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2020 06 26: Falsche Entscheidung [by Eiche]

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
26.06.2020
26.06.2020
1
2.024
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Dieses Kapitel
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26.06.2020 2.024
 
Tag der Veröffentlichung: 26.6.
Zitat: “Ich werde nie begreifen, wie ein Mensch einen anderen umbringen kann, dafür kann es keine Rechtfertigung geben. Man kann es zwar erklären, aber rechtfertigen kann man es nie. Nein, niemals! Nein!” (Detective Conan)
Titel der Geschichte: Falsche Entscheidung
Autor: Eiche
Kommentar des Autors: Die Grundidee für diese Geschichte kam mir schon vor ca. einem Jahr. Durch das Zitat habe ich mich wieder dran erinnert. Ein Zitat, das ich genauso unterschreiben würde.

Falsche Entscheidung




Ich gebe noch einen Schuss ab. Ob ich jemanden getroffen habe? Ist jemand verletzt? Oder tot? Ein Schauer überkommt mich. Ich wünschte nur, ich müsste das hier nicht tun. Aber ich habe keine Wahl, nicht mehr. Es zu spät. Wenn ich doch nur nicht so dumm gewesen wäre. Aber ich war naiv, und wollte sein wie alle anderen. Dieses frühere Ich, ich muss sagen, es widert mich an. Warum wollte ich nur unbedingt dazugehören?

Zu spät. Viel zu spät. Und jetzt habe ich so viele Menschen auf dem Gewissen. So viele Menschen müssen meinetwegen leiden, weil ich einen Freund, einen Mann, einen Bruder getötet habe. Nur weil ich meinem Vater nicht geglaubt habe. Wie sehr ich es hasse hier zu sein. Zu spät. Viel zu spät, um es zu ändern. Viel früher hätte ich handeln müssen. Aber ich hab es nicht getan. Und jetzt bin ich hier und muss es aushalten. Kein Weg führt daran vorbei. Selber schuld. Ich wollte es ja nicht besser wissen. Aber ich hätte so viel Leid ersparen können.

Nein, es bringt jetzt nichts, darüber nachzudenken. Ich habe die falsche Entscheidung getroffen, aber ändern kann ich es sowieso nicht. Also warum es sich wünschen. Ist doch sowieso alles egal.
Wenn mich jetzt eine Kugel treffen würde, wäre ich tot. Und ich glaube, es würde mich nicht kümmern. Ich habe so viele abgefeuert, ich hätte es verdient. Wir alle hätten es verdient. Und vor allem die, die uns zwingen, andere Männer umzubringen. Aber diese werden nie Schaden nehmen, darauf wird schon geachtet. Sie werden gebraucht. Im Gegensatz zu uns.

Alle diese negativen Gedanken. Aber wie soll man auch nicht verrückt werden, hier in den Schützengräben? Schon seit mehr als einem Jahr ist Krieg. Schon ein Jahr lang kämpfe ich. Ein Jahr ist es her, seit ich den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen habe. Einen Fehler, der vielen Menschen das Leben gekostet hat, Menschen, die ich nie gekannt habe. Aber sie hatten Freunde und Familien.
Und vielleicht werde auch ich bald sterben. Wer weiß. Außer Gott kann niemand sagen, ob wir alle diesen verabscheuenswürdigen Krieg überleben. Und ich weiß nicht, ob ich es will. Denn ob Sieger oder Verlierer, jeder Soldat hat Blut an den Händen. Blut, das sich nie wieder entfernen lässt. Wir alle haben uns schuldig gemacht. Wir alle haben andere Menschen getötet. Und zu entschuldigen oder gar wiedergutzumachen ist das nicht. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich gezwungen wurde.

Es ist dunkel geworden. Gerade ist eine Feuerpause und wir sitzen zusammen. All die Soldaten, die ich mittlerweile so gut kenne. Wir hocken aber auch schon seit Monaten aufeinander.
Post ist gekommen, für mich ein offiziell aussehender Brief. Ein Schauer überkommt mich. Ich kenne diese Art von Brief. Es kann nichts gutes bedeuten. Eigentlich kommt nur eine Möglichkeit in Frage. Angst erfüllt mich. Still bitte ich Gott, dass sich meine Ahnung nicht bestätigt.
Mit zitternden Händen öffne ich den Umschlag und entfalte das Blatt.

Ich hatte recht, es ist eine Todesnachricht. Mein Vater, ich hatte es geahnt, schließlich ist er der einzige Angehörige, den ich habe, dennoch trifft mich die Nachricht wie aus dem Nichts. Es ist das passiert, wovor ich mich am meisten gefürchtet habe. Tot, er ist tot.

Ich sitze da, unfähig, auch nur irgendetwas zu fühlen. Tot. Mein Vater. Die wichtigste Person in meinem Leben. Ich will schreien, fluchen, weinen, aber ich sitze nur still da. Kann mich nicht bewegen.
Meine Schuld. Alles meine Schuld, wir hätten nicht hier sein müssen.

Nein. Nein. Ich will es rausschreien, aber kein Ton kommt aus meinem Mund.
Meine Schuld.
Ja, täglich sterben hunderte Soldaten hier an der Front. Nicht wenige kenne ich. Aber es gehört eben zur Normalität. Ja, ich habe schon einige Freunde verloren. Aber niemand war mir so wichtig wie mein Vater.
Meine Schuld. Alles meine alleinige Schuld.
Ich sehe mich um. Alles wirkt verschwommen. Alles unwirklich, nicht real. Nein, es kann nicht stimmen. In ein paar Tagen wird er mich sicher wieder besuchen. Wir werden uns in den Armen liegen und über das Missverständnis lachen.
Doch im Herzen weiß ich, dass es nicht so sein wird. Er ist tot. Er ist weg. Für immer.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein paar der anderen mich beobachten. Sicher haben sie die Art des Briefes erkannt. Aber niemand kommt auf mich zu, warum auch? Wir alle haben viel verloren.
Schon seltsam. Täglich begegnen wir dem Tod. Täglich sehen wir Leichen. Es lässt uns beinahe kalt. Aber sobald man jemanden kennt, jemand einem Nahe steht, ist der Tod dennoch unendlich schwer. Und so sitze ich da, unfähig mich zu bewegen, unfähig etwas wirklich wahrzunehmen. Die Stimmen scheinen von weit weg zu kommen und dringen nicht zu mir. Ich kann hier nicht bleiben. Nein, es geht nicht. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich muss raus.

Ruckartig stehe ich auf und gehe aus dem Unterstand. Im Graben kauere ich mich auf den Boden. Tot. Er ist tot. Mein Vater, mein geliebter Vater ist tot. Die wichtigste Person in meinem Leben. Und es ist meine Schuld. Ich hätte nicht gehen sollen. Ich hätte sein Angebot annehmen müssen, aber ich wollte nicht. Zu spät. Alles zu spät. Ich bin schuld. Ich habe ihn da mit reingezogen. Und jetzt ist er tot.

Weil ich dumm war. Weil ich naiv war. Das sind die Folgen meiner Entscheidung. Und ich hasse mich dafür, dass ich ihm das angetan habe. Und mir. Zu spät. Er ist tot. Weg für immer. Und ich kann mich noch nicht einmal bei ihm entschuldigen. Und es ist ja nicht nur er. So viele gefallen, auf allen Seiten. Wie viele Soldaten, ich will sie nicht Gegner nennen, jetzt gerade wohl denken, dass sie am liebsten niemals in den Krieg gezogen wären? Aber die meisten hatten keine Wahl. Im Gegensatz zu mir.

Freiwillig bin ich gegangen, und ich hatte keinen richtigen Grund. Und nun bin ich hier, muss täglich auf andere Menschen schießen, einfache Menschen wie mich. Und begegne täglich dem Tod. Wie nur konnte ich das wollen? Aber man denkt selten an alle Folgen, wenn man wichtige Entscheidungen trifft. Genauso wenig wie ich es getan habe.

Ich blicke gen Himmel. Ob er nun dort oben ist? Mitten in den unzähligen Sternen, alle gut zu sehen am klaren Himmel der frostigen Nacht. Und auch der Mond scheint hell. Wir haben ihn betrachtet, mein Vater und ich, wir haben geredet, am Abend bevor wir uns gemeldet haben. Er hat es mir angeboten. Wir hätten genug  Geld hat er gesagt. Und wir könnten fliehen, in ein neutrales Land. Und uns damit dem Krieg entziehen. Aber ich wollte nicht weg, weg aus meiner Heimat. Und ich hatte Angst vor den herablassenden Blicken all meiner Freunde, wenn ich ihnen eröffnen müsste, dass ich nicht mit ihnen an die Front gehe. Und auch deshalb habe ich mich freiwillig zum Militär gemeldet.
Mittlerweile besteht sowieso Wehrpflicht. Aber damals noch nicht. Damals waren ein paar Grenzen noch offen. Und wir hätten weggehen können. Es wäre das einzige richtige gewesen. Aber ich hab es nicht gewollt, nur um einmal dazuzugehören.

Und jetzt? Was hat mir das gebracht? Viele meiner Freunde leben nicht mehr. Mein Vater ist tot. Immer mehr Soldaten sterben, vermutlich auch ich bald. Und ich muss sagen, ich finde den Gedanken nicht schlimm. So viel habe ich im letzten Jahr erlebt. So viel schlimmes, dass ich es gar nicht aufzählen könnte, selbst wenn ich wollte. Und so vielen Menschen habe ich etwas angetan, habe sie verletzt oder getötet. Eigentlich verdiene ich den Tod. Ich bin mit schuld daran, dass hunderte gefallen sind, tausende trauern. Und erst durch den Tod meines Vaters wird mir das so richtig klar. Und das ist eigentlich traurig. Es ist schlimm, dass es so ein Ereignis braucht, bis ich umdenke.

Ich muss weg. Ich kann nicht mehr hier bleiben, in den Schützengräben, kann nicht mehr auf Leute schießen. Meine Schuld, alles meine Schuld. Ich muss weg von hier. Muss fliehen. Ja, auf Kriegsverweigerung steht die Todesstrafe, aber vielleicht gelingt die Flucht ja. Und dann kann ich in Frieden leben.

Aber wofür? Ich habe niemanden mehr, niemand, den ich je kannte, lebt noch. Und wenn habe ich keine Ahnung wo. Aber ich kann auch nicht hier bleiben. Ich kann nicht weiter andere Menschen umbringen. Es ist nicht richtig. Und ich sehe es viel zu spät ein, das ist mir klar.
Er wusste es. Mein Vater wäre geflohen, meinetwegen ist er geblieben. Und jetzt ist er tot. Er hat vielleicht niemanden getötet, hat möglicherweise immer daneben geschossen. Er war von Beginn gegen den Krieg. Nur meinetwegen.

Aber jetzt ist Schluss damit. Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht bleiben. Auch wenn mein Leben als Volksverräter endet, ich kann nicht weiter auf Menschen schießen. Und ich bin froh, dass ich mittlerweile eingesehen habe, wie grausam der Krieg ist. Ja, es ist zu spät, um etwas an meiner Lage zu ändern, aber immerhin habe ich es erkannt, bevor ich sterbe.
Wie viele Soldaten liegen wohl schwer verletzt auf dem Schlachtfeld und realisieren im Sterben, wie sinnlos Krieg ist? Wie viele wissen es und kämpfen trotzdem, einfach weil es keinen anderen Weg gibt, zu überleben?

Aber ich nicht mehr. Mein Leben ist nicht zu wichtig. Aber das Leben derer, die ich erschießen müsste, ist es. Ich würde gerne anderen Menschen zeigen, wie dumm Krieg ist. Aber ich bin sicher, alle wissen es tief im Herzen. Und irgendwann werden sie es begreifen, ob mit oder ohne meiner Hilfe. Aber ich muss gehen. Es ist einfach moralisch nicht richtig hier zu bleiben. Und das weiß ich längst. Und jetzt, da ich nicht mehr für meinen Vater am Leben bleiben muss, werde ich gehen.



„Erschießt ihn“
Ich stehe auf einem großen Platz. Vor mir ein Soldat, eine Pistole in der Hand. Er zieht mir genau zwischen die Augen. In wenigen Momenten wird die Kugel mich treffen. Aber ich bin glücklich darüber. Ich habe Frieden mit mir geschlossen. Und ich weiß, dass es das richtige ist. Kein Mensch wird mehr durch meine Hand sterben. Und hoffentlich wird es irgendwann Frieden geben. Frieden auf der ganzen Welt. Es ist mein größter Traum keiner soll mehr sterben, weil es einige größenwahnsinnige, machthungrige Menschen gibt, denen das Wohl anderer egal ist. Keiner soll kämpfen müssen, soll gezwungen werden, andere Menschen zu töten. Denn es ist falsch. Und jeder soll es wissen. Es gibt keinen Grund für Kriege. Was man auch sagt, nichts kann Krieg und das damit verbundene Leid rechtfertigen. Es geht einfach nicht. Krieg ist unmoralisch, grausam und schlimm. Und nichts kann das Sterben von millionen Menschen rechtfertigen.
Warum es Menschen gibt, die Krieg führen wollen, weiß nur Gott. Aber es ist falsch. Und das sollten alle einsehen.

Zu spät. Ja, ich habe es zu spät gemerkt.
Und so kann ich nur hoffen, dass Gott mir all meine Untaten verzeiht. Aber vielleicht reicht es ja, dass ich alles so aufrichtig bereue. Denn das tu ich. Ich weiß schon lange, dass ich nie in den Krieg hätte gehen sollen. Dass der Tod meines Vaters meine Schuld ist. Aber es ist zu spät. Ich kann die Taten nicht ungeschehen machen. Aber ich bin froh, dass ich geflohen bin. Viel habe ich nachgedacht, die letzten Tage, die auch die letzten meines Lebens zu sein scheinen. Aber es ist nicht schlimm. Ich werde für meine Fehler bezahlen. Schlussendlich. Und ich werde meinen Vater wiedersehen.

Ein Schuss, dann wird mir schwarz vor Augen. Ich bin bereit.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine wirklich gefühlsnahe und authentische Geschichte. Sie greift das Zitat perfekt auf. Ich bin wirklich begeistert.

Eure lula-chan
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