Lan Zhan

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
Lan Zhan Wei Ying
28.06.2020
28.06.2020
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28.06.2020 881
 
(von calypso Juni 2020
based on the novel from Mo Xiang Tong Xiu)



„Lan Zhan!“
Ein Flüstern aus der Vergangenheit.
Diese Stimme – so vertraut und geliebt und so sehr vermisst.
Viel zu lange habe ich sie nicht mehr vernommen.
Ich hatte, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Wei Jing in mein Leben trat, nicht geahnt, in welch emotionaler Vielfalt man meinen Namen aussprechen konnte.
„Lan Zhan!“
Ab und an klang es genervt, ab und zu belustigt, von Zeit zu Zeit wie ein Tadel, weil ich in seinen Augen wieder eine Gelegenheit ausließ, seinem trivialen Amüsement zu folgen.
Er vermochte es, zu schmollen wie ein Kind und wie einem Kind konnte man ihm nicht lange böse sein.
Aber immer lag dieses unverkennbare Lächeln in seiner Stimme, das seinem Wesen entsprach. Ein Mensch, der mit dem Licht der Sonne im Herzen geboren worden war und andere freizügig daran teilhaben ließ.
Sein ureigenes Leuchten, mit dem er alle, die offenen Geistes waren, in seinem Bann zog – auch mich.
Bis man es ihm raubte und sein mitfühlendes Pflichtbewusstsein gegen ihn richtete.
In der Stille von Jingshi klingt mein von Trauer erfülltes Seufzen zu laut.
Ich will in Träumen verweilen, der tröstlichen Stimme lauschen, doch meine Konditionierung verweigerte mir den Trost.
Fünf Uhr, die ersten Vögel singen und ich sehne mich nach dem Klang meines Namens, in einer Nuance, in der Wei Jing mich niemals rief.
Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.
Ich habe ihm meine Gefühle nie offenbart und ich vermute, dass er bis zum Schluss nichts von ihnen ahnte.
Unter der Wärme meiner Decke schaudere ich. Sein letztes „Lan Zhan“ - sein erstaunter Blick, dass es jemanden gab, der ihn tatsächlich halten wollte. Das letzte Mal, dass ich seine Stimme hörte. „Lan Zhan, lass mich los!“
Verbunden mit einem winzigen Heben seiner Mundwinkel, das mir vermitteln sollte: „Es ist gut.“
Dieses verfluchte Lächeln, es verfolgt mich selbst im Fluss der vergangenen Jahre.
Nie vergessen, nie verblasst.
Verletzt, hoffnungslos und ...
„Du warst nie allein, Wei Jing. Wusstest du es wirklich nicht? Nie! Ich war immer bei dir.“
Eine einzelne Träne schafft es, meinen fest zusammengepressten Lidern zu entkommen.
Wieder seufze ich leise und wie immer nutzt die ständige Wiederholung meiner Gedanken nicht, um mich endgültig von ihnen zu befreien.
„Nein, nichts an deinem Tod war gut. Zu viel Ungewissheit, zu viele Ungereimtheiten, die den Weg in deinen Untergang gepflastert haben. Niemand verstand, dass du die Kraft des Bösen genutzt hattest, um das Richtige, das Gute zu tun, so wie es dein Gewissen dir vorgab. Wieso gelingt es nur mir dich so zu sehen, wie du wirklich warst? Rein – unbefleckt, einzig deiner bedingungslosen Moral verpflichtet, ungeachtet dessen, was die Welt von dir erwartete. Ungeachtet, was es dich persönlich kostete. Wei Jing ...“
Seinen Namen auszusprechen klingt wie ein Aufschrei und ist meine Art ihn bei mir zu halten. Ab und an ist es, als ob ich seine Gegenwart spüre und ich erwarte fast, seine belustigte Stimme zu hören, die mich sanft verspottet, weil ich an vergangenen Dingen festhalte. Weil ich selbst hier in der Abgeschiedenheit meines persönlichen Refugiums meine unbewegliche Miene nicht aufgebe, obwohl mein Herz weint.
Meine kühle Zurückhaltung ist nicht nur ein Bild, das ich der Öffentlichkeit zeige. Sie entspringt dem Kern meines Selbst. Sie schützt mich. Wei Jing war, abgesehen von meinem Bruder, der Einzige, der mich wirklich sah.
Er hatte sich nicht von der Kälte, die ich ausstrahlte, beirren lassen. Er war mir, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, unter die Haut gekrochen. Durch ihn lebte ich, ohne meine Schutzschilde senken zu müssen. Es sei denn, es betraf ihn.
Lag es daran, dass wir beide bereits in jungen Jahren unsere Eltern verloren hatten?
Wir sehnten uns im tiefsten Inneren nach einer Liebe, die dem Urvertrauen eines Kindes entsprach. Wir hatten beide, unabhängig voneinander, Wege gefunden, mit dieser Sehnsucht umzugehen. Da, wo ich meine Maske der Zurückhaltung aufsetzte, zeigte Wei Jing ein strahlendes Lächeln. Unsere Reaktionen waren gegensätzlich, die Ursache und deren Wirkung jedoch, die gleiche. Niemand sah auf den Grund unseres Wesens. Nur wir nahmen einander wahr. Es schien, als hätte eine Seele die andere erkannt.
Wei Jing hatte mich auf eine Art ergänzt, wie es niemandem vor ihm und nach ihm jemals gelungen war.
Der Preis dafür, dass ich ihn in mein Inneres gelassen hatte, ist hoch. Auch heute noch, nun, da ich weiß, wie es sich anfühlt unter hunderten Menschen nicht mehr einsam zu sein und doch verflucht bin, es wieder zu leben.
Irritierenderweise fühlte ich mich im Stich gelassen, als er dort, am Rande der Klippen, den Tod gewählt und meine inständige Bitte „Komm zurück!“ ignoriert hatte: Er hatte mich einfach nicht gehört, zu gefangen in seinen Verlusten, in seiner zerschmetterten Welt.
Wie oft habe ich im Laufe der vergangenen sechzehn Jahre diesen Moment immer wieder vor meinem geistigen Auge abspielen lassen? Jede Sekunde analysiert und mich gefragt, wie ich es hätte verhindern können? Viel zu oft verfolgt es mich selbst im Schlaf und ich wache mit seinem Namen auf den Lippen auf.
Im aufsteigenden Rauch der Zeit sind die Träume seltener geworden, doch sie nahmen nie in ihrer Intensität ab.
Seltsam, dass sie gerade jetzt wieder zunehmen und ich die Dringlichkeit seines Rufs selbst im Rauschen des Wassers zu vernehmen glaube.
„Lan Zhan!“
Ich komme.