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American Devils

von Ices
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / FemSlash
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Vampire Zauberer & Hexen Zombies & andere Untote
26.06.2020
02.03.2021
15
31.353
3
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26.06.2020 1.785
 
Normalität.
Was bedeutete dieses Wort überhaupt? Lucys Meinung nach, kam es ganz darauf an wen man fragte. Für manche war es normal routiniert zu leben. Sie gingen morgens zur Arbeit, kamen nachmittags nach hause und kümmerten sich um ihre Familie und brachen vielleicht ein paar wenige Male im Jahr aus ihrer Routine heraus. Für manche war es normal den ganzen Tag zu zocken, sich zwischendurch mit ihren Freunden zu treffen und irgendwelchen Blödsinn anzustellen. Für manche war es normal zur Schule zu gehen, Hausaufgaben zu machen und sich strickt an die Regeln zu halten. Für Lucy war es normal, zwei Identitäten zu haben, zwei Leben, wenn man so wollte. Für sie war es normal in der Öffentlichkeit die perfekte Schülerin zu sein, mit perfekten Noten und dem perfekten Benehmen. Andererseits war es für sie normal, dass sich ihre blauen Augen rot und ihre braunen Haare in sekundenschnelle schwarz färbten, genau wie ihre Haut. Auch ihre Haut wurde rot, allerdings war dieses dunkler als das Rot ihrer Augen. Für sie war es normal, dass, mit der Veränderung ihrer Haut, ihrer Haare und ihrer Augen, sie nun auch größer wurde, ihr lange, spitze, schwarze Hörner aus dem Kopf und ein langer, dünner Schwanz mit gezackter Spitze aus dem Steiß wuchsen. Normalität lag im Auge des Betrachters, davon war Lucy überzeugt. Wie war sie noch gleich auf das Thema gekommen? Eine Hand, die vor ihrem Gesicht herumwedelte holte sie zurück in das Hier und jetzt.

„Hallo, Lucy, bist du noch da? Bitte, ich brauche deine Hilfe, sonst schaffe ich diesen Aufsatz nicht!“, flehte Bethany.

Ach ja, richtig. Sie saß im Zimmer ihrer besten Freundin und musste der 16-jährigen Blondine helfen einen Aufsatz über 500 Wörter über das Thema „normal“ zu schreiben.

„Ich verstehe wirklich nicht was dein Problem ist, Beth. Abgesehen davon habe ich keine Ahnung wie ich dir helfen soll.“

„Du hast leicht reden, Miss Einser-Durchschnitt. Ich bin nicht so wortgewandt wie du. Außerdem habe ICH keine Ahnung was die hier von mir wollen. Normal ist normal. Basta.“

Lucy stöhnte genervt auf und ließ sich aus dem Schneidersitz heraus auf das Bett fallen, auf dem sie saß. Sie befanden sich in Bethanys Zimmer, da diese ihre Freundin zu sich eingeladen hatte. Fast wünschte sie sich sie wäre nicht gekommen. Aber auch nur fast. Normalerweise war Beth nicht so beschränkt. Normal war nicht einfach nur normal, wie sie gerade eindeutig festgestellt hatte. Einerseits ärgerte sie sich, dass sie ihre Gedanken nicht laut ausgesprochen hatte, andererseits war sie froh darüber, sonst hätte die Jüngere möglicherweise noch herausgefunden, dass ein Dämon ihr gerade bei den Hausaufgaben half.

„Für jeden ist normal allerdings etwas anderes. Das normal für die Leute in Afrika ist zum Beispiel ein anderes normal als dein normal.“

„Ich versteh nur Bahnhof.“

„Herr im Himmel! Ich mache in einer Woche meinen Abschluss und du nervst mich hier wegen Hausaufgaben! Musst du mich wirklich so quälen?!“

„Ich verstehe es einfach nicht! Hilf mir, bitte!“

Lucy verdrehte die Augen, setzte sich auf, nahm Bethany Stift und Papier aus der Hand und fing an zu schreiben. Sie schrieb alle ihre Gedanken auf, die ihr auch schon vorher durch den Kopf gegeistert waren, ließ den dämonischen Teil dabei allerdings außen vor. Beth setzte sich derweil zu ihr aufs Bett und sah Lucy über die Schulter  um mitzulesen. 10 Minuten später setzte Lucy den letzten Punkt und gab ihrer Freundin Zettel und Stift zurück. Die Blondine überflog alles nochmal und runzelte die Stirn.

„Das wird sie mir nicht abkaufen.“

„Wieso nicht? Es ist deine Meinung, die kann sie dir nicht schlecht reden.“

„Es ist nicht MEINE Meinung, es ist DEINE Meinung.“

„Du kannst doch gut schauspielern, verkauf es einfach als deine. Schreibe es am besten ein wenig um, damit es auch nach dir klingt.“

Bethany schien allerdings immer noch nicht überzeugt, blieb aber still. Sie schnappte sich einen Bleistift und markierte am Rand des Textes die Stellen, die sie später ändern würde.

„Du bist nicht meiner Meinung.“, schlussfolgerte Lucy aus dem Schweigen.

„Einerseits verstehe ich worauf du hinaus willst. Andererseits habe ich keinen blassen Schimmer wovon du redest. Ich meine, unterscheidet sich dein Alltag so sehr von meinem?“

Lucy lehnte sich grinsend zurück, schloss die Augen und antwortete:

„Du hast ja keine Ahnung.“


Lucy kam nach hause, nachdem sie noch eine Stunde mit Bethany diskutiert hatte. Sie wusste aber warum ihre Freundin so ein Theater machte: sie wollte vor Lucys Schulabschluss noch so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Natürlich verstand Lucy Bethanys Abschichten. Aber sie wusste ja noch nicht einmal was sie nach ihrem Abschluss machen wollte. Sie steckte den Schlüssel in das Schloss der Haustür, drehte zweimal und ging ins Haus. Es war sogar ein relativ großes Grundstück auf dem ihre Familie lebte, was aber auch daran lag, dass sich ihre Mutter nicht nur um Lucy und ihre Schwester, sondern auch um ihre Cousine und ihren Cousin kümmerte. Ihre Eltern waren bei einem Unfall gestorben, seitdem kümmerte sich ihre Mutter um die beiden. Sie lebten zusammen wie vier Geschwister. Lucy schloss die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und schloss die Augen. Zu hause war sie ruhiger, gelassener. Alle Sorgen, die sie bis eben gehabt hatte waren zwar nicht vollends verschwunden, schienen allerdings in weite Ferne gerückt zu sein. Sie hatte zwar auch zu hause nicht wirklich Ruhe und Privatsphäre, aber hier war sie zumindest nicht allein. In der Familie Fairchild half man sich gegenseitig und hörte den anderen zu wenn sie Probleme hatten. Lucy stieß sich von der Tür ab und zog gerade einen der schwarzen Stiefel aus als sie ein Poltern hörte. Kleine, tapsige Schritte, die rasch näherkamen. Plötzlich bog etwas um die Ecke und warf sich auf Lucy. Die Braunhaarige fluchte als sie das Gleichgewicht verlor und auf den Rücken fiel. Sie spürte den kleinen Körper auf ihren Bauch klettern. Sie verfing sich in schwarzem Haar, sah schneeweiße Haut, zwei silberne Augen blitzten in dem Wirrwarr aus Gliedmaßen auf und plötzlich schossen zwei messerscharfe, graue Spitzen auf Lucys Gesicht zu. Lucy konnte gerade noch ihre Arme schützend vor ihre Augen legen.

„Sienna, nimm deine Hörner aus meinem Gesicht!“

Der kleine Körper richtete sich auf und das Dämonenmädchen lächelte entschuldigend. Zwei weitere Gestalten kamen um die Ecke gerannt, älter als Lucy und in Menschengestalt. Sie hielten außer Atem an und inspizierten die Situation vorsichtig.

„Wer von euch hatte Dämonensitter-Dienst?“, fragte  Lucy, mit verschränkten Armen vor der Brust, immer noch auf dem Boden liegend ohne Anstalten zu machen aufzustehen.

„Archie.“, antwortete Jordan und sah kurz zu ihrem Bruder. „Nimm es ihm nicht übel, du bist die einzige, die es schafft Sienna im Zaum zu halten. Und Tante Maria war zu beschäftigt um etwas zu merken.“

Nun kam auch Lucys Mutter dazu und stolperte fast über ihre, am Boden liegende, Tochter. Niemand sagte ein Wort und Sienna kuschelte sich wieder an Lucys Brust. Dadurch kamen die kleinen Hörner Lucys Augen wieder gefährlich nah.

„Könnte bitte jemand das Dämonenkind von mir entfernen?! Am besten noch bevor ich erblinde!“

Maria seufzte, schlang ihre Arme um den kleinen Dämon und zog ihn von Lucy herunter. Sienna aber schien das gar nicht zu gefallen, denn sie strampelte mit den Beinen  und versuchte sich zu befreien. Die beiden gingen in die Küche und Archie und Jordan halfen Lucy auf.

„Dämliches Balg.“, knurrte sie und zog nun auch den anderen Schuh aus.

Jordan schüttelte grinsend den Kopf  und folgte ihrer Tante  in die Küche, Archie und Lucy dicht hinter ihr. Maria stand am Herd und bereitete das Abendessen zu, während Sienna grummelnd auf der Küchenplatte saß. Lucy seufzte als sie sah, dass die 7-jährige kurz davor stand zu weinen. Sie ging auf sie zu und nahm sie in den Arm, wodurch Sienna vor Freude quiekte.

„Hör auf mich anzuspringen.“

Sienna sah entsetzt auf und wollte widersprechen, doch Lucy fuhr ihr ins Wort:

„Eine Umarmung ist okay aber hör. Auf. Mich. Anzuspringen.“

Das Abendessen verlief ruhig und alle gingen früh zu Bett. Lucy wachte am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang auf, zog sich schnell an und ging auf die Terrasse um das Naturspektakel zu betrachten. Sie lehnte gegen das Geländer und sah dem Farbenspiel eine Weile zu. Sie hörte hinter sich ein Poltern und drehte sich rum, in der Erwartung jemanden aus ihrer Familie anzutreffen. Doch sie war allein. Die Tür zur Terrasse stand offen. Lucy runzelte die Stirn. Hatte sie die nicht geschlossen? Sie ging zurück, schloss die Tür und drehte sich wieder um, um wieder ihren vorherigen Platz einzunehmen, doch eine Pranke legte sich um ihren Hals, hob sie von den Füßen und warf sie über das Geländer hinaus in den Garten. Sie schlug sich den Kopf am Geländer an, machte noch eine Drehung in der Luft und landete auf der Wiese, mit dem Gesicht voran im Gras. Ihr Kopf dröhnte, sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln und schlussendlich aufzustehen. Sie verwandelte sich, schwankte allerdings noch, weswegen sie die Klauen, die einmal ihre Zehennägel waren, in die Erde rammte um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Sie sah auf zu ihrem Verfolger. Ein Dämon mit grauer Haut, das einzige Kleidungsstück, war eine Hose, die seinen Bauch, der weit über den Hosenbund hinausragte, nochmal hervorhob. Er lief leicht gebückt und grunzte als er langsam auf Lucy zukam. Er erinnerte sie an einen übergewichtigen Höhlenmenschen. Auf einmal mache der Dämon einen Satz nach vorn, brüllte und schlug nach Lucy. Diese wich dem Schlag aus und rammte ihrem Gegner ihren Ellenbogen in die Seite. Der graue Dämon torkelte ein paar Schritte zur Seite und sah sie verwundert an als hätte er nicht mit Widerstand gerechnet. Sie war kleiner, wendiger und schneller, wenn sie das gegen den Eindringling einsetzen würde, könnte sie ihn schlagen. Sie duckte sich unter dem nächsten Schlag hinweg, sah jedoch seine andere Pranke, die er gleich hinterherschickte, zu spät und ging wieder zu Boden. Irritiert setzte Lucy sich auf. Er lernte dazu. Und er war schneller als sie anfangs angenommen hatte. Sie sprang auf als er wieder brüllend auf sie zugetrampelt kam. Der kleine Dämon sprang über den Kop0f des größeren hinweg und kratzte ihm den Rücken auf. Der Eindringling heulte vor Schmerz auf. Er drehte sich zornentbrannt herum, fuchtelte mit seinen Krallen durch die Luft und versuchte Lucy irgendwie zu treffen. Die Rothäutige duckte sich und ließ ihre Klauen über die Waden des Dämons fahren. Wieder dieses Jaulen, dass einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Er trat zu, traf Lucy in den Magen und und schleuderte sie von sich. Ein Glückstreffer.

„Was willst du von mir?!“, schrie sie und sah auf, doch da war sie auch schon wieder allein auf der Wiese.

Ihr Gegner war verschwunden.

„Wie hat er das denn jetzt gemacht?“
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