Aller Anfang ist schwer

OneshotHumor / P12 Slash
Edgar Allan Poe
28.06.2020
28.06.2020
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„Also…“

Verzweifelt versuchte Poe, irgendwelche passenden Worte zu finden, und das noch am besten schnell genug, dass es nicht seltsam wirkte. Wahrscheinlich war der Zug längst abgefahren, aber selbst dann gab es keinen Grund, das alles noch schlimmer zu machen…

„W-wir kennen uns jetzt schon so lange, Ranpo-kun…“

Das war doch genau der Punkt, der die ganze Sache komisch machte, oder? Komischer, als sie es ohnehin schon war? Es stimmte schließlich, dass er und Ranpo sich schon eine halbe Ewigkeit kannten, aber eben nicht… so.

Wenn Poe darüber nachdachte, wusste er eigentlich gar nichts so genau, was er für Ranpo war. Ein ernsthafter Rivale? Das hörte sich in Poes Ohren eigentlich schmerzhaft unrealistisch an, und wirklich entsprechend verhalten tat Ranpo sich ebenfalls nicht. Diesen Punkt könnte er also mit ziemlicher Sicherheit ausschließen. Eine Art Freund? Das hatte einen nicht weniger bitteren Beigeschmack. Irgendwo fühlte er sich schuldig und undankbar, immerhin fühlte es sich doch wie ein Privileg an, Ranpo Edogawa überhaupt so nahe sein zu dürfen. Auf der anderen Seite versuchte er hier doch gerade, zu erklären, dass Ranpo für ihn… nun ja.

Vorausgesetzt, er würde es schaffen, es auch tatsächlich auszusprechen.

„Und… Ich meine, ich weiß nicht, ob du das auch so siehst, aber ich denke, das mit uns war immer etwas besonderes…“

‚Besonders‘, ja. Poe wusste selbst nicht, ob diese Bezeichnung der Dinge etwas Gutes oder Schlechtes war.

Sein Gesprächspartner sagte jedoch nichts, was Poes ohnehin schon verunsichertes Selbst nur noch mehr in seinen Ängsten bestätigte. Diese poetischen Ausschweifungen waren zu viel, richtig? Das passte und gefiel ihm, aber Ranpo konnte mit diesem Kitsch nicht viel anfangen, richtig? Verdammt! Das hätte er wissen müssen. Er hatte das so oft geübt, wie hatte er es geschafft, einen so offensichtlichen Teil der ganzen Sache einfach zu vergessen?!

Aber wenn er jetzt zu lange nichts mehr sagte, würde er alles nur noch schlimmer machen.

Poe presste die Lippen aufeinander und atmete einmal tief durch. Das war doch lächerlich! Er war Edgar Allan Poe, eines der höchstrangigen Mitglieder der Gilde, und das nicht ohne Grund- er würde jetzt bestimmt nicht weglaufen. Er hatte sich vorgenommen, diese Sache durchzuziehen, und er würde das tun. Wenn Ranpo nicht so fühlte wie er, könnte er an diesem Punkt auch nichts mehr daran ändern…

Nein, Poe glaubte diesen Gedanken ganz und gar nicht. Er hatte sich genug Gedanken darüber gemacht, was passieren würde, sollte Ranpo… ihn nur als Freund oder sogar noch weniger sehen, aber bis jetzt hatte sich nichts davon tatsächlich bestätigt, und seine Spekulationen wurden nach wie vor von seinen Hoffnungen und Befürchtungen beeinflusst.

Aber nicht mehr lange. Er würde das durchziehen. Er war Autor; er musste doch mit Worten umgehen können. Und das würde er beweisen.

„Es gibt da etwas, was ich dir schon lange sagen wollte…“

Poe schluckte. Er müsste es nur noch aussprechen…

„Ich mag dich- also, ich meine, äh…“

Sein gesamter Kopf fühlte sich an, als würde er in Flammen stehen, und Poe senkte den Blick. Seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, war längst zu viel für ihn geworden. Er dachte auch nicht mehr darüber nach, was er sagte; dafür hatte er diesen Teil des „Gesprächs“ schon allemal oft genug geübt, um auf Autopilot zu laufen.

„Ich meine, ich mag dich… wirklich. Nicht nur… als Freund.“

Er schloss die Augen, ohne selbst zu wissen, was er sich davon versprach.

„Ich… ich liebe dich, Ranpo.“

Stille.

Vorsichtig öffnete Poe ein Auge. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verging- diese Art Zeitgefühl wäre an diesem Punkt wirklich zu viel verlangt gewesen- aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Und dann…

Ein leises Zischen, das zu einem Fauchen wurde, als Poe schließlich den Mut fand, Karl, der auf dem Schreibtisch vor ihm saß, wieder direkt anzusehen. „Komm schon!“ Frustriert- und gleichermaßen ein wenig enttäuscht- drehte Poe sich von seinem Haustier weg. „Soll das konstruktive Kritik sein? Weil ich selbst weiß, dass es schlecht ist, aber du bist nicht hilfreich…“

Aus einer Ecke des Zimmers kam ein leises Geräusch, als Lucy ihr Buch zuklappte und vom Boden aufstand. „Ob es schlecht ist oder nicht, kannst du erst wissen, wenn du es Ranpo selbst sagst“, kommentierte sie. „Ich sehe schon, warum der arme Karl genervt ist. Das ist ja Tierquälerei.“

Poe sah zur Seite. „Du hilfst mir genauso wenig“, murrte er, ohne wirklich böse auf einen der beiden zu sein. Dafür hatte sich diese Situation schon viel zu oft wiederholt- und würde sich noch viel zu oft wiederholen. Und es war auch nicht so, dass es irgendeinen der Beteiligten stören würde. Karl war bestechlich, und Lucy gewissermaßen seine Leidensgenossin. „Ich sag es meinem Detektiven, wenn du es deinem sagst.“

„Wenn du und Anne auch etwas hilfreicher wärt-“ Lucy verschränkte die Arme. „Zehn Dollar, dass ich es vor dir schaffe.“

„Zwanzig. Das glaube ich dir nicht.“

„Dein Glück, dass ich nicht so verzweifelt bin. Ich könnte nämlich jederzeit mit Atsushi reden, wenn ich wollte.“

Poe lächelte. Irgendwie war es tröstlich, zu wissen, dass er in keiner Weise allein mit alldem war. Und dass seine Spekulationen darüber, was Ranpo fühlte, immer noch von Hoffnung geprägt war.

Egal, was Karl darüber dachte.
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