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Echt jetzt?! - Ende Vol. 4

von Cowboy93
OneshotFamilie, Liebesgeschichte / P18 Slash
Boris Saalfeld OC (Own Character) Tobias Ehrlinger / Saalfeld
26.06.2020
21.11.2020
3
10.275
8
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Dieses Kapitel
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21.11.2020 4.026
 
Tim holte noch einmal tief Luft und wischte sich seine Hände an der Hose ab. Himmel, war er nervös! Vor gut zwei Wochen hatte er zuletzt an einem Feierabend vor dieser Tür gestanden. Mit einem gänzlich anderen Gefühl. Er hatte sich auf einen gemeinsamen Abend mit Anna und Nik gefreut, darauf, ein weiteres Wochenende mit den beiden zu verbringen – so wie sie es seit ihrem Wiedersehen rund einen Monat zuvor häufig getan hatten. Vermutlich hätte er damals schon ahnen sollen, dass man sowas mit Affären eigentlich nicht zu tun pflegte. Dass ihn weit mehr mit den beiden verband als der Spaß im Bett. Aber da hatte er es noch nicht wahrhaben wollen. Nur wenige Tage später allerdings hatte sich das geändert.

**

Der Moment, in dem er realisiert hatte, worauf sie zusteuerten, war ein banaler gewesen. Sie waren zu dritt auf den Nachhauseweg von einem Kinobesuch gewesen und Anna hatte ihre Hand in Tims geschoben. Einfach so. Wie Paare das eben machen. Nur dass sie keins waren. Ein Paar. Jedenfalls kein gewöhnliches. Bislang hatten sie Zärtlichkeiten auf die eigenen vier Wände beschränkt – egal, ob sie nun zu dritt oder nur zu zweit zusammen gewesen waren – und in der Öffentlichkeit nicht zu erkennen gegeben, dass sie mehr waren als Freunde. Mit Annas Hand in seiner eigenen hatte ihn eine Realität erwischt, der er sich in den Wochen zuvor nie gestellt hatte – Beziehungsrealität.

Er hatte sich mit einem fadenscheinigen Grund von den beiden verabschiedet und sie seither nicht mehr wiedergesehen. Er war ein Feigling, das war ihm klar, aber er hatte Abstand gebraucht, um sich darüber klar zu werden, was er wollte. Ob er tatsächlich sowas wie eine Beziehung wollte. Mit gleich zwei Menschen. Er, der so überhaupt gar keine Ahnung hatte, wie man eine Beziehung führte. Und dabei ging es noch nicht einmal in erster Linie darum, dass er selbst auf die Schnauze fliegen konnte. Sollten sie scheitern, stünde vielleicht auch Annas und Niks Beziehung auf dem Spiel. Und das würde er sich nie verzeihen – wenn die beiden sich seinetwegen verlieren würden.

Außerdem hatte er zu einem nicht geringen Teil auch gehofft, mit Abstand würden diese komischen Gefühle, die er für Anna und Nik hatte, einfach wieder verschwinden. So war es schließlich oft genug gewesen, bei all den Affären, die er in den vergangenen Jahren mit Frauen gehabt hatte. Aber die Gefühle waren nicht verschwunden. Es mochte daran liegen, dass Anna und Nik nicht aufgehört hatten, nach ihm zu fragen, ihn gebeten hatten, mit ihnen zu reden, aber eigentlich wusste er es besser. Es hätte ihm schon gleich zu Beginn klar sein müssen, dass das mit den beiden etwas anderes war, als alles, was er davor gekannt hatte. Noch nie hatte er sich so schnell auf jemanden eingelassen wie auf die beiden. Es war bezeichnend, wie rasch er mit Anna und Nik in sowas wie eine Beziehung reingerasselt war. Ohne Absicht oder Pläne. Und nun steckte er schon viel zu tief drin, um ohne Herzschmerz wieder rauszukommen, so viel war ihm inzwischen klar.

Er wusste auch, dass er das klären musste, aber es half nicht wirklich, dass er keine Ahnung hatte, wie er dieses Gespräch führen sollte – und vor allem, wo es hinsteuern würde. Diese knapp zwei Wochen hatten diesbezüglich überhaupt keine Klarheit gebracht. Er war nicht schlauer als zuvor – wusste, dass er die beiden nicht mehr missen wollte und hatte gleichzeitig Bammel davor, sich voll und ganz auf sie einzulassen. Er hätte vermutlich noch länger ohne Ergebnis gegrübelt, hätte ihm Boris nicht den Kopf gewaschen und gleich anschließend in den Hintern getreten. Natürlich wussten er und Tobias Bescheid über seine Situation und hatten ihm klar gemacht, dass er so nicht mit Anna und Nik umspringen konnte. Sie nicht ohne Worte stehen lassen konnte. Und sein Bruder hatte ihm auf den Kopf zugesagt, dass er etwas für die beiden empfand. Es zu hören, hatte die Sache nicht besser gemacht – ihm allerdings auch gezeigt, dass er eine Antwort brauchte. Also hatte er einem der vielen Vorschläge der beiden für ein Treffen zugestimmt. Und stand nun vor dieser Tür.

**

Nik öffnete ihm und Tim wurde sofort klar, dass er es ziemlich versaut hatte. Diesen Gesichtsausdruck hatte er bei seinem Gegenüber noch nie gesehen. Bisher hatte er Nik als offenen und stets gut gelaunten Menschen kennengelernt – mit einem Grinsen, an dem Tim sich nicht satt sehen konnte. Nun allerdings lächelte Nik nicht, wirkte ziemlich reserviert und nickte Tim nur knapp zu, anstatt ihn wie sonst in eine Umarmung zu ziehen. Eine von vielen Kleinigkeiten, die Tim in den Tagen ohne die beiden sehr gefehlt hatte. Mehr als er sich hatte eingestehen wollen, merkte er nun. „Hey“, sagte er und blieb unschlüssig stehen, „darf ich reinkommen?“ Wieder ein knappes Nicken und Nik trat zur Seite, um Tim hereinzulassen. Schweigend hängte der seine Jacke an die Garderobe und schlüpfte aus seinen Schuhen. Das Schweigen zog sich in die Länge und wurde unangenehm. Tim räusperte sich. „Ist Anna gar nicht da?“ Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn anders empfangen hätte. Zugänglicher vielleicht. Ganz bestimmt nicht derart wortlos wie Nik. Der schüttelte nun leicht den Kopf. „Sie kommt später. Muss länger arbeiten.“ Er kniff die Augen zusammen und musterte Tim. „Bleibst du? Oder bist du eh nur hier, um dir zu nehmen, was du grade brauchst und dann wieder wortlos zu verschwinden? Dann kannst du auch gleich wieder gehen.“ Hätte Tim noch irgendwelche Zweifel gehabt, dass Nik über seine wochenlange Funkstille sauer war, wären die nun ausgeräumt gewesen. Tim holte tief Luft. „Ich wollte nur... reden. Vielleicht... können wir ins Wohnzimmer?“ Nik sah ihn unschlüssig an und fuhr sich dann in einer ziemlich hilflos anmutenden Geste durch die Haare. Schließlich nickte er nochmals knapp und bedeutete Tim, er solle ins Wohnzimmer vorgehen. „Bier?“, fragte er noch und ohne eine Antwort abzuwarten, holte er zwei aus der Küche. Angespannt ließ sich Tim auf der Couch nieder und beobachtete Nik dabei, wie er in größtmöglicher Entfernung auf einem der beiden Sessel Platz nahm.

Mit den Händen fuhr er sich übers Gesicht und legte sich die Worte zurecht. „Es tut mir leid“, begann er und stockte, als er Niks zusammengepresste Lippen bemerkte. Er schien es ihm nicht leicht machen zu wollen. „Ich wollte nicht... Ich weiß, dass es falsch war, euch aus dem Weg zu gehen, aber ich brauchte etwas Zeit. Ich wollte...“ Er unterbrach sich erneut und bemerkte, dass Nik ihn noch immer ziemlich finster musterte. „Was wolltest du? Dir überlegen, wie du möglichst unauffällig wieder aus unserem Leben verschwinden kannst?“ Nik schien nicht nur sauer, sondern auch verletzt. Und das tat weh. „Nein. Aber... ich bins nun mal gewohnt, die Dinge mit mir selbst auszumachen. Mir war nicht ganz klar... worauf das mit euch hinausläuft und ich brauchte Zeit zum Nachdenken.“ „Und das konntest du uns nicht einfach sagen? Statt dich hinter irgendwelchen dämlichen Ausreden und zu viel Arbeit zu verstecken?“ Nik verbarg seine Enttäuschung nicht. Er stand auf und trat ans Fenster – schien keine Antwort zu erwarten. „Ich weiß, dass wir nie darüber gesprochen haben, was das zwischen uns ist, oder wo es hinführen könnte. Wir haben uns nichts versprochen, aber ich dachte, wir könnten darüber reden, wenns für einen von uns nicht mehr funktioniert. Egal in welche Richtung. Zumindest das schien mir selbstverständlich.“

Tim nickte leicht und hatte schon wieder das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. „Mir war nicht ganz klar, dass ihr euch... vermutlich auch so eure Gedanken macht“, sagte er schließlich und schalt sich erneut einen Feigling. Niks Schnauben gab ihm recht. „Ach komm! Was dachtest du denn, was wir tun – seit wir dich kennengelernt haben, seit unserem Wiedersehen nach dieser Nacht? Wir sind genauso unsicher, wo wir hinsteuern und wir hätten das verdammt noch mal gerne mit dir besprochen! Stattdessen nimmst du unsere Anrufe nicht an und schickst uns eine Absage nach der anderen. Anna wollte dieses Wochenende sogar aufs Gestüt fahren, um dich zu sehen!“ „Es tut mir leid“, begann Tim erneut, „ich wollte euch nicht beunruhigen. Und verletzen schon gar nicht.“ Er hielt Niks undurchschaubarem Blick stand, bis der sich abwandte. „Seit mehr als einem Monat gehörst du irgendwie zu unserem Leben dazu, Tim“, sagte er – etwas ruhiger nun. „Es gab fast keinen Tag, an dem wir nicht zumindest kurz getextet hätten. Und dann bist du von einem auf den anderen Moment plötzlich weg. Was denkst du denn, was das mit uns macht?“

Tim hob leicht hilflos die Schultern. „Ich hätte mit euch reden sollen“, antwortete er. „Ja, hättest du. Ich... vielleicht wars falsch, das einfach laufen zu lassen. Vielleicht hätten wir von Anfang an darüber reden sollen, was das wird... mit uns. Aber irgendwie... hats einfach gepasst. So schnell. Du hast sofort dazugehört.“ Wieder fuhr Nik sich durch die Haare und Tim wünschte sich die Nähe zurück, die ihm in den vier Wochen mit den beiden so gut getan hatte. Wünschte sich, er könnte nun einfach auf Nik zu treten und ihn in seine Arme ziehen. „Ihr gehört auch zu meinem Leben dazu“, sagte er stattdessen leise. „Das ist mir in den letzten Tagen ohne euch klar geworden“. „Aber eigentlich willst du das nicht“, stellte Nik ernüchtert fest. „Doch! Nein... Ich weiß nicht... Ich weiß nicht wie“, gab Tim zu. „Ich bin der totale Anfänger in Sachen Beziehungen, Nik!“ Nun konnte auch er nicht mehr sitzen bleiben. „Ich bin nicht wirklich gut darin. Und es jetzt gleich mit zwei Menschen zu versuchen, das ist... das ist verrückt!“ „Total verrückt“, stimmte Nik ihm zu, „aber wars das bisher nicht auch? Und hats bisher nicht trotzdem bestens funktioniert? Wieso sollte sich das nun ändern? Wir... Wir könntens doch einfach versuchen. Was soll schon passieren?“ Es klang so einfach, was Nik da sagte... Zu schön? „Was, wenn wir scheitern? Und dabei gehts mir noch nicht mal nur um mich“, sagte Tim. „Wenn du und Anna... wenn ihr euch auf mich einlasst und es funktioniert nicht... was ist dann mit euch? Ihr gehört zusammen und ich will nicht, dass ihr meinetwegen... dass ihr euch vielleicht verliert.“

Nik runzelte leicht die Stirn. „Das ist deine größte Sorge? Dass Anna und ich uns trennen könnten? Das könnte uns so oder so passieren – Garantien gibts nun mal nicht in Beziehungen. Aber deswegen auf alles verzichten...?“ Er fing Tims Blick auf. „Natürlich kann das schiefgehen, aber wir sind bereit, es zu versuchen. Das ist auch unsere Entscheidung, Tim, und wir hängen da genauso mit drin und tragen eine Verantwortung, falls... wenn wir scheitern sollten.“ Nik konnte so verdammt überzeugend sein! Und Tim wusste, dass er ihm seinen inneren Kampf ansehen musste. Er wollte das. Die beiden in seinem Leben. Aber er hatte auch weiterhin das Gefühl, dass ganz schön viel auf dem Spiel stand. Zu viel? „Eigentlich ist es doch ganz einfach“, brachte Nik seine Gefühlslage auf den Punkt, „sind wir das Risiko wert und du versuchst es mit uns?“ Natürlich waren sie das! Und Tim ahnte, dass sein Gegenüber das genau wusste. Dieser Kerl kannte ihn bereits viel zu gut, wusste genau, wo er ansetzen musste. Und die Bestätigung bekam er gleich darauf. „Oder hast du zu viel Schiss?“, fragte Nik provozierend und Tim war sich sicher, dass ein Grinsen an seinen Mundwinkeln zog. Er sandte einen bösen Blick in Niks Richtung, was dessen Lächeln nur breiter werden ließ. „Hör auf, so zu grinsen, als wüsstest du die Antwort bereits“, sagte er und Nik bemühte sich sofort, seine Mundwinkel wieder nach unten zu zwingen. Was ihm nur so halb gelang. „Tut mir leid“, gab er zurück und schob seine Hände in die Hosentaschen. Tim ließ ihn zappeln. Machte sich bewusst, was Nik gerade gesagt hatte. Und was das implizierte. Die beiden wollten ihn tatsächlich in ihrem Leben haben. So richtig. Er beobachtete, wie Niks Anspannung zurückkehrte – je länger er mit einer Antwort zögerte. Dabei kannte er sie längst.

„Kommst du jetzt endlich her?“, murrte Nik irgendwann und schien dabei weit weniger selbstsicher als noch vor einigen Minuten. „Ich weiß nicht...“, gab Tim zurück und legte nachdenklich den Kopf schief. „Gerade wirkst du wieder ziemlich... brummig.“ Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und als er Niks leises Lachen hörte, löste sich ein Knoten in seinem Bauch, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass er da war. „Darf ich denn?“, fragte er leise nach und Nik schüttelte leicht den Kopf. „Das fragst du noch?“ Mit zwei großen Schritten war Tim bei ihm und warf sich ihm förmlich an den Hals, drückte sich an ihn und hatte das Gefühl, gleich wieder freier atmen zu können. Wie sehr hatte er das vermisst!

Nik erwiderte die Umarmung genauso innig, vergrub sein Gesicht an Tims Hals und schien genau gleich tief Luft zu holen wie er. „Du hast mir gefehlt“, hörte er Nik murmeln, bevor er dessen Lippen auf seiner Haut spürte, die eine prickelnde Wärme aussandten – überallhin. Tim hob den Blick und sah sich gleich darauf strahlend blauen Augen gegenüber, die ihn gefangen hielten und sich langsam schlossen, als Nik ihn in einen Kuss verwickelte, der für einen endlosen Augenblick sämtliche Gedanken auslöschte – und der ziemlich rasch ziemlich viel leidenschaftlicher geriet, als zunächst angedacht. Tim entwich ein Seufzen, als Niks warme Hände sich unter sein T-Shirt stahlen und dort auf Haut trafen. Himmel, es war einfach zu lange her... Er tat es Nik gleich und ließ seine Finger über dessen Bauch wandern, spürte, wie Nik tief einatmete und sich ganz offensichtlich ein Lachen verkneifen musste, weil es kitzelte. Ganz leicht löste er sich von Tim, allerdings auch nur, um dem das T-Shirt nun über den Kopf zu ziehen. Sofort waren seine Lippen wieder auf Tims. Sanft drückte der Nik ein paar Zentimeter zurück. „Anna... Sollten wir nicht...“ Nik ließ einen Laut hören, der an ein Knurren erinnerte. „Sie hat mir die Hölle heiß gemacht, falls ich dich rauswerfen sollte, ohne dass wir irgendwas geklärt haben. Also soll sie sich nicht beschweren, wenn ich dich stattdessen ins Schlafzimmer zerre.“ Tim lachte und ließ Niks Grinsen auf sich wirken, als der seine Ankündigung wahr machte und Tim hinter sich her ins Schlafzimmer zog, wo er ihn ohne Umschweife aufs Bett verfrachtete und sich dann über ihn kniete. Er hielt seinen Blick fest und sein Lächeln wurde wärmer. Er war sowas von verloren! Aber gerade machte ihm das keine Angst. Dafür war das Gefühl, hier genau am richtigen Ort zu sein, viel zu stark. Und Sekunden später war da ohnehin kein Platz mehr zum Denken. Dann nämlich, als sich Niks Mund wieder auf seinen senkte.

**

„Keine Fluchtgedanken?“, fragte Nik eine kleine (zu kurze) Ewigkeit später und stützte sich auf einen Ellbogen auf, um Tim ins Gesicht sehen zu können. Der lag mit seligem Lächeln auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Nichts und niemand würde ihn in den nächsten Minuten aus diesem Bett bekommen. Sein Lächeln wurde bei Niks Frage noch eine Spur breiter, was dem wohl Antwort genug war. Er spürte Niks Finger, die über seine Brust strichen, dessen Blick auf sich und schlug nun doch die Augen auf. „Keine Fluchtgedanken. Gar keine“, antwortete er wahrheitsgemäß. Mit Nik hier zu liegen fühlte sich einfach nur gut an. Richtig. Er zweifelte nicht, dass das genau das war, was er wollte – auch wenn eine leise Stimme ihm wieder einzuflüstern versuchte, dass er damit ein ziemlich großes Risiko einging. Nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für die beiden Menschen, die ihm innert derart kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen waren. „Aber ganz sicher bist du dir nicht“, sagte Nik und fuhr mit einem Finger über Tims Stirn. „Du grübelst“, bemerkte er. Tim ließ seine Hand in Niks Nacken wandern und zog ihn näher zu sich – so nah, dass er ihn küssen konnte. „Ich bin mir sicher, dass ich euch will. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, wie ich mich dabei anstellen werde“, sagte er und erntete dafür ein amüsiertes Lachen von Nik. „Ich sag dir schon, wenn du dich zu dämlich anstellst. Oder hast du daran nach heute Abend noch Zweifel?“ Tim stimmte in sein leises Lachen ein. „Nein, keine Zweifel“, meinte er und begann mit seinen Fingern, Niks Nacken zu kraulen. Er konnte ihn gerade nicht genug anfassen.

„Wenn wir das nun so laufen lassen...“, begann Tim, „... brauchen wir irgendwelche Regeln? Ich meine, wir haben bisher nie über sowas wie andere Sex-... Bekanntschaften oder Exklusivität oder so gesprochen.“ Nik schmunzelte. „Ich schätze, in Sachen Exklusivität sind Anna und ich auch die falschen Ansprechpartner. Aber was wir gemerkt haben...“ Nik musterte ihn eine Weile nachdenklich. „... Wir wollten zu Beginn nicht wissen, wenn einer von uns beiden was mit jemand anderem hatte. Aber das hat nicht so wirklich geklappt, weil wir es eben doch irgendwie immer gespürt haben. Für uns funktioniert es nur mit Reden. Ich weiß, wenn sie sich mit jemandem trifft und umgekehrt ist es genauso. Wir haben ja ohnehin am liebsten Männer, die mit uns beiden was anfangen können“, sagte er und zwinkerte Tim zu, „und... ich kann nur für uns sprechen, aber zurzeit bist du uns genug. Uns beiden. Bisher gab es niemanden, mit dem es für uns beide so sehr gepasst hat, dass wir an unserer offenen Beziehung was ändern wollten, aber mit dir... du passt perfekt zu uns. Zu uns beiden. Auch im Bett.“ Diesmal bekam Tim ein eindeutig lüsternes Grinsen zugeworfen. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das so bald ändert. Ansonsten... werden wir darüber reden, okay?“ Tim nickte. „Okay. Ich werds mir merken. Das mit dem Reden.“ Er lächelte leicht. „Und für mich gilt dasselbe wie für euch: Ich brauche niemanden außer Anna und dir.“ Nik erwiderte sein Lächeln und rückte ein Stück näher zu Tim. „Und falls dir irgendwann doch langweilig werden sollte mit uns...“, begann er und ließ seine Finger von Tims Brust tiefer wandern – wurde allerdings von einem lauten Räuspern an der Zimmertür unterbrochen.

„Wenn ich euch beide so sehe, muss ich mir vielleicht nochmal überlegen, ob ihr mir tatsächlich genug seid...“ „Anna!“, rief Tim erstaunt und richtete sich auf. Da stand sie im Türrahmen, mit verschränkten Armen und diesem anklagenden Blick, den sie nicht so wirklich draufhatte, weil sie sich ein Lächeln verkneifen musste. „Probiers aus“, meinte Nik frech und schickte ihr einen Luftkuss. Sie schüttelte leicht den Kopf – und nun gewann das Lächeln Überhand. „Wie ich sehe, habt ihr alles Wichtige geklärt?“, fragte sie. Es schien allerdings mehr Feststellung als Frage. „Ehrlich... euch beide im Bett vorzufinden... so optimistisch war nicht mal ich.“ Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Gut gemacht!“, meinte sie mit einem Blick zu Nik, den der prompt an Tim weitergab – ein wortloses 'Hab ichs dir nicht gesagt?'. Und nun schüttelte auch Tim lächelnd den Kopf.

„Habt ihr schon was gegessen?“, fragte Anna. „Ich hab Pizza mitgebracht, also...“ Sie deutete in Richtung Küche, „Abendessen wär bereit. Aber nur für angezogene Leute!“, rief sie noch über die Schulter zurück und marschierte bereits ins Wohnzimmer. „Moment“, rief Tim und sprang hastig aus dem Bett, „du hast noch was vergessen.“ Nackt wie er war, sprintete er Anna hinterher, um sie dann zu packen und unter überraschtem Quietschen ihrerseits kurz durch die Luft zu wirbeln. „Hi“, sagte er leise, als er sie wieder auf die Füße gestellt hatte und küsste sie. Das hatte er auch vermisst! Ihren weichen Körper an seinen gepresst, ihre warmen Lippen, die sich ihm öffneten und ihren unvergleichlichen Duft, der ihm die Sinne vernebelte. Ein Lächeln, das sein Herz erwärmte, lag auf ihrem Gesicht, als sie sich wieder aus dem Kuss lösten. Sie legte eine Hand an seine Wange und streckte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Nasenspitze zu hauchen. „Schön, dass du wieder da bist. Wir haben dich vermisst“. „Es tut mir leid...“, begann Tim, wurde allerdings mit einem weiteren, kurzen Kuss unterbrochen. Dann eben anders. „Ich hab euch auch vermisst“, sagte er und Annas Lächeln wurde breiter, „und ich merke jetzt erst, wie sehr.“ Sie lachte auf. „Oh ja, das merk ich auch“, meinte sie und drückte wie zur Bestätigung ihre Körpermitten noch etwas fester gegeneinander. Tim grinste leicht verlegen und Anna machte sich von ihm los. „Anziehen, Essen... erstmal“, bestimmte sie und schien ins Wanken zu geraten, als Tim sie nochmals küsste. Schließlich ließ er sie aber los und zog sich etwas an, um ihr und Nik in die Küche zu folgen.

Mit den beiden für das Abendessen aufzutischen – sie dabei zu beobachten, wie sie miteinander umgingen, wie blind sie sich verstanden und Tim dennoch das Gefühl gaben, voll und ganz dazuzugehören – hatte etwas derart Vertrautes, dass er sich fragte, wie er es zwei Wochen ohne sie ausgehalten hatte. Sie fanden schnell zur gewohnten Lockerheit und Leichtigkeit zurück – so als habe es diese kurze Zeit der Trennung nie gegeben. Schließlich hakte Anna aber doch nochmals nach. „Habt ihr zwei denn nun tatsächlich auch was beredet, oder...“ Sie beendete die Frage nicht, aber es war auch so klar, worauf sie abzielte, als ihr Blick von Tim zu Nik und wieder zurück flog. „Haben wir“, sagte Nik und griff nach einem weiteren Stück der riesigen Familienpizza. „Alles geklärt.“ „Aha. Und nun sind wir zusammen? So richtig? Zu dritt?“, fragte Anna und Tim stockte. Waren sie das? So genau hatten Nik und er das eigentlich noch nicht definiert. „Sind wir“, sagte der jedoch mit einer Selbstverständlichkeit, die Tim leicht sprachlos zurückließ. Anna lachte leise. „Ich schätze, für Tim ist das noch nicht ganz so klar“, meinte sie und sah ihn trotz ihres Lächelns forschend an. „Doch... schon... aber so eindeutig... haben wir das irgendwie noch nicht ausgesprochen“, meinte er und sah zwischen den beiden hin und her. Da schob Anna ihren Stuhl zurück, setzte sich auf Tims Schoß und nahm dessen Hände in die ihren. „Tim Saalfeld, wir hätten dich unheimlich gerne in unserem Leben und an unserer Seite. Möchtest du mit uns zusammen sein?“, fragte sie und Tim hätte sie in Grund und Boden knutschen können dafür, dass sie genau zu wissen schien, was er gerade brauchte. Eine Bestätigung – klar und deutlich ausgesprochen. Das Wissen, dass sie dasselbe wollten wie er. Nik hatte es ihm gezeigt, Anna fasste es nun auch noch in Worte. Und der Ausdruck in ihren Augen ließ ihn gleich noch ein Stück sicherer werden. Er hob ihre verschränkten Hände an seine Lippen und setzte einen Kuss auf ihre Finger. Mit feierlicher Stimme sagte er dann: „Ja, ich will!“

Anna brach in Lachen aus und Nik ließ beinahe sein Glas fallen. „Woah!! Moment! Eins nach dem anderen“, sagte er und Anna brauchte eine ganze Weile, bis sie sich erholt hatte. „Vorsicht mit Ausdrücken, die in irgendeiner Weise in eine bestimmte Richtung deuten. Da wird Niklas leicht panisch“, erklärte sie mit einem Glucksen und erntete dafür einen bösen Blick von Nik. Tim konnte sich ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen und wurde mit demselben Blick bedacht. „Fangen wir langsam an. Vielleicht... könnten wir mal was mit Freunden unternehmen und sie kennenlernen? Hast du eigentlich irgendwem von uns erzählt?“, fragte Nik. „Ich meine, unsere Situation ist ja nicht grade alltäglich.“ „Mir ist es egal, was die Leute davon halten“, meinte Tim. „Paul, meinem besten Freund, hab ichs erzählt. Und natürlich meinem Bruder.“ Nik hob eine Augenbraue. „Deinem Zwillingsbruder? Der mit dem Schwager? Die will ich kennenlernen!“ Nun war es an Tim, einen bösen Blick rüber zu werfen. Er verfluchte sich für diesen schwachen Moment, in dem er die beiden in die Geschichte mit Tobi eingeweiht hatte. Niks Grinsen wurde breiter.

Anna hatte ihrem kleinen Schlagabtausch bisher schweigend gelauscht. Während sich Tim mit Nik über einen möglichen Besuch von Boris und Tobias unterhielt, saß sie noch immer auf seinem Schoß. Er zog sie noch ein Stück näher und vergrub seine Nase in ihren Haaren, während sie sich an ihn lehnte. Er hätte ewig so mit den beiden hier sitzen können, fühlte sich rundum wohl und geborgen und zuhause. Anna und Nik von nun an fest in seinem Leben zu wissen, war so viel besser als alles, was er von Beziehungen bisher kannte. Es fühlte sich endlich richtig an.

„Ich hab auch noch eine Frage“, schaltete sich Anna schließlich wieder in ihr Gespräch ein. „Von wegen langsam anfangen und so“, meinte sie und unterbrach sich kurz, um sich zu Tim umzudrehen – mit breitem Grinsen. „Wann ziehst du denn hier ein?“




**********

tbc... vielleicht... ;-)
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