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Ans sichere Ufer

OneshotAllgemein / P16 / Gen
Annie Cresta Johanna Mason
27.06.2020
27.06.2020
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don’t listen to a word I say
the screams all sound the same
and though the truth may vary
this ship will carry our bodies safe to shore
(Of Monsters And Men: Little Talks)



_____________________________



Für Johanna wird Annie immer die Frau bleiben, die die Welt besser als jeder andere verstanden hat.

So viele andere sehen in ihr nur die verrückt gewordene Siegerin aus einem privilegierten Umfeld, eine gefallene Fast-Heldin, ein weltfremdes, bemitleidenswertes Opfer der Spiele; Johanna weiß es besser. Alle sind Opfer der Spiele, die Sieger ebenso wie Panems restliche Bevölkerung, auch wenn sie alle sich gerne etwas anderes einreden. Und was hat das Wort verrückt schon zu bedeuten? Annie sieht die Welt anders, das ist alles, und manchmal denkt Johanna, dass nur sie alleine ihre unergründlichen Wege vollständig durchschaut hat.

Vor der Rebellion haben sie kaum miteinander zu tun, aber Annie gehört zu Finnick und das ist alles, was Johanna wissen muss. Dass Finnick sie am Ende eines besonders schwer zu ertragenden Tages während der 72. Spiele beiseite nimmt, ist gar nicht nötig.

„Pass auf Annie auf“, bittet er sie ohne Einleitung, so leise, dass die anderen Mentoren sie nicht hören und die Kameras die Worte nicht auffangen.

Johanna nickt, doch sie blickt ihn dabei nicht an, will die Dringlichkeit und vor allem den Schmerz in seinen Augen nicht sehen. Stattdessen starrt sie auf den Bildschirm, der die Geschehnisse in der Arena in den Aufenthaltsraum der Mentoren überträgt. Soeben stößt der Junge aus Distrikt 2 dem Mädchen aus Distrikt 11 ein Messer in den Bauch. Ein mitfühlendes Raunen ertönt, ausgehend von den wenigen Mentoren, die noch in der Lage sind, Mitgefühl zu empfinden.

Seeder erhebt sich und verlässt wortlos den Raum, und Johanna beschließt, dass sie doch lieber Finnick ansieht. Ihre beiden Tribute haben nicht einmal den ersten Tag überlebt, nicht dass sie etwas anderes erwartet hat.

„Falls mir etwas passiert ... oder falls der Fall eintritt, dass sie doch zur Mentorin wird“, beginnt Finnick. Er hält dabei sein Weinglas vors Gesicht, damit seine Lippen vor den Kameras verborgen sind, und er lässt sich keine Regung anmerken – weder wegen der verstörenden Bilder auf dem Bildschirm noch wegen all der Implikationen, die seine Bitte mit sich zieht. Man muss ihn gut kennen, um die Verletzlichkeit in seinen Blick zu bemerken.

„Ich verspreche es“, flüstert Johanna.

Finnicks Dankbarkeit ist ebenso schmerzhaft wie unnötig. Immerhin gehört Annie zur Familie, alles andere ist unwichtig.

~°~


Es dauert Jahre, bis Johanna ihr Versprechen einlösen kann, und dann geschieht es auf die denkbar unwahrscheinlichste Weise.

„Ich bin schwanger“, flüstert Annie. Sie lacht erstickt auf, ein hilfloses Geräusch, das Johanna aus ihrer Erstarrung reißt. Rasch durchquert sie den Raum und sinkt neben Annie in die Hocke.

„Ich bin schwanger“, wiederholt Annie, und es ist so offensichtlich, dass Johanna sich dafür verflucht, es nicht früher bemerkt zu haben. Und sie hat angenommen, dass Annies ständige Übelkeit während der letzten Tage mit ihrer Angst um Finnick zu tun hatte ...

„Ich bin schwanger“, sagt Annie ein drittes Mal, und dann kann sie nicht mehr damit aufhören und wiederholt es wieder und wieder – bis Johanna ihr zögerlich eine Hand auf den Rücken legt.

„Komm, steh auf“, fordert sie leise, denn wirklich, was soll sie sonst erwidern? Dumm gelaufen? Alles wird gut? Ob Annie die Gelegenheit hatte, Finnick Bescheid zu geben, bevor er ins Kapitol aufgebrochen ist, muss sie nicht fragen. Die Antwort steht nur zu deutlich in Annies hochgezogenen Schultern und ihrem leeren Blick geschrieben.

Widerstandslos lässt Annie sich von ihr auf die Beine ziehen. Johanna betätigt die Toilettenspülung für sie, bevor sie Annie in ihr Quartier steuert. Sie teilen sich das karge Zimmer, seit Finnick und Katniss fort sind und sie, Johanna, die nutzlose Versagerin, hierbleiben musste. Johanna ist sich nicht sicher, ob die Gesellschaft die Ängste und die Zweifel und den Selbsthass erträglicher macht, aber sie hat nicht protestiert, als man sie und Annie ins selbe Quartier gesteckt hat. Sie hat ein Versprechen zu erfüllen.

Kraftlos lässt Annie sich auf ihr Bett fallen, verbirgt das Gesicht hinter ihren Händen und beginnt, vor und zurück zu wippen. Johanna sitzt neben ihr, ihre eigenen Hände in ihrem Schoß verkrampft, und wartet, bis Annie sich wieder gefasst hat.

„Was soll ich nur machen?“

Mit rotgeränderten Augen sieht Annie sie an, als glaube sie tatsächlich, dass Johanna eine Antwort habe. Johanna braucht den letzten Rest ihrer ohnehin nicht besonders beachtlichen Selbstbeherrschung dazu, den Blick nicht abzuwenden.

„Warten“, antwortet sie nach einer kurzen Pause. „Du wartest erst mal ab, und wenn Finnick zurückkommt, dann erzählst du es ihm. Und falls du bis dahin etwas brauchst, irgendetwas, dann kommst du zu mir, klar? Ich kümmere mich um dich.“

Es ist ein Witz, natürlich – schließlich ist sie genauso gebrochen wie Annie, nur auf eine andere Weise –, aber Johanna meint jedes Wort ernst, jedes bis auf eines. Wenn. Sie weiß nicht, ob sie an ein Wenn glaubt.

~°~


Sie erzählen niemandem von der Schwangerschaft, hauptsächlich deswegen, weil es sich nicht richtig anfühlt, irgendjemanden einzuweihen, bevor Finnick es weiß. Es funktioniert genau so lange, bis die Nachricht von Finnicks – vermeintlichem – Tod sie erreicht und Annie den schlimmsten Zusammenbruch hat, den Johanna je miterlebt hat. Johanna kann nichts weiter tun, als hilflos daneben zu stehen und leere Phrasen des Trostes vor sich hin zu murmeln; es ist beschämend, wirklich, wie wenig sie helfen kann, und nur ein weiteres Level, auf dem sie versagt.

Sie bringen Annie in die Krankenstation, und obwohl Johanna danach stundenlang gegen ihre Übelkeit ankämpfen muss – sie hat nach ihrer Rettung zu viel Zeit in diesen sterilen Räumen verbracht –, weicht sie nicht von Annies Seite. Katniss‘ Mutter steigt während der Untersuchung beträchtlich in Johannas Ansehen, indem sie keine Anstalten dazu macht, Johanna fortzuschicken. Sie ist die Verkörperung der perfekten Ärztin, geduldig, ruhig, hilfsbereit, und Johanna weiß nicht, ob das alles nur schlimmer macht. Es trägt jedenfalls kaum dazu bei, Annie zu beruhigen; das schafft erst Katniss‘ kleine Schwester mit Geschichten über ihren Kater.

Natürlich ist ihr Geheimnis danach kein Geheimnis mehr, was auf eine gewisse Weise eine Erleichterung darstellt. Johanna hat keine Ahnung, wie man mit hochsensiblen Schwangeren umgeht, Katniss‘ Mutter allerdings schon.

Mit einer Liste an Empfehlungen und der Versicherung, dass es keinen Grund zur Sorge gebe, verlassen sie die Krankenstation. Katniss‘ Mutter spricht über nichts, was über medizinische Notwendigkeiten hinausgeht, aber das muss sie auch nicht. Das Mitleid in ihren Augen spricht Bände.

~°~


Als Finnicks endgültiger Tod bestätigt wird, sind sowohl Annie als auch Johanna zu erschöpft von dem Hin und Her aus Wut – Trauer – Hoffnung – Angst – neuer Trauer – Verzweiflung, um noch richtig darauf zu reagieren. Die Tränen sind längst aufgebraucht, ebenso wie die Schreie; jetzt ist die Zeit der Stille gekommen. Die letzten Kämpfe werden von anderen ausgetragen und wenn Johanna ehrlich mit sich ist, ist ihr das inzwischen egal.

Annie unterbricht die Stille an diesem ersten Abend nur einmal. „Das Kind wird keinen Vater haben“, sagt sie, bevor sie sich auf dem Bett zusammenrollt und in ihre eigene Welt abgleitet.

Das Kind wird keinen Vater haben. Es ist der einzige Satz, den sie in den nächsten Tagen von sich gibt, so lange, bis Präsidentin Coin sie alle ins Kapitol verfrachten lässt, um sie für öffentlichkeitswirksame Bilder vor die Kameras zu zerren.

~°~


Die Erinnerungen daran, was ihr das letzte Mal im Kapitol passiert ist, schlagen mit voller Macht zurück und verhindern, dass Johanna in der ersten Nacht auch nur den Hauch von Ruhe findet. Es gibt niemanden, mit dem sie darüber reden könnte; die restlichen Mitglieder ihrer kläglichen Truppe an Überlebenden sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, bei dem Gedanken daran, den ihr aufgezwungenen Therapeuten in Distrikt 13 zu kontaktieren, wird ihr schlecht, und Annie, die einzige Person, die sie vielleicht am ehesten verstanden hätte ... nun, Annie ist ein völlig anderer Fall.

Das ist auch der Grund, wieso Johanna nicht reagiert, als es irgendwann nach Mitternacht zaghaft an der Tür ihres viel zu prachtvollen Zimmers klopft. „Johanna?“

Johanna stößt einen zittrigen Atemzug aus. Vielleicht, wenn sie nicht antwortet, geht Annie einfach fort ...

„Johanna? Bist du da?“

Sie ist sich selbst nicht sicher. Ist sie? Oder ist sie nur gefangen in einer durch Drogen verursachten Wunschvorstellung, und wenn sie die Augen öffnet, beugen sich Snows Leute in ihren weißen Kitteln und mit ihren ausdruckslosen Mienen wieder über sie?

„Johanna?“

Vielleicht ist es herzlos, Annie nicht hineinzulassen, aber Johanna weiß nicht, ob es ihr in dieser Nacht gelingen wird, die Kontrolle über sich zu behalten, und sie will nicht, dass Annie sieht, wie kaputt, wie gebrochen sie wirklich ist. Annie gegenüber hat sie versucht, stark zu sein, so lächerlich es ist; natürlich weiß Annie alles über Johanna und ihre Dämonen, doch etwas zu wissen und es direkt mitzuerleben sind unterschiedliche Dinge, und außerdem ist da noch die Sache mit Johannas Versprechen.

Sie muss die Starke von ihnen sein. Wie kann sie Annie sonst beschützen? Und immerhin klingt Annie nicht panisch, höchstens ein wenig verletzt, und darum regt Johanna sich weiterhin nicht, sondern atmet nur ein, vier Sekunden lang, und dann aus, acht Sekunden lang, wieder und wieder, bis –

„Johanna?“

Sie presst sich die Hände auf die Ohren.

~°~


Eine weitere Erkenntnis präsentiert sich am nächsten Tag: Sowohl Annie als auch Johanna sind gut darin, so zu tun, als ob, manchmal zumindest. Keine von ihnen erwähnt die Vorkommnisse – oder eher die Nicht-Vorkommnisse – der letzten Nacht auch nur mit einem Wort. Keine fragt die andere, wie die Nacht gewesen sei. Stattdessen verschanzen sie sich in Annies Badezimmer und knien sich abwechselnd vor die Toilette, um sich zu übergeben; Annie dank ihrer Schwangerschaft und Johanna, weil sie sich an dem reichhaltigen Frühstück aus geplünderten Köstlichkeiten überfressen hat.

„Ich glaube nicht, dass ich das kann“, stellt Annie irgendwann fest, als sie nebeneinander an der Wand lehnen, zu erschöpft, um sich auch nur darum zu kümmern, das Zimmer zu lüften.

„Dass du was kannst?“, fragt Johanna. Sie ist nicht in der Stimmung für aufmunternde, philosophische Gespräche, aber wann war sie das jemals? Zum Glück ist einer von Annies kostbarsten Charakterzügen, dass sie sich noch nie für philosophische Aufmunterungen interessiert hat.

„Das alles.“ Annie macht eine vage Handbewegung, die sowohl diese Welt als auch noch ein paar andere umfasst, und dann verfällt sie in Schweigen. Johanna schweigt mit ihr, bis Annie irgendwann zu lachen beginnt und danach zu weinen.

Johanna atmet wieder bewusst ein, vier Sekunden lang, und bewusst aus, acht Sekunden lang; sie wiederholt das Ganze zehnmal, dann legt sie Annie den Arm um die Schultern. Es fühlt sich nicht so unbeholfen an wie erwartet.

„Aber das Gute ist“, fährt Annie irgendwann fort, als wäre nichts geschehen, und für sie ist es das auch nicht, „dass ich ja nicht allein bin. Ich muss das alles nicht allein schaffen.“

Darauf weiß Johanna nichts zu erwidern, auch wenn irgendetwas in ihrem Inneren brennt.

~°~


Johanna verbringt den Tag damit, durch das Herrenhaus des Präsidenten zu schlendern und jede Vase zu zerdeppern, die sie in die Finger bekommt. Es beruhigt sie mehr, als sämtliche therapeutischen Gespräche es je könnten. Dinge zu zerstören, war schon immer eine ihrer Spezialitäten.

Präsident Snow hat viele Vasen besessen.

An diesem Abend ist sie ruhiger, und das ist auch der Grund, wieso sie Annie nicht fortschickt, als sie in der Nacht wieder an ihrer Tür klopft.

„Komm rein“, ruft sie, ohne ihre zusammengerollte Position zu verändern. Annie legt diese Aufforderung breiter aus, als sie gemeint ist, denn im nächsten Moment findet sich Johanna mit einer Bettgenossin wieder.

„Was soll das?“, fragt sie unwirsch, um ihre innere Anspannung zu überspielen. Es ist lange her, dass jemand ihr so nahe war, und die Erinnerungen an die Zeit, in der Körperkontakt etwas Normales für sie war, sind gefährlich.

„Ich kann jetzt nicht allein sein“, flüstert Annie – eine Erklärung, die Johanna gelten lässt. Jeden anderen hätte sie weggestoßen, nur Annie will sie nicht verletzen. Irgendetwas hat diese junge Frau an sich, das in Johanna den Wunsch weckt, sie vor den Abscheulichkeiten dieser kalten, gefährlichen Welt zu beschützen – obwohl es dafür natürlich längst zu spät ist.

Eine Weile erfüllen ihre sich ineinander vermischenden Atemzüge die Nacht, dann regt Annie sich neben ihr; und im nächsten Moment streift ihre Hand Johannas Wange, und Johanna spürt ihre Lippen auf den ihren, ganz leicht nur. Es ist eine ebenso flüchtige wie kostbare Berührung, eine, die Johanna nicht versteht und nie verstehen wird und die sie bei anderen immer nur mit einer Mischung aus Staunen und Belustigung wahrgenommen hat.

Danach sagt minutenlang keine von ihnen ein Wort. Annies Atemzüge haben sich verändert, sind schneller geworden, angespannter, und kitzeln Johanna am Hals.

„Ich bin nicht Finnick“, sagt Johanna irgendwann.

„Ich weiß“, antwortet Annie. Ein wenig später schlafen sie ein.

~°~


Sie sprechen auch darüber nicht, was immer es ist, aber das müssen sie nicht. Sie verstehen einander, und das ist ein so kostbares Gefühl, dass Johanna, als es ihr bewusst wird, der Atem stockt. Das letzte Mal, als sie sich so verstanden gefühlt hat, ist Jahre her, vielleicht sogar eine Unendlichkeit, und vielleicht ist es ihr auch noch nie so gegangen. Einem anderen Mädchen schon, einem Mädchen aus Distrikt 7, das fast frei war und eine Familie hatte, aber ihr, einer Siegerin, noch nie.

Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die sie dazu bringt, Annies geflüstertes „Ich hab Angst“ mit einem „Ich auch“ zu beantworten. Man hat sie in ein Sitzungszimmer verfrachtet, wo sie mit den anderen Siegern über die Zukunft Panems abstimmen sollen. Die Option „das ganze Land zerstören und mit Amöben neu beginnen“ klingt für Johanna am verlockendsten, nur bezweifelt sie, dass sie zur Auswahl stehen wird.

Die Aussichten, die Coin und ihre Leute versprechen, entsetzen sie. Was soll sie, die Siegerin, schon anfangen mit Frieden und Stabilität, wo Kämpfen das Einzige ist, was sie je gekannt hat? Wie soll sie einem unschuldigen Kind erklären, dass die Welt immer böse bleiben wird, selbst wenn sie sich hinter Frieden versteckt?

Wenigstens muss sie sich Annie gegenüber nicht rechtfertigen. Annie versteht sie, obwohl Annie natürlich dagegen stimmt, die Spiele ein letztes Mal mit den Kindern des Kapitols abzuhalten, und obwohl Johanna natürlich dafür stimmt. Johanna macht ihr keine Vorwürfe; das Einzige, was sie fühlt, ist so etwas wie Reue, Reue über verlorene Unschuld und verpasste Chancen und Leben, die nie gelebt werden können.

Sie würde jedes einzelne dieser verzogenen Kapitolskinder eigenhändig und ohne jedes Zögern umbringen, wenn das Finnick zurückbrächte.

~°~


Wieder einmal geschehen die Dinge zu schnell, um sie wirklich zu verstehen. Das Bild, das Johanna Stunden, vielleicht Tage später aus ihren bruchstückhaften Erinnerungen zusammensetzt, sieht so aus: Snow ist tot, Coin ist tot, Katniss hat man vorerst weggesperrt, niemand weiß, wie es weitergeht, bis es doch irgendwie weitergeht und Paylor zur neuen Präsidentin ernannt wird. Angeblich wird jetzt alles besser werden. Angeblich herrscht jetzt Frieden.

Haymitch schnaubt nur, als das Wort zum ersten Mal in den landesweiten Ankündigungen erwähnt wird, und Johanna macht sich nicht die Mühe, ihr verächtliches Lachen zu unterdrücken. Annie dagegen ... Annie legt schützend die Hände vor den Bauch und schaut Johanna so flehentlich, so hoffungsvoll an – ausgerechnet Annie, die es wirklich besser wissen müsste! –, dass Johanna ihre beißende Bemerkung hinunterschluckt.

Es ist weiterhin besser, so zu tun, als ob. Ganz kann Johanna trotzdem nicht glauben, dass es jetzt vorbei ist, denn wie könnte all der Schrecken für einen Sieger jemals vorbei sein? Sie fühlt sich wie losgelöst von der Realität, wenn sie die fröhlichen Gesichter der feiernden Menschen in den Straßen betrachtet, wie ein Eindringling, für den es in dieser neuen Welt keinen Platz geben wird. Das Einzige, was in diesem Zustand der Unwirklichkeit real ist, ist Annie, die jede Nacht zu ihr kommt. Sie versucht nie wieder, Johanna zu küssen. Da ist nie etwas Sexuelles zwischen ihnen oder etwas Romantisches; in manchen Nächten berühren sie einander nicht einmal, sondern liegen nur nebeneinander und lauschen dem Atem der jeweils anderen. Sie reden kaum in diesen Nächten, aber das ist auch nicht nötig, denn sie wissen beide genau, was in der anderen vorgeht. Sieger wissen so etwas; Familie weiß so etwas.

Johanna schläft trotz ihrer Umgebung so gut wie seit Jahren nicht mehr. Nachts verstecken sie sich vor der Welt und tagsüber spielen sie für die Kameras die dankbaren Überlebenden, und irgendwann teilt man ihnen mit, dass sie nach Hause gehen dürfen.

Nach Hause. Vielleicht, ganz vielleicht nur schießen Johanna die Tränen in die Augen, als sie das hört, und sie ist sich nicht sicher, ob es Tränen der Erleichterung oder der Wut sind.

~°~


Anfangs besteht kein Zweifel daran, dass sie Annie nach Distrikt 4 begleiten wird. Ihr Versprechen ist noch lange nicht eingelöst, im Grunde fängt es jetzt erst richtig an, und es ist nicht so, als ob in 7 jemand auf sie warten würde. Und anfangs läuft alles gut, oder zumindest läuft es nicht schlecht; ohne zuvor darüber abgestimmt zu haben, treffen sie die Entscheidung, in Mags‘ altes Haus zu ziehen, wo Erinnerungsstücke – Fotos und Zeichnungen und Basteleien – jede glatte Oberfläche schmücken, aber nicht auf die Art, die so erdrückend ist wie in Finnicks und Annies altem Haus.

Halb hat Johanna erwartet, dass all die Erinnerungen an Finnick, die sogar die salzige Luft mit sich bringt, Annie zu einem weiteren Zusammenbruch treiben würden; sie ist zugleich überrascht und enttäuscht, als es nicht so ist. Im Gegenteil, Annie findet nach einer Weile zu einer inneren Ruhe, die Johanna nie von ihr erwartet hat. Verrat ist ein adäquates, wenn auch hässliches Wort dafür, das zu beschreiben, was Johanna fühlt. Annie ist die Instabilere von ihnen; Annie sollte sich am Strand zusammenrollen und aufs Meer hinausblicken und sich vorstellen, wie es wäre, in seinen gleichgültigen Tiefen zu ertrinken, nicht Johanna.

Dass Annie nachts nach wie vor bei ihr bleibt, ist ihr einziger Trost, doch nach einer Weile ist es nicht mehr genug. Das Heimweh lässt sich nicht länger verdrängen. Obwohl Johanna nach ihren ersten Spielen gelernt hat, 7 zu hassen, hat sie auch gelernt, diesen Hass zu lieben. Er gehört zu ihr, genau wie das Wispern der Baumwipfel und wie das Harz an ihren Fingern; sie braucht ihn. Der Ozean ist auf eine Art erdrückend, wie es der Wald nie war, und sie spürt, wie der Wald immer lauter nach ihr ruft. Ob er nach einem Hoffnungsschimmer verlangt oder nur nach einem Abschluss, ist dabei egal.

„Fahr doch nach Hause“, schlägt Annie ihr ohne jeden bösen Willen vor, als ob es so einfach wäre, als ob man das Wort Zuhause noch ohne Ironie aussprechen könnte. „Irgendwann muss ich mich sowieso daran gewöhnen, allein zu sein.“

Das solltest du nicht müssen, will Johanna ihr entgegen schreien; stattdessen nickt sie. „Ich komme zurück“, verspricht sie, als der Tag des Abschieds gekommen ist, weil sie zurückkommen muss, mehr um ihrer als um Annies willen.

Kurz scheint es, als wolle Annie sie umarmen, aber dann schlingt sie doch nur die Arme um sich selbst und Johanna steckt die Hände in die Taschen und der Moment ist vorüber. Durch das Fenster sieht Johanna, dass Annie nicht wartet, bis der Zug abgefahren ist, und das ist eine Erleichterung. Mit Abschieden ist das so eine Sache.

~°~


Der Wald ist vertraut und unvertraut zugleich. Johanna geht all die Pfade ab, auf denen sie in einem anderen Leben mit ihren Schwestern gespielt hat, besucht all die altbekannten Orte und versucht, sich daran zu erinnern, dass es dort einmal so etwas wie glückliche Zeiten gab. Besonders gut gelingt es ihr nicht. Ohne Annie neben sich kann sie kaum schlafen, auch nicht mit dem Wispern der Bäume als Schlaflied. Je länger sie durch die Straßen ihrer Vergangenheit streift, desto mehr kommt sie sich vor wie ein Geist; irgendwann sucht sie sich einen besonders alten Baum und klettert hinauf und verbringt den Großteil ihrer Tage dort oben, vor der Welt verborgen.  

Sie hält es zwei Wochen lang so aus, bevor sie morgens in aller Früh ihr leeres Haus verlässt und sich in den erstbesten Zug nach 4 schleicht, ohne irgendetwas mitzunehmen und ohne sich ein Ticket zu besorgen. Niemand hält sie auf; niemand scheint in der blassen Frau mit den ungewaschenen halblangen Haaren die ehemalige Siegerin, den Stolz des Distrikts, zu erkennen, und wenn man sie doch erkennt, so interessiert sich niemand für sie.

Hätte sie früher gewusst, wie gut es sich anfühlt, unsichtbar zu sein, hätte sie nicht so viele Jahre damit verschwendet, sich einen Schutzschild aus Lärm zu bauen.

Sie verbringt die Fahrt damit, sich vorzustellen, wie sie in der Zeit zurückreist und Snow alle Gliedmaßen einzeln ausreißt und Finnick rettet, und irgendwann schläft sie ein. Das nächste, was sie wahrnimmt, ist Annie Strahlen, „Du bist zurückgekommen!“, und ihr Lachen, und irgendetwas Unbekanntes in Johanna wird warm und weich.

~°~


Monate vergehen. Johanna lässt sich die Haare wachsen und schneidet sie wieder ab, und Annies Bauch wird immer dicker. Sie beide lassen sich treiben, während sie lernen, in einem Panem zu leben, das nicht durch Unterdrückung gekennzeichnet ist. Ab und an telefoniert Johanna mit ihrem Therapeuten, um sich hinterher mit Annie über ihn lustig zu machen. An einem der guten Tage schafft sie es, zum ersten Mal zu duschen, jedoch nur, weil Annie neben der Dusche sitzt und einen Brief an Finnick schreibt. Und sie reden, selten über die Zukunft und noch seltener über die Vergangenheit, sondern mehr übers Alleinsein und über Stimmen, die man manchmal nachts im Unterbewusstsein hört.

Irgendwann, sie unterhalten sich gerade darüber, wie es Katniss und Peeta geht, unterbricht Annie sich mitten im Satz; ihre Augen nehmen jenen abweisenden Ausdruck an, der Johanna verrät, dass sie sich in ihre eigene Welt zurückgezogen hat. Die Erfahrung hat Johanna gelehrt, dass es besser ist, Annie in solchen Momenten in Ruhe zu lassen. Finnick wusste immer, wie er sie mit einem Lächeln oder einer sanften Berührung wieder in die Realität zurückholen konnte, aber Finnick ist tot und manchmal bereut Johanna, dass ihre Rollen nicht vertauscht sind.

Zu ihrer Überraschung greift Annie nach ihrer Hand. „Fühlst du das?“, flüstert sie. Bevor Johanna weiß, wie ihr geschieht, liegt ihre Hand auf Annies Bauch. Erst spürt sie nichts, doch dann –

„Ja“, haucht sie. Sie selbst hat nie Kinder gewollt – wie könnte sie auch angesichts der Dunkelheit in ihr, die sie einem unschuldigen Kind nicht aufbürden will –, aber als das Kind in Annies Bauch tritt, versteht sie zum ersten Mal zumindest ansatzweise, wieso andere Leute sich Kinder wünschen.

„Wir brauchen einen Namen“, beschließt sie spontan. Wir. Sie hätte es gar nicht anders formulieren können.

Annie zuckt mit den Schultern, doch sie lächelt dabei. „Ich will nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Das ist nicht wichtig. Und ich will warten, bis ich das Kind kennenlerne, bevor ich ihm einen Namen gebe.“

Langsam nickt Johanna. „Okay. Klar.“

Trotzdem überlegt sie sich insgeheim Namen für ein kleines Mädchen oder einen kleinen Jungen mit Finnicks Augen und Annies Lächeln.

~°~


Annies und Finnicks Sohn wird in einer stürmischen Nacht geboren. Regen prasselt gegen die Fensterscheiben, das Tosen des Meeres übertönt Annies schmerzerfülltes Stöhnen und die Luft schmeckt nach Neuanfang. Johanna hält Annies Hände, bis der Sturm sich legt, und danach sind ihre eigenen Hände so taub, dass sie sich nicht traut, den Jungen zu halten, wie die Hebamme es ihr vorschlägt, aus Angst, ihn fallenzulassen.

„Er ist perfekt“, urteilt sie, denn das ist er. Er ist klein und rot und verschrumpelt und Johanna bezweifelt, dass einmal ein ausgewachsener Mensch aus ihm werden wird, und er ist perfekt. Johanna kann sich kein größeres Privileg vorstellen, als ihn aufwachsen zu sehen.

„Finnick wäre ...“ Sie kann den Satz nicht beenden. Annie tut es für sie: „Finnick ist so stolz.“

Johanna nickt. Sie glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod, aber irgendwo, da ist sie sich sicher, ist Finnick stolz auf seinen Sohn und auf seine Frau und vielleicht sogar auf Johanna.

Der Junge wird Jonah genannt, nach einer alten Legende, die Annies Vater ihr einst erzählt hat. Johanna verliebt sich sofort in den Namen; er ist besser als jeder ihrer Vorschläge und er hat etwas an sich, das Hoffnung in ihr weckt. In der Legende wurde Jonah von einem riesigen Fisch verschluckt und überlebte – so wie Annie regemäßig von der Dunkelheit verschluckt wird und immer siegreich ist.

„Er erinnert mich an deinen Namen“, sagt Annie lächelnd. „Du wirst natürlich seine Patin.“

Johanna blinzelt. „Natürlich.“

~°~


Noch immer hat Annie ihre Momente, in denen sie in eine andere Welt entflieht, und Johanna hat immer noch ihre Momente, in denen sie alleine sein muss, weil sie Angst hat, sonst jemandem wehzutun, doch es ist in Ordnung. Die jeweils andere von ihnen ist immer da, um auf Jonah aufzupassen.

Jonah isst und schläft und weint und wächst und Johanna macht es zu ihrer Aufgabe, jeden seiner Entwicklungsschritte zu dokumentieren. Manchmal tut sie es nur in ihrer Erinnerung, manchmal schießt sie so viele Fotos, bis der Speicher von Annies veralteter Kamera voll ist. Annie wird nicht gerne fotografiert, Jonah dagegen ist begeistert davon.

„Manchmal glaube ich, er liebt diese verfluchte Kamera mehr als mich“, scherzt Johanna eines Nachts. Annie und sie schlafen immer noch im selben Zimmer, wenn auch inzwischen in getrennten Betten, Jonahs Bettchen zwischen ihnen. Sie alle sind noch wach, eingehüllt in den Schein von Annies Nachttischlampe und in das allgegenwärtige Rauschen der Wellen.

„Ach was. Jonah weiß, was für ein Glück wir haben, dass wir dich hier haben.“

Glück. Johanna muss ein wenig darüber nachdenken. Zwischen Belastung und Glück liegt ein großer Unterschied, einer, von dem sie nicht gedacht hat, ihn jemals zu erleben.

Sie hat auch nie gedacht, dass sie jemals ein Zuhause fände; doch als Jonah ausgerechnet diesen Moment nutzt, um sich in seinem Bettchen umzudrehen und sie anzuschauen, und sie zum allerersten Mal anlächelt, wird ihr klar, dass sie genau das getan hat.

Die Erkenntnis tut weh, aber auf die gute Weise.
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