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Rose Hathaway- Sei mein Feuer

von Alvadas
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
28.06.2020
09.08.2020
15
77.603
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28.06.2020 4.945
 
Unsere nächtliche Fahrt ging zum Grand Hotel hier in Salem. Es gehörte zu der Art Hotel, in der man mich eigentlich nicht hereingelassen hätte. Vor allem nicht in dem Outfit. Doch zusammen mit der jungen Frau, die sich auf der Fahrt als eine Vasilisa Dragomir vorgestellt hatte, und dem Bodyguard, Dimitri Belikov, hielt mich niemand auf. Die hoteleigene Security stand schon vor der Eingangstür, öffnete diese aber für uns und ließ uns hinein. Mir fiel auf, dass dieses Hotel deutlich verschärftere Sicherheitsmaßnahmen besaß, als es Hotels normalerweise hatten. Die Typen in Anzügen vor dem Eingang und in der Lobby wirkten nicht wie abgehalfterte Amateure und die Beulen unter ihren Jacketts sprachen von Handfeuerwaffen! Dazu kamen die vielen Kameras und als ich durch die Eingangstür trat, entdeckte ich die feinen Schichten im Glas. Panzerglas!, ahnte ich. Innen ging es zum Check-In, der uns oben ankündigte. Daraus schloss ich, dass es einerseits ganz nach oben in eine der Suiten ging und dass dort noch jemand war. Auf jeden Fall ein weiterer Bodyguard!, schätzte ich. Der Verlust des schwarzhaarigen Leibwächters hatte für Betroffenheit gesorgt, aber selbst diese Vasilisa war nicht allzu aufgewühlt davon. Vermutlich war es ein Angestellter einer privaten Sicherheitsfirma. Diese Kerle waren selten überragend gut, dafür aber austauschbar. Du bist weder das eine noch das andere!, dachte ich mir, während ich neben Dimitri im Fahrstuhl stand. Er wirkte immer noch angespannt und ich ahnte, dass es mit mir zu tun hatte. Mir war es aber egal. Das Mädchen machte die Ansagen. Sie hatte das Geld und den Einfluss. Er hatte nur eine Knarre und große Muskeln! Oben angekommen, wurden wir bereits erwartet. Wie vermutet war es nach oben gegangen, ganz nach oben! Die komplette Dachetage gehörte zur Kleinen! Sie musste also wirklich Asche haben! Am Fahrstuhl stand eine Frau im mittleren Alter. Das erste Grau zeigte sich in ihren kurzen, schwarz-braunen Haaren und sie hatte ein paar Falten unter den Augen. Dennoch wirkte sie geistig wach und körperlich fit. Sie war schlank, nicht gerade hoch gewachsen, wirkte dafür aber ruhig und überlegt. Alles in allem erinnerte sie mich an meine Mum! Sie nickte Dimitri zu, steckte ihre Pistole weg und musterte dann mich eingehend. Sie trug anders als der Cowboy keinen langen Ledermantel, sondern die bewährte Leibwächterrüstung, bestehend aus einer weißen Bluse, schwarzem Anzug samt Hose und gestriegelten, edlen Schuhen. Unter der Bluse zeichneten sich die Ränder einer Schutzweste ab. „Das hier ist Alberta Petrov! Sie gehört zu meinem Sicherheitsteam!“, stellte Vasilisa die Frau vor. „Angenehm, Rose Hathaway!“, nannte ich meinen Namen. „Gleichfalls!“, erwiderte Alberta und wir reichten uns knapp die Hand. Sie ließ uns vorgehen und schloss dann hinter mir an unsere Formation an. Innen sah es aus, wie eine luxuriöse Suite nun einmal aussah: Groß, prunkvoll und teuer. Es ging in ein weites Wohnzimmer und wir nahmen Platz. Ich lümmelte mich auf das Designersofa in einem dezenten grau mit schwarzen Nähten. Vasilisa setzte sich in den anmutigen Sessel mir gegenüber, der wie aus einem Stück Blech gebogen aussah. Der Leibwächter stellte sich hinter sie. Seine Kollegin setzte sich aufs Sofa, am anderen Ende von mir. „Was ist mit John?“, eröffnete diese das Gespräch und auch sie hatte einen schwachen Akzent. „Hat es nicht geschafft!“, erwiderte Dimitri neutral. „Verdammt! Ich werde der Firma Bescheid geben und Ersatz anfordern!“, meinte die Frau und stand wieder auf. „Ist hier jeder so entbehrlich?“, wollte ich wissen. „Johns Tod ist tragisch! Aber ich glaube, dass es zum Berufsrisiko gehört! Er war noch nicht lange Teil meiner Security...“, sprach Vasilisa mit einem entschuldigenden Lächeln. Sie wollte damit sagen, dass er natürlich ein unverzichtbarer Teil geworden wäre, hätte er denn lang genug überlebt... Ich blickte zu Dimitri auf, der meinen Blick einfach nur stur erwiderte. Er wollte hier wohl nichts zum Gespräch beitragen! „Nun, dann schießen Sie mal los! Warum soll ich für Sie arbeiten und was für eine Art Job wäre das?“, fragte ich, um endlich zum Punkt zu kommen. „Ich bin dafür, dass wir uns erst einmal frisch machen! Sehen Sie sich doch an! Sie sind voller Blut! Auch ich würde mich gerne umziehen, dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten!“, schlug mir die junge Frau vor. Ich schüttelte den Kopf. Mit so etwas hatte ich bereits gerechnet! Es war eine bewährte Taktik bei Anheuerungsgesprächen! Man präsentierte all sein Geld und seine Macht und gab dem Bewerber das Gefühl bereits Zuhause zu sein! Ich wollte eine Dusche und ein paar neuer Klamotten, aber erst wollte ich wissen, was hier los ist! „Nein, wir reden jetzt oder gar nicht!“, meinte ich. Vasilisa seufzte leise, doch dann lächelte sie. Ihre Miene wirkte aufrichtig, anders als bei Politkern oder anderen, gewählten Amtsträgern. Ihre goldenen Locken, ihr weiches Gesicht und das überragende Aussehen machten aus ihr einen Engel auf Erden. Ein Wesen der Ordnung, Schönheit und Unschuld! „Nun gut! Dann reden wir jetzt, wenn Sie darauf bestehen!“ Ich nickte. „Mein Name ist Vasilisa Dragomir! Vielleicht haben Sie von meinem Vater gehört, Eric Dragomir. Er war ein Geschäftsmann aus Rumänien, der auch hier in den Staaten Geschäfte gemacht hatte.“ „War?“, hakte ich nach, denn mir war die Vergangenheitsform aufgefallen. Vasilisa schluckte und nickte verlegen. „Ja, war... Er... meine Mutter Rhea und mein.... mein älterer Bruder Andre sind letztes Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen!“, erzählte sie. „Mein Beileid...“, brummte ich ehrlich. Auch ich kannte Verlust, auch wenn ich nicht wusste, wie es sich anfühlen musste, die Familie gleich auf einem Schlag zu verlieren. „Danke! Es... ist noch schwer, aber...“ Sie sah hoch zu Dimitri, der ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Dieser Moment währte nur kurz, dann zog er die Hand wieder hoch. Aber es zeigte mir, dass dieser Dimitri zum inneren Kreis gehörte. Er schien mehr, als nur ein Bodyguard zu sein! „Mein Vater leitete mehrere Unternehmen, die alle viele Milliarden Dollar Gewinn abwarfen. Dadurch kam meine Familie zu einem nicht unerheblichen Reichtum, der vieles ermöglicht hat“, fuhr sie fort. „Geld regiert die Welt, das gilt überall und zu jeder Zeit!“, meinte ich nur dazu. „Mag sein... Mein Vater... er war nicht nur an dem Geld interessiert, sondern auch sehr Heimat bezogen! Er wollte ein Teil seines Glücks an das rumänische Volk zurückgeben und engagierte sich in der Politik! Dank seines Einflusses und vielleicht auch dank des Geldes fasste er sehr schnell Fuß dort. Nach dem Unfall stehe ich nun als Alleinerbin da. Ich bin nun de facto Inhaberin eines Multimilliiarden-Dollar-Unternehmens und trage dazu die wirtschaftlichen und politischen Verantwortungen meines Vaters!“ Sie sagte das mit einem ruhigen Ton, so als wäre es etwas Einfaches. Doch ich konnte mir die enorme Last vorstellen, die auf diesen zarten Schultern ruhen musste. „Das... ist sicherlich anstrengend...“, sprach ich. Vasilisa zuckte nur mit Schultern und legte ein Bein über das andere. Wie nebenbei strich sie ihr Designerkleid glatt. „Es ist nicht leicht, vor allem jetzt nicht, aber... Meine Eltern haben mich in die Staaten geschickt, damit ich mein BWL und Politik-Studium abschließen kann. Ich bin nun in den letzten Zügen und schreibe bald meinen Master! Doch nun bin ich für viele tausend Mitarbeiter verantwortlich!“ „Sicher doch“, erwiderte ich. Noch immer war mir nicht klar, worum es hier ging. „Diese vier im Club... das waren wohl keine Ihrer Mitarbeiter, oder?“, fragte ich. Vasilisa verneinte dies. „Nein, das waren Angestellte eines anderen Unternehmens! Ich bin zwar Alleinerbin, doch es gibt viele Leute, die einen Teil des Kuchens abhaben wollen! Es gibt Vorstandsmitglieder, die mit mir nicht zufrieden sind... Konkurrenten, die meine Unternehmungen aus dem Rennen kicken wollen und vieles mehr.“ „Es sind doch recht eigenwillige Maßnahmen vier Ex-Militärs auf eine junge Frau anzusetzen und eine offene Schießerei in einem belebten Nachtclub anzufangen, nur um die Konkurrenz auszustechen!“, sagte ich. Die Millionenerbin neigte ihren Kopf leicht, als hätte sie nicht mit so viel Spitzfindigkeit meinerseits gerechnet. Aber ich war nicht dumm. Wollte man jemanden entführen oder töten lassen, hatte das meistens mit illegalen Geschäften zu tun! „Ich muss zugeben, dass ich bisher nicht viel Ahnung von den Geschäften meines Vaters hatte. Mein Bruder Andre sollte sein Nachfolger werden, nicht ich! Eine vorläufige Sichtung der Dokumente zeigt auf, dass es einige wenige Geschäfte gab, die in einem Grau-Bereich stattfanden“, sprach Vasilisa diplomatisch. Sie ist ebenfalls nicht auf den Kopf gefallen!, dachte ich. Sie hatte sofort durchschaut, worauf ich hinauswollte und dementsprechend reagiert. Das Ansehen ihres toten Vaters war gewahrt, ohne die Brisanz zu verniedlichen, die hier herrschen musste. „Kommen wir doch zum Punkt, ja?“, drängte ich. Langsam wurde ich des anstrengenden Gesprächs müde. „Einverstanden!“, entgegnete Vasilisa mit einem Lächeln. „Es geht darum, dass ich das Erbe zwar offiziell angenommen, aber die Führung und den Besitz über die Firmen und Unternehmen meines Vaters noch nicht legitimiert habe! Ich muss noch eine Unterschrift leisten, bevor mir wirklich alles gehört!“ „Und das möchten gewisse Leute verhindern?“, riet ich einmal ins Blaue. „Ja, das auch! Es geht aber darum, dass gewisse internationale Behörden auf die Aktivitäten meines Vaters und seiner Geschäftspartner aufmerksam geworden sind. Diese
Behörden sind an mich herangetreten und baten mich um Kooperation. Da ich nur die Erbin bin, kann ich nicht für eventuelle.... Fehler meines Vaters haftend gemacht werden...“ Verbrechen! Sie wollte Verbrechen sagen!, ahnte ich. „Aber die Geschäftspartner Ihres Vaters könnten belangt werden!“, sagte ich wissend und Vasilisa nickte. „Ja, das könnten sie! Einige von ihnen sind nicht erpicht darauf, dass ich mein Erbe komplett antrete, die Unternehmen übernehme und mit den Behörden zusammen arbeite, um die schwarzen Schafe aus den Vorständen zu entfernen!“ „Man will Sie also ausschalten!“, schloss ich daraus. „Ja, das möchte man! Einige gehen dafür sehr weit, was im Anbetracht des tiefen Falls derer irgendwie verständlich ist, nicht wahr?“ Ich zuckte mit den Schultern. Dies war nicht mein Fachgebiet! „Was wollen Sie nun von mir?“, wollte ich wissen. „Ich will dass Sie für mich arbeiten! In diesem Club haben Sie überragende Arbeit geleistet! Genau so jemanden brauche ich hier!“ Sie sah hoch zu Dimitri, der immer noch wie eine Statue dastand. „Dimitri und Alberta sind die Letzten aus der alten Mannschaft meines Vaters. Ich kenne sie schon, seitdem ich klein bin und vertraue ihnen bedingungslos! Leider sind die beiden die Einzigen, denen ich aus meiner Vergangenheit vertrauen kann! Ich weiß nicht, wer im Hintergrund gegen mich agiert oder nicht! Das zwingt mich zu drastischen Maßnahmen!“ Allmählich verstand ich die Lage dieser jungen Frau. Sie stand vor einem großen Schritt, der viele einflussreiche und mächtige Leute zu Fall bringen könnte! Diese fühlten sich in die Enge getrieben und hatten kurzer Hand den Spieß umgedreht! Nun war die Jägerin zur Gejagten geworden, die niemanden außer zwei Bodyguards vertrauen konnte. Um nun für ihre eigene Sicherheit sorgen zu können, blieb ihr nichts anders übrig, als auf Söldner zurückzugreifen. Deren Loyalität gehörte nur dem Geld, niemandem sonst! „Sie wollen mich anheuern, damit ich Sie beschütze?“, fragte ich nach der genauen Jobbeschreibung. „Unter anderem!“, erwiderte Vasilisa. „Unter anderem? Was wollen Sie denn noch?“ „Sie sollen mich nicht nur beschützen, Rose, sondern dafür sorgen, dass ich rechtzeitig an dem Ort bin, an dem ich den Untergang derer einleiten werde, die mir das hier antun!“ Bei diesen Worten flammte ein tiefer Zorn in der sonst so zierlichen Frau auf. Die grünen Augen leuchteten gefährlich auf, als lebte ein Feuer in ihnen, was jeden verzehren würde, der von ihrem bösen Blick getroffen wurde. Unbewusst ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Sie war wütend, sie war traurig... Sie war verzweifelt! Anders konnte ich es mir nicht erklären, warum sie mich anheuern wollte. Eine Fremde... Ich war eine genauso große Unbekannte wie jeder andere Söldner! Aber dadurch, dass ich nicht Teil eines Unternehmens war, konnte sie davon ausgehen, dass ich nicht jemand anderem diente. Ich war ein unbeschriebenes Blatt. Blüten weiß. Sie konnte mir nicht vertrauen, aber sie musste mir auch nicht misstrauen! Ich war der goldene Mittelweg, der sie hoffentlich ans Ziel bringen würde! „Was hätte ich davon?“ „Eine Menge Geld!“, sagte Vasilisa. „Sie kriegen zwanzigtausend die Woche, noch einmal hunderttausend, wenn ich es geschafft habe!“ Das war eine ordentliche Summe Geld! „Aber Sie deuteten ja an, dass Sie noch etwas anderes begehren!“, meinte Vasilisa und wartete auf meine Reaktion. Ich dachte nach. Es fiel mir schwer über meine Probleme zu reden, auch wenn sie nicht so groß erscheinen mochten, wie die meiner Gastgeberin. „Es gibt da etwas, was wieder in Ordnung gerückt werden muss! Normalsterbliche schaffen das aber nicht, weshalb ich auf jemanden mit sehr großen Einfluss hier in den Staaten angewiesen bin!“, rief ich und betrachtete Vasilisa eindringlich. „Sind Sie so eine Person, Vasilisa?“ „Im Grunde schon! Es kommt aber natürlich auf die genaueren Umstände Ihrer Misere an!“ Nun gut!, dachte ich. Wenn die Karten offen auf den Tisch liegen müssen... „Es geht um meine Mum, Leutnant Colonel Janine Hathaway. Sie... wurde aufgrund widriger Umstände verurteilt und unehrenhaft entlassen. Nun fristet sie ein Dasein in einem militärischen Hochsicherheitsgefängnis! Ich möchte, dass der Fall wieder aufgenommen wird, vor einem Zivilgericht! Ihre Entlassung soll in eine ehrenhafte umgewandelt werden!“, berichtete ich von dem Kummer, der mir auf der Seele lag. Überrascht blinzelte Vasilisa. Sie hatte wohl nicht mit so einer Bitte gerichtet! Aber mir persönlich ging es gut. Gut genug, dass ich mich um meine Probleme selbst kümmern konnte! „Ihre Mum muss Ihnen sehr am Herzen liegen, wenn Sie so etwas fordern, Rose!“, sagte Vasilisa anerkennend. „Nein, meine Beziehung zu meiner Mum ist eher anstrengend. Es gibt eine andere Motivation, warum ich ihr helfen möchte!“ Die junge Frau mir gegenüber nickte gedankenverloren. Ihr konnten die genauen Hintergründe meiner Bitte egal sein, solange sie es hinbekam! „Ich denke, da lässt sich etwas machen, Rose!“, verkündete sie dann selbstsicher. Ich nehme dich beim Wort!, dachte ich mir nur. Ich war keine Frau, die man mit leichten Versprechungen köderte! Entpuppten sich die Resultate als hohl und nichtig, konnte man mich ebenso zum Feind haben, wie man mich vorher zum Freund hatte! Dies machte ich Vasilisa knapp klar, doch sie lächelte nur gefährlich. „Dies beruht auf Gegenseitigkeit, Rose! Glauben Sie mir! Ich halte mein Wort! Wie sieht es mit Ihnen aus? Sind wir im Geschäft?“, wollte sie wissen und streckte mir die Hand über dem Couchtisch entgegen. Ich musste nicht lange überleben. „Ja, das sind wir!“, sagte ich und schlug ein. Das Gefühl ihrer Haut durchzuckte mich wie einen Stromschlag. Ihre Hand war weich und gepflegt, dennoch hatte sie einen gewissen Druck. „Dann kann ich ja endlich unter die Dusche! Dimitri, bitte kümmere dich um alles weitere, ja?“, sprach Vasilisa und erhob sich seufzend. „Natürlich!“, sprach der Leibwächter zum ersten Mal seit geraumer Zeit und warf mir einen flüchtigen Blick zu, der genauso gut ein Messer hätte sein können, so scharf war er. Er ist nicht mit mir einverstanden!, vermutete ich, aber das konnte mir, wie gesagt, egal sein! Nicht er war mein neuer Boss, sondern die Kleine! Diese verabschiedete sich und trottete zu einer Schiebetür, hinter der sie verschwand. Dimitri ging zu einer Kommode am anderen Ende des Zimmers und kehrte dann mit einem Blatt Papier und einem Kugelschreiber zurück. Beides knallte er vor mir auf den Tisch. „Name, Sozialversicherungsnummer, Geburtsdaten, Wohnorte der letzten fünf Jahre, Ausbildung, Einsätze: wo und wann, der genaue Name und die Anschrift Ihrer Eltern und die letzten Jobs, die Sie hatten! Schreiben Sie alles genau und wahrheitsgemäß auf! Ich werde Sie überprüfen, von oben bis unten! Gibt es etwas, was mir nicht gefällt, sind Sie draußen! Stimmt auch nur ein Buchstabe Ihrer Angaben nicht, sind Sie draußen!“ Er kam mit seinem Gesicht bedrohlich näher, setzte aber immer noch eine ruhige, mäßig kontrollierte Miene auf. „Gefällt mir auch nur eine Sekunde lang Ihre Nase nicht, sind Sie draußen, verstanden?“ Er war mir so nahe, dass mir ein Hauch seines Rasierwassers in die Nase drang. Langsam zog ich den Geruch ein, ließ ihn in mir, nahm in auf. Er roch gut! „Verstanden!“, erwiderte ich nur und fuhr die Miene aus dem Kugelschreiber. „Reicht es, wenn ich es auf Englisch schreibe? Russisch liegt mir nicht so!“, unternahm ich den Versuch, herauszufinden, woher er kam. Für einen Rumänen war er einfach zu.... eiskalt! „Englisch ist völlig ausreichend! Wir wollen ja nicht, dass Sie sich schon jetzt Ihre zarten Finger brechen!“, sagte er und ging wieder auf Abstand.

Ich füllte alles aus, was er von mir wollte, was eine ganz schöne Menge war! Als Tochter einer Soldatin, die überall auf der Welt eingesetzt worden war, war ich ganz schön herum gekommen! Ich war jung, das stimmte, aber ich hatte mehr Scheiß gesehen und getan, als so manch alter Hase! Ich erwähnte meine Ausbildung bei der US-Marine-Corps, die vielen Spezialtrainings und auch meine Einsätze im Irak und sonst wo. Ich war keiner dieser Delta-Force-Typen gewesen, die zwar knochenhart und düster wie die Nacht waren, dafür aber achtzig Prozent ihrer Dienstzeit mit Warten und Vorbereiten auf dem nächsten Einsatz verbrachten. Ich war immer Fußsoldat gewesen, mitten drin anstatt nur dabei! Ich wusste nicht viel vom Personenschutz, dafür wusste ich, wie man schnell und effektiv Hindernisse aus dem Weg räumte! Als Zusatz schrieb ich auch noch meine alte Dienstnummer und einige ehemalige Kameraden und Vorgesetzte auf, bei denen der gute Belikov nachfragen konnte. Er sollte nicht zu viel seiner grauen Zellen einbüßen müssen, nur um mich als eine Feindin auszuschließen! „Hier, das ist alles!“, sagte ich und reichte Dimitri den Zettel. Er brummte nur und reichte ihn weiter an seine Kollegin, die bei ihm saß. „Ihr Zimmer ist ganz hinten! Alberta war so freundlich und hatten Ihnen etwas zum Wechseln gegeben! Das Bad ist ebenfalls über Ihr Zimmer zu erreichen!“, meinte er. „Vielen Dank!“, sagte ich zu Alberta, die nur nickte. Nun war alles gesagt und so begab ich mich zu meinem angezeigten Zimmer. Tatsächlich lagen dort auf dem großen Bett einige akkurat zusammengefaltete Kleidungsstücke. Es überrascht es mich nicht, dass es eine weiße Bluse und eine schwarze Hose waren. Ein kleines Bad schloss direkt an dem Zimmer an und ich vermutete, dass es bei den anderen Schlafzimmern ebenfalls so war! So musste ich mir keine Sorgen darüber machen, dass ich Besuch kriegen könnte! Ich schleppte die Kleidung ins Bad und ließ die Dusche an. Es rauschte laut genug! Aber anstatt mich unter den Strahl aus Wasser zu stellen, schlich auf leisen Sohlen zurück in den kurzen Flur. Von dort konnte ich zwar nicht ins Wohnzimmer sehen, aber wenn ich still genug war, konnte ich durch die Duschgeräusche vielleicht etwas Interessanteres aufschnappen! „Nicht schlecht! Die Kleine war mein USMC! Eine Ausbildung als Scout-Sniper, eine als Fallschirmjäger!“, hörte ich die raue Frauenstimme von Alberta. Ein unverständliches Grunzen war Antwort genug darauf. Innerlich dankte ich dem Himmel, dass sie sich auf Englisch unterhielten! „Hmm... Sie ist viel herum gekommen... Irak... Afghanistan... Afrika... Südamerika... und selbst hier in den Staaten ist sie nicht wirklich sesshaft geworden!“ „Wie alt ist sie?“, kam nun von Dimitri. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann keuchte Alberta überrascht auf. „Was? Sie ist sogar noch jünger als Vasilisa! Nur ein paar Monate, aber immerhin...“ „Dachte ich es mir doch! Was will ich denn mit noch einem Kind?“, seufzte der Leibwächter. Ich bin schon lange kein Kind mehr!, dachte ich entschlossen. „Hey! So viel älter bist du nun auch nicht, Dimka!“, meinte Alberta. Bei dem Spitznamen des übellaunigen Bodyguards horchte ich auf. Ich kannte mich zwar nicht mit dem russischen System von Abkürzungen und Spitznamen aus, aber ich wusste, dass die beiden dort sich gut genug kennen mussten, dass sie sich so nannten! „Ich bin sieben Jahre älter! Das ist durchaus ein Unterschied!“, brauste der Russe auch gleich auf. „Na, ich weiß nicht... in meinen Augen seid ihr beide blutjung!“, lachte Alberta auf, die wohl mit Abstand die älteste in der Gruppe war. „Hmpf!...“, machte der Cowboy nur und wechselte dann das Thema. „Wann ist sie entlassen worden?“, fragte er weiter nach meiner Vita. Warum hast du den Zettel denn weitergegeben, wenn du sowieso alles wissen willst?, fragte ich mich hingegen. „Letztes Jahr erst. Ehrenhaft, falls es einen Unterschied für dich macht!“ „Nein, macht es nicht! Sie hat keine Erfahrung als Personenschützerin, das habe ich ihr sofort angesehen! Sie... ist einfach nur ein tollwütiger Hund, den man von der Leine lassen kann! Dann rennt sie los und schnappt nach allem, was ihr vor die Schnauze kommt! Was wollen wir mit einem Hund? Ich brauche Leute, die wissen, was sie tun! Leute, denen ich mein und Vasilisa Leben anvertrauen kann!“, regte sich Dimitri auf. „Nun haben wir sie aber hier, Dimka! Du kennst Vasilisa besser als ich und selbst ich weiß, dass sie ihre Meinung nicht mehr ändern wird! Hathaway ist hier, lebe damit! Setze sie ein, anstatt dich über sie aufzuregen!“, schlug Alberta vor. Ich nickte anerkennend in meinem Versteck. Alberta schien eine ruhige und pragmatische Frau zu sein! Schon allein das zeigte mir, dass sie der Grundpfeiler dieses Teams war! „Pah! Solange sie uns nicht im Weg steht, kann sie tun und lassen, was sie will!“, murrte Dimitri. Dann hörte ich ein Knarzen, als würde sich ein schwerer Körper aus einem Sessel erheben. „Prüf bitte alle Angaben und finde so viel wie möglich über diese Hathaway heraus! ...Und über ihre Mutter, ja? Ich möchte wissen, welches Verhältnis die beiden haben und warum ihre Mutter im Gefängnis sitzt!“, forderte Dimitri. „Immer gerne doch, Dimka! Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“, erwiderte Dimitri etwas freundlicher. Schon kamen leise Schritte in meine Richtung und ich beeilte mich zurück in mein Zimmer zu kommen. Als ich endlich in der Dusche stand und das heiße Wasser auf meine verspannten Muskeln rieselte, dachte ich über meine jetzige Situation nach. Zufrieden bin ich auch nicht, aber wenn es meine Chance ist, meine Schulden zu begleichen, dann sollte ich sie nutzen! Wieder musste ich an das harte Gesicht meiner Mum denken, als sie im Gerichtssaal stand und mit Fassung ihr Urteil entgegennahm. Sie hatte nicht einmal versucht aufzubegehren! Sie wusste, dass es sinnlos war..., überlegte ich. Kopf schüttelnd stellte ich das Wasser aus und ging aus der Dusche heraus. Ich war Soldatin gewesen, fühlt mich immer noch als eine, dennoch lag mir blinder Gehorsam nicht! Ich fand, dass es einen Unterschied gab zwischen Loyalität und dumpfer Gefolgsamkeit! Es muss einfach einen geben!, seufzte ich innerlich. Nun war ich wieder in einer Art Einheit und so wie es aussah, war mir der Squadleader nicht wohl gesonnen... Aber er ist nicht der Chef, sondern die Kleine!, rief ich mir ins Gedächtnis. Ich musste nur meinen Job machen und schon würden einige meiner Probleme sich in Luft auflösen! Mit diesem Gedanken zog ich mir die weiße Bluse über und legte mich damit ins Bett. Es war bestimmt weit nach Mitternacht und dennoch lag Anspannung in meinem Körper. Ich atmete mehrmals tief ein und aus und entspannte mich. Schon wurden meine Augenlider schwer und ich schlief schlussendlich ein...

Ein ausgiebiges Frühstück erwartete mich am nächsten Morgen. Ich hatte die Bluse anbehalten, aber lieber meine alte Hose angezogen, als die schwarze Anzugsvariante, die man mir geliehen hatte! Dimitri hatte Recht: Ich war kein Bodyguard, also musste ich mich auch nicht als solcher kleiden! Das Essen war als eine Art Büfett angerichtet und so nahm ich mir einen Teller voll und setzte mich aufs Sofa ins Wohnzimmer. Natürlich war Dimitri bereits wach und saß mit einer Tasse dampfenden Kaffees und einem Buch auf einem der Sessel. „Morgen!“, begrüßte ich ihn höflichkeitshalber. „Morgen!“, erwiderte er schlicht und sah nur flüchtig von seiner Lektüre auf. Ich setzte mich und fing an, mein Frühstück zu verschlingen. Da ich Kaffee nichts abgewinnen konnte, hatte ich mich für Tee entschieden. Man! Der Unterschied zwischen einem billigen Motel und dieser Bude ist aber merkbar!, dachte ich erstaunt, als mir die aufgebrühte Flüssigkeit die Kehle herab ran. Der Tee schmeckte wirklich ausgezeichnet! Nur hin und wieder warf ich Dimitri einen Blick zu. Dieser war vollkommen in sein Buch vertieft, welches von hier aus sehr abgegriffen und zerfleddert aussah. Nur mit zusammengekniffenen Augen schaffte ich es, einen Teil des Titels auf dem Buchrücken zu erspähen. Es war ein Western... Daher also die Vorliebe für diesen Mantel!, wähnte ich meine Vermutung bestätigt, dass hier ein waschechter Cowboy-Fan vor mir saß! Nach dem Essen machte ich mich fertig und ging zurück ins Wohnzimmer. „Ich bin kurz weg!“, verkündete ich laut im Raum. „Wohin wollen Sie?“, kam sofort die scharfe Frage. Damit hatte ich aber gerechnet und zuckt nur mit den Schultern. „Ich gehe davon aus, dass wir noch eine Weile zusammen hocken werden! Ich trage gerne meine eigenen Klamotten, deshalb werde ich zu mir nach Hause gehen und einige Dinge einpacken! Danach komme ich wieder zurück!“, erwiderte ich. „Gut!“, sagte Dimitri. Der Hüne klappte sein Buch zusammen und steckte es in eine Innentasche seines Mantels. Dann erhob er sich und ging zu einer Kommode. Dort kramte er in einer gläsernen Schüssel herum. „Ich sage nur noch schnell Alberta Bescheid, dass wir kurz weg sind!“, sprach er und ging auch schon zu der Zwischentür auf der anderen Seite des Raums. Da hinter vermutete ich die Gemächer meiner neuen Chefin. Diese hatte sich bisher noch nicht blicken lassen. Das Vorrecht junger und reicher Leute, die nicht arbeiten müssen..., ahnte ich. Als Belikov wiederkam, sah ich ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an. „Wir?“, wiederholte ich seine Aussage von eben. „Ja, wir!“, meinte er und kam auf mich zu. Er blieb direkt vor mir stehen und sofort schwappte ein Hauch eines Rasierwassers zu mir hinüber. Es musste eine ganz besondere Sorte sein, so wie sie duftete! Es fiel mir schwer, nicht die Augen zu schließen und die Luft tief einzuatmen! „Ich traue Ihnen nicht, Hathaway! Ich will sie nicht hier haben! Aber ich bin es nicht, der hier die Entscheidungen trifft, also werde ich mich mit Ihnen arrangieren! Das heißt aber noch lange nicht, dass ich Ihnen traue! Deshalb werde ich Sie im Auge behalten!“, drohte er mir und ging dann an mir vorbei zur Tür. „Können wir dann?“, wollte er wissen. „Selbstverständlich!“, entgegnete ich. Mir war seine Ansage vollkommen am Arsch vorbei gegangen! Solche Kerle kannte ich vom Corps schon zu Genüge! Viele Männer in Uniformen dachten, dass Frauen nur eine lästige Ablenkung waren und höchstens in der Verwaltung taugten. Du wärst nicht der Erste, den ich vom Gegenteil überzeugen würde!, dachte ich mir mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen.

Wir gingen in die Tiefgarage und nutzten den schwarzen SUV von gestern. Der Leibwächter traute mir wohl nicht einmal so weit, dass er mich fahren ließ! Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und lotste ihn durch die Straßen Selams zu meiner bescheidenen Wohnung. Sie war wirklich nichts besonderes, eher ein dreckiges Loch... Doch da ich noch nicht lange aus dem Armeedienst geschieden war und keine wirklich Heimat hatte, war ich die ersten Wochen einfach durch die Staaten gezogen, hatte mir hier und dort eine Wohnung und einen Job besorgt. Immer wenn mich eine Unruhe oder Langeweile erfasst hatte, war ich einfach weitergezogen und hatte woanders neu angefangen! So hatte ich es vor Salem gehalten und so würde ich es auch noch halten, wenn dieser Job zu Ende war! Bei mir Zuhause angekommen, ging ich hinein und machte mich ans Packen. Zu mindestens blieb der misstrauische Bodyguard unten im Wagen sitzen. Nach dem Anblick, den ihm die Außenfassade des mehrstöckigen Wohnblocks bot, wollte er auf weitere Details der Inneneinrichtung wohl verzichten! Besser für uns beide! Ich hatte so genug Ruhe, um meine Sachen zu suchen und in meinen alten Armeesack zu verstauen. Neben Wechselsachen und Hygieneartikel fanden auch viele alte Begleiter aus meiner USMC-Zeit ihren Weg in den Sack. Ich entschied mich für zwei meiner Gewehre und steckte dazu auch noch meine Sig-Sauer-Pistole ein. Zwar war die erbeutete Glock nicht schlecht, doch diese Waffe hier kannte ich schon lange und war vertrauter mit ihr! Dass sie auch noch als 45iger ein durchschlagskräfigeres Kaliber besaß, war ein weiterer Vorteil! Dazu kam meine Schutzweste und einige Taschen und Holster. Nun bin ich bereit für was auch immer!, dachte ich zufrieden, schloss ab und ging zurück zum Auto. „Das dauerte ganz schön lange!“, murrte Dimitri. „Sie hätten mir ja helfen können, wenn es Ihnen nicht schnell genug ging!“, erwiderte ich nur. „So... was machen wir jetzt?“, wollte ich auf unserem Rückweg wissen. Der Tag war gerade erst angebrochen, es war Samstag und damit standen uns viele Möglichkeiten offen! Nach gestern wird es aber wohl kein Club-Ausflug mehr!, überlegte ich. „Wir warten...“, antwortete Dimitri nur. „Und worauf warten wir, wenn ich fragen darf?“ „Auf Verstärkung!“ „Waren Sie schon als kleiner Bub so wortgewandt oder gab sich das erst mit den Jahren?“ „Ich verschwende ungern Zeit mit überflüssigem Gerede!“, sprach er. „Ja, ich verstehe! Nicht das noch jemand merkt, was für ein Engel Sie in Wirklichkeit sind!“, hielt ich dagegen und musterte das angespannte Gesicht des Leibwächters. Es wirkte auf dem ersten Blick ruhig und beherrscht, als könnte ihm nichts anhaben. Doch ich hegte den tiefen Verdacht, dass es nur eine Maske war, unter der es herzlich brodelte! „Ich muss kein Engel sein! Nur ein Beschützer!“ „Einfach und einprägend, dieser Spruch! Schon mal überlegt ihn auf ein T-Shirt drucken zu lassen?“, fuhr ich unbeirrt fort. Anstatt zu antworten, drückte der Bodyguard auf den Knopf des Autoradios und Musik erklang. Er stellte mit geübten Fingern Sender und Lautstärke ein. Es war ein unmissverständliches Zeichen, dass unser Gespräch zu Ende war... „Was ist das? Folter?“, rief ich genervt aus, als das dritte Lied in Folge aus dem letzten Jahrtausend kam. „Wissen Sie überhaupt, was Musik ist?“, wollte ich lieber sichergehen. „Könnten Sie einfach Ihren Mund halten?“ Ich grinste ihn frech von der Seite an. „Wenn Sie lieb Bitte! sagen, vielleicht...“, meinte ich. Dimitri schnaubte nur und drückte das Gaspedal eine Spur tiefer. Anscheinend konnte er es nicht mehr abwarten wieder beim Hotel zu sein!
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