Rose Hathaway- Sei mein Feuer

von Alvadas
GeschichteAbenteuer / P16
Rosemarie "Rose" Hathaway
28.06.2020
09.08.2020
15
77.603
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
28.06.2020 3.758
 
Ich sah sie sofort. Die vier Männer, die mit der bestimmten Haltung eines Profis durch die Menge an tanzenden Leuten schritten. Alles an ihnen schrie nach Ex-Militärs. Sie waren große und breite Schränke an Männern. Stiernackig, Hände wie Schaufelblätter, kurz geschorene Haare und diesen wachsamen Blick, der wie beim Tennismatch von rechts nach links wankte. Und wieder zurück. Sie suchen etwas, wurde mir sofort bewusst. Obwohl es nicht mein Job war, spannte ich mich sofort an. Die alte Sehnsucht nach Gefahr und Spannung flammte in mir auf und es fiel mir schwer, dem Impuls zu widerstehen, loszustürmen. Entspann dich! Es ist nicht deine Aufgabe!, machte ich mir klar. Dennoch löste ich mich wie zufällig von dem Tresen, an dem ich gelehnt hatte. Ich schlenderte den schmalen Pfad entlang, der zwangsläufig zwischen Tresen und Tanzfläche entstand. Ausgelassen feierten viele junge Leute hier. Wippten und zuckten im Beat der Musik und/oder tranken einen Drink nach dem anderen. Die vier Barkeeper hatten alle Hände voll damit zu tun, die Kehlen der vielen Gäste feucht zu halten. Das alles aber interessierte mich nicht. Noch nicht! So lange alles ruhig blieb, konnte auch ich ruhig bleiben! Ich drückte mich an einem jungen Paar vorbei, deren Zunge in einem Kampf auf Leben und Tod miteinander verschmolzen waren. Sachte schob ich einen Kerl weg, dessen ausufernden Kopfbewegungen eine Gefahr für seine Umgebung darstellten. Noch immer hielt ich die vier Riesen im Blick, die wie ein Leuchtturm im Sturm herausragten. Sie halten auf die Lobbys zu, stellte ich fest und korrigierte meinen Kurs ein wenig. Nun würde ich nicht mehr direkt hinter ihnen bleiben, sondern eine seitliche Position einnehmen. Ich beschleunigte meine Schritte etwas, sodass ich in der Menge aus Leibern schnelle vorankam. Endlich durchbrach ich das Meer aus Tänzern und kam in den Bereich des Lokals, wo sich viele Sitzecken an den Wänden drängten. Hier saßen Gruppen zusammen, tranken, lachten, küssten sich. Gut, manche gingen bei weitem heftiger zur Sache, als nur zu Küssen, aber es sah bei allen Pärchen, die ich bemerkte, so aus, als wollten es beide! Geht alles klar!, checkte ich ab und konzentrierte mich wieder auf das Quartett. Dieses hatte indes eine der teueren Nischen erreicht, in der drei junge Frauen saßen. Zwei große Männer in schwarzen Anzügen standen bei ihnen. Die Hände vor dem Körper verschränkt und mit eben jenem wachsamen Blick, den auch ich auf dem Gesicht hatte. Bodyguards!, dachte ich und sofort schnellte mein Blick zu den drei Feierenden. Sie alle waren etwa in meinem Alter, was mir wieder einmal zeigte, wie sehr mein Leben aus den Fugen geraten war... Alle drei Frauen waren schlank und hochgewachsen. Wahrscheinlich konnten sie spontan zu einem Modelcasting gehen und würden sofort genommen werden! Sie waren so dünn, dass selbst ich mir neben ihnen bestimmt dick vorkam, obwohl dies nicht der Fall war. Die Mittlere von den Dreien hatte lange, platinblonde, fast goldene Locken, die ihr in sanften Wellen am Kopf hinab ragten. Sie war recht bleich und machte einen russischen oder ost-europäischen Eindruck auf mich. Das war nicht selten hier in den USA, wo viele, vor allem reiche, Jugendliche waren. Sie wurden von ihren reichen Eltern auf die guten Unis geschickt, außerhalb des sonstigen Dunstkreises. Die anderen beiden wirkten aus einer ähnlichen Region, hatten aber beide glattes, braunes Haar. Nun standen die vier Typen vor der Nische. Die beiden Bodyguards hatten diese aber vorher schon entdeckt und waren aus ihrer Starre erwacht. Schützend stellten sie sich vor die Mädchen. Der Linke, ein Kerl mit einem braunen Pferdeschwanz und einem langen Mantel, hob warnend die rechte Hand. Er wirkte ruhig und beherrscht, doch selbst auf die Entfernung sah ich, wie sich die Kiefermuskulatur unter der frisch rasierten Haut anspannte. Professionelle Anspannung!, registrierte ich und sofort schrillten meine Alarmglocken. Das hier war kein Plausch unter ehemaligen Kameraden! Die Vier verließen ihre Formation und bauten sich breit vor den Bodyguards auf. Der vorderste von ihnen nickte immer wieder zu der blonden Frau herüber, die nun auch den Trubel bemerkt hatte. Ihre intensiven jadegrünen Augen weiteten sich vor Angst. Jegliche Feierlaune war verflogen. Es war Zeit für mich einzuschreiten! So ging ich gemächlich auf die Ansammlung an Testosteron zu. „Hey!“, rief ich gegen den Lärm der Disko an und hob die Hand, um auf mich aufmerksam zu machen. Alle sechs Kerle warfen mir nur einen flüchtigen Blick zu. Sie checkten mich unbewusst ab. Ihr Ergebnis konnte ich mir schon denken: Keine Gefahr! Dachten sie bestimmt. „Hey!“, rief ich erneut. „Mir egal, was das hier werden soll! Aber es findet nicht hier im Laden statt, klar?“, stellte ich fest. Keiner reagierte. Niemand antwortete. Ich existierte gar nicht! Der Vorderste der vier Männer öffnete dann doch seinen Mund, doch seine Aussage galt offensichtlich nicht für mich. In einem starken Akzent sagte er etwas auf einer Sprache, die stark slawisch klang. Wieder nickte er zu der jungen Frau hinüber, die dabei tiefer in ihrem Sitz zu versinken suchte. Der Rechte der Bodyguard, ein junger Typ mit kurz geschorenem schwarzen Haar, schüttelte verneinend den Kopf. Sofort sank die Temperatur zwischen den Fronten um mehrere Grad. Jeder, der ein gewisses Gespür für Risikosituationen hatte, fühlte, dass er von hier abhauen sollte. „Hey, ich rede mit euch Typen! Verpisst euch nach draußen! Da könnt ihr machen, was ihr wollt! Mir scheißegal, aber nicht hier!“, wiederholte ich. Wieder wurde ich vollständig ignoriert. „Ihr solltet auf diese Dame hören, Jungs!“, äußerte sich der Kerl im Cowboy-Mantel ruhig. Er sprach fließend Englisch, auch wenn der Hauch eines Akzents an seinen Worten haftete. Eine Dame?, fragte ich mich. Hat er mich gerade als Dame bezeichnet? Der Anführer der vier musterte den Bodyguard von oben bis unten. Er schien Respekt zu haben. Nun überlegte er, was mehr überwog: Der Respekt seinem Gegner gegenüber oder die Überzahl seiner Leute. Letzteres gewann. Er nickte seinem Kollegen, der mir am nächsten war, zu. Dieser hob die Hand und ich sah nur noch etwas aufblitzen. Schlagring!, registrierte mein Verstand und mein Körper reagierte augenblicklich. Bevor der Schlag des Kerls den schwarzhaarigen Bodyguard erwischte, hatte ich ihm schon von hinten in die Kniekehle getreten und seinen Schlagarm gepackt und hoch gerissen. Durch beides verlor er das Gleichgewicht und kippte nach hinten. Ich ließ rechtzeitig los, damit er sich noch fangen konnte. Bei seinem Umfang wollte ich nicht, dass er wie eine gefällte Eiche in die Menge an Gästen fiel. „Verpisst euch! Sofort!“, knurrte ich und legte jedes Quantum Bedrohlichkeit hinein, welches ich im Körper hatte. Klar, es war nicht viel, was eine Anfang Zwanzigjährige mit weiblicher Figur, seidenem schwarzen Haar und einem leicht orientalischen Touch bedrohlich machte. Dennoch reichte es aus, dass mich der Anführer des Trupps erneut einer Überprüfung unterzog. Er revidierte sein erstes Ergebnis und brummte etwas zu seinen Kameraden. Langsam, mit einem letzten Blick zu dem Mädchen mit den goldenen Locken, zogen sie sich zurück. „Geht doch!“, meinte ich zufrieden. Auch ich blickte auch noch einmal zu den Bodyguards, die sehr erleichtert wirkten. „Danke!“, meinte der Kerl im Mantel. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich schiss auf seine Dankbarkeit! Ich hatte nur meinen Job getan! Mit diesem Gefühl ging ich wieder zurück zu meinem Posten am Tresen und überwachte weiter die Menge.

Einige Stunden vergingen und ich hatte den Vorfall schon fast wieder vergessen. Aber als die vier wieder in meinem Sichtfeld erschienen, sprang ich sofort auf. In meiner kurzen Laufbahn als Türsteherin hatte ich schon oft erlebt, wie Leute mich nicht für voll genommen hatten. Ich war eine kleine, junge Frau. Ein Bunny, kein Hulk. Es kam dann manchmal vor, dass sich die Typen, vorrangig Kerle, nicht lange an meinen Lokalverweis erinnern konnten und wiederkehrten. Ihre Reise endete dann im Krankenhaus! Aber bei der Truppe war mir sofort klar, dass sie sich nicht um mich scherten, nicht hauptsächlich. Sie wollten zur Nische! Der Anführer blickte kurz zu mir und nickte zu mir hinüber. Es war kein Gruß, sondern die Aufforderung an zwei seiner Leute mich abzufangen. Die Gruppe teilte sich auf. Zwei kamen auf mich zu. Die anderen beiden hielten auf die Lobby zu. Na, das kann ja spaßig werden!, dachte ich mir noch, als die beiden Hünen auf mich zu traten. „Bleiben Sie zurück, Miss! Dann müssen wir sie nicht verletzen!“, warnte der erste von ihnen mich und schubste mich mit einem Stupser gegen meine Schulter zurück zum Tresen. „Oh, da bin ich aber dankbar, dass ihr mich nicht verletzen müsst!“, meinte ich sarkastisch und machte wieder einen Schritt nach vorne. „Ich warne Sie, Miss! Das hier ist kein Spiel! Halten Sie sich aus Angelegenheiten heraus, die Sie nichts angehen!“ Er hob seinen Arm, um mich erneut zurückzustoßen. Für mich war es nie ein Spiel, sondern mein Job! Ich drehte mich zur Seite, packte den Arm, der auf mich zu hielt, und zog ihn zu mir heran. Gleichzeitig trat ich dem Kerl gegen die Kniescheibe und führte ihn dann so, dass er gegen den Tresen krachte. Sein Kumpane schnellte nach vorne und wollte eingreifen, doch ihn hielt ich mit einem Tritt gegen den Bauch auf Abstand. Der erste Kerl keuchte auch und hielt sich am Tresen fest. Er war leicht benommen, aber nicht kampfunfähig! Ich ließ eine Serie aus vier schnellen, gezielten Schlägen auf seinen Körper regnen. Die ersten beiden trafen ihn an den Kurzrippen und pressten die Luft aus seinem Lungenflügel. Der dritte ging von hinten in seine Niere, der letzte auf die Leber. Dann drehte ich mich auf meinem Fußabsatz zur Seite, schwang die Hüfte mit und holte mit dem linken Ellenbogen aus. Krachend schlug dieser seitlich an den Kopf des Riesen, der nun wie vom Blitz getroffen umkippte. Erster erledigt!, dachte ich. Schon wollte ich mich dem zweiten Typen zuwenden, als hier im Club das reinste Chaos ausbrach. Durch den Lärm, gepaart mit Musik, hörte ich die beiden schnellen, aber sehr gedämpften Schüsse. Kleinkaliber, Neun Millimeter mit Schalldämpfer!, wusste ich sofort. Ich war nicht die Einzige, welche die Schüsse hörte. Der erste fing an zu schreien und die übrigen Gäste fielen mit ein. Leute drängten in Panik zu den Ausgängen, rannten sich gegenseitig um und sprangen über Tische hinweg. „Scheiße!“, fluchte ich, doch noch hatte ich andere Probleme, als einen schießwütigen Kerl! Ich packte eine herrenlose Flasche von der Bar und warf sie, ohne zu zielen, nach hinten, dorthin wo ich den zweiten Kerl vermutete. Das Zersplittern der Flasche zeigte mir, dass ich richtig geschätzt hatte! Mit Schwung wandte ich mich um und sah den Mann noch mit gesenktem Kopf auf mich zu rennen. Er ergriff mich, rammte mir seinen Kopf in den Bauch, hob mich hoch und wollt mich gegen den Tresen schleudern. Er war größer als ich, kräftiger und schwerer. Aber er war nicht so gut wie ich! Meine Beine schnellten nach hinten, stießen gegen den Tresen und federten meinen Schwung ab. Mit beiden Handflächen schlug ich ihm auf die Ohren. Die Wucht musste ausgereicht haben, um seine Trommelfelle zerfetzt zu haben! Jedenfalls torkelte er kurz nach hinten und schüttelte benommen den Kopf. Ich packte ihn am Kragen, stieß mich vom Tresen ab und rammte ihm nun mein Knie gegen die Brust. Dann hob ich dasselbe Bein über seinen Kopf und drehte mich auf die Seite. Mit dieser Kopfschere warf ich mich zu Boden und warf den Kerl einmal schön zur Seite. Der Typ wurde so herum geschleudert, dass er unter ihm auf den Boden schlug. Gekonnt landete ich auf ihm. Da sein Kopf immer noch zwischen meinen Beinen eingeklemmt war, konnte ich ihn mit Druck auf den Bauch drehen. Dort schlug ich ihm mit der Handkante auf den Nacken. Nun hatte ich Zeit und Muße, um mich um den Rest zu kümmern! Weitere Schüsse fielen und ich sah zur Sitznische. Die meisten Gäste waren bereits geflüchtet, der Rest versteckte sich wimmernd und schreiend hinter den Tischen. Bei der Sitznische der drei Mädchen lag der schwarzhaarige Bodyguard am Boden. Die Lache aus Rot um ihn herum zeigte an, dass er tot war. Sein Kollege befand sich in einem Handgemenge mit den beiden übrigen Typen aus dem Quartett. Er hatte dem Schützen in die Schusshand gegriffen und rang mit ihm um die Kontrolle über die Pistole. Gleichzeitig schaffte er es irgendwie, den anderen auf Abstand zu halten! Immer wieder lösten sich bei dem Gerangel Schüsse aus der schallgedämpften Waffe und fegten durch den Club. Ich verfluchte den Ladenbesitzer, meinen Chef, dafür, dass ich selbst keine Schusswaffe hier tragen durfte. Bleibt nur der Nahkampf!, dachte ich mir und stürmte gebückt los. Derweil schaffte es der Cowboy, seinem Gegner die Waffe aus der Hand zu prellen. Fast im selben Moment schossen seine geballten Fäuste los und trafen den Mann heftig. Dieser stolperte zurück und der Bodyguard nutzte diese Pause, um sich umzudrehen und den anderen Kerl zu rammen. Lange würde er es nicht so alleine gegen die beiden aufnehmen können, vermutete ich. Aber es schien nicht das Ziel des Leibwächters zu sein, den Kampf zu gewinnen, sondern allein seine Klientin zu beschützen. Das blonde Mädchen drückte sich in die Ritze zwischen zwei Sitzpolstern und starrte mit angsterfüllten Augen auf den Kampf. Ihre beiden Freundinnen hatten sich wohl schon verabschiedet, denn sie war allein. Sie war das eigentliche Ziel der Männer! Der Anführer, der eben noch mit dem Bodyguard gerungen hatte, schüttelte sich durch und hielt dann auf die Sitznische zu, während sein Kamerad sich mit dem Leibwächter herum schlug. Dieser wollte sich gerne lösen, doch er musste aufpassen nicht von dem Messer seines Feindes getroffen zu werden. „Ah!“, schrie die junge Frau auf, als sie an ihren Haaren gepackt und weggezerrt wurde. Der Anführer wollte mit ihr entkommen und hielt auf den Hinterausgang zu. Verdammt!, fluchte ich innerlich. Flüchtig schaute ich zum Leibwächter. Er musste einfach selbst klar kommen! Das Mädchen aber brauchte meine Hilfe! Ich folgte dem Kerl in den langen Gang hinein, der nach hinten auf den Parkplatz führte. Aber ich wurde bemerkt und konnte mich noch rechtzeitig in einen Türeingang quetschen, bevor die Kugeln an mir vorbei schossen. Er hat noch eine zweite Pistole!, registrierte ich. Immer wieder feuerte der Hüne vor mir auf mich. Dabei zielte er nicht, sondern wollte mich einfach auf Abstand halten. Dies gelang ihm auch ganz gut, da ich keine Möglichkeit hatte das Feuer zu erwidern. Trotzdem hörte ich nicht auf und hüpfte förmlich von Türeingang zu Türeingang. Dann sah ich wie der Kerl mit dem Mädchen lorannte, weil er die Feuertür entdeckt hatte. Diese war das letzte Hindernis vor dem Parkplatz. Jetzt oder nie!, dachte ich, verließ meine Deckung und sprintete los. Ich war schneller als die beiden, weil die Frau sich vehement wehrte. So konnte ich direkt vor der Stahltür aufholen. Der Kerl wandte sich fluchend zu mir um und legte die Pistole an. Doch ich war bereits so nahe, dass ich mit einem Sprung an ihm heran war. Mit links stieß ich seinen Waffenarm nach oben. Ein Schuss löste sich und krachte in die Decke. Mit rechts griff ich nach hinten an meinem Gürtel und zog mein Faustmesser. Diese kurze Waffe mit dem Korkenzieher ähnlichen Griff schnellte vor und traf den Typen zweimal schnell am Arm. Der Mann knurrte nur und wollte sich gegen mich werfen, aber wieder stach ich mit dem Messer zu und erwischte ihn am Bein. Nun änderte er aber seine Taktik und zog mich an sich heran, anstatt mich wegzustoßen. Durch dieses veränderte Manöver verlor ich kurz das Gleichgewicht und fiel nach vorne. Erst knallte ich gegen den Kerl, dann wir zusammen gegen die Tür. Der Hebel betätigte sich, die Tür ging nach außen auf. Gemeinsam fielen auf den Boden des Parkplatzes, während das Mädchen aufschrie und halb mitgerissen wurde. Draußen nutzte ich die erste Gelegenheit, die Klinge meines Messers in jedes Stückchen Mann zu stoßen, an das ich kam. Noch immer hielt der Kerl dagegen, doch sein Widerstand verebbte zunehmend. Dafür hatte ich ein anderes Problem: Draußen hatte jemand auf den Kerl und sein Team gewartet. Ein schwarzer SUV wartete mit laufendem Motor auf dem vollen Parkplatz. Davor stand ein einzelner Mann, der ein ähnliches Outfit wie die anderen Vier hatte. Als er sah, dass ich seinen Boss gerade abstach, griff er unter seine Jacke. Er wollte seine Waffe ziehen und auf mich schießen, also musste ich etwas dagegen tun. Ich rollte mich von dem Gegner unter mir herunter und tastete nach dessen rechten Arm, der hoffentlich noch immer die Pistole hielt. Die Zeit, die Waffe aus den sterbenden Klauen des Ex-Militärs zu befreien, hatte ich nicht. Also griff ich mit beiden Händen nach dessen Hand. Suchte mit dem Finger den Abzug und richtete die Waffe aus. Zielen konnte ich nur schlecht, aber meine Schüsse trafen den anderen Kerl im Bauch. Trug er eine Weste, würde diese ihn schützen. Der Rückstoß reichte trotzdem aus, um ihn zu behindern, und verschaffte mir so die nötigen Sekunden, neu anzulegen und
genauer zu zielen. Die nächsten beiden Schüsse trafen ihn am Halsansatz, dort wo die Weste enden würde. Der Kerl kippte nach hinten. Nun feuerte ich auf den laufenden Wagen, damit der Fahrer nicht auf die Idee kam, auszusteigen. Mit quietschenden Reifen und unter dem Krachen der zerberstenden Fensterscheiben fuhr der Wagen los und verließ den Parkplatz. Schwer atmend richtete ich mich auf, fingerte die Pistole aus der toten Hand des Mannes. Sein nicht vorhandener Puls bestätigte meine Annahme. Ich hob mein Messer wieder auf, säuberte es und verstaute es anschließend. Dann erst sah ich mich nach der jungen Frau mit den grünen Augen und goldenen Locken um. Diese kauerte einen Meter von der Leiche entfernt und wimmerte. Was mache ich jetzt mit der?, fragte ich mich. Meine Instinkte, geformt durch meine Ausbildung und meinen Erfahrungen im Kampfansatz, hielten mich davon ab, sie wieder zurück in den Club zu führen. Ich wusste ja nicht, wer dort noch war und auf mich schießen könnte! Routinemäßig prüfte ich das Magazin der Handfeuerwaffe. Es war eine Glock 17, eine zuverlässige Pistole! Nur noch zwei Schuss. Das reicht nicht!, dachte ich. Der tote Kerl vor mir hatte einige Reservemagazine, die ich an mir nahm. Ich lud die Glock nach und stand auf. Was jetzt?, fragte ich mich. Bevor ich zu einer Lösung kommen konnte, öffnete sich die Feuertür vom Club. Ich legte auf den Kerl an, doch als ich den Bodyguard mit dem Pferdeschwanz und dem Ledermantel ausmachte, senkte ich die Waffe. Er hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand, die er aber nicht auf mich anlegte. Wir warfen uns einen kritischen Blick zu. Keiner wusste, wie er mit dem anderen umgehen sollte, aber dann sah der Leibwächter zu der jungen Frau. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Vasilisa?“, fragte er in einem überraschend sanften Ton. Er holsterte seine Pistole und ging zu seiner Klientin herüber, hob sie hoch und sprach mit ihr leise. Da es nicht Englisch war, verstand ich kein Wort, aber das war mir auch egal! „Ihr verschwindet besser, bevor die Polizei kommt!“, riet ich den beiden. Wir waren hier immerhin in Salem! Auch hier nahm man es nicht gut auf, wenn es eine Schießerei gab! „Ja, wir sollten wirklich gehen! Es kommen mehr!“, meinte der Bodyguard und sah kurz zu mir. Ob das eine Warnung an mich war oder an die junge Frau, wusste ich nicht. In Gefahr sah ich mich nicht, immerhin konnte ich gut auf mich selbst aufpassen! Ich steckte die Glock hinten in meinen Hosenbund und lupfte den Saum meines mit Blut verschmierten Shirts darüber. „Viel Glück!“, sagte ich noch und drehte mich weg. Am besten sah ich nach den Gästen und den Clubangestellten... „Wa...warten Sie, bitte!“, stotterte die junge Frau mit einer klaren, aber leicht schrillen Stimme. „Was?“, fragte ich. Sie sollte nicht ihre oder meine Zeit verschwenden! „Kommen Sie mit uns!“, bat sie mich. Sie bedachte mich mit einem Blick aus ihren grünen, intensiven Augen, was irgendwie unheimlich war. Normalerweise hätte ich sofort abgelehnt, hatte ich doch schon genug Ärger am Hals. Doch etwas ließ mich zögern. „Wieso?“, wollte ich nur wissen. Die Frau schluckte. Ihr schien die Antwort darauf schwer im Hals zu stecken. Der Leibwächter runzelte die Stirn und flüsterte seiner Klientin etwas zu. Sie aber schüttelte nur mit dem Kopf und sah immer wieder zu mir. Sie unterhielten sich, doch am Ende sprach die Frau ein Machtwort und die Bodyguard musste aufgeben. Nun galt mir wieder die komplette Aufmerksamkeit. Allmählich hörte ich die Sirenen ankommender Polizeiwagen. Viel Zeit blieb den beiden nicht mehr, um abzuhauen... „Ich möchte, dass Sie für mich arbeiten!“ Wieder dieser intensive Blick. Sie war jung, doch nicht so naiv und unschuldig wie man denken mochte. „Wieso?“, wiederholte ich meine Frage. „Ich zahle gut! Sehr gut!“ Ich hob nur eine Augenbraue, denn das war keine Antwort auf meine Frage. Sie kannte mich nicht, ich kannte sie nicht. Wieso sollte ich mich in ihre Angelegenheiten einmischen? Die Blondine biss sich auf die Unterlippe. Sie dachte über ihre nächste Aussage scharf nach. „Ich möchte Sie in meinem Sicherheitsteam haben! Ich brauche Sie und ich bezahle Sie gut dafür!“, sprach sie dann. Nun konnte ich nicht mehr cool bleiben. Ich sah zu den beiden Toten, deren Ableben ich verursacht hatte. Es machte mir nichts aus, ganz im Gegenteil. Das war genau das, was mich in meinem Leben reizte! Der Adrenalinschub, die Spannung, das Leben, welches so scharf und unkompliziert wurde, wenn es auf Messers Schneide stand. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht genau danach sehnte. Aber wollte ich wirklich zurück? Wollte ich ein Teil meines alten Lebens wieder haben? „Haben Sie Einfluss?“, fragte ich. „Wie bitte?“ „Haben Sie die Möglichkeit gewisse Dinge wieder gerade zu rücken, die man nicht gerade rücken kann?“, führte ich weiter aus. „Ich...“, fing die Frau an, doch dann wurde ihr Gesicht ernst und sie nickte. „Ja, ich habe die Macht das Unmögliche möglich zu machen!“, erwiderte sie. Jetzt musste ich nicht mehr lange überlegen. Meine Entscheidung stand fest! Es ist ein Versuch wert!, dachte ich und sah zurück zum Club. Meine Karriere war hier sowieso zu Ende, nach dem Vorfall! „Gut, ich höre mir Ihre Geschichte an, dann entscheide ich, ob ich für Sie arbeite!“, meinte ich. Die Frau nickte zufrieden, als hätte sie genau dies erwartet. „Nun sollten wir aber gehen!“, sagte der Bodyguard und joggte los. Er hielt auf einen Wagen zu, der in erschreckender Weise dem ähnelte, der eben schon hier gewartet hatte. Es war ein SUV, er war schwarz, aber es war eine andere Marke und er war nicht zerschossen, was für ihn sprach. Nach einem winzigen Zögern stieg ich vorne auf dem Beifahrersitz ein. „Wie dürfen wir Sie eigentlich anreden?“, fragte mich die junge Frau von hinten. „Hathaway. Rose Hathaway!“