Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Echt jetzt?! – Ende Vol. 2

von Cowboy93
OneshotFamilie, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
24.06.2020
24.06.2020
1
4.697
5
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
24.06.2020 4.697
 
Howdy!
Hier gibts Lagerfeuer-Resultat(e) Vol. 2
oder: ein alternatives Ende zu „Echt jetzt?!“

Wer die Original-Story nochmal lesen will, kann das hier tun: Echt jetzt?!

See ya!


**********


Echt jetzt?! Bist du dir sicher?, hörte Tim Pauls Frage in seinem Ohr, als er auf den Kiesplatz vor dem großen Hof mitten im Nirgendwo einbog und seinen Wagen unter einem Baum abstellte. Sicher? Er war sich sowas von nicht sicher. Einmal tief durchatmend stieg er aus. Neben der Treppe vor dem Wohnhaus lag ein großer Hund, der jedoch keine Anstalten machte, den Neuankömmling zu begrüßen. Ansonsten war weit und breit kein Mensch zu sehen. Tim versuchte es mit Klingeln und als ihm niemand die Tür öffnete, marschierte er über den Hof zu einem Lagerschuppen, um dort nach jemandem zu suchen, der ihm sagen konnte, wo er sie finden würde. Franzi.

Noch vor ein paar Tagen war er in Hamburg gewesen, hatte versucht, zu einem normalen Umgang mit Boris und Tobias zurückzufinden und war erfolgreicher gewesen als gedacht. Er hatte ohne jeden Zweifel den besten Bruder der Welt. Boris und Tobias hatten seinen Plan, nach Frankreich zu fahren, allerdings eher skeptisch beurteilt. Genauso wie Paul. Aber er hatte beschlossen, dass er eine Antwort brauchte. Und war trotzdem gefahren.

Mit leichtem Knarzen ließ sich die schwere Holztür des Schuppens öffnen und Tim spähte in die Dunkelheit. „Hallo?“ Auch hier schien niemand zu sein. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob er hier überhaupt richtig war. Da hörte er von fern einen Traktor. Er schien auf den Hof zuzuhalten und kam tatsächlich wenige Meter neben Tim zu stehen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine ältere Frau in Französisch und Tim versuchte ihr klarzumachen, wen er suchte. „Sie sind aus Deutschland? Na da wird Franziska sich aber freuen“, antwortete die Frau in Deutsch und lächelte ihn an. Tim selbst bezweifelte das ganz leicht, nickte allerdings freundlich. „Sie ist draußen auf der Plantage.“ Die Frau zeigt ihm die ungefähre Richtung und überließ ihm nach einem Blick auf seinen Wagen sogar den Traktor. Tim bedankte sich und machte sich auf den Weg.

Wenn ihm das vor Monaten jemand gesagt hätte – dass er auf einem Traktor im Nirgendwo Nordfrankreichs unterwegs war, um Franzi zu suchen, vor sich ein weiteres schwieriges und entscheidendes Gespräch – er hätte es mit Sicherheit nicht geglaubt.

Die Plantage fand er relativ bald, nur war sie riesig. Die vielen Helfer vor Ort waren mit dem Zurückschneiden der Apfelbäume beschäftigt und irgendwo hier unter ihnen musste wohl auch Franzi sein. Tim entschloss sich, den Traktor stehen zu lassen und zu Fuß weiterzugehen. Die Hände in den Taschen vergraben, durchquerte er die Baumreihen und spürte seine Nervosität plötzlich ziemlich deutlich. Er hatte keine Ahnung, wie Franzi reagieren würde, was ihn erwartete und was er hier eigentlich zu finden hoffte. Wobei... letzteres wusste er. Die Hoffnung darauf hielt er allerdings ziemlich klein. Versuchte es zumindest.

Ein weiteres Mal würde er gezwungen sein, sich zu erklären, sein Inneres nach außen zu kehren. Ausgerechnet er. Aber anders würde es nicht funktionieren, das war ihm klar. Noch immer bekam er all das, was in den letzten Wochen geschehen war, nicht ganz auf die Reihe. Aber nun war er hier. Ein Zurück gab es nicht. Und das wollte er auch gar nicht.

Dann sah er sie. Ihre blonden Locken waren selbst von weitem nicht zu übersehen. Wie die anderen Helfer saß sie in einem Baum und schnitt etliche der nun in der kalten Jahreszeit kahlen Äste ab. Er beobachtete sie eine Weile schweigend, froh, hier zu sein, sie gefunden zu haben und sie zu sehen. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

Der Entscheid war nach und nach gewachsen in den vergangenen Tagen. Der Entscheid, hierherzufahren. Zu ihr. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen. Das, was zwischen ihnen gewesen war. Was hätte sein können. Seit sie weg war, hatte er so oft an sie gedacht. Zu oft. Was wäre wenn... Nun würde er seine Antwort bekommen.

Er räusperte sich leise, als er näher trat und hatte sogleich ihre Aufmerksamkeit. Überrascht war gar kein Ausdruck für ihre Reaktion. Kurz hatte er Angst, sie würde vom Baum fallen, doch sie fing sich wieder. „Tim.“ Sein Name, leise ausgesprochen, ließ sein Lächeln breiter werden. Das Flattern in seinem Bauch, der durch die Aufregung ohnehin schon verrückt spielte, steigerte sich. Allerdings nicht unangenehm. „Was machst du hier?“, fragte sie ziemlich fassungslos und Tim riss sich zusammen, um endlich den Mund aufzukriegen. Mehr als ein „Hi“ brachte er allerdings nicht heraus. Und selbst das klang ziemlich unsicher. Kurz schloss er die Augen und versuchte, sich an seine so sorgfältig zurechtgelegten Worte zu erinnern, aber da war nichts. Sie brachte ihn durcheinander und so sagte er das, was ihm als erstes einfiel. Was ihm sein Bauch sagte. „Ich hab dich vermisst.“

Nun war es an ihr, kurz die Augen zu schließen. „Und um mir das zu sagen, fährst du hierher?“ Er lachte leise. „Nein. Das heißt... nicht nur das. Könntest du... Kommst du mal da runter?“ Sie zögerte und Tim konnte nicht ausschließen, dass sie tatsächlich überlegte, dort oben hocken zu bleiben, um ihm nicht zu nahe kommen zu müssen. Er war drauf und dran, ebenfalls auf diesen Baum zu steigen, da bewegte sie sich und kletterte hinunter. Ihr Gesichtsausdruck sagte Tim allerdings, dass sie in diesem Moment lieber woanders gewesen wäre. „Also...“, begann sie und betrachtete ihn ziemlich aufgewühlt, „wieso bist du hier?“ Er versuchte, ihren Blick einzufangen. „Hast du Zeit? Ist ne längere Geschichte“, sagte er. Er wollte diesmal alles richtig machen. Von vorne beginnen. Und alles loswerden. Reden halt. War er ja so gut darin. Schnell verdrängte er die Erinnerung an andere entscheidende Gespräche. „Bitte“, fügte er noch hinzu, als sie zögerte. Er würde nicht von hier verschwinden, ohne mit ihr gesprochen zu haben. Zumindest dessen war er sich sicher. Spätestens, seitdem er sie wiedergesehen hatte.

Sie straffte die Schultern, nickte dann leicht und griff nach ihrem Handy. „Ich sollte...“, sagte sie und war im Begriff, eine Nummer zu wählen. „Musst du... noch was erledigen? Arbeiten? Ich kann dich fahren“, bot er an und zeigte auf den Traktor. „Elisabeth hat dich damit fahren lassen?“, fragte sie ziemlich ungläubig. „Naja... ja. Sie meinte wohl, es wäre etwas schwierig, mit dem Auto hier raus zu kommen“, sagte Tim. Mit einem leichten Lächeln schüttelte Franzi den Kopf. „Darauf kannst du dir echt was einbilden. Dieses... Ding ist ihr Heiligtum.“ Sie sah ihn von der Seite an. „Was hast du ihr erzählt?“ „Nichts. Nur, dass ich dich suche. Und da meinte sie... naja... du würdest dich über Besuch aus Deutschland bestimmt freuen“, antwortete Tim und hörte ein belustigtes Schnauben. „Na sicher doch“, sagte Franzi. „Du hast ihr wohl nicht gesagt, wer du bist?“ Tim schüttelte den Kopf und riskierte einen Blick. Sie lächelte. Und es wirkte nicht mal zynisch. Ihm war klar, dass sie hier erzählt haben musste, wieso sie ihren Hof verloren und Deutschland den Rücken gekehrt hatte. Aber es schien fast so, als wäre sie über seinen Fehler nicht mehr ganz so sauer. Über diesen Fehler zumindest... „Ich geb nur rasch Caroline Bescheid, dass ich ne Weile weg bin“, sagte sie und trat ein paar Schritte zur Seite.

Als sie das Handy wieder in die Tasche steckte und sie langsam losgingen in Richtung Traktor, fragte er nach Caroline. „Meine Freundin aus Kindertagen. Sie ist früh weggezogen, weil ihre Eltern hier in der Normandie einen Hof übernehmen konnten. Nun führt sie ihn – mit Unterstützung ihrer Mutter, Elisabeth – und hat letztes Jahr damit begonnen, ihre eigene Cidre-Produktion aufzubauen. Und dabei helfe ich ihr“, erklärte Franzi und er hörte die Begeisterung in ihrer Stimme. „Das ist dein Ding“, fasste er zusammen und freute sich ehrlich für sie. Sie nickte lächelnd. „Und bei dir? Gibt‘s das Poloclub-Projekt noch? War ja einiges los in den letzten Wochen...“, sagte sie leiser und ihr Lächeln verschwand.

Ihm war klar, dass sie Bescheid wusste. Auch wenn Boris und Tobias gegen außen kein Wort über den Kuss verloren hatten, war am Fürstenhof nicht unbemerkt geblieben, dass zwischen den Zwillingsbrüdern etwas im Argen lag. Und noch andere schienen den Grund für die Unstimmigkeiten zu ahnen. Über Lucy waren die Gerüchte bei Franzi gelandet und die hatte mit Tobias gesprochen. Er war ehrlich zu ihr gewesen und Tim konnte es ihm nicht verdenken. Sein Schwager hatte damals nicht ahnen können, dass Tim wenige Wochen später zu ihr fahren würde. „Der Poloclub liegt momentan ziemlich auf Eis“, sagte er. „Ich hab die Planung vorerst an einen Architekten übergeben, bis... naja... bis ich weiß, wie's weitergeht.“ Franzi sagte nichts. Nun kam der richtig unangenehme Teil. Der, den Tim am liebsten übersprungen hätte. Aber das konnte er nicht. Nicht wenn er eine ehrliche Antwort wollte. Und die brauchte er.

Er versuchte, einmal tief durchzuatmen und den ungesunden Druck in seinem Bauch zu ignorieren. „Diese letzten Wochen... mit dem Besuch von Boris und Tobias... Ich kann mir noch immer nicht so richtig erklären, was da genau passiert ist. Was mit mir los war und wie es soweit kommen konnte. Tobias,... er hat so einiges auf den Kopf gestellt und ich wusste plötzlich überhaupt nicht mehr, was ich wollte und wohin ich gehöre. Ich hatte mich irgendwie... selbst verloren. Ich hab versucht, dem auszuweichen, ihm auszuweichen, aber das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich hoffte, sie würden abreisen, bevor... Aber dann hat Tobi mich direkt drauf angesprochen und ich konnte nicht mehr davonlaufen. Ich hab... das war der schlimmste Moment meines Lebens. Ich hab mich so erbärmlich gefühlt, so dumm. Und er war da... du kennst ihn. Er war... er war einfach da. Und ich hab komplett den Kopf verloren und...“ Tim schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Diesen Moment würde er liebend gerne aus seinem Gedächtnis streichen. Für immer. Aber er wusste, dass der für immer bleiben würde. Und sollte er ihn mal für kurze Zeit vergessen, würde ihn Paul schon dran erinnern. Nach dem ersten Schock zog der ihn liebend gerne damit auf. Mit der Tatsache, dass er seinen Schwager geküsst hatte.

Franzi schien darauf zu warten, dass er weiter sprach, also holte er abermals tief Luft. „Da du davon weißt, hast du bestimmt auch gehört, dass Tobi das sofort abgebrochen hat. Natürlich“, sagte er und schimpfte sich innerlich mal wieder einen Vollidioten. „Und dass er mich vor Boris' Faust bewahrt hat“, fuhr er mit schiefem Grinsen fort. Die Scham über das Geständnis, über diesen Kuss und über die Gewissheit, dass sein Bruder alles mitbekommen hatte – die nagte noch immer ganz schön an ihm. „Ich hätte ihn wohl nicht aufgehalten“, murmelte Franzi und er musterte sie von der Seite. Sie wirkte weder wütend noch allzu fassungslos. Vermutlich, weil das alles nun doch schon eine Weile her war. Dennoch schien sie enttäuscht. Oder eher... verletzt?

„Ich weiß, dass ich unglaublich viel kaputt gemacht habe durch diese Aktion. Schon wieder“, fügte er leise hinzu. „Aber ich bin echt froh zu wissen, dass dieser... dieser Aussetzer zwischen Boris und Tobias nichts geändert hat. Boris ist direkt auf mich los, aber ein Blick von Tobi hat für ihn gereicht, um zu wissen, dass zwischen ihnen alles in Ordnung ist. Dass Tobi da nie mitgemacht hätte. Und dass er... dass er zu Boris gehört. Ich weiß das auch... wusste das...“ „Und trotzdem hast du dich in ihn verguckt. Und ihn geküsst. Einen verheirateten Mann. Deinen Schwager, Tim!“ Nun war sie doch lauter geworden und betrachtete ihn erneut aufgewühlt. Er fühlte sich noch mieser. Und gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass ihr offenbar nicht gleichgültig war, was er tat. Ganz und gar nicht.

„Ich weiß. Und mir ist klar, dass dieser Kuss durch nichts zu entschuldigen ist. Aber... Tobi hat dir erzählt, dass mir dadurch etwas klargeworden ist?“ Franzi grummelte irgendwas, das entfernt als Zustimmung aufgefasst werden konnte. Er versuchte es dennoch in Worte zu fassen. „Da war nichts bei diesem Kuss. Ja, ich war Tobias nah, aber da war kein Gefühl, da hat nichts gekribbelt. Es war... einfach nur komisch. Es hat sich nicht richtig angefühlt. War es ja auch nicht“, schob er schnell hinterher, als sie ihn unterbrechen wollte. „Außerdem war da zu viel Bart“. Seine Mundwinkel wanderten nach oben. „Ich glaube also nicht, dass ich auf Männer stehe. Ganz grundsätzlich.“ „Aha.“ Sie hob skeptisch eine Augenbraue. „Zumindest nicht körperlich. Franzi, ich... mir hat was gefehlt, als du weg warst. Und ich war ziemlich durcheinander. Ich hab mir schon damals mehr als einmal überlegt, dir hinterherzufahren, weil ich... ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges zu verlieren. Mir war nur nicht ganz klar, was das war. Und dann sind Boris und Tobias aufgetaucht und haben es mir vorgelebt. So deutlich wie noch niemand. Die beiden sind... das ist...“ „Die große Liebe“, ergänzte Franzi leise und Tim nickte. „Und da geht nichts dazwischen. Das wusste ich und ich hatte nie vor, ihnen das kaputt zu machen. Das musst du mir glauben.“ Sie nickte leicht. „Das tu ich sogar“, sagte sie. Wenn auch leicht widerwillig. „Sie sind glücklich“, fuhr Tim fort. „Immer noch. Mir war‘s wichtig, das zu sehen. Deshalb bin ich auch nochmal nach Hamburg gefahren. Ich will... ich möchte, dass das irgendwann nicht mehr zwischen uns steht. Ich werd alles dafür tun. Mir ist klar, dass ich das nicht wieder gut machen kann und dass Boris Zeit braucht. Aber er ist... er ist Boris. Auch wenn er mich vermutlich nie mehr mit Tobi alleine lassen wird...“ Tim versuchte sich an einem Lächeln, das allerdings leicht verunglückte. „Und Tobi ist... er hat toll reagiert. Nicht nur bei diesem Gespräch... sonst hätte ich mich bestimmt nicht hinreißen lassen. Auch danach. Für ihn ist es vielleicht auch einfacher. Er weiß, was der Auslöser war, dass der Kuss von mir aus ging und für ihn nichts bedeutet hat. Aber natürlich hält er sich nun zurück und lässt Boris das Tempo bestimmen. Er ist sein Mann. Er liebt ihn.“

Auch wenn es leicht traurig wirkte – Tims Lächeln nun war aufrichtig. „Du bist darüber hinweg“, hörte er Franzi sagen und sah, dass sie ihn genau musterte. „Über diese verwirrenden Gefühle für Tobi, ja. Bin ich. Im Nachhinein und mit etwas Abstand ist mir noch klarer, dass ich mich da in was verrannt hab. Dass ich das, was ich mir wünsche – und das tu ich wirklich – auf Tobias projiziert hab. Es ist eine solche Beziehung, diese eine Person, die Boris mit Tobi gefunden hat. Die beiden haben mir gezeigt, dass es das gibt. Und das... das wollte ich auch. Will ich auch.“ Er schwieg einen Moment und horchte in sich hinein. Auch wenn er sich nicht erinnern konnte, jemals so lange und so ausführlich über seine Gefühle gesprochen zu haben und auch wenn das eigentlich so gar nicht sein Ding war: Diesmal fühlte es sich richtig an.

„Du... hast dir ganz schön viele Gedanken gemacht“, sagte Franzi irgendwann. „Ich überhöre jetzt mal, dass das bei dir irgendwie erstaunt klingt“, gab er mit belustigtem Schnauben zurück. „Aber ja, hab ich. Und unter anderem deshalb bin ich hier“, sagte er dann leise und beobachtete Franzis Reaktion. „Soll heißen?“, fragte sie und ihr Blick wechselte von nachdenklich ziemlich übergangslos zu aufgewühlt. Doch bevor er antworten konnte, sprach sie weiter. „Was erwartest du? Dass ich die letzten zwei Monate streiche?“ „Nein...“, begann Tim, sie ließ ihn allerdings nicht zu Wort kommen. „Das kann ich nicht, Tim! Ich kann nicht einfach dort wieder anknüpfen, wo wir mal waren. Es ist... es ist zu viel passiert.“ Die letzten Worte klangen ziemlich resignierend und das traf ihn. Es war ihm lieber, wenn sie wütend auf ihn war, als derart abgeklärt. „Ich weiß, dass wir nicht weitermachen können, als wäre nichts gewesen. Aber vielleicht... nochmal von vorne beginnen? Einfach Zeit miteinander verbringen? Oder... hätte da jemand was dagegen?“ Sie sah ihn kurz etwas irritiert an. „Lucy hat dir mein Date unter die Nase gerieben“, meinte sie dann mit leichtem Lächeln und schüttelte gleich darauf den Kopf. „Nein, es gibt niemanden... der da etwas dagegen hätte“, sagte sie dann und ihm fiel ein Stein vom Herzen.

„Außer... mir selbst. Ich weiß nicht, Tim. Irgendwie... komm ich mir vor wie ein Versuchskaninchen. Du sagst, du willst das, was Tobi und Boris haben. Und bist deshalb hier? Und wenn du das hier, bei mir, nicht findest, ziehst du weiter? Zu Nadja vielleicht? Oder hast du's da schon probiert?“ „Nein!“, unterbrach er sie in ihren Zweifeln, „nein, hab ich nicht. Das mit ihr... das war nie so wie mit dir. Und sie ist abgereist, kurz nachdem Tobi und Boris angekommen sind. Da war nichts mehr zwischen uns. Und da wird auch nichts mehr sein.“ Er versuchte, Franzis Blick einzufangen, doch sie betrachtete interessiert den Boden. Schließlich trat er vor sie hin und griff vorsichtig nach ihren Armen, wartete, bis sie ihn ansah. „Franzi, zwischen uns... da war etwas. Was Besonderes, das ich vor dir nicht kannte. Und es war vorbei, bevor es richtig beginnen konnte. Meinetwegen. Das ist mir klar. Aber ich hab seither das Gefühl, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Etwas, das hätte sein können. Und... wenn du mich lässt, dann bleib ich. Ich will dich nicht wieder aus den Augen verlieren. Und auch wenn da für dich nur noch Freundschaft sein sollte... du bist mir unglaublich wichtig. Damit könnte ich umgehen“, sagte er und hatte endlich ihre volle Aufmerksamkeit. Einen Augenblick, indem ihre Blicke sich verhakten, bevor sie sich abwandte und seinen Händen entzog – nur um ihre an der Stelle zu platzieren, an der die seinen zuvor gelegen hatten. „Du könntest das vielleicht...“, flüsterte sie. Aber du nicht?, war er versucht zu fragen. Weil da noch zu viele Gefühle sind? Er ahnte allerdings, dass sie das nicht zugeben würde. Noch nicht. Und er wollte sein Glück nicht überstrapazieren. Auch wenn er kläglich dabei scheiterte, seine Hoffnung weiter klein zu halten.

„Ich habe in der kleinen Pension im Ort ein Zimmer. Für die nächsten Tage. Vielleicht... kannst du mir morgen mal den Hof zeigen? Und die Cidre-Produktion? Ich... Es würde mich echt freuen“, sagte er. Sie atmete einmal tief durch und richtete sich dann auf. „Okay“, sagte sie. „Okay“, wiederholte er und versuchte, sein Lächeln nicht allzu breit werden zu lassen. Es gelang ihm offensichtlich nicht ganz, denn sie zog eine Augenbraue hoch. „Aber du wirst mit anpacken“, fügte sie hinzu und sein Lächeln wurde noch breiter. „Ehrensache. Wann muss ich wo sein?“

Wenig später fuhren sie mit dem alten Traktor zurück auf den Hof. Sie sprachen übers Wetter, über die Arbeiten, die am nächsten Tag zu erledigen waren, über Belanglosigkeiten. Tim hatte alles gesagt, was er hatte sagen wollen, hatte einen weiteren Seelenstriptease hingelegt und sie hatte ihm zugehört. Immerhin. Eine erste Hürde war genommen. Er fühlte sich erleichtert und seltsam befreit. Und als sie sich verabschiedeten, war er voller Vorfreude auf den nächsten Tag. Er würde sie wiedersehen. Es war ein Anfang.

******

Drei Wochen. Aus diesen paar Tagen waren beinahe drei Wochen geworden und er war noch immer hier. Und er würde bleiben. Würde sie es zulassen. Und seit gestern hatte er da ein ganz gutes Gefühl. Spätestens seit diesem Abend konnte er Pauls Frage ganz deutlich beantworten. Er war sich sicher. Aber sowas von. Sie hatte ihn geküsst.

Sie hatten einen weiteren Abend im kleinen Restaurant des Ortes verbracht und waren dann an der Bar versackt. Sie hatten so viel gelacht wie lange nicht. In diesen ganzen letzten Wochen. Es war, als hätten sie nochmal von vorne beginnen können. Ganz ohne Altlasten – auch wenn Franzi Zeit gebraucht hatte, um gänzlich aufzutauen. Sie hatten viel geredet. Über das, was damals schiefgelaufen war, seine Pestizid-Aktion, wegen der sie tatsächlich nicht mehr sauer war, Nadja und Ralf, seinen Vater und natürlich Boris und Tobias. Und je mehr Abstand Tim zu den Ereignissen am Fürstenhof bekommen hatte, desto bewusster war ihm geworden, wie sehr er sich da in was verrannt hatte. Und dass es nichts Entscheidendes bedeutet hatte – jedenfalls nicht in Bezug auf Tobias. Auch darüber hatte er mit Franzi gesprochen. Und auch wenn sie ihm deswegen nicht gleich um den Hals gefallen war: Ihr kleines, aber offenes und ehrliches Lächeln hatte Tim gesagt, dass sie ihm glaubte. Dass sie wusste, dass er keine Gefühle mehr für wen anders hatte – für niemanden sonst...

Sie hatte ihn bis zu diesem Abend dennoch erfolgreich auf Distanz gehalten. Sie war offen gewesen, freundlich, fröhlich und hatte so viel Zeit wie noch nie mit ihm verbracht. Mehr war allerdings nicht gelaufen, auch wenn Tim ziemlich häufig bewusst geworden war, dass er sie schon wieder berührte und auch wenn es ihn einiges an Beherrschung gekostet hatte, nichts zu überstürzen. Sie nicht einfach in seine Arme zu ziehen und zu küssen. Und nun hatte sie den ersten Schritt gemacht. Zwar zählte der nur halb, schließlich war sie leicht angetrunken gewesen. Aber sagte man nicht, Betrunkene würden die Wahrheit sagen?

Bestens gelaunt machte er sich auf dem Feld auf die Suche nach ihr. Er kannte die Gegend mittlerweile wie seine Westentasche und wusste, wo sie sein musste. Tatsächlich hockte sie schon wieder in einem Baum. Noch war der Winterschnitt nicht ganz abgeschlossen und der Frühling wartete bereits. „Hey, begrüßte er sie mit einem warmen Lächeln und fing kurz ihren Blick auf, bevor sie sich wieder abwandte. „Wo warst du?“, fragte sie anstelle einer Begrüßung – ziemlich kühl. Er runzelte kurz die Stirn. „Ich hatte was zu erledigen, hab ich dir doch gestern noch erzählt“, antwortete er und kletterte kurzerhand zu ihr hoch – sie war zu weit weg gerade. Erschrocken sah sie ihn an. „Was...?“ „Ich war auf einem kleinen Gestüt. Knappe Stunde von hier. Die suchen Helfer für alles mögliche. Und wenn ich...“ „Du suchst hier nach einem Job?“, unterbrach ihn Franzi völlig erstaunt. „Naja... ja. Du bist hier. Und ich will da sein, wo du bist“, sagte er und streckte die Hand aus, um ihr eine Haarsträhne hinters Ohr zu streichen. Er konnte nicht anders. Sie nicht zu berühren, war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Noch immer wirkte sie ziemlich verwirrt und er bemühte sich um Zurückhaltung. Auch wenn ihm das nach ihrem gemeinsamen Abend noch schwerer fiel als ohnehin schon. „Ich dachte... du fährst bald wieder“, sagte sie dann. „Zurück nach Deutschland? Wieso sollte ich? Oder... willst du mich loswerden?“, fragte er und konnte nicht verhindern, dass ein Hauch Unsicherheit mitschwang in seiner Frage. Er hatte gedacht, sie würde sich freuen, zu hören, dass er vorhatte zu bleiben, aber nun...

„Nein. Nein, ich will dich nicht loswerden. Aber ich dachte... nach gestern... naja, du hättest es dir vielleicht anders überlegt.“ Sie wich seinem Blick aus und er verstand noch immer nicht ganz, wo das Problem lag. „Wieso sollte ich es mir anders überlegen? Ausgerechnet nach gestern. Das... Franzi...“ Er legte eine Hand an ihr Kinn, so dass sie ihn ansehen musste. „Was ist los?“ „Dieser Kuss...“, sie hielt seinem Blick nicht stand. „Du hast ihn ziemlich schnell beendet. Und mir dann gute Nacht gewünscht. Du bist überhaupt nicht darauf eingegangen. So als ob... als ob...“ „Du warst betrunken, Franzi! Jedenfalls ziemlich. Ich nutze das doch nicht einfach aus! Ich hab... sieh mich bitte mal an“, sagte er dann deutlich leiser – und eindringlicher. „Verdammt, ich hab mich die letzten Tage und Wochen so oft zusammengerissen, um dir die Zeit zu lassen, die du brauchst. Ich wollte nichts überstürzen, dich nicht drängen und einmal, nur einmal, alles richtig machen. Da nutze ich es doch nicht aus, dass du angeheitert bist und schleppe dich ab. Womöglich noch, damit du dich am nächsten Tag an nichts erinnerst. Das hat rein gar nichts damit zu tun, dass ich...“ Sie lächelte. Ganz leicht zwar, aber das war eindeutig ein Lächeln. „Dass ich...“, versuchte er, den Gedanken wieder aufzunehmen, doch sie brachte ihn durcheinander. Wenn sie so lächelte. „Dass du...?“, wiederholte sie seine Worte und sah ihn abwartend an. „Ich hab‘s mir nicht anders überlegt. Werd ich nie“, sagte er leise und spürte seine Anspannung – weil es ihm so unglaublich wichtig war, dass sie ihm glaubte. „Okay“, gab sie ebenso leise zurück. „Sicher? Du glaubst mir?“ Er forschte in ihren Augen nach allfälligen Zweifeln, nach irgendwas, das ihm sagte, dass er weiter vorsichtig sein, sich zurückhalten musste, aber da war vor allem Wärme. Und vielleicht etwas Unsicherheit, wie es nun weitergehen sollte – in ebendiesem Augenblick da auf dem Baum. Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie leicht nickte und mehr brauchte Tim nicht. Er hatte lange genug gewartet – und das, obwohl Geduld nun echt nicht seins war! – und nun hielt ihn nichts mehr. Er überbrückte die letzten Zentimeter, die zwischen ihren Gesichtern lagen und küsste sie. Sanft nur, zärtlich, wollte sie nicht überfahren, aber doch deutlich machen, dass er sie wollte. Und wie er das tat! Da war es, dieses Bauchkribbeln, das er vermisst hatte, das sich ausbreitete und ihn spüren liess, dass das hier richtig war – so richtig. Er zog sie noch näher, in seine Arme und sie lehnte sich gegen ihn, schien genau dahin zu gehören. Zu ihm.

Er schaffte es länger nicht, sich von ihr zu lösen und ihr schien es ähnlich zu gehen. Schließlich taten sie es doch. „Ich werde nicht gehen. Nie wieder...“, sagte Tim und verschränkte ihre Finger, „... wenn du mich bleiben lässt.“ Ein strahlendes Lächeln war die Antwort. Und ein weiterer Kuss – ein weiterer inniger, sehnsüchtig erwarteter Moment, den sie erneut nicht enden lassen wollten.

„War das ein Ja?“, fragte Tim nach einer ganzen Weile. Er musste es hören. „Wir bleiben gemeinsam hier?“ „Naja... ich hätte auch ein Job-Angebot... ein ziemlich gutes sogar“, sagte sie und Tim legte fragend den Kopf schräg. „Eine Obstbauer-Familie möchte eine eigene Cidre-Produktion aufziehen, mit alten Sorten. Und die suchen jemanden, der das in die Hand nimmt. Von Grund auf.“ „Das klingt doch großartig“, freute sich Tim mit. „Hier in der Nähe? Oder wie kommen die auf dich?“ Sie betrachtete versonnen lächelnd ihre verschränkten Hände. „Nein, nicht hier in Frankreich. In Bayern. Krauting, um genau zu sein. Lucy hat mich vermittelt. Ihre Eltern kennen die Familie ziemlich gut.“ Sie suchte Tims Blick. „Du willst zurück?“ Ziemlich erstaunt sah er sie an. „Naja... meine Freunde sind da, ich wäre bei meiner Tante und... da wäre ein Gestüt in der Nähe“, sagte sie und Tim lächelte. „Ach so... irgendwann ganz am Ende deiner Überlegungen komm ich also auch noch?“, meinte er dann und sie zuckte grinsend mit den Schultern. „Könnte sein, dass du nicht ganz am Ende dieser Überlegungen standest...“, gab sie zu. „Aber wenn du hierbleiben willst... dann bleiben wir hier. Oder... wir leben an zwei Orten. Als ich in den letzten Tagen darüber nachgedacht habe, zurückzugehen, hab ich auch dran gedacht, wie schön es wäre, hier sowas wie ein zweites Zuhause zu haben. Einen Rückzugsort, falls uns der Fürstenhof und seine Bewohner mal wieder zu viel werden. Und das ist ja ziemlich wahrscheinlich, ich meine...“ Sie sprach von ihren Ideen und Plänen, von so vielen Möglichkeiten, aber Tim hatte nach dem Wort „wir“ den Faden verloren und konnte nun nicht aufhören, sie einfach nur anzusehen. „Was...?“, fragte sie irgendwann, als sie merkte, dass er nicht mehr richtig zuhörte. „Wir... du sagtest wir...“, sagte er und bekam erneut eins dieser Lächeln geschenkt, die ihn aus dem Gleichgewicht brachten. Er sollte vielleicht mal von diesem Baum runter.

Der nächste Kuss war nicht unbedingt dazu geeignet, seine innere Ausgeglichenheit wieder zu finden. „Du wolltest bleiben. Und ich will das auch“, sagte sie leise. „Bei dir. Ganz egal, an welchem Ort.“ Er küsste sie erneut und konnte sich ein leises Lachen danach nicht ganz verkneifen. „Vielleicht nicht unbedingt auf diesem Baum?“ Sie stimmte in sein Lachen ein – nur um sich dann noch näher an ihn zu drücken und ihn diesen nicht wirklich bequemen Ast, auf dem er saß, noch ein bisschen besser spüren zu lassen.

Aber auch wenn sowas von unbequem: Gerade konnte er sich keinen schöneren Platz vorstellen, um mit ihr Zukunftspläne zu schmieden. Schließlich hatte er sie auf einem Baum wiedergefunden. Und mit ihr alles, was er gesucht hatte. Kurz blitzte der Gedanke an seinen Bruder auf. An diese Beziehung und dieses Glück, das Boris und Tobias hatten. Und das er sich für sich selbst auch gewünscht hatte. Er fing ihren Blick auf – dieses Lächeln, das nur für ihn bestimmt war. Er hatte es gefunden.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast