


Anna war froh, bei dem Verhör nicht dabei zu sein. Sie empfand zwar kein Mitleid für die Vampirjäger, aber sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich die Strafe des Grafen ausfallen würde, wenn tatsächlich einige Vampire verletzt, oder noch schlimmer, gestorben waren.
Trotz ihrer Schmerzen schlug Anna nicht den Weg in ihr Zimmer ein, sondern ging hinunter in den Burghof. Sie hatte die Stimmen einiger anderer Vampire gehört und wollte unbedingt wissen, was geschehen war.
Auf dem halben Weg hinunter kam ihr bereits Christopher entgegen. Er schien unverletzt zu sein, obwohl sein regennasses Gewand ein paar dunkle Blutflecken aufwies. Zum ersten Mal seit er auf der Burg war, freute sich Anna, ihn zu sehen. Ihm schien es genauso zu gehen, denn er umarmte sie zur Begrüßung und drückte sie kurz an sich.
Sie war von seinem Handeln derart überrascht, dass sie fast das Gleichgewicht verlor und sich an der Mauer abstützen musste, weil ihr Bein wegen der plötzlichen Gewichtsverlagerung schmerzhaft protestierte.
„Geht es dir gut? Was ist passiert?“, fragte er, als er ihr verkniffenes Gesicht bemerkte.
„Es ist nichts“, log sie. „Erzähl mir lieber, wie es euch ergangen ist und warum der Graf so wütend ist.“
Doch so leicht ließ er sich nicht ablenken. „Ist das dein Blut auf deinem Kleid?“, fragte er alarmiert.
Genervt verdrehte Anna die Augen. Er hatte das Blut doch bestimmt schon längst gerochen, warum fragte er nach dem Offensichtlichen? Sie ahnte, dass sie von ihm keine Antworten bekommen würde, bevor er nicht alles wusste, was er wissen wollte. „Diese verdammten Vampirjäger“, fluchte sie und lehnte sich gegen die Mauer. „Sie haben mich mit einem Pfeil getroffen. Die Spitze steckt noch in der Wunde… und sie ist aus Silber.“
Christopher wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Das Silber verhinderte, dass die Wunde heilte und verursachte ihr noch zusätzliche Schmerzen.
„Dann müssen wir die Spitze schnell entfernen“, sagte er entschlossen. „Ich kann das, vertrau mir.“
„Was? Nein!“, protestierte Anna erschrocken, doch er hörte ihr gar nicht zu, sondern schob seine Hände unter ihre Knie und hob sie hoch. „Was fällt dir ein?! Lass mich sofort wieder runter!“, rief sie überrascht.
Er ignorierte ihren Protest und Anna fühlte sich zu schwach, um gegen ihn anzukämpfen. Der Blutverlust, die Wunde und die Ereignisse der letzten Stunden waren sehr anstrengend und nervenaufreibend gewesen. Zähneknirschend ließ sie es also zu, dass Christopher sie zu ihrem Zimmer trug.
„Erzähle mir, was passiert ist“, verlangte sie. „Geht es allen gut?“
„Wir haben drei Vampire verloren“, gestand er leise.
„Nein!“, japste Anna bestürzt. Die Nachricht schockierte sie zutiefst. Als wäre der Tod von Etelka nicht schon schlimm genug gewesen. „Wen hat es erwischt?“
Christopher nannte die Namen mit brüchiger Stimme. Auch ihm ging der Verlust nahe.
„Wie konnte das nur passieren?“, murmelte Anna traurig. Sie legte ihren Kopf auf Christophers Schulter und er drückte sie ein weniger fester an sich, um ihr Halt zu geben.
„Es war eine Falle“, begann er zu erzählen. „Die Vampirjäger haben eine falsche Fährte gelegt, der wir gefolgt sind. Frag mich nicht, wie sie das geschafft haben. Sie konnten sogar den Grafen täuschen… Die Fährte führte uns zu einem Lagerplatz. Wir dachten, die Vampirjäger wären in dem Zelt… Zum Glück merkte der Graf, dass etwas nicht stimmte, aber leider zu spät. Simeon stand direkt vor dem Zelt. Er muss irgendetwas ausgelöst haben, was eine Explosion verursacht hat… Es war schrecklich. Ich habe so etwas noch nicht erlebt…“ Er verstummte für einen Moment. „Simeon war auf der Stelle tot, die zwei anderen haben wohl die Splitter unglücklich getroffen… Es waren Silbersplitter in der Bombe“, erklärte er, ehe Anna ihre Frage stellen konnte, „Die meisten von uns standen weiter hinten. Deshalb haben bei uns die Splitter nur Kratzer verursacht. Nur ein paar von uns haben sich ernsthaft verletzt, aber wir konnten die Splitter rasch entfernen und dann haben sich die Wunden geschlossen.“
„Dann hat euch Ida nicht rechtzeitig erreicht?“, fragte Anna.
„Nein. Wir haben ihre Warnung erst gehört, als wir schon auf dem Rückweg waren… Der Graf wurde so unglaublich wütend, als er hörte, dass die Vampirjäger in der Burg sind. Ich habe ihn noch nie so schnell fliegen sehen.“
Anna schwieg. Sie fühlte sich schlecht, was aber nichts mit ihren Verletzungen zu tun hatte. Vielmehr nagte die Frage an ihr, ob sie die Vampirjäger nicht hätte früher entdecken müssen. Wenn sie ihre Aufgabe ernster genommen hätte, wenn sie die Umgebung genauer im Auge behalten hätte, dann hätte sie die Vampirjäger früher verhören und die anderen schneller warnen können. Vielleicht wären dann die drei Vampire jetzt noch am Leben. Dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie fühlte sich schuldig.
Christopher merkte, dass etwas nicht stimmte. Er drückte mit den Ellenbogen die Türklinke hinunter und stieß die Tür auf. Auf dem Bett setzte er sie vorsichtig ab.
„Was ist los?“, fragte er verunsichert.
Anna hielt ihren Blick gesenkt. Ihre Unterlippe zitterte leicht. Sie kämpfte gegen die Tränen an, die sich in ihren Augenwinkeln sammelten. „Ich hätte die Vampirjäger früher entdecken müssen“, gestand sie leise. Sie schlang die Arme um sich, als ob ihr kalt wäre. „Dann wären Simeon und die anderen jetzt vielleicht noch am Leben.“
Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Anna, sag sowas nicht. Dich trifft bestimmt keine Schuld.“
„Es fühlt sich aber so an.“
Christopher ging vor ihr in die Hocke, damit er ihr ins Gesicht schauen konnte. „Du irrst dich. Ihr hättet uns niemals rechtzeitig warnen können. Und niemand wird dir jemals die Schuld geben, also solltest du sie dir auch nicht gegeben.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „So wie ich dich kenne, hast du alles dafür getan, um den Clan zu beschützen. Nur das zählt.“
„Ich habe es versucht.“
„Und dich dabei ziemlich übel zurichten lassen“, meinte er und musterte sie von Kopf bis Fuß. „Aber das haben wir gleich.“ Christopher zog seine Weste aus und rollte die Ärmel seines Hemds nach oben.
„Was hast du vor?“, fragte Anna misstrauisch und rutschte von ihm weg.
„Ich will mir nur mal deine Wunde ansehen.“ Er hob beschwichtigend die Hände. „Als ich noch ein Mensch war, habe ich mich oft um die Wunden der anderen in meiner … ähm … Bande gekümmert.“
„Haben sie das überlebt?“
„Wenn sich die Wunde nicht entzündet hat, dann schon.“
Seine Antwort überzeugte Anna nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil, sie verstärkte ihr Misstrauen noch weiter. Weil sie ein Vampir war, konnte sich ihre Wunde zwar nicht entzünden, aber sie hatte keine Lust auf Schmerzen oder vielleicht sogar eine Narbe, falls das bei Vampiren möglich war.
Zum Glück klopfte es genau in dem Moment an Annas Tür, als Christopher sich die Wunde ansehen wollte.
„Herein!“, rief Anna erleichtert.
Boros betrat das Zimmer. Er trug einen Becher in der einen und ein Bündel Stoff in der anderen Hand. „Ich wollte nach deiner Wunde–" Er verstummte, als er Christopher entdeckte. „Störe ich?“, fragte er und blieb wie angewurzelt stehen.
„Ja“, sagte Christopher sofort.
„Nein, überhaupt nicht!“, meinte Anna und warf Christopher einen bösen Blick zu.
Boros lächelte leicht und stellte sich neben Christopher. „Die anderen haben glücklicherweise etwas Blut mitgebracht. Ich habe sie angewiesen, noch mehr zu holen. Du wirst es brauchen, damit deine Wunde gut verheilt. Hier, trink“, sagte er und überreichte ihr den Becher.
Anna nahm das Blut dankend an. Mit nur wenigen Schlucken leerte sie den Becher. Kaum hatte das Blut ihre Lippen berührt, fühlte sie sich schon ein wenig kräftiger und besser.
„Danke“, meinte sie aufrichtig und schenkte Boros ein Lächeln. „Das hat gutgetan.“
„Dann wird es jetzt Zeit, deine Wunde zu versorgen“, mischte sich Christopher wieder ein. Er griff grinsend nach Annas Kleidersaum, um ihn hochzuschieben. „Endlich kann ich dir mal unter den Rock–"
Weiter kam er nicht, denn Anna hatte ihm eine Ohrfeige verpasst.
„Was erlaubst du dir?“, fuhr sie ihn an.
Boros lachte leise und ein wenig schadenfroh, während sich Christopher über die Wange rieb, auf der Annas Hand einen feuerroten Abdruck hinterlassen hatte.
„Ich wollte dir nur helfen“, meinte Christopher säuerlich.
„Das hat sich gerade nicht so angehört!“
Boros räusperte sich und die beiden blickten zu ihm. „Anna ist zweifellos eine Dame, folglich darf man ihr nicht einfach so das Kleid hochschieben.“ Er deutete eine kleine Verbeugung an. „Erlaubst du es mir, deine Wunde anzuschauen und zu versorgen?“, fragte Boros höflich.
„Selbstverständlich.“
Vorsichtig schob Boros ihr Kleid soweit hoch, dass er die Wunde ordentlich betrachten konnte. Er betrachtete die Verletzung eingehend, runzelte dabei die Stirn und kratze sich nachdenklich am Kinn.
Christopher schnaubte. „Er darf, aber ich nicht.“
„Er hat gefragt“, zischte Anna.
„Nun“, meinte Boros zögerlich, „es wäre einfacher, wenn der Pfeil noch ganz wäre, dann hätte ich ihn einfach durch deinen Oberschenkel stoßen können.“
Vor Schreck riss Anna die Augen weit auf und starrte ihn ungläubig an. Das sollte doch hoffentlich ein Scherz sein?
„Da sich die Wunde schon ein wenig geschlossen hat, werden wir sie ein bisschen vergrößern müssen, um die Spitze herausziehen zu können.“
„Gibt es keine andere Möglichkeit?“, fragte Anna, der allein schon von dem Gedanken an diese Operation übel wurde.
„Wir können die Silberspitze in deinem Bein lassen, dann kannst du dich nicht mehr verwandeln und das Silber wird langsam deinen Körper vergiften, bis du qualvoll daran zugrunde gehst“, erklärte Boros trocken. „Wäre dir das lieber?“
Resignierend seufzte Anna. „Schon gut, schon gut… Mach es einfach.“
Boros öffnete das Stoffbündel, dass er mitgebracht hatte. Darin befand sich ein kurzes Messer mit scharfer Klinge und eine Pinzette. Mit dem Leinentuch band er Annas Fuß knapp über der Wunde ab, um den Blutverlust möglichst gering zu halten.
„Bereit?“, fragte er.
Anna war nicht bereit, trotzdem nickte sie. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu und sie kniff die Augen zusammen. Auf keinen Fall wollte sie dabei zusehen, die Schmerzen wären schon schlimm genug, da brauchte sie diesen schrecklichen Anblick nicht auch noch. Sie krallte ihre Finger in die Bettdecke und machte sich innerlich auf die Schmerzen gefasst, die sie bestimmt jeden Augenblick aushalten musste. Zum Glück waren Vampire weniger schmerzempfindlich als Menschen, doch für Menschen gab es Betäubungsmittel, während Vampire ihre Qualen ohne Linderung durchstehen mussten.
Boros straffte die Schulter und setzte das Messer an die Wunde, doch er zögerte, den angekündigten Schnitt zu machen.
„Hast du das schon mal gemacht?“, wollte Christopher wissen, der neben ihm stand und jeden seiner Handgriffe genau beobachtete.
„Ja, aber das ist schon lange her …“
Christopher schnaubte verächtlich und nahm ihm das Messer aus der Hand. „Lass mich das machen. Ich habe heute schon einige Splitter entfernen müssen. Mit bloßen Händen.“ Er schob seine Ärmel nach oben. „Halt Anna fest. Es wird leider weh tun und wenn sie sich zu sehr bewegt, könnte ich sie unabsichtlich verletzen.“
Boros setzte sich hinter Anna aufs Bett. Er legte ihr seine Hände auf die Schultern.
„Ist das in Ordnung für dich?“
Sie nickte beklommen. Hatte sie eine andere Wahl?
„Versuch still zu halten“, meinte Christopher. Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er das Messer an die Wunde und vergrößerte die Verletzung mit einem kleinen Schnitt. Er ließ von Annas schmerzerfülltem Wimmern nicht aus der Ruhe bringen, sondern arbeitete zügig weiter. Hätte er aus Mitleid mit ihr eine kurze Pause eingelegt, hätte er ihr Leid nur unnötig verlängert. So dauerte es gar nicht lange, bis er mit der Pinzette die silberne Pfeilspitze mit einem kleinen Widerhaken aus der Wunde entfernen konnte.
„Da haben wir sie ja!“, sagte er zufrieden und hielt die Pfeilspitze mit der Pinzette hoch, doch Anna wollte das Ding, das ihr so heftige Schmerzen bereitet hatte, gar nicht sehen.
Ohne das Silber in der Wunde begann die Verletzung unverzüglich zu heilen. Trotzdem hatte Anna wieder ein wenig Blut verloren. Sie fühlte sich müde und erschöpft, was nach dieser ereignisreichen Nacht kein Wunder war.
Der Geruch ihres Blutes stieg Christopher in die Nase. Obwohl Vampirblut bei weitem nicht so verführerisch wie Menschenblut roch, weckte der metallische Duft dennoch sein Verlangen. Christopher leckte sich instinktiv über die Lippen und sog den Geruch gierig ein. Er war noch ein relativ junger Vampir, deshalb hatte er noch Schwierigkeiten, seinen Trieb zu kontrollieren.
Boros bemerkte sein verändertes Verhalten sofort. „Christopher, geh und hole für Anna einen Becher Blut und für dich auch einen Schluck. Wir kommen hier schon zurecht.“
Es dauerte einen Moment, bis Christopher reagierte. Er starrte noch immer auf Annas Wunde, doch dann schien er wie aus einer Trance hochzuschrecken.
„Ja.. ja, das mache ich“, meinte er und verließ eilends das Zimmer.


Nun waren Anna und Boros alleine im Zimmer. Anna öffnete langsam wieder ihre Augen. Die Schmerzen hatten endlich nachgelassen. Sie war froh, diese Prozedur überstanden zu haben und versuchte sich mit dem Gedanken zu trösten, dass sich ihre Wunde – dank ihrer Vampirkräfte – nicht entzünden konnte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Boros besorgt. Er saß noch immer hinter ihr und seine Hände lagen noch immer auf ihren Schultern.
Anna streckte den Kopf nach hinten, um ihm ins Gesicht schauen zu können. „Es geht mir gut“, meinte sie und versuchte ein zaghaftes Lächeln, das Boros erwiderte.
Bevor er sich erhob, drückte er ihre Schultern sanft. „Du warst sehr tapfer.“
Anna sagte nichts. Früher war ihr nie aufgefallen, wie fürsorglich und freundlich Boros eigentlich war. Außerdem war er klug und wie fast jeder Vampir äußerst attraktiv. Sie fragte sich, wie wohl die letzten fünfzig Jahre verlaufen wären, wenn er ihr Lehrmeister gewesen wäre und nicht der Graf. Von ihm hätte sie bestimmt auch sehr viel lernen können. Und er hätte sie als gleichwertig betrachtet und nicht immer ihren Gehorsam eingefordert. Er hätte sie niemals so schändlich wie der Graf behandelt. Etelka hatte außerdem oft erzählt, dass er ein sehr zärtlicher Liebhaber war…
Boros bemerkte, wie sie ihn nachdenklich musterte.
„Woran denkst du?“, fragte er leise.
Anna wandte den Blick ab. Morgen Nacht würde sie die Burg verlassen. Es war sinnlos, über das nachzudenken, was hätte sein können.
„Nichts Bestimmtes“, meinte sie. Seufzend setzte sie sich auf und betrachtete ihre Wunde. „Wird eine Narbe bleiben?“
„Nein“, beruhigte Boros sie. „Deine Haut bleibt so makellos schön wie sie ist.“
Verlegen lächelnd schob Anna ihr Kleid nach unten. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
„Ich werde dich nun alleine lassen. Die Nacht war sehr anstrengend und du bist bestimmt müde.“ Er wandte sich zum Gehen, doch an der Tür hielt er noch mal inne. „Morgen will der Graf mit dir sprechen“, meinte Boros plötzlich.
„Worüber?“, fragte Anna beunruhigt.
„Das weiß ich nicht.“
„Hast du ihm gesagt, dass ich die Burg verlassen will?“
Boros schüttelte den Kopf. „Nein, das musst du schon selbst tun.“ Er zögerte kurz. „Ich würde mir wirklich wünschen, dass es du es dir noch einmal überlegst.“
„Was überlegst?“, fragte Christopher neugierig, der mit einem Becher in der Hand ins Zimmer zurückkehrte.
„Ob ich heute noch eine Runde fliege“, log Anna, stand auf und nahm den Becher entgegen. „Boros meinte, dass es für die Wundheilung besser wäre, wenn ich es nicht täte, und ich werde auf seinen Rat hören.“ Sie leerte den Becher mit nur einem Zug. Sofort fühlte sie sich besser, doch die Müdigkeit blieb.
„Wir lassen dich jetzt besser alleine“, sagte Boros und verließ mit Christopher das Zimmer.


Anna legte sich wieder ins Bett. Sie war erschöpft. Ihre Verletzung schmerzte kaum noch, doch sie sehnte sich nach ein wenig Ruhe nach dieser nervenaufreibenden Nacht. Trotzdem dauerte es ungewöhnlich lange, bis sie einschlafen konnte. Ihre Gedanken hielten sie wach. Sie ließ die Ereignisse der Nacht noch einmal Revue passieren und stellte sich dabei immer wieder die Frage, wie die Nacht verlaufen wäre, wenn sie die Vampirjäger schon früher entdeckt hätte? Irgendwann sah sie ein, dass sie auf diese Frage niemals eine Antwort würde finden können, deshalb konzentrierte sie sich auf das, was vor ihr lag, nämlich eine ungewisse Zukunft. Mit einer unguten Vorahnung, was das Gespräch mit dem Grafen betraf, wälzte sie sich von einer Bettseite auf die andere, bis sie irgendwann der Schlaf übermannte und ihr Geist endlich Ruhe fand.

***


Erst einige Stunden nach Sonnenuntergang rief der Graf Anna zu sich in den Rittersaal. Sie hatte ungeduldig in ihrem Zimmer auf seinen Ruf gewartet. Währenddessen hatte sie ihre Tasche mit den wenigen Habseligkeiten zum wahrscheinlich hundertsten Mal ein- und wieder ausgepackt und hatte sich im Kopf alle möglichen Szenarien ausgemalt, wie das Gespräch verlaufen könnte. Einige Szenarien endeten mit ihrem Tod, was Annas Anspannung nur noch verstärkte.
Trotzdem ließ sie sich ihr Unbehagen nicht anmerken, als sie die schwere Tür zum Rittersaal aufstieß. Hocherhobenen Hauptes schritt sie auf den Grafen zu, der auf seinem thronartigen Stuhl am Kopfende der Tafel saß. Um ihn gnädig zu stimmen, verbeugte sie sich besonders tief und grüßte ihn demütig. Sie hoffte inständig, dass er ihre gespielte Unterwürfigkeit nicht sofort durchschaute.
„Setz dich“, befahl er und wies mit seiner Hand auf den Stuhl zu seiner Rechten. Das bedeutete wohl, dass sie in seiner Gunst unerwarteterweise wieder gestiegen war. Sie wusste nicht, welchem Umstand sie das zu verdanken hatte, es war ihr aber auch egal, denn es änderte nichts an ihrem Entschluss.
Anna setzte sich und wartete darauf, dass er das Gespräch begann. Er schwieg jedoch und musterte Anna mit einer Miene, die sie nicht deuten konnte. Unter seinem Blick wurde ihr unbehaglich zu mute.
In der Luft lag ein leichter metallischer Duft, den Anna sofort richtig zuordnen konnte. Sie blickte hinüber zu der Stelle, wo letzte Nacht die Vampirjäger gekniet hatten und entdeckte die Spuren eingetrockneten Blutes. Irgendjemand, zweifellos ein Vampir, der nicht hoch in der Gunst des Grafen stand, hatte versucht, das Blut aufzuwischen, doch in den Rillen des alten Steinfußbodens waren Spuren zurückgeblieben. Auch der Gestank des Urins war noch schwach wahrnehmbar.
„Sind die Vampirjäger tot?“, wollte Anna wissen und unterbrach damit die unangenehme Stille zwischen ihnen.  
„Noch nicht“, antwortete der Graf. „Sie sollen noch ein wenig leiden, für das, was sie dem Clan angetan haben.“
Anna nickte. Seine Antwort überraschte sie nicht.
Der Graf lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ohne Anna auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. „Einer von ihnen hatte den Eindruck, dass du ihn vielleicht verschonen würdest, weil er dir den Plan verraten hat.“
Überrascht zog Anna eine Augenbraue hoch. „Ich sagte, dass er vielleicht zu seinem Mädchen zurückkehren darf. Ich habe ihm nichts versprochen.“
Der Graf grinste. „Es hätte mich sehr gewundert, wenn du dich auf so einen Handel eingelassen hättest.“
„Wirst du ihn gehen lassen?“
„Nein. Er ist genauso schuldig wie die anderen beiden.“
Anna dachte an das Mädchen, dass sie in den Gedanken des Vampirjägers gesehen hatte. „Du könntest ihn verschonen und mit einer Botschaft an die anderen Vampirjäger da draußen zurückschicken. Als Warnung was passiert, wenn man diesen Clan angreift.“
Der Graf schnaubte abfällig. „Da würde nichts ändern. Tötet man alle Vampirjäger, kommen die nächsten, um Rache zu nehmen. Lässt man die Vampirjäger am Leben, halten sie einen für schwach und greifen erst recht wieder an. Behält man einen von ihnen als Geisel, kommen sie, um ihn zu befreien und die Toten zu rächen… Ich habe schon alles ausprobiert. Es ist am besten, wenn man sie tötet, dann gibt es weniger von ihnen.“
So grausam und kalt seine Worte auch waren, er hatte leider recht, wie Anna zugeben musste. Sie würden die Vampirjäger ohnehin niemals ausrotten können, deshalb war es für Vampire schon von Vorteil, wenn es weniger von diesen gefährlichen Menschen gab.
„Diese Vampirjäger waren sehr raffiniert.“
Der Blick des Grafen verfinsterte sich. „Sie waren sehr gefährlich. Sie haben alchemistische Tränke zu sich genommen, um ihr Blut für uns ungenießbar zu machen und ihre Kräfte zu stärken. Und ihre Falle war abscheulich … einfach widerwärtig… Wenn du dabei gewesen wärst, dann würdest du verstehen, warum ich so wütend war.“
Ich war nicht dabei, weil du mich nicht mitnehmen wolltest, dachte Anna säuerlich, doch zum Glück sprach sie die Worte nicht aus.
„Simeon ist tot“, sagte der Graf. Der Gedanke schien ihn wütend zu machen, doch er bemühte sich, ruhig zu bleiben.
„Ich weiß“, antwortete Anna. „Das ist sehr schade.“ Ihre Worte waren aufrichtig. Sie hatte sich recht gut mit Simeon verstanden, doch er war oft jahrelang unterwegs gewesen, sodass sie eigentlich nicht viel über ihn wusste und nie die Gelegenheit gehabt hatte, sich mit ihm anzufreunden.
„Er war nach mir der älteste Vampir auf der Burg und gemäß dem Kodex mein Stellvertreter.“
Zustimmend nickte Anna. Das wussten alle Vampire des Clans, warum erzählte er ihr das also? Bis jetzt hatte sie keine Ahnung, was der Graf mit dieser Unterhaltung bezweckte.
Weil Anna schwieg, fuhr er fort: „Wenn ich meine geplante Reise unternehme, brauche ich einen Stellvertreter, der den Clan in meiner Abwesenheit führt.“
„Wie wäre es mit Boros?“, fragte Anna sofort. „Er ist ein guter Kämpfer, ein erfahrener Stratege. Wäre er nicht ideal?“
Der Graf schüttelte bedächtig den Kopf. „Nein. Er ist in der Tat ein fähiger Schwertkämpfer und auch nicht dumm, aber er ist kein Anführer. Das liegt ihm nicht und das interessiert ihn auch nicht.“
„Hmm…“, machte Anna nachdenklich. Sie schlug ihm noch eine Reihe weiterer, älterer Vampire vor, doch an jedem hatte der Graf etwas auszusetzen. „Und Christopher?“, fragte sie schließlich. „Du schätzt ihn doch so sehr, wäre er nicht dein perfekter Stellvertreter?“
Der Graf zögerte, ehe er antwortete: „Christopher ist für mich wie ein Sohn, wie mein eigen Fleisch und Blut. Er erinnert mich sogar an mein jüngeres Ich.“ Ein verschmitztes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sich an seine Jugend zurückerinnerte. „Ich war genauso stürmisch und hitzköpfig wie er es ist. Kein Kampf schreckte mich ab und ich konnte meine Finger nicht von schönen Frauen lassen.“
Überrascht lauschte Anna den Erinnerungen des Grafen. Noch nie zuvor hatte er so zärtlich und fast schon liebevoll über eine andere Person gesprochen. Anscheinend mochte er Christopher wirklich sehr.
„Nun, dann hast du deine Wahl ja schon getroffen“, mutmaßte Anna.
Der Graf wurde wieder ernst. „Nein, das habe ich nicht. So sehr ich Christopher auch schätze, er wäre kein guter Anführer, zumindest jetzt noch nicht. Es fällt ihm schwer, sich an Regeln zu halten. Er lässt sich zu leicht provozieren… Er ist zu unzuverlässig, um ein Anführer zu sein.“
Anna seufzte. Das Gespräch langweilte sie mittlerweile schon. „Dann hast du ein Problem, wenn du keinen geeigneten Anführer finden kannst.“ Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, denn sie wollte nun das Thema ansprechen, das für sie wichtig war.
„Ich bin überzeugt, dass du einen geeigneten Anführer finden wirst. Ich werde ihn hoffentlich kennenlernen, falls ich wieder hierher zurückkomme.“
So, sie hatte es endlich ausgesprochen. Anna fühlte sich unsagbar erleichtert, doch ihr Glücksgefühl schwand rasch, als sie den verärgerten Gesichtsausdruck des Grafen bemerkte.
„Was soll das heißen?“, fragte er mühsam beherrscht.
„Dass ich den Clan verlasse.“ Sie reckte das Kinn. „Ich will die Städte besuchen, über die ich so viel gelesen habe. Ich will die Abenteuer erleben, auf die ich mich schon seit so langer Zeit freue… Keine Sorge, ich werde dir dabei auf deiner Reise nicht in die Quere kommen.“
„Nein“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das erlaube ich nicht.“
„Wie bitte?“, fragte Anna. Nun war sie es, die sich beherrschen musste, nicht laut zu werden. „Du kannst mir das nicht verbieten.“
„Du bist von meinem Blut. Das hier ist mein Clan, unser Clan. Den kannst du nicht einfach verlassen und dir einen neuen suchen.“
„Ich kann es und ich werde es“, sagte sie stur und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du wirst mich nicht aufhalten können. Außer du wirfst mich in eines der Verliese.“
„Ein verlockender Gedanke!“, meinte er ungehalten. Dann beruhigte er sich wieder ein wenig und sagte in einem ruhigeren Ton: „Du darfst nicht gehen, Anna.“
„Warum nicht?“, fragte sie wütend. „Vor zwei Nächten noch dachte ich, dass du mich am liebsten umbringen würdest. Gestern hast du mich vor allen gedemütigt…“ Diese beschämende Erinnerung verstärkte ihre Wut. „Und du hast mir klar gemacht, dass ich dir nichts bedeute. Warum also willst du, dass ich hierbleibe? Du solltest froh sein, dass du mich loswirst.“
Sie spürte die Tränen in ihr aufsteigen, doch sie wollte vor ihm nicht schon wieder Schwäche zeigen. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten und blickte ihm trotzig in die Augen. Er hatte ihr schweigend zugehört. Jeden Moment rechnete sie mit einem Wutausbruch seinerseits, doch er blieb überraschend ruhig, obwohl er sichtlich verärgert war.
„Du darfst nicht gehen, weil du meine Stellvertreterin sein sollst.“
Anna klappte der Mund auf. Mit jeder anderen Begründung, mit wirklich jeder anderen Begründung hätte sie gerechnet, aber damit nicht. Fassungslos starrte sie den Grafen an. Es dauerte einen Moment, bis sie die Sprache wiederfand: „Ich?“, fragte sie über alle Maßen erstaunt. „Aber ich bin keine Kriegerin … ich bin zu jung.“
„Das Letzte, was dieser Clan braucht, ist eine Kriegerin an der Spitze. Die Zeiten sind vorbei, als jede Auseinandersetzung zwischen zwei Clans mit einem Blutbad geendet hat. Heute werden Konflikte friedlich gelöst, denn dieses gegenseitige sinnlose Abschlachten zwischen Vampiren schadet letztendlich nur uns selbst. Trotzdem scheust du den Kampf nicht, wenn ich den Berichten über die gestrige Nacht Glauben schenken kann.“
„Keiner meiner Pfeile traf sein Ziel. Ich kann nicht mal mit einem Schwert umgehen. Ich wurde sogar verletzt…“
„Und bist heute wieder gesund. Simeon war dreimal so alt wie du und starb, weil er leichtsinnig war… Das Kämpfen wirst du schon noch lernen.“
Anna schüttelte den Kopf. „Du hast gesagt, dass ich schwach bin … immer wieder.“
„Trotzdem folgen dir die anderen. Sie bewundern und akzeptieren dich… Vielleicht ist das, was ich als Schwäche sehe, eine Stärke… Was du für Etelka getan hast, hat allen imponiert.“
Seine Argumente überzeugten Anna nicht. „Aber ich bin zu jung, um die Anführerin zu sein. Die meisten Vampire im Clan sind älter als ich… Sie werden mich nie als Anführerin akzeptieren.“
„Du hast 50 Jahren an meiner Seite verbracht, vergiss das nicht. 50 Jahre, in denen du alles von mir lernen konntest. Das kann kein anderer Vampir im Clan von sich behaupten.“
Anna wich seinem Blick aus. Was er von ihr verlangte, überstieg ihre Vorstellungskraft. Sie wollte keine Anführerin sein. Niemals hätte sie gerechnet, dass er ihr diese Stellung anbot.
Der Graf nutzte ihr Schweigen, um weiter auf sie einzureden. „Der Clan braucht dich. Wir leben in turbulenten Zeiten. Die Welt verändert sich und wir Vampire müssen uns auch verändern, wenn wir überleben wollen. Dafür brauchen wir aber starke Bündnisse und die Unterstützung anderer Clans. Das ist das Ziel meiner Reise… Ich kann diese Bündnisse aber nicht eingehen, wenn ich nicht sicher sein kann, dass mein Clan während meiner Abwesenheit in guten Händen ist. Ich brauche jemanden, der hier nach dem Rechten sieht. Jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Dieser Jemand bist du, Anna.“
Noch immer vermied es Anna, den Blick zu heben und starrte stattdessen auf ihre Hände auf ihrem Schoß. Sie dachte an die gepackte Tasche in ihrem Zimmer. Alles war bereit. Sie müsste sich nur die Tasche schnappen und wegfliegen. Einfach alles hinter sich lassen. Trotzdem zögerte sie, aufzustehen und zu gehen. Es war das gleiche Gefühl, dass sie auch gestern Nacht hatte zögern lassen. Der Clan brauchte sie. Auch wenn sie sich einredete, dass es ihr egal war, was aus den anderen wurde, es stimmte nicht. Ihr Pflichtgefühl war stärker.
„Anführer zu sein, ist nicht leicht“, erzählte der Graf. „Ständig musst du Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen du nicht abschätzen kannst. Die Bedrohungen für uns Vampire nehmen zu und meine jetzt nicht nur Werwölfe und Vampirjäger… Als Anführer musst du oft Entscheidungen treffen, die dich bei deinen Untergebenen unbeliebt machen. Du musst gnadenlos sein, wenn es die Situation erfordert.“
„Ich wollte ein neues Leben anfangen“, gestand Anna leise.
„Unter dem Namen Cassandra?“
Sie hob den Blick. „Ja.“
„Warum ausgerechnet dieser Name?... Es ist nicht üblich, dass sich Vampire einen neuen Namen wählen.“
Ein Lächeln huschte ihr übers Gesicht. „Der Name erinnert mich an etwas… Er ist der Anfang und das Ende.“
Aus dieser kryptischen Antwort wurde der Graf nicht schlau. „Cassandra“, murmelte er kopfschüttelnd. Er sah an ihrem entschlossenen Gesichtsausdruck, dass es ihr voller Ernst war. „Na, wenn es dich glücklich macht und du dann meine Wahl akzeptierst, dann sollst du von nun an so genannt werden.“
„Ich habe noch nicht zugestimmt, deine Stellvertreterin zu werden.“
„Du hast auch noch nicht abgelehnt.“
Nachdenklich biss sich Anna auf die Lippe. Es war eine große Ehre, ein deutliches Zeichen seiner Anerkennung und zugleich eine große Verantwortung, die er ihr damit übertrug.
„Wie lange wirst du weg sein?“, fragte sie.
„Einige Zeit. Ich kann es nicht genau sagen.“
Anna seufzte. Sie hoffte, dass sie diese Entscheidung niemals bereuen würde. „Ich werde deine Stellvertreterin sein… bis du von deiner Reise zurückkehrst.“
Der Graf lächelte erfreut. „So sei es. Ich wusste, dass du mich nicht enttäuschen wirst.“

***





Einige Monate später war es soweit. Fast alle Mitglieder des Clans hatten sich auf der Burg versammelt. Das Gedränge im Rittersaal war groß. Die wichtigsten Mitglieder des Clans saßen an der langen Tafel, die weniger wichtigen hatten auf seidenen Bodenkissen Platz genommen und reckten neugierig die Hälse, um das Geschehen ja nicht zu verpassen. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen, schließlich war der Grund der Versammlung ein durchaus erfreulicher: In dieser Nacht sollte Anna offiziell zur Stellvertreterin des Grafen ernannt werden.

Für diesen feierlichen Anlass hatte Anna sich besonders hübsch gemacht. Das lange, blutrote Kleid betonte ihre Kurven auf eine verführerische Art, ohne dabei zu freizügig zu sein. Sie wollte schließlich ihrer neuen Stellung gerecht werden. Passend zu ihrem Kleid trug sie den wertvollen Schmuck, den ihr der Graf geschenkt hatte. Das goldene Collier um ihren Hals funkelte im Schein der unzähligen Fackeln und Kerzen, genauso wie ihre wunderschönen Ohrringe.

Nervös wartete Anna vor der Tür des Rittersaals. Immer wieder zupfte sie an ihrem Kleid oder ihren Haaren herum, während sie ungeduldig auf das Zeichen des Grafen wartete. Sie war froh, keinen Herzschlag mehr zu haben, denn ihr Herz hätte bestimmt wie verrückt in ihrer Brust gepocht. Die Stimme des Grafen drang leise durch das Holz, aber sie konnte sich nicht konzentrieren und verstand deshalb kaum, was er sagte. Sie verstand nicht, warum es so lange dauerte, bis er sie zu sich rief und fing deshalb schon an, sich Sorgen zu machen. Vielleicht waren die anderen Vampire mit seiner Entscheidung nicht einverstanden? Was sollte sie machen, wenn sie niemand akzeptierte? Anna schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Wie gerne hätte sie jetzt Boros und Christopher an ihrer Seite gehabt, doch die beiden waren im Saal.
Komm rein“, hörte sie plötzlich die Stimme des Grafen in ihrem Kopf.
Annas Beine fühlten sich wackelig an und ihre Hand zitterte, als sie die Tür zum Rittersaal öffnete. Alle Augen waren auf sie gerichtet, doch sie schaute niemanden an. Sie zwang sich zu lächeln, damit niemand merkte, wie nervös sie in Wahrheit war. Langsam und hoffentlich würdevoll schritt sie auf den Grafen zu, der auf seinem Thron saß, der in dieser Nacht auf einem kleinen Podest stand, damit ihn alle besser sehen konnten.
Demütig kniete sie vor dem Thron nieder und senkte ihr Haupt, wie es der Brauch erforderte. Der Graf erhob sich, stieg die zwei Stufen hinauf und blieb vor ihr stehen.
Sie hob den Kopf und blickte nervös zu ihm hoch.
„Erhebe dich, Cassandra, meine Stellvertreterin“, sagte er mit lauter Stimme und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.
Erleichtert griff sie nach seiner Hand. Im Rittersaal brach lauter Jubel aus und alle erhoben sich von ihren Plätzen und klatschten. Der Graf führte Anna zum Thron, auf dem sie zum ersten Mal Platz nehmen durfte, während er daneben stehen blieb. Nun knieten alle anderen im Rittersaal anwesenden Vampire nieder und senkten den Kopf, zum Zeichen ihrer Unterwerfung.
Erleichtert ließ Anna den Blick über die Anwesenden schweifen. Niemand stand mehr, was bedeutete, dass alle die Wahl akzeptierten. Sie mussten nun alle ihre Befehle befolgen. Es war ein berauschendes Gefühl, diese Macht zu haben.

Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte sie sich zurück. Daran könnte sie sich gewöhnen.
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